{"id":64,"date":"2011-03-19T09:42:25","date_gmt":"2011-03-19T08:42:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=64"},"modified":"2011-03-19T09:42:25","modified_gmt":"2011-03-19T08:42:25","slug":"von-woelfen-pavianen-schimpansen-bonobos-und-der-frage-der-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=64","title":{"rendered":"Von W\u00f6lfen, Pavianen, Schimpansen, Bonobos und der Frage der Moral"},"content":{"rendered":"<p>Das jetzt dazu gekommene Kapitel versucht Fragen der Moral zu beantworten, wie sie sich u.a. aus dem Kapitel \u00fcber Maria ergeben.<br \/>\nDen den derzeit letzten Stand von &#8222;Wir Myschkins&#8220; kann man hier laden:<br \/>\n<a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wordpress\/wp-content\/Myschkin_f0.44.pdf'>Myschkin_f0.44<\/a><\/p>\n<p>Von W\u00f6lfen, Pavianen, Schimpansen, Bonobos und der Frage der Moral <\/p>\n<p>Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, ist ein altehrw\u00fcrdiger Spruch, der allerdings die W\u00f6lfe mit ihrem hochentwickelten Sozialleben beleidigt.<br \/>\n\u00dcberhaupt hat Hobbes unrecht, wenn er meint, erst der Staat habe den Krieg aller gegen alle durch sein Gewaltmonopol aufgehoben und unterdr\u00fcckt.<br \/>\nDas Problem stellt sich schon viel fr\u00fcher und muss dementsprechend auch gel\u00f6st werden.<br \/>\nWenn z.B. unter den Angeh\u00f6rigen einer Tierart der Kampf um Ressourcen grunds\u00e4tzlich immer bis zum Letzten ginge, ginge diese Art schnell unter.<br \/>\nSchon im Tierreich ist es deswegen wichtig, dass solche Konflikte einged\u00e4mmt werden.<br \/>\nEin Mittel dazu ist die Revierbildung. Die Kehrseite davon sind Revierk\u00e4mpfe. Trotzdem garantiert die Revierabgrenzung einen gewissen Frieden, vor allem wenn die K\u00e4mpfe ritualisiert und damit gez\u00e4hmt werden.<br \/>\nM\u00f6glicherweise setzt Gruppenbildung dann ein, wenn zu wenig abgrenzbare Reviere da sind. Die Jungtiere bleiben dann bei der Mutter.<br \/>\nNun m\u00fcssen die Konflikte innerhalb der Gruppe geregelt werden.<br \/>\nDazu gibt es grunds\u00e4tzlich zwei Wege: Aus Revierk\u00e4mpfen werden Rangordnungsk\u00e4mpfe. Oder aber die Mutter beh\u00e4lt ihre Autorit\u00e4t \u00fcber das eigentliche Kindesalter hinaus. Genauso wie die Geschwisterliebe \u00fcber das Kindesalter hinaus lebendig bleibt.<br \/>\nBeide Wege werden gegangen. Und es gibt jede Menge Mischungen und Abstufungen dazwischen.<br \/>\nSo entwickelt sich Sozialleben zwischen den Polen Unterordnung unter den St\u00e4rkeren und\/oder Weiterentwicklung der urspr\u00fcnglichen Bindungen an die Mutter und die Geschwister.<br \/>\nVom Vater ist hier zun\u00e4chst nicht die Rede, denn V\u00e4ter neigen oft dazu die Jungen zu fressen. Jeder Katzenbesitzer weiss, dass die K\u00e4tzin ihre Jungen nicht nur vor den Menschen versteckt.<br \/>\nWenn die M\u00e4nner aber ihr Leben lang Br\u00fcder bleiben, bevor sie zu V\u00e4tern werden, \u00e4ndern sich die Verh\u00e4ltnisse und aus V\u00e4tern k\u00f6nnen mit der Zeit auch liebevolle V\u00e4ter werden.<br \/>\nIch w\u00fcrde mich \u00fcbersch\u00e4tzen, w\u00fcrde ich hier ein komplettes Bild der Sozialentwicklung von S\u00e4ugetieren versuchen, aber ich glaube und behaupte, dass diese 2 Grundtendenzen, die sich durchaus in den Haaren liegen, pr\u00e4gend sind.<br \/>\nDass diese beiden Tendenzen zugleich auch mit der Geschlechterpolarit\u00e4t verkn\u00fcpft sind, macht die Sache noch verwickelter.<br \/>\nDamit sind wir aber weder erst durch Kultur zu z\u00e4hmende Totschl\u00e4ger des eigenen Vaters, wie Freud meinte, noch startet unser Menschsein in einer Gesellschaft Gleicher und Gleichberechtiger, wie man z.B. bei Engels lesen kann.<br \/>\nDas heisst nicht, dass Engels und Freud Unrecht haben. Ja, es kann den Vater-Tyrannen, den die Br\u00fcder ermorden, gegeben haben. Und zwar nicht erst bei den Menschen, schon bei den Schimpansen.<br \/>\nUnd ja: Es gibt diese fr\u00f6hliche und gleiche, der sexuellen Lust zugewandte \u201eurkommunistische\u201c Gesellschaft schon bei den Affen, den Bonobos.<br \/>\nWelche Konsequenzen hat das f\u00fcr uns und unser soziales und politisches Leben ?<br \/>\nZun\u00e4chst diese, dass wir von Natur aus \u00fcber ein sehr breites Spektrum von M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen. Die tats\u00e4chliche Breite dieses Spektrums wird uns von unseren tierischen Verwandten aufgezeigt.<br \/>\nGut und B\u00f6se ist gleichermassen Teil unserer Natur.<br \/>\nDie Frage, was das denn sein soll: \u201eGut\u201c und \u201eB\u00f6se\u201c l\u00e4sst sich am leichtesten Beantworten, wenn wir uns klar machen, dass wir (d.h. der lebendige Teil der Welt, die Biosph\u00e4re) in Bezug auf diese Erde nichts weiter sind, als die Schale eines Apfels. Und dieser Apfel selbst ist ziemlich einsam im All.<br \/>\nD.h. Leben ist etwa sehr seltenes und kostbares. \u201eGut\u201c in diesem Sinn ist daher alles, was das Leben st\u00e4rkt. Nicht nur unser eigenes, sondern diese d\u00fcnne Schale insgesamt. \u201eSchlecht\u201c oder \u201eB\u00f6se\u201c ist demnach alles was das Leben zerst\u00f6rt.