{"id":56,"date":"2011-02-05T17:48:44","date_gmt":"2011-02-05T16:48:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=56"},"modified":"2011-02-11T07:45:03","modified_gmt":"2011-02-11T06:45:03","slug":"maria-und-das-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=56","title":{"rendered":"Maria und das Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Das n\u00e4chste Kapitel ist fertig.<br \/>\nDer ganze Text kann unter<br \/>\n <a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wordpress\/wp-content\/Myschkin_f0.43.pdf'>Myschkin_f0.43<\/a><br \/>\ngeladen werden.<\/p>\n<p>Myschkin erz\u00e4hlt den Jepantschinschen Frauen bei seinem Antrittsbesuch von<br \/>\nseinem fr\u00fcheren Leben und davon, wie gl\u00fccklich er war, in der Schweiz, in der<br \/>\nHeilanstalt.<br \/>\nUnd zur Begr\u00fcndung dieses seines Gl\u00fcckszustandes erz\u00e4hlt er ihnen die<br \/>\nGeschichte von der schwinds\u00fcchtigen, krebskranken Maria und den Dorfkindern<br \/>\nund davon wie er diese Dorfkinder von der Feindschaft zur Freundschaft mit<br \/>\nMaria bekehrt hat.<br \/>\n\u201e \u00bbNun gut\u00ab, sagte Adelaida wieder in ihrer hastigen Art. \u00bbAber wenn Sie ein<br \/>\nsolcher Kenner von Gesichtern sind, dann sind Sie sicherlich auch verliebt<br \/>\ngewesen; ich habe also richtig vermutet. Erz\u00e4hlen Sie uns also davon!\u00ab<br \/>\n\u00bbIch bin nicht verliebt gewesen\u00ab, antwortete der F\u00fcrst ebenso leise und ernst<br \/>\nwie vorher; \u00bbich &#8230; ich war auf andere Weise gl\u00fccklich.\u00ab<br \/>\n\u00bbWie denn? Wodurch denn?\u00ab<br \/>\n\u00bbNun gut, ich will es Ihnen erz\u00e4hlen\u00ab, sagte der F\u00fcrst; er schien in tiefes<br \/>\nNachdenken versunken zu sein.\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19650<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 105)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\n\u201e \u00bbDort &#8230; dort gab es viele Kinder, und ich bin die ganze Zeit \u00fcber mit Kindern<br \/>\nzusammen gewesen, nur mit Kindern. Es waren die Kinder jenes Dorfes, eine<br \/>\nganze Schar, die die Schule besuchte. Unterrichtet habe ich sie nicht, oh nein;<br \/>\ndazu war ein Schullehrer dort, Jules Thibaut; ich habe sie wohl auch dies und<br \/>\ndas gelehrt; gr\u00f6\u00dftenteils aber war ich ohne solche Absicht mit ihnen zusammen,<br \/>\nund die ganzen vier Jahre habe ich in dieser Weise verlebt. Weiter hatte ich<br \/>\nkeine W\u00fcnsche. Ich sagte ihnen alles, ohne ihnen etwas zu verheimlichen. Ihre<br \/>\nEltern und Verwandten waren alle auf mich \u00e4rgerlich, weil die Kinder zuletzt<br \/>\nohne mich gar nicht mehr leben konnten und mich immer umdr\u00e4ngten, und der<br \/>\nSchullehrer wurde schlie\u00dflich mein \u00e4rgster Feind. Ich hatte dort viele Feinde, alle<br \/>\num der Kinder willen. Sogar Schneider machte mir Vorw\u00fcrfe. Und was f\u00fcrchteten<br \/>\nsie eigentlich? Man kann einem Kind alles sagen, geradezu alles; mich hat oft die<br \/>\nWahrnehmung \u00fcberrascht, wie schlecht die Erwachsenen die Kinder ken-<br \/>\nnen, sogar die V\u00e4ter und M\u00fctter ihre eigenen Kinder. Man darf den Kindern<br \/>\nnichts unter dem Vorwand verheimlichen, sie seien noch zu klein, und es sei f\u00fcr<br \/>\nsie noch zu fr\u00fch, dies und jenes zu wissen. Welch ein trauriger, ungl\u00fccklicher<br \/>\nGedanke! Und