{"id":79,"date":"2011-04-08T06:36:45","date_gmt":"2011-04-08T05:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=79"},"modified":"2011-06-26T16:46:31","modified_gmt":"2011-06-26T15:46:31","slug":"taxi-nach-ringsted","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=79","title":{"rendered":"Taxi nach Ringsted"},"content":{"rendered":"<p>Die aktuelle Version ist nun 0.45 und kann hochgeladen werden: <a href=\"http:\/\/www.walter-altvater.de\/wordpress\/wp-content\/Myschkin_f0.45.pdf\">Myschkin_f0.45<\/a><\/p>\n<p>Taxi nach Ringsted<\/p>\n<p>Als wir am Kopenhagener Hauptbahnhof ankamen, hatten wir noch Zeit. Direkt neben dem Bahnhof gibt es eine originelle Kneipe. \u201eJenerbanen\u201c ist eine Eisen\u00adbahner\u00ad-Bierschwemme mit eigener Biermarke.<br \/>\nEs wird viel geraucht im \u201eJenerbanen\u201c , soviel, dass man manchmal die Hand vor den Augen nicht sieht, die Leute stehen um die Theke, die W\u00e4nde sind mit Bildern bepflastert und wer ein Bier bestellt bekommt eine Rabatkarte in die L\u00f6cher gezwickt werden, Mengenrabatt f\u00fcr die Schluckspechte. Wenn Sie mal nach Kopenhagen kommen, schauen Sie unbedingt rein, es ist ein Erlebnis.<br \/>\nWir tranken ein Bier und dann noch ein 2.tes. Zwar war mein Kollege der Meinung, dass der Nachtzug um 18:40 losfahren sollte, aber ich war der felsenfesten \u00dcberzeugung, dass die Abfahrt um 19 Uhr ist und habe das so \u00fcberzeugend vertreten, dass keiner von uns beiden auf die Idee kam, einfach unsere Fahrkarten zu checken.<br \/>\nNach dem zweiten Bier zahlten wir und gingen etwas \u201efr\u00fcher\u201c um dann am Bahnsteig dem abfahrenden Zug hinterher zu schauen.<br \/>\nEs war der Nachtzug nach Deutschland und damit unsere einzige M\u00f6glichkeit die Nacht nicht auf harten B\u00e4nken im Bahnhof zu zu bringen.<br \/>\nIch fasste mich am schnellsten: \u201eWir gehen zum Taxistand und fahren zum n\u00e4chsten Bahnhof\u201c.<br \/>\nIm Eiltempo ging es zum Taxistand vor dem Bahnhof gegen\u00fcber vom Tivoli.<br \/>\nDer Taxifahrer war ein Pal\u00e4stinenser oder Jordanier.<br \/>\nWir einigten uns schnell mit ihm, dass der n\u00e4chste Bahnhof, Hoje Taastrup, zu nah ist, um vor dem Zug dort zu sein.<br \/>\nAlso war das n\u00e4chste Ziel Ringstedt<br \/>\nNun protestierte aber unser Fahrer. Er wisse nicht, wie er fahren m\u00fcsse um nach Ringsted zu kommen.<br \/>\nNach einigem Hin und Her fuhr er schlie\u00dflich an den Stra\u00dfenrand.<br \/>\nIn selben Moment als er an die Seite fuhr, hatte ich das Gef\u00fchl, als h\u00e4tte jemand einen Staubsauger angemacht und w\u00fcrde damit mein Gehirn und jeden vern\u00fcnftigen Gedanken darin weg saugen.<br \/>\nF\u00fcr mich war in diesem Moment alles verloren.<br \/>\nDer Taxifahrer dr\u00fcckte mir einen Stapel Karten in die Hand und meinte, ich solle ihm darauf den Weg nach Ringsted zeigen, ich sa\u00df auf dem Beifahrersitz und ich wusste noch nicht mal mehr wie rum ich die Karte halten muss, geschweige denn, das h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen wo Ringsted ist.