<br \/>\nNach seiner \u00dcbersiedlung in die Bundesrepublik hat Bloch seine \u201eT\u00fcbinger Einleitung in die Philosophie\u201c verfasst. Sie ist auch eine Absage an die \u201ePanlogiker\u201c, d.h. an die Heilsgewissheit Hegels und vieler Marxisten. Die Ironie dabei ist, dass Bloch selbst einer der gr\u00f6ssten und hartn\u00e4ckigsten Panlogiker war. D.h. es ist auch eine Selbstkritik mit einem lauten \u201eDennoch\u201c, denn wer so fest an das Gelingen glaubt, l\u00e4sst sich durch die M\u00f6glichkeit des Scheiterns nicht schrecken.<br \/>\nDie r\u00e4umlich N\u00e4he Heideggers bringt es wohl mit sich, dass es sehr Ontologisch zugeht, mit lauter Nicht, Nichts, Da\u00df und Was, die wunderbarer Weise Arme und  Beine haben und nat\u00fcrlich M\u00fcnder:<br \/>\n\u201eAuf diese Art erscheint bei Hegel allerdings Negativit\u00e4t durchaus als eine wie durch sich selbst dialektisch eingemeindete, ja als der wesentliche Sauerteig, der den Proze\u00df zum Aufgehen bringt. Die Negativit\u00e4t ersetzt so die Intensit\u00e4t und Dynamik, die dem reinen \u00c4ther der in sich weilenden Idee ja keineswegs zukommen; die dialektische Negation wird dergestalt in Hegels Philosophie zum Erregenden schlechthin, zum Gegengift nicht nur der Stockung. auch der faden Zufriedenheit. Das ist das Gro\u00dfe an Hegel, da\u00df er das Negative auch begrifflich nicht ausl\u00e4\u00dft: \u201eNicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verw\u00fcstung rein bewahrt, sondern das ihn ertr\u00e4gt und in ihm sich erh\u00e4lt, ist das Leben des Geistes\u201c (Ph\u00e4nomenologie, Vorrede). Dergestalt da\u00df Dialektisches als \u00fcberall fruchtbare Entzweiung erscheint, da\u00df es die Sph\u00e4re der zerst\u00f6renden Differenz \u00fcberall produktiv bewohnt, als Vernichtung des Vergehenswerten im Scho\u00df des Vergehenswerten selber.\u201c (Bloch, S.290)<br \/>\nDas Negative, die Zerst\u00f6rung ist hier das gemahlene Korn, das erst zu Mehl zersto\u00dfen wird um dann als Teig zu fermentieren und uns als Brot satt zu machen. Dieser Tod ist gleichzeitig der Garant des Lebens.<br \/>\nWird das Samenkorn nicht zum Mehl, wird es zur neuen Pflanze, muss aber auch auf diesem Weg als Samenkorn sterben.<br \/>\nDer Tod, der hier beschrieben wird, ist die Nacht, die auf den Tag folgt und dem n\u00e4chsten Tag voraus geht.<br \/>\n\u201eJedoch: es wird durch die so behauptete vollkommene Vermittlung des Negativum innerhalb des dialektischen Prozesses, dem Nichts zugleich seine Furchtbarkeit hinweggenommen, das ist jene wie immer schneidende Unvermitteltheit (Disparatheit), von der die \u00e4lteren Denker des Nichts betroffen waren. Diese Unvermitteltheit beruht gewi\u00df gro\u00dfenteils auf blo\u00dfen fixen Reflexionsbestimmungen des Verstands, wie von Hegel angegeben, ist jedoch dadurch nicht ersch\u00f6pft. Sie lief und l\u00e4uft in gr\u00f6\u00dferer Breite, als panlogistische Dialektik erfassen kann, noch unter und neben dem positiv funktionierenden Negativum her. Eben: es gibt durchaus Saatkorn, das stirbt und keine Fracht bringt. n\u00e4mlich als zertretenes, ohne irgendeine positive Negation dieser Negation wirklich, gar notwendig danach.\u201c (Bloch, S.290).<br \/>\nWenn eine Riesenwelle nach einem Erdbeben Tod und Zerst\u00f6rung bringt, gibt es keinen wie immer gearteten \u201eSinn\u201c in solchem Tod.<br \/>\nEs ist gewissermassen die reine Nacht, der unvers\u00f6hnte Tod, die pure Vernichtung.<br \/>\n\u201eHegel selber gibt derart \u201eunaufgel\u00f6sten Widerspruch\u201c zu: die ganze Natur er\u00adscheint ihm als einer; und in der Geschichte rechnet auch er den Pelo\u00adpon\u00adnesi\u00adschen Krieg, den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, die indische Witwenverbrennung und so fort keinesfalls unter die produktiven M\u00e4chte des Verderbens. Heute h\u00e4tte er die Todeslager des Faschismus hinzugef\u00fcgt, die Verbrennungs\u00f6fen von Maidanek. Moloch ist auch f\u00fcr Hegel ein Anderes als schaffende Differenz, ein Anderes als Karfreitag, der Ostern bringt. Besonders beachtbar ist eine auffallende Stelle in Hegels Asthetik \u00fcber das \u201enur Negative\u201c, das &#8222;Negative in sich\u201c, im Zusam\u00admen\u00adhang mit \u00e4sthetischem Wert: \u201eWenn der innere Begriff und Zweck bereits in sich selber nichtig ist, so l\u00e4\u00dft die schon innere H\u00e4\u00dflichkeit noch weniger in seiner \u00e4u\u00dferen Realit\u00e4t eine echte Sch\u00f6nheit zu &#8230; Denn das nur Negative ist \u00fcber\u00adhaupt in sich matt und platt und l\u00e4\u00dft uns deshalb entweder leer oder st\u00f6\u00dft uns zur\u00fcck &#8230; Das Grausame, Ungl\u00fcckliche, die Herbigkeit der Gewalt und H\u00e4rte der \u00dcbermacht l\u00e4\u00dft sich noch in der Vorstellung zusammenschalten und ertragen, wenn es selber durch die gehaltvolle Gr\u00f6\u00dfe des Charakters und Zwecks gehoben und getragen wird; das B\u00f6se als solches aber, Neid, Feigheit und Nieder\u00adtr\u00e4chtig\u00adkeit sind nur widrig, der Teufel f\u00fcr sich ist deshalb eine schlechte, \u00e4sthetisch unbrauchbare Figur\u201c (Werke X&#8216;, S. 285). Hegel spricht in diesem Zusammenhang auch vom Negativum an sich als einem \u201e\u00fcbert\u00fcnchten Grab\u201c, und nichts Lebendiges entspringt ihm aus dieser puren Nichtigkeit in sich selbst. Wonach hier also das Nichts in seiner alles fressenden Hohlgestalt doch nicht unerinnert bleibt, trotz aller total-dialektischen Vermittlung.