Die Macht der vereinigten Individuen

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Die Macht der vereinigten Individuen

„Der Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft. Seine Einrichtung ist daher wesentlich ökonomisch, die materielle Herstellung der Bedingungen dieser Vereinigung; sie macht die vorhandenen Bedingungen zu Bedingungen der Vereinigung. Das Bestehende, was der Kommunismus schafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unmöglichmachung alles von den Individuen unabhängig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49102
(vgl. MEW Bd. 3, S. 70-71)
http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

So beginnt das Kapitel „Kommunismus. – Produktion der Verkehrsform selbst“ in der deutschen Ideologie.
Man kann nun gewiss nicht behaupten, dass das was da steht und erst recht das was noch folgt zu den leicht verständlichen Passagen der „Deutschen Ideologie“ gehört.
„Kommunismus“ soll demnach zu aller erst bedeuten, dass die Menschen, jedes Individuum, seine/ihre Geschichte selbst macht.
An die Stelle von „Schicksal“ tritt die freie Entscheidung und damit die „Unmöglichmachung alles von den Individuen unabhängig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist“.
D.h. insoweit unser Schicksal von uns und unseren Mitmenschen bestimmt ist, bestimmen wir selbst. Umgekehrt: Vor eine Natur, die sich von Menschen nicht bestimmen lässt, endet diese unsere gemeinsame Macht.

„Die Kommunisten behandeln also praktisch die durch die bisherige Produktion und Verkehr erzeugten Bedingungen als unorganische, ohne indes sich einzubilden, es sei der Plan oder die Bestimmung der bisherigen Generationen gewesen, ihnen Material zu liefern, und ohne zu glauben, daß diese Bedingungen für die sie schaffenden Individuen unorganisch waren.
Der Unterschied zwischen persönlichem Individuum und zufälligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern ein historisches Faktum.
Diese Unterscheidung hat zu verschiedenen Zeiten einen verschiedenen Sinn, z.B. der Stand als etwas dem Individuum Zufälliges im 18. Jahrhundert, plus ou moins auch die Familie. Es ist eine Unterscheidung, die nicht wir für jede Zeit zu machen haben, sondern die jede Zeit unter den verschiedenen Elementen, die sie vorfindet, selbst macht, und zwar nicht nach dem Begriff, sondern durch materielle Lebenskollisionen gezwungen.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49102-49103 (vgl. MEW Bd. 3, S. 71) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
„Der Unterschied zwischen persönlichem Individuum und zufälligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern ein historisches Faktum.“
Mein „Ich“ ist zunächst bestimmt dadurch, wo und wann ich geboren bin, durch mein Geschlecht, meine DNA und durch die Frage, welchen gesellschaftlichen Rang meine Eltern hatten.
All dies ist mir zufällig.
Wobei diese Zufälle eine unterschiedliche Qualität haben, weil sie einerseits meiner Natur und andererseits meiner gesellschaftlichen Position geschuldet sind. Gleichzeitig wechselwirken Natur und Gesellschaft vielfältig.

Zum persönlichen Individuum werde ich durch das, was ich aus mir mache.
Das hängt aber eng mit der Frage zusammen, was ich überhaupt aus mir machen kann.

„Kommunismus“ hieße demnach, dass mich keine Gesellschaft daran hindert zu entfalten, was in mir steckt.
Das wäre demnach aber das genaue Gegenteil von „Kollektivismus“ im Sinne von: Du musst sein wie alle anderen.
Weil ich gleichviel wert bin, wie alle anderen, darf ich so sein, wie es mir gemäss ist.
Wie weit ich dabei komme, hängt davon ab, welche Möglichkeiten mir meine Zeit bietet.

„Was als zufällig der späteren Zeit im Gegensatz zur früheren erscheint, also auch unter den ihr von der früheren überkommenen Elementen, ist eine Verkehrsform, die einer bestimmten Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Das Verhältnis der Produktionskräfte zur Verkehrsform ist das Verhältnis der Verkehrsform zur Tätigkeit oder Betätigung der Individuen. (Die Grundform dieser Betätigung ist natürlich die materielle, von der alle andre geistige, politische, religiöse etc. abhängt. Die verschiedene Gestaltung des materiellen Lebens ist natürlich jedesmal abhängig von den schon entwickelten Bedürfnissen, und sowohl die Erzeugung wie die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist selbst ein historischer Prozeß, der sich bei keinem Schafe oder Hunde findet (widerhaariges Hauptargument Stirners adversus hominem), obwohl Schafe und Hunde in ihrer jetzigen Gestalt allerdings, aber malgré eux, Produkte eines historischen Prozesses sind.) Die Bedingungen, unter denen die Individuen, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichts Äußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmten Verhältnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenhängt produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbetätigung und werden von dieser Selbstbetätigung produziert.30 Die bestimmte Bedingung, unter der sie produzieren, entspricht also, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrer wirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Einseitigkeit sich erst durch den Eintritt des Widerspruchs zeigt und also für die Späteren existiert. Dann erscheint diese Bedingung als eine zufällige Fessel, und dann wird das Bewußtsein, daß sie eine Fessel sei, auch der früheren Zeit untergeschoben.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49103 – 49104 (vgl. MEW Bd. 3, S. 71-72) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
Es geht also um die Freiheit des Individuums, nicht als etwas bloß behauptetes sondern als wirklich gelebte Freiheit.
Diese Freiheit ist jeweils historisch bedingt und beschränkt und davon abhängig wie die Menschen ihren Stoffwechsel mit der Natur organisieren.
Dabei begrenzen uns unsere Fähigkeiten und Werkzeuge, aber auch die Beziehungen, die wir untereinander und miteinander eingehen.
Sie können gleichermaßen ein Moment der Freiheit oder der Unfreiheit sein.

Der Einzige und seine Einbildung
„Ich hab mein Sach auf nichts gestellt“ behauptet Max Stirner in seinem „Der Einzige und sein Eigentum“ und fährt fort:
„Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«
Sehen wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache wir arbeiten, uns hingeben und begeistern sollen.“
[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47277 (vgl. Stirner-Einzige, S. 22)
http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Vor allem nach Hitler und seinen ungeheuren Verbrechen war dies fast das Glaubensbekenntnis einer ganzen Generation von missbrauchten Hitlerjungen und um ihre Jugend betrogenen „deutschen Mädchen“.
Dass das Menschenopfer Gott nicht wohlgefällig ist, wissen wir seit Abrahams Tagen. Allerdings ist in unseren Tagen an die Stelle des Götzen der „Sachzwang“ getreten, was aber gegebenenfalls am Blutdurst nichts ändert.
Stirners Antwort auf diese Zumutung ist das Bekenntnis zum Egoismus.
Er stützt seine Argumentation darauf, dass er sagt: „Alle denken an sich, nur ich soll an andere denken.“
Dieses etwas simple Argument wird nun durchgekaut. Erst kommt der egoistische Gott, dann die ebenso egoistische Menschheit:

„Wie steht es mit Menschheit, deren Sache wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines andern und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienst sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache?“
[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47278 (vgl. Stirner-Einzige, S. 22-23) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Uns fällt sofort die „Heilige Familie“ ein, denn die Menschheit ist genauso ein Abstraktum wie Obst. Und so wenig man Obst als Obst essen kann, sondern immer nur Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen etc.pp. so wenig wird man der „Menschheit“ jemals persönlich begegnen.