wie gut merken es die Kinder selbst, da\u00df die V\u00e4ter sie f\u00fcr zu klein<br \/>\nund unverst\u00e4ndig halten, w\u00e4hrend sie doch in Wirklichkeit alles verstehen! Die<br \/>\nErwachsenen wissen nicht, da\u00df die Kinder selbst in den schwierigsten<br \/>\nAngelegenheiten oft einen sehr guten Rat geben k\u00f6nnen. Oh Gott, wenn einen<br \/>\nso ein h\u00fcbsches V\u00f6gelchen vertrauensvoll und gl\u00fccklich anblickt, da sch\u00e4mt man<br \/>\nsich ja, es zu betr\u00fcgen! V\u00f6gelchen nenne ich die Kinder, weil die V\u00f6gelchen das<br \/>\nSch\u00f6nste sind, was es auf der Welt gibt. \u00dcbrigens waren alle Leute im Dorf<br \/>\nnamentlich wegen eines bestimmten Falles \u00fcber mich aufgebracht &#8230;<br \/>\nThibaut aber beneidete mich einfach; am Anfang sch\u00fcttelte er immer den Kopf<br \/>\nund wunderte sich dar\u00fcber, wie es zuging, da\u00df die Kinder bei mir alles begriffen<br \/>\nund bei ihm fast nichts; aber als ich ihm dann sagte, wir beide k\u00f6nnten sie<br \/>\nnichts lehren, sondern umgekehrt sie uns, da lachte er mich aus. Und wie<br \/>\nmochte er mich nur beneiden und verleumden, da er doch selbst in stetem<br \/>\nVerkehr mit den Kinder lebte! Durch den Verkehr mit Kindern aber wird die<br \/>\nSeele gesund&#8230;\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19651-19652<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 106)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nDieses Loblied auf die Weisheit der Kinder erinnert und das sicher nicht zuf\u00e4llig,<br \/>\nan ein anderes Loblied auf die Kinder:<br \/>\n\u201eZu derselben Stunde traten die J\u00fcnger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der<br \/>\nGr\u00f6\u00dfte im Himmelreich?<br \/>\nJesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie<br \/>\nund sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, da\u00df ihr umkehret und werdet<br \/>\nwie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.<br \/>\nWer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Gr\u00f6\u00dfte im<br \/>\nHimmelreich.<br \/>\nUnd wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.<br \/>\nWer aber \u00e4rgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem w\u00e4re es<br \/>\nbesser, da\u00df ein M\u00fchlstein an seinen Hals geh\u00e4ngt und er ers\u00e4uft werde im Meer,<br \/>\nda es am tiefsten ist.\u201c<br \/>\n[Luther-Bibel 1912: Das Matth\u00e4usevangelium. Die Luther-Bibel, S. 8514<br \/>\n(vgl. Mt 18, 1-6)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band29.htm ]<br \/>\nDie Perspektive des Kindes wird hier zur h\u00f6heren moralischen Warte.<br \/>\nUnd das Verh\u00e4ltnis zu den Kindern, zu den \u201eGeringsten\u201c, den Schw\u00e4chsten zum<br \/>\nPr\u00fcfstein. \u201eWer aber \u00e4rgert dieser Geringsten einen..\u201c.<br \/>\nAber nicht nur das, denn: \u201e Durch den Verkehr mit Kindern aber wird die Seele<br \/>\ngesund\u201c.<br \/>\nKinder sind der Beginn jeder Art von Moral.<br \/>\nAus der Sorge um sie sind wir soziale Wesen geworden und sie und der Umgang<br \/>\nmit ihnen sind der wirkliche Masstab daf\u00fcr, wie gerecht es in einer Gesellschaft<br \/>\nzu geht.<br \/>\nZugleich war unsere Kindheit, so sie gut war, unser wirklicher Garten Eden und<br \/>\ndie R\u00fcckkehr dorthin ist das, was wir mit Bloch \u201eHeimat\u201c nennen.