\u201e (Bloch, S.290-S291)<br \/>\nHegel gibt zu, was sich beim besten Willen nicht leugnen l\u00e4sst. Zugleich versucht er die Nacht ohne Tag zu banalisieren, in dem er sie f\u00fcr \u00e4sthetisch uninteressant erkl\u00e4rt. Ein merkw\u00fcrdiges Urteil. Macht ihm diese Art von Tod denn keine Angst ? Oder muss er die Augen fest verschliessen, weil sonst die Angst zu stark w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eDiese total-dialektische Ver\u00admittlung ist in Wahrheit nicht nur Triumph der Konkretion \u00fcber abstrakt fixierte und so voneinander abgehaltene Verstandsbestimmungen; sie ist ebenso ein letzter Triumph s\u00e4kularisierter Vorsehung, aus dem Geist des Panlogismus. Wobei trotzdem Hegel, in seiner gewaltigen Sachlichkeit nicht umhin kann, das Negativum nicht schlechthin als Gottes M\u00fchle zu feiern. Und nicht schlechthin auch als Positivum, in Hinsicht der Aufhebung und neuen Setzung, die der Widerspruch angeblich an sich bereits bedeutet. Ja, Hegel nimmt am Ende, mit einer verbl\u00fcffenden, fast manich\u00e4ischen Wendung, sogar die gesamte Negativum-Schicht aus seinem sonst allvermittelten Pan-Logos heraus; in einer Weise, die dem Nichts gerade keine Heils\u00f6konomie an und durch sich selber zubilligt. Denn nach Hegel k\u00f6nnen in jeder Sph\u00e4re der Weltidee nur affirmative Bestimmungen, also die Thesis und Synthesis, als \u201eDefinitionen Gottes\u201c gelten, nicht aber die negativen Bestimmung der Antithesis, die in der Differenz sind. Die Andersheit und die Endlichkeit, worin das Negativum vorz\u00fcglich ausbricht, sind hier der \u201eUnterschied von Gott\u201c (Enzyklopadie \u00a7 83) und ebenso gro\u00df wie selbst das fruchtbare Negativum ist zu allerletzt f\u00fcr Hegel \u201edie Unan\u00adge\u00admessenheit\u201c des Endlichen, Unvollkommenen zum Vollkommenen, welche das Negativum zum positiven Umschlag bringt, hin zur &#8211; wahren f\u00fcr sich seienden Identit\u00e4t. Item, wie angegeben: so wenig ein Idiot, der sich dauernd in Widerspr\u00fcche verwickelt, deshalb schon ein Dialektiker ist, so wenig kann das \u201enur Negative\u201c sich von sich selber in den dialektischen Proze\u00df hereinziehen. So wenig auch kann es darin, als Heilsdynamik wider Willen und doch gleichsam aus eigenem Willen, ganz schon eingemeindet sein.\u201c (Bloch, S.290-S291)<br \/>\nIch erlaube mir als Idiot auch und gerade dem Dialektiker zu mi\u00dftrauen. Vor allem wenn die Reise in Richtung einer dialektischen Logik geht.<br \/>\nWer das Endliche f\u00fcr \u201eUnangemessen\u201c h\u00e4lt, landet nur wieder im lebens\u00adfeind\u00adlichen Felsenmeer ewiger Ideen und \u201eunsterblicher\u201c G\u00f6tter.<br \/>\nLeben existiert nur in der Endlichkeit.<br \/>\nWenn wir dieses Leben wieder in seiner F\u00fclle sch\u00e4tzen wollen, d\u00fcrfen wir uns nicht l\u00e4nger vom toten griechischen Marmor blenden lassen.<br \/>\nIch erachte es f\u00fcr mich pers\u00f6nlich als Segen, dass meine Heimat im Reich des gar nicht so unverg\u00e4nglichen weissen oder roten Sandsteins liegt.<br \/>\nSo bleibt mir das Streben nach ewiger Vollkommenheit fremd, das sich im \u00fcbrigen mit keiner Art von Tod vertr\u00e4gt, weder mit jenem der unser Freund ist, noch mit der Nacht ohne Tag.<br \/>\nDa aber der Tod so oder so Realit\u00e4t ist, f\u00fchrt das Streben nach Vollkommenheit zur Realt\u00e4tsverleugnung und kann dann in Gestalt von \u201evollkommen\u201c sicheren technischen Wunderwerken, wie AKWs, sich mit dem Tod verb\u00fcnden.<br \/>\n\u201eVielmehr, wie hier nun spruchreif wird: der Gegenzug ist notwendig, eben nicht wie das Nichts aus der Sucht in der Sehnsucht stammt, aus diesem eigentlichen terminus a quo des Nichtshaften, sondern aus der wirklichen Bewegung der Intention, in das Nichts hinein, durch das Nichts hindurch, hin auf ihr Was. Und erst dieser Gegenzug macht in der v\u00f6llig ausgebrochenen und so deutlich werdenden Menschen\u00adgeschichte das Nichts dialektisch, dadurch da\u00df er es zur Negation seiner selbst gebraucht, dadurch da\u00df er es gerade zur Forttreibung der eigentlichen Was-Bestimmung, Was-Gewinnung zwingt. Die Forttreibung selber, diese Aktivit\u00e4t im da seienden Widerspruch kommt nicht aus dem sich selbst \u00fcberlassenen Nichts, als welches vielmehr nur zum Abgrund giert. Sie kommt aus der Intensit\u00e4t des Da\u00df-Faktors, der auf dem Weg zu seinem Was wirklich begriffen ist und der im Menschen, sofern er sich als historischer Erzeuger bewu\u00dft wird, diesen Weg auch nun wahrhaft-wirklich begreift. Mit der Hoffnung begreift, die als eine Spes militans, Spes docta der leeren M\u00e4chtigkeit des Nichts so fern wie nur m\u00f6glich und so \u00fcberlegen wie nur immer m\u00f6glich ist.\u201c (Bloch, S.290-S291)<br \/>\nDer Tod h\u00f6rt dann auf blo\u00dfer Tod zu sein, wenn er Bestandteil des Lebens\u00adpro\u00adzesses ist. Wir Menschen sind nun jener Teil der lebendigen Welt, der \u00fcber dieses sein Lebendigsein und auch das Eingebettetsein des Todes im Leben reflektieren und philosophieren kann.<br \/>\nDie \u201eWas\u201c und \u201eDa\u00df\u201c die hier ganz eigenst\u00e4ndig unterwegs sind, verdunkeln allerdings den Fakt, dass es nicht um abstrakte Ideen sondern um endliches und verletzliches Leben geht.