Entsprechend vernichtend fällt auch das Urtei von Marx und Engelsl über Stirner aus:

„Für die Philosophen ist es eine der schwierigsten Aufgaben, aus der Welt des Gedankens in die wirkliche Welt herabzusteigen. Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache. Wie die Philosophen das Denken verselbständigt haben, so mußten sie die Sprache zu einem eignen Reich verselbständigen. Dies ist das Geheimnis der philosophischen Sprache, worin die Gedanken als Worte einen eignen Inhalt haben. Das Problem, aus der Welt der Gedanken in die wirkliche Welt herabzusteigen, verwandelt sich in das Problem, aus der Sprache ins Leben herabzusteigen.
Wir haben gezeigt, daß die Verselbständigung der Gedanken und Ideen eine Folge der Verselbständigung der persönlichen Verhältnisse und Beziehungen der Individuen ist. Wir haben gezeigt, daß die ausschließliche systematische Beschäftigung mit diesen Gedanken von seiten der Ideologen und Philosophen und damit die Systematisierung dieser Gedanken eine Folge der Teilung der Arbeit ist, und namentlich die deutsche Philosophie eine Folge der deutschen kleinbürgerlichen Verhältnisse. Die Philosophen hätten ihre Sprache nur in die gewöhnliche Sprache, aus der sie abstrahiert ist, aufzulösen, um sie als die verdrehte Sprache der wirklichen Welt zu erkennen und einzusehen, daß weder die Gedanken noch die Sprache für sich ein eignes Reich bilden; daß sie nur Äußerungen des wirklichen Lebens sind.
Sancho, der den Philosophen durch Dick und Dünn folgt, muß notwendig nach dem Stein der Weisen, der Quadratur des Zirkels und dem Lebenselixier suchen, nach einem »Wort«, welches als Wort die Wunderkraft besitzt, aus dem Reich der Sprache und des Denkens ins wirkliche Leben hinauszuführen. Sancho ist so angesteckt von seinem langjährigen Umgang mit Don Quijote, daß er nicht merkt, daß diese seine »Aufgabe«, dieser sein »Beruf«, selbst nichts weiter als eine Folge des Glaubens an seine dickleibigen philosophischen Ritterbücher ist.

Sancho beginnt damit, die Herrschaft des Heiligen und der Ideen in der Welt abermals, und zwar in der neuen Form der Herrschaft der Sprache oder der Phrase, uns vorzuführen. Die Sprache wird natürlich zur Phrase, sobald sie verselbständigt wird.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49831 -49833 (vgl. MEW Bd. 3, S. 432-433)
http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

„Feuerbach sagte, »Philosophie der Zukunft«, p. 49:
»Das Sein, gegründet auf lauter Unsagbarkeiten,
ist darum selbst etwas Unsagbares. Jawohl, das Unsagbare. Wo die Worte aufhören, da fängt erst das Leben an, erschließt sich erst das Geheimnis des Seins.«
Sancho hat den Übergang aus dem Sagbaren in das Unsagbare, er hat das Wort gefunden, welches zu gleicher Zeit mehr und weniger ist als ein Wort.
Wir haben gesehen, daß das ganze Problem, vom Denken zur Wirklichkeit und daher von der Sprache zum Leben zu kommen, nur in der philosophischen Illusion existiert, d.h. nur berechtigt ist für das philosophische Bewußtsein, das über die Beschaffenheit und den Ursprung seiner scheinbaren Trennung vom Leben unmöglich klar sein kann. Dies große Problem, sobald es überhaupt in den Köpfen unsrer Ideologen spukte, mußte natürlich den Verlauf nehmen, daß zuletzt einer dieser fahrenden Ritter ein Wort zu suchen ausging, das als Wort den fraglichen Übergang bildete, als Wort aufhörte, bloßes Wort zu sein, als Wort in mysteriöser, übersprachlicher Weise aus der Sprache heraus auf das wirkliche Objekt, das es bezeichnet, hinweist, kurz, unter den Worten dieselbe Rolle spielt wie der erlösende Gottmensch unter den Menschen in der christlichen Phantasie. Der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen mußte die Philosophie damit »verenden « lassen, daß er seine Gedankenlosigkeit als das Ende der Philosophie und damit als den triumphierenden Eingang in das »leibhaftige« Leben proklamierte. Seine philosophierende Gedankenlosigkeit war ja schon von selbst das Ende der Philosophie, wie seine unaussprechliche Sprache das Ende aller Sprache. Sanchos Triumph war noch dadurch bedingt, daß er unter allen Philosophen am Allerwenigsten von den wirklichen Verhältnissen wußte, daher bei ihm die philosophischen Kategorien den letzten Rest von Beziehung auf die Wirklichkeit und damit den letzten Rest von Sinn verloren.
Und nun gehe ein. Du frommer und getreuer Knecht Sancho, gehe oder vielmehr reite auf Deinem Grauen ein zu Deines Einzigen Selbstgenuß, »verbrauche« Deinen »Einzigen« bis auf den letzten Buchstaben,…“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49836 -49838 (vgl. MEW Bd. 3, S. 435-436) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
Während Stirner mit Abstraktionen kämpft begegnen mir jeden Tag Menschen. Und ihnen gegenüber habe ich das ganz praktische Problem, dass ich nicht ihre Sache, ihr Eigentum, ihr Sklave sein will, sie aber das gleiche von mir erwarten.
Der scheinbar so illusionslose Egoismus Stirners steckt voller Illusionen.

„Fort denn mit jener Sache, die nicht ganz und gar meine Sache ist! Ihr meint, meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber meine Sache, und ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn.
Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie ich einzig bin.
Mir geht nichts über mich! „
[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47280-47281 (vgl. Stirner-Einzige, S. 24) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Es liegt mir völlig fern jedem meiner Mitmenschen (und natürlich ganz besonders mir) das Recht auf ein gutes, sattes, sinnerfülltes Leben ab zu sprechen.
Das Problem bei diesem „Mir geht nichts über mich!“ ist, das es das genaue Gegenteil von dem ist, was Brecht als „klugen Egoismus“ bezeichnete.
Es geht nicht darum, wie Stirner meint, irgendeine Sache heilig zu sprechen, es geht nur darum, meinen Mitmenschen das gleiche Recht auf Vertreten und Verteidigen ihrer Interessen zu zu sprechen als mir selbst.
Das ist kluger Egoismus. Und sobald ich an diesem Punkt bin, weiß ich, dass Stirners Konzepte etwas zu simpel und zu einfach sind für diese komplizierte Welt.