<br \/>\nZum Gl\u00fcck f\u00fcr mich, behielt mein Kollege die Nerven und die \u00dcbersicht. Er machte dem Taxifahrer unmissverst\u00e4ndlich klar, dass er losfahren und sein Navigationssystem nutzen sollte. Mit immer wieder wiederholtem \u201ekeep going\u201c und der Antwort \u201eyou put me under  pressure\u201c erreichten wir schlie\u00dflich mehr oder weniger in letzte Minute Ringsted. W\u00e4hrend dessen kehrte mir auch mein  Verstand wieder langsam zur\u00fcck.<br \/>\nDer Halt am Stra\u00dfenrand stak mir allerdings noch l\u00e4nger in den Knochen.<br \/>\nWenn man dieses absolute Gef\u00fchl der Leere, der totalen Unf\u00e4higkeit zu handeln, einmal erlebt hat, vergisst man es nie mehr.<br \/>\nUnd ich erlebte es in dieser Woche zum zweiten Mal: Montags und Freitags.<br \/>\nBeim ersten Mal hatte ich hilflos in einem Aufzug gestanden.<br \/>\nEs ist als verabschiede sich mein Ich von mir und zur\u00fcck bleibt eine leere H\u00fclle.<br \/>\nWas passiert da?<br \/>\nEigentlich arbeitet unser Gehirn immer, selbst im Schlaf. Aber es arbeitet in verschiedenen Modi. Im Schlaf z.B. wird die Verbindung zur Au\u00dfenwelt mehr oder weniger vollst\u00e4ndig unterbrochen.<br \/>\nIm Wachen gibt es Modi unterschiedlicher Wachheit, vom Tagtr\u00e4umen bis zu einem Zustand den ich als \u201eHellwach\u201c bezeichnen m\u00f6chte.<br \/>\nDiese Zust\u00e4nde unterscheiden sich durch die Intensit\u00e4t mit der wir unsere Umwelt wahrnehmen.<br \/>\nBeim Tagtr\u00e4umen nehmen wir nur das N\u00f6tigste wahr, im Hellwach-Zustand haben wir gewisserma\u00dfen alle Antennen auf Empfang.<br \/>\nHellwach sind wir, wenn es um etwas geht, im Beruf, in der Politik oder in der Liebe.<br \/>\nWobei es eigentlich falsch ist, wenn ich \u201ewir\u201c sage, denn den Zustand \u201ehellwach\u201c erreichen ich nicht, weil nicht alle meine Antennen empfangen k\u00f6nnen oder weil nicht alle Signale, die meine Antennen erreichen, weiter verarbeitet werden.<br \/>\nDas Resultat ist dasselbe, nur die Ursache ist anders. Wobei ich pers\u00f6nlich eher Probleme bei der Signalverarbeitung als urs\u00e4chlich ansehe d.h. die Antennen funktionieren vermutlich, aber die F\u00e4higkeit \u201eabzuschalten\u201c und damit die F\u00e4higkeit Signale weg zu blenden, damit sie das Hirn nicht beim Denken st\u00f6ren, ist \u00fcberentwickelt und kann nicht weit genug zur\u00fcck gefahren werden.<br \/>\nMein Gehirn will vom Tr\u00e4umen niemals lassen.<br \/>\nSo gut es geht gleicht mein Verstand diesen Umstand aus und so gelingt es mir, wenn ich Gl\u00fcck habe, solche eine \u201eich muss jetzt hellwach sein\u201c-Situation heil zu \u00fcberstehen.<br \/>\nIch kann auch in so fern Gl\u00fcck haben, dass mir jemand aus der Patsche hilft.<br \/>\nSelbst wenn mir niemand aus der Patsche hilft, kann ich mich einfach nach den anderen richten und dann habe ich auch Gl\u00fcck.<br \/>\nAber ich habe nicht immer Gl\u00fcck.<br \/>\nUnd manchmal kann mir niemand helfen.