<br \/>\nUnd je besser es gelingt dorthin zur\u00fcck zu kehren, in einen Zustand in dem wir<br \/>\nHalt finden, weil wir wissen, dass wir in der Not von anderen gehalten und<br \/>\ngerettet werden, desto n\u00e4her sind wir dem Paradies.<br \/>\nDeswegen k\u00f6nnen durch den Umgang mit Kindern auch kranke Seelen<br \/>\ngesunden.<br \/>\nMyschkins Geschichte geht schlie\u00dflich so weiter:<br \/>\n\u201e Die Kinder liebten mich zuerst nicht. Ich war so gro\u00df und immer so<br \/>\nunbeholfen; ich wei\u00df, da\u00df ich unsch\u00f6n bin &#8230;, dazu kam endlich noch, da\u00df ich<br \/>\nAusl\u00e4nder war. Die Kinder machten sich anfangs \u00fcber mich lustig, und dann<br \/>\nfingen sie sogar an, mit Steinen nach mir zu werfen, als sie gesehen hatten, da\u00df<br \/>\nich Marie k\u00fc\u00dfte. Ich habe sie aber nur ein einziges Mal gek\u00fc\u00dft &#8230; Nein, lachen<br \/>\nSie nicht!\u00ab warf der F\u00fcrst hastig ein, um ein L\u00e4cheln seiner Zuh\u00f6rerinnen zu<br \/>\nhemmen, \u00bbvon Liebe war dabei ganz und gar nicht die Rede. Wenn Sie w\u00fc\u00dften,<br \/>\nwas f\u00fcr ein ungl\u00fcckliches Gesch\u00f6pf sie war, w\u00fcrden Sie selbst sie ebenso<br \/>\nbemitleiden, wie ich es tat.\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19653<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 107)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nEr hat sie gek\u00fcsst, aber er liebt sie nicht. Sie tut ihm leid. Sollen wir das glauben<br \/>\n? Das k\u00f6nnen wir glauben, denn wer wie er zu den Ersten und den Letzten<br \/>\nzugleich geh\u00f6rt, muss mitleiden mit den Letzten, denn es sind seine Br\u00fcder und<br \/>\nSchwestern. Diese Solidarit\u00e4t ist im wohlverstanden eigenen Interesse.<br \/>\nTrotzdem \u00fcberrascht wie heftig er sich dagegen wehrt, er k\u00f6nnte auch die Frau<br \/>\nbegehrt haben. W\u00e4re das eine S\u00fcnde ?<br \/>\n\u201eSie war aus unserem Dorf. Ihre Mutter war eine alte Frau, die in ihrem kleinen,<br \/>\nganz bauf\u00e4lligen, zweifenstrigen H\u00e4uschen das eine Fenster mit einer Art<br \/>\nLadentisch versehen hatte; aus diesem Fenster verkaufte sie mit Erlaubnis der<br \/>\nDorfobrigkeit Schn\u00fcre, Zwirn, Tabak, Seife, alles immer f\u00fcr ganz wenige<br \/>\nGroschen, und davon lebte sie. Sie war krank: die F\u00fc\u00dfe waren ihr dauernd<br \/>\ngeschwollen, so da\u00df sie immer auf einem Fleck sitzen mu\u00dfte. Marie war ihre<br \/>\nTochter, zwanzig Jahre alt, schw\u00e4chlich und mager; schon l\u00e4ngst hatte sich bei<br \/>\nihr die Schwindsucht zu entwickeln begonnen; aber trotzdem ging sie immer auf<br \/>\nTagelohn zu schwerer Arbeit in die H\u00e4user: sie scheuerte die Fu\u00dfb\u00f6den, wusch<br \/>\nW\u00e4sche, fegte die H\u00f6fe und versorgte das Vieh. Ein durchreisender franz\u00f6sischer<br \/>\nKommis verf\u00fchrte sie und nahm sie mit sich fort, lie\u00df sie aber eine Woche darauf<br \/>\nunterwegs im Stich und machte sich heimlich davon. Sich durchbettelnd, kehrte<br \/>\nsie wieder nach Hause zur\u00fcck, ganz schmutzig, in Lumpen, mit zerrissenen<br \/>\nSchuhen; sie war eine ganze Woche lang zu Fu\u00df gewandert, hatte im Freien<br \/>\n\u00fcbernachtet und sich stark erk\u00e4ltet; ihre F\u00fc\u00dfe waren wund, die H\u00e4nde<br \/>\ngeschwollen und rissig. \u00dcbrigens war sie auch vorher nicht h\u00fcbsch gewesen; nur<br \/>\ndie Augen waren still, gut und unschuldig. Sie war im h\u00f6chsten Grade<br \/>\nschweigsam. Einmal, noch vor jenem Vorfall, fing sie bei der Arbeit auf einmal<br \/>\nan zu singen, und ich wei\u00df noch, da\u00df alle sich wunderten und zu lachen<br \/>\nanfingen: \u203aMarie singt! Was stellt das vor? Marie singt!