Um so mehr erstaunt, dass sich Deuschlands Geschichte in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts fast wie eine Paraphrase auf Stirner auffassen lässt:
Der „Egoismus“ der Nationalidee hat Deutschland und die Welt in Trümmer gelegt, der Ich-Egoismus der Kriegskinder war darauf die angemessene Antwort.
Überhaupt unterstellt das von Hans G.Helms verfasste Nachwort meiner Hanser-Ausgabe aus dem Jahre 1968 des „Einzigen“ Stirner eine große Wirkungsgeschichte.
„In den ersten drei Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts befanden sich unter den Anhängern Stirners staats- und herrschaftsfeindliche Anarchisten wie Mackay, Rudolf Rocker, Gustav Landauer und Erich Mühsam und totalitäre Herrschaft anstrebende Faschisten wie Mussolini und Hitlers Mentor und erster Chef des „Völkischen Beobachters“, Dietrich Eckart.“
( Max Stirner Der Einzige und sein Eigentum und andere Schriften, Herausgegeben von Hans G.Helms, Hanser München 1968, S.273-274)
„Als noch wirkungsvoller denn die direkt auf Stirner bezogene Publizistik erwiesen sich die indirekten Bezüge und Verherrlichungen in künstlerischer Gestaltung. Nach den Russen Turgenev und Dostoevksij un den deutschen Literaten und Musikern des Vormärz ließen sich von Stirmer – zumeist positiv – beeinflussen: Bruno Wille, der Begründer der Volksbühnenbewegung, die literatische Brüder Heinrich und Julius Hart und ihre Freunde Carl Henckell, Ola Hansson und Stanislaw Przybyszewski; Carl Sternhei ebenso wie Frank Wedekind und Paul Scheerbarth; Ludwig Rubiner, Raoul Hausmann, Theodor Plievier und der anonyme Erfolgsautor B.Traven, Georg Brandes, Georg Bernhard Shaw, Andre Gide, Andre Breton, Francis Picabia und Alfred Kubin sind zu nennen.“ (a.a.O S.274).
Das Namedropping geht dann noch weiter und auch Heiddeger, Carl Schmitt, Rudolf Steiner, Albert Camus und Satre bleiben nicht unerwähnt.
Selbst wenn man an der behaupteten Bedeutung Stirners hier und da Fragezeichen setzt, bleibt doch eine erstaunliche geistige Nachwirkung für jemand von dem Marx und Engels urteilen:
„Der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen mußte die Philosophie damit »verenden « lassen, daß er seine Gedankenlosigkeit als das Ende der Philosophie und damit als den triumphierenden Eingang in das »leibhaftige« Leben proklamierte.“

Es kann unmöglich die Grösse seines Denkens gewesen sein, die ihm diese Nachwirkung bescherte.
Andererseits: Egoismus, Egoismus ohne das geringste schlechte Gewissen, ist heute eine so selbstverständliche Haltung, dass die Inszenierung als Tabubrecher, in der sich Stirner und seine Nachfolger so gerne gefallen, unbeschreiblich lächerlich ist.
Aber auch die angebliche Gegenpartei, für die „Hedonismus“ das schlimmste Schimpfwort überhaupt ist, ist mindestens genauso abgeschmackt.
Es ist ein Schein-Gegensatz um den ein aufwendiger Schein-Kampf geführt wird.

Warum soll ein Staat überhaupt die Unterstützung seiner Bürger geniessen, wenn sein Zweck nicht darin besteht, seinen Bürgern Wohlstand und Wohlergehen zu sichern?
Institution sind niemals Selbstzweck und sie müssen verschwinden, wenn ihre Kosten ihren Nutzen für die BürgerInnen übersteigen.

Was die Egoisten angeht: Jede Gesellschaft geht unter, wenn sich ihre BürgerInnen nur für das eigene Wohl interessieren und engagieren. Und kein Individuum ist lebensfähig ohne ein gesellschaftliches Umfeld.
Wie gut es mir geht, wie gut ich lebe, hängt ganz wesentlich vom guten funktionieren der Gesellschaft und ihrer Institutionen ab.

In der verdrehten Welt Stirners stand der „Egoismus des Staates“ gegen den „Egoismus des Einzelnen“.
In der wirklichen Welt verlangen die Repräsentanten, vor allem die eigentlich überlebter Institutionen, Unterwerfung und Gehorsam, während sich die Stirnerschen Egoisten durch nichts, auch nicht von altehrwürdigen Institutionen, von der eigenen Bereicherung abbringen lassen wollen. Der Kompromiss, den oft beide finden, ist, solche Institutionen in ebenso viele Quellen privater Bereicherung zu verwandeln.
Diese Misere spiegelt sich in der Stirnerschen Ideologie.

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„Das Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet.“

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„Das Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet.“