<br \/>\nUnd dass dieses verletzliche Leben nur in der Endlichkeit existiert und dass deswegen die Vers\u00f6hnung mit jenem Tod der Teil des Lebens ist, nur relativ sein kann. Zwar erh\u00e4lt sich das Leben im und mit dem Tod.<br \/>\nAber unsere ganz pers\u00f6nliche Existenz endet.<br \/>\n\u201eEs gibt keine garantierte Umschlagstelle, keinen automatischen \u00dcbergang aus dem Nichts der Ent\u00admenschung zum hocherhobenen Haupt. Kontr\u00e4r: das sich selbst \u00fcberlassene Negativum leitet einzig in das ihm Angestammte: in totalen Un-Sinn, Gegen-Sinn, Wider-Sinn, ins Chaos. Daher w\u00e4re mit Leiden allein, ohne Leidenschaft, nie etwas Gro\u00dfes vollbracht worden; daher m\u00fc\u00dften, um eben ein Exempel aus der aktuell-geschichtlichen Dialektik zu wiederholen, Proletariat und  Bourgeoisie  zusammen in der kapitalistischen Widerspruchskrise zugrunde gehen, wenn nicht der aktive, der revolution\u00e4re \u201eWiderspruch\u201c sich dieser Krise ann\u00e4hme. Macht der Gegenzug in der Welt \u00fcberall erst aus dem Negativum ein Instrument des Umschlags, des Geschehens, der Geschichte, so ist die revolution\u00e4re Selbst\u00ader\u00adgrei\u00adfung des Widerspruchs zum erstenmal auch bewu\u00dft geschichtsbildend. Und das Ziel, das diesen Gegenzug letzthin hinanzieht, woran er auf dem Weg seinen terminus ad quem hat, ist das utopische Totum das Was. Sein m\u00f6gliches Alles hat in jedem Sprengpulver gegen das Morbide seinen Vorausgru\u00df, in jeder Freisetzung des besseren Neuen aus der verrottet, er\u00adstik\u00adkend gewordenen H\u00fclle seine Statthalterschaft. Dialektik bezeichnet so den Ostpunkt im Untergangspunkt oder allemal: die Verschlingung des Tods mit dem Sieg. Aber der Ostpunkt im Untergangspunkt wird einzig von der Intention auf ihn hin in dieser seiner Morgenr\u00f6te erhalten. Nur im Ma\u00df, mit dem das utopisch-positive Gewissen w\u00e4chst und handelt, sich erhellt und der objektiven M\u00f6g\u00adlich\u00adkeit sich verbindet: nur im gleichen Ma\u00df verringern sich die Felder, wo das Negativum nichts als Krisis zum Tod ist. \u201e<br \/>\nEs gibt keinen Grund f\u00fcr Siegesfanfaren. Keine noch so triumphale Dialektik wird den Tod je \u00fcberwinden. Aber da Tod nicht gleich Tod ist, w\u00e4re schon viel gewonnen, wenn wir es schaffen k\u00f6nnten, dass alle am Ende ihrer Zeit lebenssatt den n\u00e4chsten Generationen Platz machen k\u00f6nnten, statt in der Bl\u00fcte ihrer Jahre geknickt, gebrochen, ja vernichtet zu werden.<br \/>\nDabei bedeutet schon die Ann\u00e4herung an dieses Ziel harte Arbeit.<br \/>\nDas Leben nimmt dem Tod den Stachel.<br \/>\nAber eben nur jener Tod, der dem Leben dient.<br \/>\nWenn Goethe im Mephisto den \u201eTeil einer Kraft\u201c geschaffen hat, die stets das B\u00f6se will und doch das Gute schafft, dann hat Goethe statt dem Teufel ein Teufelchen auf die B\u00fchne gebracht.<br \/>\nEr hat geleugnet, dass es das B\u00f6se auch als alles zerst\u00f6rende und vernichtende Kraft gibt, mit der keine Vers\u00f6hnung m\u00f6glich ist, weil dieses B\u00f6se eben nicht Teil sondern Feind des Lebens ist.<br \/>\nEs gibt einen Tod ohne jedes und gegen jedes Leben, aber es gibt kein Leben ohne Tod.<br \/>\nUnd nur dieser Tod ist mit dem Leben verb\u00fcndet.<br \/>\nLeben heisst auch essen. Essen bedeutet aber immer auch gegessen werden. Tiere aber leben immer von anderem Leben, sie sind nicht in der Lage Leben neu aus anorganischem oder zerfallendem alten Leben zu produzieren.<br \/>\nD.h. ohne zu t\u00f6ten, k\u00f6nnen Tiere nicht existieren.<br \/>\nAuch wir sind solche Tiere.<br \/>\nTiere, die in dem Widerspruch leben, dass sie Leben t\u00f6ten um zu leben. Als solche Tiere haben wir nach und nach gelernt, so etwas wie Verstand und Vernunft zu entwickeln und nun m\u00fcssen wir lernen unserer F\u00e4higkeit zum T\u00f6ten im Interesse des Lebens strikte Grenzen zu setzen.<br \/>\nDamit gibt es den Tod als notwendigen Teil des Lebens, ohne den es kein Leben gibt, das zu Mehl zermahlene Samenkorn der Mume M\u00e4hlen und es gibt den Tod als reine Zerst\u00f6rung, das \u201ezertretene Samenkorn\u201c.<br \/>\nIm Zentrum jeglicher Moral steht daher die Erhaltung und St\u00e4rkung des Lebens und der Respekt vor dem Leben.<br \/>\nOhne diesen Respekt gibt es keine Moral.<br \/>\nEin zentrales Moment dieses Respekts ist das Gebot \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten!\u201c. Dieses Gebot bezieht sich zun\u00e4chst auf meine Br\u00fcder und Schwestern und weitet sich dann aus, bis es die ganze Menschheit einschlie\u00dft.<br \/>\nUnd es wird sicher demn\u00e4chst auch unsere Br\u00fcder und Schwestern Menschenaffen einschliessen m\u00fcssen.<br \/>\nVor diesem Hintergrund muss man das \u201eMoralproblem\u201c bewerten, dass Singer in de Waals \u201eAffen und Philosophen\u201e zitiert und bei dem es um folgendes gehen soll:<br \/>\n\u201eObwohl uns die F\u00e4higkeit zum Vernunftgebrauch hilft, zu \u00fcberleben und uns fortzupflanzen, konnte sie uns, sobald wir sie einmal entwickelt haben, an Orte f\u00fchren, die uns evolution\u00e4r gesehen keine direkten Vorteile bieten. Die Vernunft ist wie eine Rolltreppe \u2013 haben wir sie einmal betreten, k\u00f6nnen wir nicht von ihr herunter, bis wir dort angekommen sind, wo sie uns hinf\u00fchrt. Die F\u00e4higkeit zu z\u00e4hlen kann n\u00fctzlich sein, aber sie f\u00fchrt \u00fcber einen logischen Prozess bis zu den Abstraktionen der h\u00f6heren Mathematik, die evolution\u00e4r gesehen keinen direkten Nutzen abwerfen. Das gilt vielleicht auch f\u00fcr die F\u00e4higkeit, die Perspektive von Smiths unparteiischem Beobachter einzunehmen.