\u2039 Sie wurde schrecklich<br \/>\nverlegen, und ihr Gesang verstummte dann f\u00fcr ihr ganzes Leben. Damals hatten<br \/>\ndie Leute sie noch freundlich behandelt; aber als sie krank und heruntergekommen<br \/>\nzur\u00fcckgekehrt war, da hatte niemand mit ihr auch nur das geringste<br \/>\nMitleid. Wie grausam die Menschen in solchen F\u00e4llen sind! Was f\u00fcr herzlose<br \/>\nAnschauungen sie von solchen Dingen haben! Als erste empfing die Mutter sie<br \/>\nmit Zorn und Verachtung: \u203aDu hast mich jetzt entehrt!\u2039 Sie war auch die erste,<br \/>\ndie sie der Schande preisgab: als man im Dorf h\u00f6rte, da\u00df Marie zur\u00fcckgekommen<br \/>\nsei, da kamen alle eilig herbeigelaufen, um sie zu sehen, und fast das<br \/>\nganze Dorf versammelte sich in dem H\u00e4uschen der Alten: Greise, Kinder,<br \/>\nFrauen, M\u00e4dchen, alle, alle, eine ergrimmte Menge. Marie lag hungrig und<br \/>\nzerlumpt auf dem Fu\u00dfboden zu den F\u00fc\u00dfen der Alten und weinte. Als alle<br \/>\nherbeigelaufen kamen, bedeckte sie ihr Gesicht mit dem aufgel\u00f6sten, wirren<br \/>\nHaar und dr\u00fcckte es gegen den Boden. Alle Umstehenden betrachteten sie, als<br \/>\nob sie ein Scheusal w\u00e4re. Die alten M\u00e4nner brachen den Stab \u00fcber sie und<br \/>\nschalten sie, die jungen Leute machten sich sogar \u00fcber sie lustig, die Frauen<br \/>\nschimpften auf sie und verdammten sie und sahen sie mit solcher Verachtung an<br \/>\nwie eine ekle Spinne.<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19653 &#8211; 19655<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 108)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nEr hat tats\u00e4chlich Angst vor der Liebe, die man auch \u201eS\u00fcnde\u201c nennt. Und er hat<br \/>\nmehr als einen Grund dazu. Das ganze Dorf verachtet Maria, weil sie auch<br \/>\neinmal als Frau begehrt werden wollte, weil sie gl\u00fccklich sein wollte. Sollte er<br \/>\nversuchen sie erneut gl\u00fccklich zu machen, w\u00e4re ihm und ihr die allgemeine<br \/>\nVerachtung sicher.<br \/>\nUnd eine zweite S\u00fcnde wartet auf ihn, denn wie der Hausierer w\u00fcrde er sie<br \/>\nsicher nicht f\u00fcr immer, sondern nur f\u00fcr eine Nacht begehren und damit,<br \/>\nvielleicht, &#8211; dazu m\u00fcssten wir Maria fragen -, ein sowieso schon erniedrigtes und<br \/>\nbeleidigtes Wesen noch mehr erniedrigen.<br \/>\nAber warum verachtet ein ganzes Dorf eine arme Frau, die nichts anderes<br \/>\nversucht hat als einmal im Leben gl\u00fccklich zu sein ?