1928 vollzog Stalin einen radikalen Kurswechsel. Damals entstand der erste 5-Jahr-Plan, die Bauern wurden durch die sogenannte „Entkulakisierung“ in Not und Elend gestürzt. Und auf dem Land, in den „Kornkammern“ des Landes, vor allem in der Ukraine, entwickelte sich in Folge dieser katastrophalen Politik eine der größten Hungersnöte des 20.Jahrhunderts.
Der Kurswechsel betraf auch die Kommunistische Internationale, hier vor allem die Kommunistische Partei Deutschlands, die damals größte kommunistische Partei nach der KPdSU.
Das ZK der KPD hatte gerade Thälmann abgesetzt, weil sein Skatbruder Wittlich Parteigelder unterschlagen hatte.
Stalin sorgte dafür, dass Thälmann im Amt blieb und stattdessen die ausgeschlossen wurden, die die Unterschlagung aufgedeckt hatten.
Viel schlimmer war aber, dass Stalin Thälmann und Genossen auf einen abenteuerlichen Kurs einschwor: Die Sozialdemokraten sind der Hauptfeind und die linken Sozialdemokraten die Schlimmsten, weil sie verhindern, dass die Massen zu den Kommunisten strömen.
Deswegen müssen die Kommunisten hauptsächlich die Sozialdemokraten, die nun Sozialfaschisten genannt wurden, bekämpfen.
Ohne diese Politik wäre Hitler vermutlich nie an die Macht gekommen.
Dazu trug sowohl die Konzentration des Kampfes auf die Sozialdemokraten als auch die inflationäre Verwendung des Begriffs „Faschismus“ bei, die entscheidend dafür sorgte, dass die Nazis verharmlost wurden.
So wurde Stalins Kurswechsel für zwei Länder zum Verhängnis und führte schnurstracks in die grösste Katastrophe die Europa jemals erlebt hat.
Begründet wurde all dies mit seiner Theorie der „Klassenverlagerungen“. Ein ausgesprochen seltsames Wort, jedenfalls im Deutschen.
Nach dieser Theorie führt der Erfolg des Sozialismus in der Sowjetunion (in Wirklichkeit eher ein Potemkinsches Dorf) automatisch zur Verschärfung des Klassenkampfs zwischen Bourgeoisie und Proletariat.
In diesem Kampf geht für „aufrechte Kommunisten“ wie Stalin die grösste Gefahr von den anderen Linken aus. Sie werden zur letzten Bastion des Kapitalismus im Kampf gegen den siegreichen Sozialismus.
Deswegen kann und darf man auch mit Faschisten paktieren. Sie sind weniger gefährlich.
Diesen ganzen theoretischen Stuss breitete er u.a. auf einer ZK-Tagung 1929 aus:
„Über die rechte Abweichung in der KpdSU(B) – Aus einer Rede auf dem Plenum des ZK der KPdSU (B) im April 1929“
(J.Stalin, Fragen des Leninismus, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1946, Seite 261 ff.)
Es ist bemerkenswert, dass auch Stalin behauptet einen Kurs der Mitte zu fahren, warnt er doch vor „linken“ und „rechten“ Abweichungen.
Dabei macht er es wie andere Politiker auch und behauptet, wo er stehe sei die „Mitte“.
Es ist überhaupt etwas Merkwürdiges an diesem Begriff der „Mitte“.
„Links“ und „rechts“ bezeichnen normalerweise Positionen die Gleichheit fordern, wenn sie links sind oder die Ungleichheit für gottgegeben halten, wenn sie rechts sind.
Traditionell sind daher die Begriffe links und rechts auch mit den Begriffen „progressiv“ und „konservativ“ verknüpft.
Die Vertreter der Ungleichheit wünschen für gewöhnlich die Welt so ungleich zu belassen, wie sie ist und gelten deswegen als konservativ.
Allerdings haben diese Status-Konservativen durch Ökologiebewegung und grüne Parteien mittlerweile Konkurrenz bekommen: Wer das ökologische Gleichgewicht wahren will, muss skeptisch sein gegen vieles was als „Fortschritt“ daher kommt, aber deswegen ist man noch lange nicht dafür, dass der Herr Herr bleibt und der Knecht Knecht.
Im Gegenteil: Gerade weil der Anteil der Frauen an der Umweltbewegung eher überdurchschnittlich ist, ist auch der Wille endlich die Gleichberechtigung der Geschlechter herzustellen, sehr groß.
D.h. es gibt jetzt auch einen linken Konservativismus.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang nun „Mitte“ ?
Es ist der Wunsch des Spießers man möge es in keiner Weise und in keine Richtung übertreiben.
Nicht zu viel Gleichheit, weil dann die eigenen Privilegien in Gefahr geraten, aber auch nicht zuviel Ungleichheit, weil man sich dann zu tief vor anderen bücken muss.
Und der Fortschritt soll gemäßigt bzw. der Konservativismus trotzdem fortschrittlich sein.
Deswegen gelten Umweltschützer manchmal als „extremistisch“ weil sie ein bestimmtes Stück Natur unbedingt erhalten wollen und nicht dafür sind es bloß ein bisschen zu zerstören.
Die Kämpfer um die „Mitte“ können dann im Zweifel sehr militant werden.
Man spricht deswegen auch vom „Extremismus der Mitte“.
Stalin war ein solcher mittiger Extremist.
Wobei seine Mitte er war und niemand sonst.
Er gehört zu jener gar nicht so seltenen Spezies Mann, die das erste Gebot am liebsten auf sich selbst beziehen:
„Ich, ich der ich hier stehe, bin der HERR Dein Gott und Du sollst keine anderen Götter neben mir haben !“.
Im Falle Stalins war es für jeden neben ihm gefährlich, ja lebensgefährlich, wenn ER auch nur den Eindruck gewinnen konnte, da könnte ihm einer überlegen sein.
Bucharin war ihm überlegen, jedenfalls im Denken, keineswegs aber in der Beherrschung der bürokratischen Machtmaschine.
Natürlich wurden die „Rechten“ und ihre Politik von Stalin nicht bekämpft weil sie irgendwelchen falschen Prinzipien folgten. Stalins Stärke beruhte ja gerade darauf, dass er keine Prinzipien kannte, nur Machtstreben und das Verlangen nach Unterwerfung.
Die „Rechten“, aber mehr noch die Ergebnisse ihrer Politik: wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Wandel, wurden seiner Macht gefährlich.
Bis 1928 wurde ja wirtschaftspolitisch eine Art staatliche Marktwirtschaft betrieben. Der Außenhandel war monopolisiert, der Getreideaufkauf war staatlich, aber die Bauern waren selbstständig, die meisten Handwerker auch, sofern sich nicht in Genossenschaften zusammen geschlossen hatten. Die Großindustrie war staatlich, allerdings operierten die einzelnen Betriebe auf eigene Rechnung und konnten bankrott gehen.
Das neue System ähnelte in vielerlei Hinsicht dem alten, nur dass die Herren gewechselt hatten.
Dieses System, das übrigens nicht ganz zufällig dem heutigen chinesischen System ähnelt, schließlich war Deng tsia ping Bucharin-Schüler in damaliger Zeit und auf der Moskauer Kommintern-Schule, wollte Bucharin weiter entwickeln.
Inwiefern bei einer solchen Weiterentwicklung irgendwann auch mehr Demokratie und Selbstverwaltung auf der Tagesordnung gestanden hätte, bleibt natürlich spekulativ.
Unbestritten sollte aber sein, dass Marktbeziehungen, wie staatlich gebändigt der Markt auch immer ist, die Macht bürokratischer, hierarchischer Organisationen unterspülen. Marx und Engels beschreiben diesen Prozess ja am Anfang des „Kommunistischen Manifests“ sehr eindrücklich. Genau daraus leitet sich ja ihre These ab, dass in einer kapitalistischen Welt früher oder später jede andere Form von Ausbeutung und Unterdrückung weg gespült wird.
Bucharin und hier konnten sie sich vollkomen zu Recht auf Lenin berufen, wollten aber den Kapitalismus entwickeln um zum Sozialismus zu kommen. Damit gefährdeten sie aber das ganz besonders vom „Generalssekretär“ Stalin erfolgreich restaurierte bürokratisch-despotische Regime in seinen Grundfesten. Das war das eigentliche Verbrechen.
Wenn man nun schaut, wie Stalin in diesem ZK-Plenum argumentiert, stellt man erstaunt fest, er argumentiert gar nicht. Er stellt fest:
„Worin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten, womit hängen sie zusammen ?
Sie hängen vor allen Dingen mit der Frage der Klassenverlagerungen zusammen, die in letzter Zeit in unserem Lande und in den kapitalistischen Ländern vor sich gehen. Manche Genossen glauben, daß die Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei zufälligen Charakter tragen. Das ist unrichtig, Genossen. Das ist völlig unrichtig. Die Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei sind entstanden auf der Grundlage der Klassenverlagerungen, auf der Grundlage der Verschärfung des Klassenkampfs, die in letzter Zeit vor sich geht und die einen Umschwung in der Entwicklung hervorruft. Der Hauptfehler der Gruppe Bucharins besteht darin, daß sie diese Verlagerungen und diesen Umschwung nicht sieht, sie nicht sieht und nicht bemerken will.“
(a.a.O. Seite 261)
Da es das Wort „Klassenverlagerungen“ im Deutschen definitiv nicht gibt, sich aber die „rechten“ Kommunisten des schweren Verbrechens schuldig gemacht haben sollen ein Wort, das sie vielleicht ebenfalls nicht kennen, nicht beachtet zu haben, erwartet man als gespannter Leser, dass Stalin erklärt was er meint.
Nur diese Hoffnung ist vergeblich.
Es wäre dann auch zu schnell aufgefallen, dass das ganze Geheimnis dieser „Theorie“ darin besteht Menschen aus anderen Arbeiterparteien, aber auch die eigenen GenossInnen zu „Klassenfeinden“ zu erklären und damit aus soziologischen Begriffen wie „Kleinbürger“, „Arbeiter“ oder „Bourgeois“ bloße Etiketten zu machen, die man seinen politischen Gegnern oder Freunden anheftet.
Wobei diese Begriffsverwirrung ihre tiefere Ursache zweifellos darin hat, dass der Bürokrat Stalin durch substanzlose Polemik davon ablenken musste, dass er und seine Parteigänger es eigentlich waren, die mit dem Auf- und Ausbau ihrer Herrschaft ihre angeblichen Ideale schon lange verraten hatten.
Auch in diesem Fall blamiert sich die Idee vor dem Interesse.
Stalins Vorwürfe an Bucharin gipfeln dann darin, dass er ihm vorwirft eine eigene, von Lenin abweichende Meinung vertreten zu haben:
„Das Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet. Das Schlimme ist, dass er nicht nur nicht an Bescheidenheit leidet, sondern sich sogar unterfängt, unseren Lehrer Lenin in einer ganzen Reihe Fragen zu belehren, und zwar vor allen Dingen in der Frage des Staates. Das ist das Schlimme, Genossen.“
(a.a.O. Seite 302)
Der Seminarist Dschugaschwili hat hier einen Mitschüler ertappt, der sich tatsächlich traut eigenständig über Fragen des Glaubens nach zu denken.
Dabei gehört es sich doch für einen Rechtgläubigen, dass er die großen Lehrer fleissig zitieren kann und es dabei belässt. Denn im eigenen Denken lauert die Häresie. Allerdings besteht die große Kunst des Zitierens auch darin, dass das wirkliche Leben oft weit von den Lehren entfernt ist und dass man dann so zitiert als hätten die große Lehrer schon immer die gegenwärtige Praxis legitimiert.
Im weiteren Verlauf zitiert er dann fleissig die „Kirchenlehrer“ Lenin und Engels zur Rolle des Staates im Sozialismus. Wobei ihm Engels erkennbar Pobleme macht, denn Engels geht ganz selbstverständlich davon aus, dass in einer sozialistischen Gesellschaft vom Beginn an Schritt für Schritt staatliche Funktionen durch genossenschaftliche Selbstverwaltung abgelöst und ersetzt werden.
„Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser Umwälzung. Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, das heißt eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt – die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft – ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht »abgeschafft«, er stirbt ab. Hieran ist die Phrase vom »freien Volksstaat« zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen abgeschafft werden.“
[Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 8145-8147
(vgl. MEW Bd. 20, S. 261-262)
http://www.digitale-bibliothek.de/band11.htm ]