<br \/>\nNach dem \u201eHellwach\u201c-Zustand gibt es dann noch \u201eh\u00f6chster Alarm\u201c. Das ist kein Normal- sondern ein Ausnahmezustand. Wenn dieser Level erreicht wird, schaltet mein Gehirn ab und auf meiner Stirn erscheint ein Schriftband \u201eWegen \u00dcberforderung vor\u00fcbergehend geschlossen\u201c.<br \/>\nSo war es an diesem Freitag im Taxi.<br \/>\nZu meinem Gl\u00fcck und im Unterschied zu anderen Situationen konnte ich mich einfach im Sitz zur\u00fccklehnen und auf den wachen Verstand meines Kollegen hoffen.<br \/>\nVor einigen Wochen wurde G\u00fcnther Amendt \u00fcberfahren.<br \/>\nDas Auto raste in Hamburg ungebremst \u00fcber den Gehsteig und riss mehrere Passanten in den Tod.<br \/>\nInzwischen wei\u00df man, dass der Autofahrer ein Epileptiker war, der sich sein \u201eRecht auf einen F\u00fchrerschein\u201c vor Gericht erk\u00e4mpft hatte.<br \/>\nNun wird dar\u00fcber spekuliert, ob er m\u00f6glicherweise einen Anfall gehabt hatte, als er mehrere Menschen \u00fcberfuhr.<br \/>\nEr muss keinen Anfall gehabt haben, es reicht, wenn auch sein Verstand, wie meiner manchmal, vor\u00fcbergehend au\u00dfer Betrieb war.<br \/>\n\u00dcbrigens k\u00f6nnen auch vollkommen Gesunde in so einen Zustand der Starre geraten. Es muss ihnen aber mehr passieren, damit das passiert.<br \/>\nDie Konsequenz daraus kann nur sein, dass wir uns gegenseitig weniger \u00fcberfordern. Idioten wie ich m\u00fcssen zwangsl\u00e4ufig zu Versagern werden, manchmal sogar zu gef\u00e4hrlichen Versagern, wenn unser Leben so eingerichtet wird, dass man nicht nebenher vor sich hintr\u00e4umen darf, weil immer die volle Aufmerksamkeit gefordert ist.<br \/>\nAuf der anderen Seite m\u00fcssen wir Idioten uns auch der Zumutung des immer bereit und aufmerksam sein M\u00fcssens energischer widersetzen.<br \/>\nEs ist doch eine bittere Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet G\u00fcnter Amendt, der vielen von uns ein entspannteres, stressfreieres Verh\u00e4ltnis zu unserer Sexualit\u00e4t vermittelt hat, dass ausgerechnet er von einem epileptischen Idioten \u00fcberfahren wird, der mit gro\u00dfem Einsatz und zweifelhaftem Erfolg darum gek\u00e4mpft hat als Mann nicht ohne Auto und F\u00fchrerschein da zu stehen.<br \/>\nF\u00fcr manche M\u00e4nner ist ja der Verlust ihres fahrbaren Untersatzes fast eine Kastration. Nicht ohne Grund findet man im Zeitschriftenladen die Zeitschriften mit den vielen PS direkt neben den Bl\u00e4ttern mit den gro\u00dfen Busen.<br \/>\nWir m\u00fcssen lernen wieder mit unserer Unvollkommenheit zu leben und uns nicht daf\u00fcr zu sch\u00e4men, sagen zu m\u00fcssen: Ich kann das nicht!<br \/>\n\u00dcbrigens gelingt das Frauen heute schon viel besser als den M\u00e4nnern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aktuelle Version ist nun 0.45 und kann hochgeladen werden: Myschkin_f0.45 Taxi nach Ringsted Als wir am Kopenhagener Hauptbahnhof ankamen, hatten wir noch Zeit. 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