<br \/>\n\u201eDie Mutter lie\u00df das alles geschehen, sa\u00df selbst dabei, nickte mit dem Kopf und<br \/>\nbilligte diese Roheiten. Die Mutter war damals schon sehr krank und dem Tode<br \/>\nnahe (zwei Monate darauf starb sie auch wirklich); sie wu\u00dfte, da\u00df sie bald<br \/>\nsterben werde, wollte sich aber trotzdem bis zu ihrem Tod nicht mit ihrer<br \/>\nTochter vers\u00f6hnen; sie redete sogar kein Wort mit ihr, jagte sie zum Schlafen<br \/>\nauf den Flur hinaus und gab ihr fast nichts zu essen. Sie mu\u00dfte ihre kranken<br \/>\nF\u00fc\u00dfe oft in warmes Wasser stellen; Marie wusch sie ihr alle Tage und versorgte<br \/>\nihre Mutter; aber diese nahm alle Dienstleistungen der Tochter schweigend hin,<br \/>\nohne ihr auch nur ein einziges freundliches Wort zu sagen. Marie ertrug alles,<br \/>\nund als ich dann sp\u00e4ter mit ihr bekannt wurde, nahm ich wahr, da\u00df sie diese<br \/>\nBehandlung sogar selbst f\u00fcr gerecht erachtete und sich selbst f\u00fcr das<br \/>\nallerschlechteste Gesch\u00f6pf hielt. Als die Mutter dauernd an das Bett gefesselt<br \/>\nwar, kamen die alten Frauen des Dorfes der Reihe nach zu ihr, um sie zu<br \/>\npflegen; das ist dort so Sitte. Nun bekam Marie \u00fcberhaupt nichts mehr zu essen;<br \/>\nim Dorf aber jagten alle Leute sie fort, und nicht einmal Arbeit wollte ihr jemand<br \/>\ngeben. Alle behandelten sie wie eine Verworfene, und die M\u00e4nner betrachteten<br \/>\nsie gar nicht mehr als Weib, solche unfl\u00e4tigen Schimpfworte gebrauchten sie ihr<br \/>\ngegen\u00fcber. Manchmal, indes nur sehr selten, warfen sie ihr, wenn sie sich<br \/>\nsonntags betrunken hatten, des Spa\u00dfes halber ein paar Groschen hin, einfach<br \/>\nauf die Erde, und Marie hob sie schweigend auf. \u201e<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19655 &#8211; 19656<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 108-109)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nFranz de Waals erz\u00e4hlt uns in \u201eDer Affe in uns\u201c (S.221-223) folgende<br \/>\nGeschichte:<br \/>\n\u201eS\u00fcndenb\u00f6cke<br \/>\nDer Sieg hat hundert V\u00e4ter, die Niederlage aber ist eine Waise, sagt man. Die<br \/>\nVerantwortung f\u00fcr etwas zu \u00fcbernehmen, was schiefgegangen ist, z\u00e4hlt nicht zu<br \/>\nunseren St\u00e4rken. In der Politik betrachten wir Schuldzuweisungen als normal. Da<br \/>\nniemand die Schuld gern vor seiner Haust\u00fcre hat, tendiert sie zur Wanderschaft.<br \/>\nDas ist eine unsch\u00f6ne Weise der Konfliktl\u00f6sung: statt zu vermitteln, zu<br \/>\nvers\u00f6hnen und zu feiern, werden die Probleme, die an der Spitze entstehen,<br \/>\nnach unten durchgereicht.<br \/>\nJede Gesellschaft hat ihre S\u00fcndenb\u00f6cke, die extremsten F\u00e4lle aber beobachtete<br \/>\nich bei neugegr\u00fcndeten Makakengruppen. Bei diesen Tieraffen gibt es strenge<br \/>\nHierarchien, und w\u00e4hrend die weiter oben auf der Leiter ihre Rangordnung<br \/>\nfestlegten &#8211; was ziemlich unangenehm werden kann -, war f\u00fcr sie nichts<br \/>\neinfacher, als sich en masse gegen die Armen am unteren Ende zu wenden. Ein<br \/>\nWeibchen namens Black wurde so oft attackiert, da\u00df die Ecke, in die es<br \/>\nsich fl\u00fcchtete, bei uns nur noch &#8222;Blacks Corner\u201c hie\u00df. Dort kauerte Black,<br \/>\nw\u00e4hrend der Rest der Gruppe sich um sie scharte, wobei meistens nur gegrunzt<br \/>\nund gedroht wurde; manchmal wurde Black aber auch gebissen oder bekam<br \/>\nh\u00e4ndeweise Haare ausgerissen.<br \/>\nWas den Umgang mit Primaten angeht, hat es meiner Erfahrung nach keinen<br \/>\nZweck, der Versuchung nachzugeben, den S\u00fcndenbock aus der Gruppe zu<br \/>\nentfernen: schon am n\u00e4chsten Tag hatte ein anderes Individuum seinen Platz<br \/>\neingenommen. Offensichtlich braucht man ein Auffangbecken f\u00fcr Spannungen.