Was wirklich gewesen war zu wissen und zu begreifen, ist nicht einfach. Zu verstehen was ist, was hier und jetzt mit uns geschieht, ist noch viel, viel schwerer.
Aber die Zukunft zu wissen ist unmöglich.
Wer weiß schon wohin die Schmetterlinge fliegen werden, schließlich wissen sie es selbst noch nicht.
Deshalb ist das Nachdenken über die Zukunft auch der Ort der Hoffnung und des Glaubens. „Glaube, Liebe, Hoffnung diese drei, aber die Liebe ist das Höchste“ wie es Paulus formuliert hat.
Nicht nur religiöse Menschen glauben. Niemand kann über die Zukunft sprechen, ohne dass Glauben eine Rolle spielt. Und der paulinische Dreiklang beschreibt den Kompass, den wir brauchen, wenn wir uns ins Morgen auf den Weg machen.
Auch wenn Engels von der Zukunft spricht, weiß er nicht, sondern er glaubt. Er glaubt, dass das Proletariat die Staatsmacht erobern und die Produktionsmittel verstaatlichen wird. Und dass es gewissermaßen schon am Tag danach damit beginnt, staatliche Macht in Selbstverwaltung zu überführen.
Er weiß nicht, oder besser er sieht es nicht und will es vielleicht gar nicht sehen, dass am Anfang aller Ausbeutergesellschaften eine Gesellschaft steht, in der der Staat tatsächlich die Kontrolle über alle Produktionsmittel hat.
Diese Gesellschaft nennt Marx aber „orientalische Despotie“.
Wobei der Begriff „orientalisch“ irreführend ist, denn diese Gesellschafts- und Staatsform findet sich auf (fast) allen Kontinenten.
Ja mehr noch: Als der junge Marx durch seine Geburtsstadt Trier spazierte, konnte er auf Schritt und Tritt den baulichen Resten des untergegangenen römischen Reiches begegnen. Dieses war aber spätestens seit den Tagen des Augustus eine „orientalische Despotie“.
Was ist typisch für eine solche Staats- und Gesellschaftsform ?
Eine schmale Herrenschicht, die vermittels des Staates und einer ausgeklügelten Bürokratie die ganze Gesellschaft, einschließlich der Wirtschaft, im Griff hat.
Karl-August Wittfogel, Ende der 20iger Jahre noch Mitrbeiter der KOMINTERN und Bucharins, später amerikanischer Professor, hat darüber 1957 ein Buch veröffentlicht. Er weist dort darauf hin, dass bei Marx und Engels zwei gegensätzliche Staatsvorstellungen nebeneinander existieren.
Einmal die „europäische“: Der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ vertritt die übergreifenden Interessen der herrschenden Klasse, ist aber von dieser abhängig. Im „18.Brumaire“ analysiert Marx und man merkt, diese Analyse bereitet ihm Unbehagen, wie dieser Apparat sich mittels eines gewissenlosen Spielers namens Louis Bonaparte verselbständigt.
Deswegen sein lauter Jubel über die Pariser Kommune. Direkte Demokratie und kommunale Selbstverwaltung schienen die richtigen Gegenmittel gegen diese Verselbständigung des Staatsapparats zu sein (und vermutlich sind sie es auch).
Die „orientalische Despotie“ ist nun genau nichts anderes als dieser verselbständigte Staatsapparat, der alle gesellschaftlichen Bereiche, einschließlich der Wirtschaft, kontrolliert.
Insofern ist die Forderung nach Verstaatlichung aller Produktionsmittel potentiell gefährlich, weil sie zur Allmacht des Staatsapparats beitragen kann, auch dann wenn sie im Namen des Proletariats vollzogen wird.
Diese Gefahr war Engels nicht bewusst.
Rußland war schon unter dem Zar eine Despotie und blieb es auch unter den Bolschewiki. Die schon für Europa problematische Losung der Verstaatlichung erhielt hier eine andere Bedeutung und wurde zur Losung für die Erneuerung, die Modernisierung der alten despotischen Ordnung.
Die bei der Pöstchenvergabe zu kurz gekommenen Lebedews waren die sozialen Träger dieses durch und durch reaktionären und restaurativen Prozesses. Und Stalin war ihr Mann bei den Bolschewiki.
Seine „Säuberungen“ sollten jeden Rest anderer Ideen und Interessen in der herrschenden Elite tilgen.
Wie sehr der „Revolutionär“ Stalin dabei dem von Dostjewskij erfundenen „Revolutionär“ Lebedew gleicht, kann vielleicht folgendes Zitat aus der oben erwähnten Rede Stalins verdeutlichen:
„Hier hat man ein Beispiel hypertropischer Anmaßungen eines Theoretikers, der noch zu lernen hat.“
(a.a.O. Seite 307)
Dazu muss man wissen, dass sich russische Parteiführer auch durch theoretische Ausführungen als Führer legitimieren mussten. Stalin hatte in seiner früheren Zeit über die Nationalitätenfrage reüssiert, besser gesagt, der hilfsbereite Bucharin hatte ihm dazu die wesentlichen Ideen geliefert, möglicherweise sogar den kompletten Text.
Ähnelt er damit nicht in verblüffender Weise Lebedew, der dankbar sein muss, dass sich Myschkin in sein Haus einmietet, weil er und seine Familie davon lebt und der sich trotzden oder vielleicht sogar deswegen nicht entblödet, einen Hetzartikel gegen Myschkin in die Zeitung zu setzen ?
Woher nimmt eine theoretische Null namens Stalin eigentlich die Unverfrorenheit einem Bucharin Noten zu geben ?
Was für eine Anmaßung ist das denn ?
Es geht bei Stalin so weiter:
„Es ist durchaus möglich, dass Nadesda Kostantinowa (d.h. die Frau Lenins W.A.) tatsächlich mit Bucharin über die Dinge gesprochen hat, über die Bucharin hier schreibt (d.h. dass die Krupskaja Bucharin gesagt hat, dass Lenin seine, Bucharins Staatstheorie für richtiger erklärt hat als seine eigene W.A.).
Was folgt aber daraus ?“
(a.a.O. Seite 307).
Für jeden normal denkenden Menschen folgt daraus, dass sich der todkranke Lenin bei Bucharin für eine frühere Polemik entschuldigt hat, bei der er Bucharin sehr hart angegangen ist.
Allerdings gelten für Stalin, der vorher besserwisserisch die Leninsche Polemik aus dem Jahre 1916 in epischer Breite zitiert hat um den Bucharin des Jahres 1929 damit zu widerlegen, offensichtlich andere Regeln als die Regeln der Logik.
Er fährt fort:
„Daraus folgt nur das eine, dass Lenin eine gewisse Veranlassung hatte zu glauben, dass Bucharin hab sich von früheren Fehlern losgesagt oder sei bereit es zu tun. Das ist alles. Aber Bucharin kalkuliert anders. Er fand, dass von nun an nicht mehr Lenin, sondern er, d.h. Bucharin, als der eigentliche Schöpfer oder zumindest Inspirator der marxistischen Staatstheorie an zu sehen sei.“
(a.a.O. Seite 307).
Der denunziatorische Tonfall wäre des Gespanns Lebedew/Keller durchaus würdig. Dass auch das, was inhaltlich gesagt wird, mit der Wahrheit nichts zu tun hat, entspricht genauso völlig den Dostojewkischen „Vorbildern“.
Lenin schreibt in „Staat und Revolution“ seitenlang Marx und Engels ab und versucht vor allem zu beweisen, dass er der wahre, der authentische Exeget der von Marx und Engels niedergelegten ewigen Wahrheiten ist.
Bucharin liefert eine von Lenin abweichende Exegese und wird deswegen vom Herren verbellt.
Aber beide sind bloße Exegeten.
Und Marx und Engels, die tatsächlichen Schöpfer dieser Theorien haben sich immer und mit der gebotenen Deutlichkeit dagegen verwahrt, dass man Ideen überhaupt einen Ewigkeitscharakter zu spricht.
Die Exegese wahr niemals ihr Geschäft.