<br \/>\nIndem ich an dieser Sicht auf die Bedeutung des Vernunftgebrauchs in der Moral festhalte, unterscheide ich mich von de Waals Auffassung von den Lehren, die wir aus J. D. Greenes bahnbrechendem Werk ziehen sollten, das uns mit bildgebenden neurologischen Verfahren Aufschluss dar\u00fcber geben soll, was bei moralischen Urteilen passiert. De Waal schreibt:<br \/>\n\u201eW\u00e4hrend die Fassadentheorie mit ihrer Betonung der menschlichen Einzig\u00adartig\u00adkeit moralisches Probleml\u00f6sen evolutionsgeschichtlich jungen Erg\u00e4nzungen unseres Gehirns zuschreiben w\u00fcrde &#8211; etwa dem pr\u00e4frontalen Kortex -, zeigen bildgebende neurologische Verfahren, dass de facto eine Vielzahl von Hirn\u00ada\u00adrea\u00adlen daran beteiligt ist, von denen einige extrem alt sind (Greene und Haidt 2002). Kurz gesagt: Die Neurowissenschaften scheinen die Vorstellung zu best\u00e4tigen, dass die menschliche Moralit\u00e4t evolutional im Sozialverhalten von S\u00e4ugetieren verwurzelt ist.\u201c<br \/>\nUm zu verstehen, warum wir nicht diesen Schluss ziehen sollten, brauchen wir ein wenig mehr Informationen dar\u00fcber, was Greene und seine Kollegen gemacht haben. Mittels bildgebender Verfahren untersuchten sie die Gehirnaktivit\u00e4t, wenn Menschen auf Situationen reagieren, die in der philosophischen Literatur als \u201eTrolley-Probleme\u201c bezeichnet werden. Beim Standardproblem dieser Art stehen Sie an einem Gleis und bemerken, dass eine unbemannte G\u00fcterlore die Schienen entlanggerollt kommt und auf eine Gruppe von f\u00fcnf Menschen zuf\u00e4hrt. Alle werden sterben, wenn das Gef\u00e4hrt seinen Weg fortsetzt. Das Einzige, was Sie tun k\u00f6nnen, um diese f\u00fcnf Leben zu retten, besteht darin, einen Weichenhebel umzustellen, wodurch der Trolley auf eine Nebenlinie umgeleitet wird, auf der er nur einen Menschen t\u00f6tet. Wenn gefragt wird, was man unter diesen Umst\u00e4nden tun sollte, sagen die meisten, dass man den Trolley auf die Nebenstrecke umlei-<br \/>\nten sollte und daher in der Bilanz vier Menschenleben retten w\u00fcrde.<br \/>\nIn einer anderen Version des Problems droht der Trolley wie zuvor f\u00fcnf Men\u00adschen zu t\u00f6ten. Dieses Mai jedoch stehen Sie nicht am Schienenstrang, sondern auf einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke \u00fcber der Bahnstrecke. Sie k\u00f6nnen den Trolley nicht umleiten. Sie \u00fcberlegen, von der Br\u00fccke zu springen, sich vor den Trolley zu werfen und sich selbst zu opfern, um die bedrohten Menschen zu retten, aber Sie erkennen, dass Sie viel zu leicht sind, um den Trolley zu stoppen. Neben Ihnen jedoch steht ein sehr beleibter Fremder. Die einzige M\u00f6glichkeit, den Trolley daran zu hindern, f\u00fcnf Menschen zu t\u00f6ten, besteht darin, diesen beleibten Fremden von der Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke vor den Trolley zu sto\u00dfen. Wenn<br \/>\nSie den Fremden hinuntersto\u00dfen, stirbt er, aber Sie retten die anderen<br \/>\nf\u00fcnf. Gefragt, was man in dieser Situation tun sollte, sagen die meisten, dass man den Fremden nicht von der Br\u00fccke sto\u00dfen sollte.<br \/>\nGreene und seine Kollegen sind der Auffassung, dass diese Situationen sich insofern unterscheiden, als sie entweder ein \u201eunpers\u00f6nliches\u201c Moment enthalten &#8211; wie das Stellen einer Weiche &#8211; oder aber eine \u201epers\u00f6nlich\u201c zugef\u00fcgte Verletzung, das Sto\u00dfen eines Fremden von einer Br\u00fccke. Sie stellten fest, wenn die Probanden in einem der \u201epers\u00f6nlichen\u201c Falle entscheiden mussten, waren die Areale des Gehirns. die mit emotionaler Aktivit\u00e4t verkn\u00fcpft sind, st\u00e4rker aktiv als in den F\u00e4llen, in denen die Probanden aufgefordert waren, ihre Entscheidungen in \u201eunpers\u00f6nlichen\u201c F\u00e4llen zu treffen. Bedeutsamer noch war, dass die Minder\u00adheit der Probanden, die zu dem Schluss gelangten, dass es richtig w\u00e4re, auf eine Weise zu handeln, weiche eine pers\u00f6nliche Verletzung mit einschlie\u00dft, aber den Gesamtschaden minimiert &#8211; beispielsweise jene, die sagten, dass es richtig w\u00e4re, den Fremden von der Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke zu sto\u00dfen, mehr Aktivit\u00e4t in den Teilen des Gehirns aufwiesen, die mit kognitiver Aktivit\u00e4t verkn\u00fcpft sind, und l\u00e4nger brauchten, um zu ihrer Entscheidung zu gelangen, als jene, die zu einem solchen Vorgehen \u201eNein\u201c sagten. Mit anderen Worten, wenn wir mit der Notwendigkeit konfrontiert sind, einen anderen Menschen physisch anzugreifen, sind unsere Emotionen m\u00e4chtig aufgepeitscht, und f\u00fcr manche ist die Tatsache, dass dies die einzige M\u00f6glichkeit ist, mehrere Leben zu retten, nicht hinreichend, um diese<br \/>\nEmotionen zu \u00fcberwinden. Aber jene, die bereit sind, so viele Leben wie m\u00f6glich zu retten, selbst wenn dies erfordert, einen anderen Menschen zu Tode zu sto\u00dfen, scheinen ihre Vernunft zu gebrauchen, um ihren emotionalen Widerstand gegen die pers\u00f6nliche Verletzung zu \u00fcberwinden, die das Sto\u00dfen eines anderen Menschen mit sich bringt.