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Staat statt Revolution

Die Version 0.57 von „Wir Myschkins“ liegt vor und kann unter Myschkin_f57 heruntergeladen werden.
Es ist die PDF-Version. Eine EBUP-Version folgt. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie wirklich gebraucht wird.

Die Pariser Kommune

Weil alle Wissenschaft für Marx Wissenschaft der Geschichte ist, deswegen war auch für sein eigenes theoretisches Verständnis der weitere Gang der Geschichte, speziell in Frankreich, der entscheidende Lehrmeister.
Die große, theoretisch und praktisch ungelöste Frage, die die Jahre zwischen 1848 und 1852 aufgeworfen hatten, war die Frage, wie das Volk allgemein und speziell die Arbeiterschaft in einer Demokratie den Staatsapparat so kontrollieren kann, dass er ihren Interessen dient und nicht zur Selbstbedienungsmaschine wird, die am Ende, wie unter Louis Bonaparte, die unser aller Freiheit vernichtet.

Als 1870 die Preußen vor Paris standen und das Kaiserreich fallierte, wählte das Volk von Paris einen neuen Stadtrat und entfaltete ein bis dahin beispielloses Experiment der Selbstverwaltung und direkten Demokratie.

Dieses Experiment scheiterte und musste scheitern angesichts der Überlegenheit der preußischen Militärmaschine und angesichts der Prinzipienlosigkeit der nach Versailles geflohenen Nationalversammlung, die ihre zweifelhafte Legitimation noch aus unter Napoleon III manipulierten Wahlen bezog und sich nun mit dem preußischen Feind gegen das eigene Volk verbündete.

Nach dem Untergang der Pariser Kommune schrieb Marx seine berühmte Generaladresse der 1. Internationale in der er in einem großartigen Wurf die theoretischen Schlussfolgerungen aus diesem historischen Lehrstück zu ziehen versuchte.

Selbstverwaltung und Selbstorganisation auf lokaler Ebene ist demnach der Schlüssel zur Lösung einer Reihe praktischer Probleme, die die parlamentarische Demokratie bis dahin nie zufriedenstellend lösen konnte.

Im Zentrum stehen dabei für ihn vor allem zwei eng miteinander verflochtene Probleme:
Die Existenz eines staatlichen Gewalt- und Verwaltungsapparats, der sich oft wenig bis gar nicht darum schert was das Volk will, selbst wenn dieser Wille klar und unmissverständlich durch seine gewählten Repräsentanten zum Ausdruck gebracht wird.

Und andererseits die Neigung eben dieser Repräsentanten ihre möglicherweise ja klugen und gewählten Worte schon für Taten zu halten. Im Umfeld von Parlament und Regierung entsteht oft eine Scheinwelt, die mit der Realität in der abfällig so genannten „Provinz“ wenig bis gar nichts zu tun hat (wobei die „Provinz“ immer schon in den Stadtteilen der jeweiligen Hauptstadt beginnt).

Gegen beide Tendenzen ist direkte Demokratie das gelebte Gegengift.

Und die Kommune hat gezeigt, wie eine solche direkte Demokratie praktisch aussehen und funktionieren könnte.

Das ist ihr bleibendes Resultat.

Gegen den „freien Volksstaat“

Ende der 60iger Jahre des 19 Jahrhunderts drohte Marx den frisch vereinten „Eisenacher“ und „Lassalleanischen“ Sozialldemokraten mit dem Bruch.

Grund war das „Gothaer Programm“ von ??? des Vereinigungsparteitags.

Der dortige Programmsatz:

„Die Sozialdemokraten erstreben einen freien Volksstaat“ erregte seinen prinzipiellen Zorn:

Zitat

Vermutlich diente die Phrase vom „freien Volksstaat“ nur als allzu vorsichtige Umschreibung des Ziels einer parlamentarischen Republik, aber Marx sieht sich genötigt sein grundsätzliches Staatsverständnis zu formulieren:

Der Staat ist immer ein Gewaltapparat, eine Maschine zur Unterdrückung. Wirklich frei können die Menschen, kann eine Gesellschaft deswegen nur dann sein, wenn sie keinen Staat mehr braucht.

Die Abwesenheit des Staates ist geradezu ein Gradmesser der Freiheit.

Umgekehrt ist ein Staat, dem nicht die strengsten und engsten, auch und gerade institutionelle Fesseln angelegt werden, nichts anderes als eine Despotie.

Man muss sich entscheiden: Entweder Freiheit oder Staat.

Und danach entwickelt er seine berühmte, später von Lenin schändlich missbrauchte 2-Phasen-Theorie des Kommunismus:

In der ersten Phase existiert der Staat noch, aber es ist ein Staat, den die arbeitende Bevölkerung politisch kontrolliert.

In dieser Phase richtet sich die staatliche Macht, z.B. über Vermögens- und progressive Einkommensbesteuerung, gegen die bisher herrschenden Ausbeuterklassen und beseitigt ihre Privilegien.

Gleichzeitig wird der Bereich der Selbstverwaltung, der Selbstkontrolle auch und gerade durch staatliches Handeln ausgeweitet, so dass immer mehr gesellschaftliche Bereiche, vor allem in der Wirtschaft, der Kontrolle der Citoyens, in der Wirtschaft: Derjenigen, die die Arbeit machen, unterliegen.

Das sich immer mehr ausweitende Netz an „freier Assozation“ macht schließlich den Staat überflüssig. An die Stelle von Zwang tritt die Kooperation.

Dieses Ziel bezeichnet er als „Kommunismus“.

5-Jahr-Pläne und staatliche Planvorgaben sind in diesem Konzept nicht vorgesehen.

Marx betont von Anfang an (z.B. in der „Deutschen Ideologie“) immer die Notwendigkeit den Widerspruch zwischen dem eigentlich gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung zu lösen.

Das ist für ihn das zentrale Problem, das die Menschheit bei Strafe ihres Untergangs lösen muss.

Aber gerade in seiner „Kritik des Gothaer Programms wird deutlich, dass für ihn „Verstaatlichung“ überhaupt nicht die Lösung des Problems ist.

Die „Idealstaaten“ für Marx, aber auch für Engels, waren die USA oder die Schweiz, weil dort (fast) alles durch Wahl oder Abstimmung entschieden wird.

Und die befreiende Wirkung der „Pariser Kommune“ bestand für ihn darin, dass hier der arbeitende Teil der Pariser Bevölkerung begonnen hatte, sein Leben selbst zu organisieren.

Für ihn war genau das „Kommunismus“.

Staat statt Revolution – Der Leninismus

Selten haben sich Theorie und Praxis mehr widersprochen als bei Lenins wohl bekanntestem und berühmtesten Werk „Staat und Revolution“.

Scheinbar knüpft er dabei an Marx an, aber bei genauerem Hinsehen offenbaren sich bemerkenswerte Brüche und Verzerrungen.

Marxens Kritik an den Unzulänglichkeiten des Parlamentarismus und des Rechtsstaats wird gewissermassen kurzgeschlossen, so dass am Ende die große Nacht entsteht, bei der bekanntlich alle Katzen grau erscheinen.

Die praktische Frage, die Lenin umtreibt und die den Hintergrund seiner theoretischen Bemühungen bildet, lautet kurz und prägnant:

Können die Bolschewiki in Rußland die Macht übernehmen ?

Und die Antwort lautet:

Ja, wenn 200.000 Aristokraten Rußland regieren konnten, werden das 200.000 Bolschewiki genauso gut, wenn nicht besser, hin bekommen

Belegstelle

Der eigentliche theoretische und praktische Zweck seiner Broschüre „Staat und Revolution“ besteht darin, dieses spätere Handeln so zu legitimieren, dass aus einem bloßen Putsch eine revolutionäre Tat, die Erfüllung des Traums von der Kommune werden konnte.

Das war aber nur möglich durch eine geschickte (Ver)fälschung dieses Traums.

Dabei kam ihm auch der Bedeutungswandel, den das Wort „Diktatur“ inzwischen gemacht hatte, sehr zu pass.

Für Marx und das frühe 19 Jahrhundert waren „Diktatur“ und „Despotie“ zwei klar von einander geschiedene Begriffe:

Eine Diktatur war eine rechtstaatliche Ordnung, bei der die Macht vorübergehend oder für längere Zeit in den Händen einer oder weniger Personen bzw. (bei Marx) in den Händen einer Gesellschaftsklasse oder einer bestimmten Klassenfraktion war.

Eine Despotie bedeute dagegen Willkür­herr­schaft eines von allen rechtlichen Fesseln freien Staatsapparats, unabhängig davon, ob an der Spitze einer solchen Despotie einer oder mehrere ihrer Willkür freien Lauf lassen durften.

Bei Lenin ist Diktatur und Despotie dasselbe, nämlich Willkür­herr­schaft.

Stattdessen ist es nach seiner Meinung allein entscheidend wer herrscht nicht wie Herrschaft ausgeübt wird und sich legitimiert.

Überhaupt ist Legitimation nur bürgerlicher Schwindel und jede Herrschaft somit Willkür­herr­schaft.

„Wer wenn“ ist demnach die einzige relevante Frage: Wer beherrscht wenn.

Das Etikett „proletarisch“ rechtfertigt dann alles.

Das Etiketten in Wirklichkeit gar nichts besagen und es darauf ankommt, was sich dahinter verbirgt, ist zwar dem „Marxisten“ nicht fremd, aber ihm fehlt jedes Bewusstsein dafür, dass Regeln, gesellschaftliche Normen und Gebräuche staatliche Macht tatsächlich einschränken können.

Sein „Materialismus“ ist beschränkt. Macht ist für ihn immer der Knüppel, der regiert (und allenfalls durch Revolver u.ä. revolutioniert wird). Dass Vertrauen, Verlässlichkeit, Vertragstreue, eine von der Exekutive unabhängige Justiz Faktoren sind, die für einen halbwegs funktionierenden Kapitalismus gebraucht werden und dass ihr Fehlen (beispielsweise im Faschismus, im bonapartistischen Frankreich oder im heutigen „kommunistischen“ China) auf längere Sicht dysfunktional ist, liegt jenseits seines Horizonts.

Er hat lange in der Schweiz gelebt und die Schweizer Schokolade genossen, aber er hat nicht begriffen, dass die Schweizer Demokratie und die bekannte Qualität Schweizer Produkte, die Fähigkeit der Schweizer, was sie machen, gut zu machen, zusammen hängen.

Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Dass die auch von ihm immer wieder beklagte „mangelnde russische Kultur“ vor allem in einem Fehlen rechtlicher Schranken gegen staatliche Willkür begründet ist, übersteigt seinen Horizont.

Die direkte, die Rätedemokratie stellt er in einen Gegensatz zur parlamen­ta­ri­schen. Wobei in vor allem der Formalismus parlamentarischer Verfahren suspekt ist.

Dagegen sollen die Sowjets die „wahre Demokratie“ fern von jedem Formalismus verkörpern. Damit inszeniert er sich als den Vollender Marxscher Ideen.

Da er aber gleichzeitig jede wirkliche institutionelle Sicherung, jegliches Abrücken von bloßer Willkür, jeglichen Ruf nach verbindlichen Regeln als „bürgerlich“ abtut, bleibt die Herrschaft der Sowjets eine bloße Illusion, die spätestens 1921 von Tuchaschewski in Kronstadt im Blut ertränkt wurde.

Auch direkte Demokratie braucht verbindliche Regeln, an die man sich auch dann noch hält, wenn die Mehrheit gegen einen ist.

So wurde, was als Revolution begann, zur Erneuerung der russischen Despotie, zur Fortsetzung der zaristischen Willkür­herr­schaft im Zeichen von Hammer und Sichel.

„Der Genosse Bucharin möchte klüger sein als Lenin“

 

Zum Problem der -ismen

Wenn Aufklärung der Ausgang der Menschheit aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit ist, dann besteht diese Unmündigkeit auch darin, dass man sich seines Kopfes nicht ohne fremde Hilfe bedient, dass man das Korsett einer Religion, Lehre, Weltanschauung benötigt, die man dann erfolgreich wiederkäut.