<br \/>\nUntermauert dies den Gedanken, dass die \u201emenschliche Moralit\u00e4t evolution\u00e4r in der Sozialit\u00e4t der S\u00e4ugetiergesellschaft verankert\u201c ist ? Ja, bis zu einem gewissen Punkt. Die emotionalen Reaktionen, welche die meisten Menschen veranlassen zu sagen, dass es falsch w\u00e4re, einen Fremden von einer Fu\u00df\u00adg\u00e4n\u00adger\u00adbr\u00fccke zu sto\u00dfen, k\u00f6nnen in genau jenen evolution\u00e4ren Begriffen erkl\u00e4rt werden, die de Waal in seinen Vorlesungen entwickelt und mit Material aus seinen Beobachtungen von Primatenverhalten untermauert. Desgleichen ist einfach nachzuvollziehen, dass wir keine \u00e4hnlichen Reaktionen auf jemand entwickeln konnten, der einen Weichenhebel umwirft, was ebenfalls zu Tod oder<br \/>\nVerletzung f\u00fchren kann, jedoch in einiger Entfernung von uns. W\u00e4hrend unserer gesamten Evolutionsgeschichte waren wir in der Lage, andere zu verletzen, indem wir sie gewaltsam stie\u00dfen, aber erst seit ein paar Jahrhunderten &#8211; einer viel zu kurzen Zeit, um f\u00fcr unsere evoluierte Natur einen Unterschied zu machen &#8211; sind wir in der Lage, andere mittels Handlungen wie dem Umlegen eines Hebels zu sch\u00e4digen.<br \/>\nEhe wir dies als Best\u00e4tigung von de Waals Argument betrachten, m\u00fcssen wir jedoch erneut \u00fcber die Probanden in Greenes Experimenten nachdenken. Sie kamen nach einiger \u00dcberlegung zu dem Schluss, dass es richtig sei, einen Weichenhebel zu bet\u00e4tigen, um einen Zug umzuleiten, wodurch zwar eine Person get\u00f6tet, aber f\u00fcnf gerettet werden, und dass es genauso richtig sei, eine Person von einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke zu werfen, um eine zu t\u00f6ten. aber f\u00fcnf zu retten. Dies ist ein Urteil, zu dem andere soziale S\u00e4ugetiere offenbar nicht f\u00e4hig sind.<br \/>\nDoch auch dies ist ein moralisches Urteil. Es scheint nicht aus dem evolution\u00e4ren Erbe hervorzugehen, das wir mit anderen sozialen S\u00e4ugetieren teilen, sondern aus unserer F\u00e4higkeit zum abw\u00e4genden Vernunftgebrauch. Wie die anderen sozialen S\u00e4ugetiere haben wir automatische, emotionale Reaktionen auf gewisse Arten von Verhalten, und diese Reaktionen bilden einen gro\u00dfen Teil unserer Moralit\u00e4t. Im Gegensatz zu den anderen sozialen S\u00e4ugetieren k\u00f6nnen wir \u00fcber unsere emotionalen Reaktionen nachdenken und uns entscheiden, sie zu verwerfen. Erinnern wir uns an Humphrey Bogarts Bemerkung gegen Ende von Casablanca, wo er, als Rick Blaine, der Frau, die er liebt (Ilsa Lund, gespielt von Ingrid Bergman), sagt, sie solle das Flugzeug neh\u00admen und sich ihrem Mann anschlie\u00dfen: \u201eEdelmut ist nicht meine St\u00e4rke, aber man braucht nicht viel, um zu sehen, dass die Probleme von drei kleinen Leutchen in dieser verr\u00fcckten Welt nur Kleinkram sind.\u201c Vielleicht braucht es nicht viel, aber es braucht F\u00e4higkeiten, die kein anderes soziales S\u00e4ugetier besitzt.<br \/>\nObwohl ich de Waals Bewunderung f\u00fcr David Hume teile, stelle ich fest, dass ich in dieser Sache widerstrebenden Respekt f\u00fcr einen Philosophen entwickle, der oft als Humes gro\u00dfer Gegenspieler betrachtet wird, lmmanuel Kant. Kant war der Auffassung, dass Moral auf Vernunft gegr\u00fcndet sein m\u00fcsse. nicht auf unsere W\u00fcnsche und Emotionen. Zweifellos irrte er in dem Glauben, dass Moral auf Vernunft alleine gegr\u00fcndet werden k\u00f6nne, aber es ist gleicherma\u00dfen falsch. Moral nur als eine Frage der emotionalen oder instinktiven Reaktionen zu betrachten, ohne R\u00fcckgriff auf unsere F\u00e4higkeit zum kritischen Vernunftgebrauch. Wir m\u00fcssen die emotionalen Reaktionen, die durch Millionen von Jahren des Lebens in kleinen Stammesgruppen in unsere biologische Natur ein\u00adge\u00adpr\u00e4gt sind, nicht als unumst\u00f6\u00dflich hinnehmen. Wir sind f\u00e4hig zum Ver\u00adnunft\u00adgebrauch und k\u00f6nnen Entscheidungen treffen, und wir k\u00f6nnen diese emotionalen Reaktionen ablehnen. Vielleicht tun wir dies nur auf Basis anderer emotionaler Reaktionen, aber an diesem Prozess sind Vernunft und Abstraktionsverm\u00f6gen beteiligt, und er kann uns, wie de Waal zugesteht, zu einer Moral f\u00fchren, die unparteischer ist, als es unsere Evolutionsgeschichte als soziale S\u00e4ugetiere &#8211; ohne diesen Vorgang des Vernunftgebrauchs &#8211; erlauben w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Das Problem beider Beispiele ist, dass es in diesen F\u00e4llen gar kein moralisches Handeln gibt. Die Behauptung, dass man einen t\u00f6te um f\u00fcnf zu retten, geh\u00f6rt zum Standardrepertoire der \u201eEntschuldigungen\u201c eines jeden M\u00f6rders.<br \/>\nUnd dass Menschen, wenn sie nur einen Hebel umlegen m\u00fcssen, eher zur Unmoral f\u00e4hig sind, ist keine neue Erkenntnis.<br \/>\nEinen anderen Menschen zu t\u00f6ten ist und bleibt aber eine unmoralische Handlung, ein Verbrechen, unabh\u00e4ngig davon, welche Rechtfertigung man vor bringen kann.<br \/>\nIm Gegenteil: Es ist  ein eigenst\u00e4ndiges Verbrechen und zwar ein intellektuelles, wenn man anf\u00e4ngt \u201eGr\u00fcnde\u201c auf zu sammeln, um T\u00f6ten zu rechtfertigen.