Natürlich denken wir nicht im luftleeren Raum sondern beeinflusst von unserer Umwelt. Und in dieser Umwelt ist das, was andere denken oder gedacht haben ein wesentlicher Einflussfaktor.

Wir haben Vorbilder im Denken und eifern ihnen nach. Wir finden und erfinden das Wenigste selbst, wir ernähren uns vom Denken unserer Mitmenschen.

Aber wirklich aufgeklärt im Sinne Kants sind wir erst, wenn wir uns gegenseitig das selber Denken erlauben.

Insofern ist jeder „ismus“ eher ein Zeichen von Unsicherheit, eine Art Laufstall in dem man gehen lernt.

Sobald man gehen kann, sollte man diesen Laufstall verlassen.

Der Versuch andere auf einen Kanon von erlaubten Gedanken fest zu legen, ist dagegen der Versuch das Denken an die Kette zu legen.

Das Resultat ist dann irgendein Glauben bzw. Aberglauben

Natürlich brauchen wir einen Satz von Überzeugungen, unser Bild von der Welt.

So etwas zu haben ist eine wesentliche und notwendige Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt so etwas besitzen wie eine Identität.

Wir können nicht wirklich „ich“ sagen ohne eine Idee von uns und der Welt.

Deswegen ist ein erfolgreicher Angriff auf unser Weltbild, wenn er tief geht und grundsätzlich ist, auch meist mit einer Identitätskrise verbunden.
Und deswegen kann unsere Abwehr sehr heftig, ja gewalttätig sein.
Es geht dann um unseren Wesenskern.

Weil das so ist, wird das Angebot von „Autoritäten“, die einem sagen, was ist, so gerne angenommen. Sie bieten uns als Preis für eine bleibende Abhängigkeit ein Gefühl von Sicherheit.

„Aufklärung“ ist daher harte Arbeit auch und gerade an sich selber. Wenn diese Arbeit glückt, dann wird man im besten Fall zu einem Menschen, der sicher in sich ruht, ohne allzu selbstgewiss und zu selbstsicher zu sein.

Wir müssen lernen den Zweifel, auch an uns selber, zu unserem Freund zu machen. Dieser Zweifel darf uns jeden Tag besuchen und wir reden entspannt mit ihm, ohne jemals zu verzweifeln.

Den Zweifel für sich und für die Gesellschaft produktiv zu machen und ihn mit der Hoffnung zu versöhnen ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt, die uns das Leben zu bieten hat.

Die Mühe ist sicher gross, aber der Gewinn, der uns daraus erwächst unermesslich: Wir sind dann wir selbst, aber wir sind es, obwohl wir uns jeden Tag ändern können. Und wir bleiben was wir sind, obwohl wir uns ständig wandeln.

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Alles ist Geschichte

Die Version 0.56 ist fertig und kann als PDF Myschkin_f56
oder als Ebook im EBUP-Format (als ZIP-Datei) Wir Myschkins – Walter Altvater.epub heruntergeladen werden.

Alles ist Geschichte

In der Deutschen Ideologie finden wir unter den gestrichenen Stellen folgende Passage (im Kapitel 1. Die Ideologie überhaupt, speziell die deutsche Philosophie):
„Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig. Die Geschichte der Natur, die sogenannte Naturwissenschaft, geht uns hier nicht an; auf die Geschichte der Menschen werden wir indes einzugehen haben, da fast die ganze Ideologie sich entweder auf eine verdrehte Auffassung dieser Geschichte oder auf eine gänzliche Abstraktion von ihr reduziert. Die Ideologie selbst ist nur eine der Seiten dieser Geschichte.“
Die These, dass es in der menschlichen Gesellschaft und in der physikalischen und biologischen Welt immer nur um Geschichte geht, d.h. darum wie etwas geworden ist und wie und warum es wieder vergeht, war reichlich kühn.
Zumal in einer Zeit, in der nicht nur die Philosophie vor allem von „ewigen“ Wahrheiten handelte und nichts anderes bedeutet schließlich Metaphysik. In der Biologie stand Darwin noch bevor und die Physik war erst recht ein Hort ewig gültiger Newtonscher Gesetze.
Deswegen ist die Streichung verständlich.
Wenn wir die Streichung zurück nehmen, brauchen wir angesichts der Tatsache, dass Physiker heute über die Entstehung der Atome forschen, keinen wirklichen Mut mehr.
Die Erkenntnis, dass alles was ist, geworden ist und daher eine Geschichte hat, setzt sich mehr und mehr durch.
Andererseits bedeutet die Streichung eines vielleicht allzu kühnen Satzes noch lange nicht, dass dieser Satz nicht prägend war für beider Wissenschafts­ver­ständ­nis.
Deswegen ist der entscheidende Verrat an ihrem Vermächtnis immer der Versuch, daraus ewige Wahrheiten zu destillieren.
Marx Satz von 1852 im Brief an Wedemeyer war geprägt von den französischen Erfahrungen zwischen 1848, als zum erstenmal auf der Welt überhaupt zumindest ein Vertreter der Arbeiterschaft einer Regierung angehörte und dem Untergang der Demokratie 1852 im 2.Kaiserreich.
Für ihn war damals klar, dass die organiserte Arbeiterschaft in einer künftigen Revolution die Dominanz, die Hegemonie anstreben mußte um die ganze Gesellschaft über einen längeren Zeitraum im eigenen Interesse um zu bauen.
Die Idee einer despotischen Herrschaft im Namen des Proletariats war für ihn unvorstellbar und lag vollständig außerhalb seines Denkhorizonts.
Weil alles Geschichte ist und weil alle Erkenntnis nur aus der Untersuchung der tatsächlichen Entwicklung kommen kann, deswegen hat er die Ökonomie immer am Beispiel Englands erforscht, als Philosoph war er deutsch, aber einer der dem aufkeimenden und später so verhängnisvollen deutschen Nationaldünkel kritisch und äußerst reserviert gegenüber stand und als politischer Denker, als Revolutionär, war er von Kopf bis Fuß und mit Haut und Haaren Franzose.
Dass es heute nicht reicht nur Franzose zu sein und wir ebenso sehr Chinesen, Vietnamesen, Tunesier, Lybier, Ägypther und Syrer sein müssen, macht sicher vieles schwieriger, aber auch spannender und interessanter.
Was wir ihm an geschichtlicher Erkenntnis voraus haben ist vor allem dies:
1. Vergesellschaftung darf niemals mit Verstaatlichung gleich gesetzt werden, weil man sich sonst mit älteren Ausbeuterklassen gegen die Bourgeoisie verbündet und damit nur einen Form der Unterdrückung gegen eine andere tauscht. Die Skepsis von Marx und Engels gegen die Lasseallaner und ihre Bereitschaft sich gegen die Bourgeois mit Bismarck und dem preußischen Staat zu verbünden, war voll gerechtfertigt.
2. Der mögliche gemeinsame Untergang aller Klassen, der ganzen Menschheit ist heute das entscheidende Problem, das gelöst werden muss.
Die Menschheit kann sich selbst umbringen.
Vor diesem Hintergrund kann uns niemand das eigene Denken abnehmen. Dieses eigene Denken kann aber von zwei sehr originellen Denkern des 19.Jahrhunderts entscheidende Anstöße erhalten.
Mehr jedenfalls als von den so geschätzten Schopenhauers und Nietzschens.

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