<br \/>\nDie Botschaft de Waals lautet nun, dass dieses Gebot des \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten\u201c in unserer Instinktstruktur verankert sein soll, was auch erkl\u00e4rt, warum die Hemmung einen Mann von der Br\u00fccke zu schmeissen gr\u00f6sser ist, als einen Hebel um zu legen. Denn von dieser Hebel-Problematik konnte unser Instinkt noch nichts wissen, als wir von den B\u00e4umen stiegen.<br \/>\nWenn aber das \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten, wie Dich selbst\u201c ebenso Teil unserer Instinktstruktur ist wie der Drang andere zu beherrschen, dann hat das tiefgehende Konsequenzen, nicht nur f\u00fcr alle m\u00f6glichen Theorien in Philosophie, Psychologie, Geschichte, Soziologie und Politik, es hat auch tiefgehende Konsequenzen f\u00fcr die Frage welcher Weg uns letzten Endes zur Freiheit f\u00fchrt.<br \/>\nWeil der Drang zum Herrschen und zur Dominanz, einschliesslich Mord und Totschlag und \u201eKrieg\u201c zwischen benachbarten Horden \u00e4ffisches Erbe ist, das wir mit den Schimpansen teilen, darum musste nicht erst die \u201eEigentumsfrage\u201c relevant werden, um solches Verhalten in menschlichen Gesellschaften auf die Tagesordnung zu setzen.<br \/>\nD.h. Tyrannen und Tyrannei, Raub und Mord sind \u00e4lter als jedes private Eigentum an Produktionsmitteln.<br \/>\nAls aber die Eigentumsfrage auf die Tagesordnung trat, da stand das ganze Repertoire negativen Verhaltens von Mobbing bis Krieg, schon bereit.<br \/>\nUnd die Aussicht auf grosse Gewinne und ein bequemes Leben hat jede Menge zerst\u00f6rerische Energien frei gesetzt.<br \/>\nAber auch die Bonobos sind Affen und sie zeigen uns, dass unser \u00e4ffisches Erbe auch die F\u00e4higkeit zu Liebe und Zuneigung und zur konsequenten Konfliktvermeidung einschliesst. Und es zeigt, da\u00df Freuds Behauptung die Unterdr\u00fcckung der Sexualit\u00e4t, des Es, sei gewisserma\u00dfen der Preis den wir f\u00fcr unsere Kultur zu zahlen haben, Unsinn ist.<br \/>\nIm Gegenteil: Wir ben\u00f6tigen und missbrauchen unsere Vernunft um uns und anderen ein zu reden, es w\u00e4re eine gute und moralische Tat, wenn wir morden.<br \/>\nSinger und andere werden uns sogar ein zu reden versuchen, dass wir ohne einen Mord am Tod von f\u00fcnf Menschen schuld seien. Aber das ist falsch. Es ist die Lore, die t\u00f6tet und verantwortlich daf\u00fcr, dass sie das tut, ist der, der vergessen hat die Bremse zu zu drehen. Und auch der, der die Gleise so gelegt hat, dass man nicht seitlich aus dem Gleisbett springen kann.<br \/>\nDas Gebot keine anderen Menschen, keinen Artgenossen um zu bringen ist auch deswegen tief in uns verankert, weil seine Aufk\u00fcndigung, mit welchen wohl \u00fcberlegten Gr\u00fcnden auch immer, einen Krieg Aller gegen Alle ausl\u00f6st, denn \u201egute Gr\u00fcnde\u201c finden sich immer. Ein solcher Krieg bedroht aber den sozialen Zusammenhalt und kann sehr leicht zum Tod jeder Gemeinschaft f\u00fchren. Dieses Problem haben aber auch schon W\u00f6lfe und Affen. Und deswegen kennen sie dieses Gebot.<br \/>\nDeswegen gibt es auch keine \u201egerechten Kriege\u201c, auch wenn es manchmal eine Frage der Gerechtigkeit sein kann, dass man M\u00f6rder und Tyrannen mit milit\u00e4rischen Mitteln bek\u00e4mpft. Man muss immer wissen, dass diese milit\u00e4rischen Mittel, selbst wenn sie f\u00fcr gute Zwecke eingesetzt werden, per se b\u00f6se sind. Und dass sie die fatale Konsequenz haben auch auf die allerbesten und edelsten Ziele pervertierend zur\u00fcck zu wirken. Der Krieger bringt den Tod und zwar den Tod als Feind des Lebens, auch wenn er ein guter Krieger ist.<br \/>\nDas Gebot nicht zu t\u00f6ten ist zun\u00e4chst einmal fest in unseren Instinkten verankert.<br \/>\nDass sich dann bei Bonobos und Schimpansen und erst recht beim Menschen der Verstand und die Vernunft langsam vom Instinkt l\u00f6sen, schafft neue M\u00f6glichkeiten und Probleme.<br \/>\nU.a. das, dass man trotz seiner Instinkte morden kann. Die \u201eTiefe der Intentionalit\u00e4t\u201c trennt uns sicher von jedem Affen. Allerdings verr\u00e4t sie nichts \u00fcber unsere Moralit\u00e4t.<br \/>\nWenn Singer \u00fcber jene Probanden, die keine Probleme haben einen Mann von einer Br\u00fccke zu schmeissen, falls die Begr\u00fcndung stimmt, schreibt: \u201eDies ist ein Urteil, zu dem andere soziale S\u00e4ugetiere offenbar nicht f\u00e4hig sind. Doch auch dies ist ein moralisches Urteil.\u201c dann ist dies falsch. Es ist die vernunftgeleitete Unmoral zu der wir hier unsere F\u00e4higkeit beweisen.<\/p>\n<p>Andernfalls w\u00e4re n\u00e4mlich selbst Himmlers \u201eKrakauer Rede\u201c noch ein Dokument moralischen Ringens. Sie steckt \u00fcbrigens voller Referenzen an Kant.<br \/>\nSingers Ansatz den Verstand \u00fcber unsere Instinkte zu stellen, steht zwar in einer altehrw\u00fcrdigen Tradition, aber diese Tradition ist sehr blutig und voller Gewalt, Krieg und Unterdr\u00fcckung. Jede Knechtschaft beginnt mit der Vergewaltigung unserer Bed\u00fcrfnisse. Und immer vernehmen wir die Botschaft von der h\u00f6heren Vernunft, von der g\u00f6ttlichen Idee, die ihre Opfer fordert.<br \/>\nMeistens ist die h\u00f6here Idee eine L\u00fcge.<br \/>\nEs gibt nur eine wirklich hohe und verehrungsw\u00fcrdige Idee: Der Respekt vor und die Liebe zum Leben.<br \/>\nUnd nur wenn Verstand und Instinkt in dieser Liebe zusammen klingen, entsteht jene Sph\u00e4renmusik, die den Tod besiegt oder zumindest seine H\u00e4rte mildert und uns vers\u00f6hnt sterben l\u00e4sst.<br \/>\nUnsere F\u00e4higkeit zum B\u00f6sen, d.h. die F\u00e4higkeit uns zum Werkzeug von Tod und Vernichtung zu machen ist kein Resultat tierischer Instinkte.<br \/>\nSeit wir aus dem Paradies vertrieben wurde, wissen wir dank der Schlange was Gut und B\u00f6se ist. Tiere f\u00fchlen das nur.<br \/>\nWir k\u00f6nnen es auch wissen. Wir k\u00f6nnen aber auch tausend Gr\u00fcnde finden und erfinden, warum unser Gef\u00fchl unrecht hat und damit zu Propagandisten h\u00f6chster Unmoral werden.<br \/>\nDiese Freiheit haben wir.<br \/>\nGerade unser tierisches Erbe l\u00e4sst uns diese Freiheit.<br \/>\nWenn wir davon ausgehen, dass die Bonobos die direkten Nachfahren jener Waldaffen sind, von denen wir uns vor 5 Millionen Jahren abgesondert haben, dann haben diese uns eine bemerkenswerte Erfindung mit auf den Menschwerdungsweg gegeben:<br \/>\nSie haben das eher m\u00e4nnliche Hierarchie- und Dominanzverhalten im Hegelschen Sinne \u201eaufgehoben\u201c (n\u00e4mlich bewahrt und \u00fcberwunden), in dem sie die Frauen dominieren lassen. Damit wird die Liebe und nicht die Hierarchie zum \u201edominanten\u201c Prinzip der Konfliktregulierung.<br \/>\nDas ist neu.<br \/>\nUnd dieses Neue ist sofort in Gefahr, sobald die Reviergr\u00f6sse w\u00e4chst, weil das Nahrungsangebot schrumpft und damit die notwendige Solidarit\u00e4t der \u201eschwachen\u201c Frauen gegen die \u201estarken\u201c M\u00e4nner nicht mehr garantiert ist.<br \/>\nAber auch die Nachsicht der \u201estarken\u201c M\u00e4nner gegen die \u201eschwachen\u201c Frauen, die immer zuerst die besten Fr\u00fcchte wollen, \u00fcbersteht den Hunger und die Not nicht.<br \/>\nSo fallen die Schimpansen auf Pavian-Niveau zur\u00fcck. Da sie aber intelligenter sind als jene, fallen ihnen dabei auch Gemeinheiten ein, auf die ein Pavian nie kommen w\u00fcrde.<br \/>\nSo \u00e4hnlich kann es auch unseren Vorfahren gegangen sein, bis sie an die s\u00fcdafrikanische K\u00fcste kamen und dort, mit dem \u00fcberreichen Nahrungsangebot aus dem Meer, ein neues Paradies fanden (das alte liegt im Sumpfregenwald der Bonobos).<br \/>\nIn den nun wieder kleineren Revieren konnte die Dominanz der Frauen und damit die Dominanz der Liebe \u00fcber m\u00e4nnliche Macht neu entstehen bzw. wieder entdeckt werden.<br \/>\nUnd unter anderen, widrigeren Umst\u00e4nden auch wieder verloren gehen.<br \/>\nUnd wieder neu entdeckt z.B. mit der Erfindung des Gartens und des Gartenbaus.<br \/>\nUnd wieder verloren gehen&#8230;.<br \/>\nSo kann es gewesen sein. Ob es so war, werden andere herausfinden.<br \/>\nDas alles bedeutet aber, dass Liebe und Solidarit\u00e4t mindestens genauso alt und genauso tief in uns verankert sind, wie Hass und Herrschsucht.<br \/>\nEs heisst, dass wir f\u00fcr eine Gesellschaft, in der Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe dominieren, keinen \u201eneuen Menschen\u201c brauchen. Der alte gen\u00fcgt vollkommen.<br \/>\nEs wird darauf ankommen, welche Seite des \u201ealten Menschen\u201c zur Geltung kommt.<br \/>\nDer \u201eOberschimpanse\u201c oder \u201eOberpavian\u201c, dem alle Weibchen geh\u00f6ren, weil er die Gruppe beherrscht und der sich deswegen nur wenige Jahre halten kann, bevor ihn einer seiner Rivalen t\u00f6tet oder auch nur, wenn er Gl\u00fcck hat, von der Spitze vertreibt.<br \/>\nOder die, bei der wir alle Kinder der einen grossen Mutter sind und uns lieben.<br \/>\nNat\u00fcrlich w\u00e4re die letztere Gesellschaft sehr stark weiblich gepr\u00e4gt.<br \/>\nAber auch auf die Gefahr hin, dass \u201eM\u00e4nnerrechtler\u201c mich erneut zum \u201elila Pudel\u201c w\u00e4hlen: Ich ziehe es vor, der holden Weiblichkeit Orangen und Ananas zu schenken, statt mich vom Oberaffen bei\u00dfen oder gar totschlagen zu lassen.<br \/>\nEine Gesellschaft, die von oben nach unten hierarchisch durch strukturiert ist, pflegt die, die ganz unten sind, die Letzten, immer wieder aus zu spucken. Und als Idiot weiss ich, dass ich manchmal zu diesen Letzten geh\u00f6re.<br \/>\nDie Geschichte von Maria und ihrem fr\u00fchen Tod, erz\u00e4hlt uns davon, welche Art von Gesellschaft wir bekommen (bzw.haben), wenn noch der oder die Vorletzte sich \u00fcber den oder die Letzte erheben darf und die Schwachen schutzlos sind.<br \/>\nSie erz\u00e4hlt aber auch davon, wie \u201ekinderleicht\u201c es ist, dieser Idiotie etwas Besseres entgegen zu setzen. Und wir w\u00fcnschen uns, dass den Kindern, vor allem aber den kleinen M\u00e4dchen, gen\u00fcgend Energien aus der Geschichte mit Myschkin und Maria zu geflossen sind, um auch als Erwachsene solchen Treibjagden zu widerstehen.<br \/>\nSolche gr\u00fcnen Inseln der Liebe und Zuneigung zu schaffen inmitten einer Betonwelt der widerstreitenden Interessen, ist der wesentlichste Baustein eines \u201erichtigen Lebens im falschen\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das jetzt dazu gekommene Kapitel versucht Fragen der Moral zu beantworten, wie sie sich u.a. aus dem Kapitel \u00fcber Maria ergeben. 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