<br \/>\nAber als Black ihr erstes Junges bekam, ver\u00e4nderte sich alles, denn das<br \/>\nAlpham\u00e4nnchen sch\u00fctzte den S\u00e4ugling. Der Rest der Gruppe weitete die<br \/>\nAnimosit\u00e4ten gegen\u00fcber Black auf deren ganze Familie aus, also wurde auch<br \/>\ndieses kleine Affenbaby bedroht und angegrunzt, doch dank des Schutzes von<br \/>\nh\u00f6chster Stelle hatte es nichts zu f\u00fcrchten und war von dem ganzen Theater nur<br \/>\nziemlich irritiert. Black gew\u00f6hnte sich bald an, in der N\u00e4he ihres Sohnes zu<br \/>\nbleiben, wenn Probleme auftauchten, denn dann wagte niemand, gegen sie<br \/>\nhandgreiflich zu werden.<br \/>\nS\u00fcndenb\u00f6cke sind so effizient, weil sie ein zweischneidiges Schwert darstellen.<br \/>\nErstens l\u00f6st ein S\u00fcndenbock Spannungen zwischen dominanten Individuen.<br \/>\nEinen unschuldigen, harmlosen Au\u00dfenstehenden zu attackieren ist f\u00fcr sie<br \/>\neindeutig weniger riskant, als sich gegenseitig anzugreifen. Zweitens scharen<br \/>\nsich so die H\u00f6herrangigen um eine gemeinsame Sache. W\u00e4hrend sie dem<br \/>\nS\u00fcndenbock drohen, binden sie sich aneinander, manchmal umarmen oder<br \/>\nbesteigen sie sich auch, womit sie zeigen, da\u00df ihre Reihen fest geschlossen sind.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist das eine reine Farce: Primaten suchen sich oft Feinde, die kaum<br \/>\nProbleme bereiten. Bei einer Gruppe von Tieraffen pflegten alle Mitglieder zum<br \/>\nWasserbassin zu st\u00fcrmen und ihre eigenen Spiegelbilder zu bedrohen. Im<br \/>\nGegensatz zu Menschen und Menschenaffen erkennen sich Tieraffen in ihren<br \/>\nSpiegelbildern nicht wieder, und so hatte diese Gruppe Feinde gefunden, die sich<br \/>\nbequemerweise nicht wehrten. Die Schimpansen von Arnheim hatten ein<br \/>\nanderes Ventil. Wenn bei ihnen Spannungen bis zum kritischen Punkt<br \/>\neskalierten, begann einer von ihnen in Richtung der L\u00f6wen und Geparden im angrenzenden<br \/>\nSafaripark zu bellen. Die Gro\u00dfkatzen waren perfekte Feinde. Bald<br \/>\nbellte die gesamte Kolonie mit \u201eWraaa!\u201c aus vollem Hals diese gr\u00e4\u00dflichen Bestien<br \/>\nan, vor denen sie, durch einen Graben, einen Zaun und einen Streifen Wald<br \/>\ngetrennt, sicher waren. Die Spannungen waren bald vergessen.<br \/>\nIn einer gut etablierten Gruppe gibt es in der Regei kein bestimmtes Individuum,<br \/>\ndas immer wieder in die Ecke gejagt wird. Vielmehr ist das Fehlen eines<br \/>\nPr\u00fcgelknaben ein sicheres Anzeichen, da\u00df die Hierarchiefragen gekl\u00e4rt sind. Aber<br \/>\ndie Transposition von Aggressionen, wie Fachleute das nennen, mu\u00df nicht notwendigerweise<br \/>\nbis zur untersten Stufe der sozialen Leiter fortgesetzt werden.<br \/>\nAlpha droht Beta, und der schaut sich sofort nach Gamma um. Dann droht Beta<br \/>\nGamma und schielt gleichzeitig nach Alpha, denn f\u00fcr ihn w\u00e4re es ideal, wenn<br \/>\njetzt Alpha f\u00fcr Beta Partei ergriffe. Die Transposition von Aggressionen kann<br \/>\n\u00fcber vier bis f\u00fcnf Stufen weitergehen, bis sie schlie\u00dflich im Sand verl\u00e4uft.<br \/>\nDie Intensit\u00e4t der Aggressionen ist oft gering &#8211; ungef\u00e4hr das \u00c4quivalent von<br \/>\nSchimpfworten oder T\u00fcren schlagen -, erlaubt den H\u00f6herrangigen aber noch<br \/>\nimmer, Dampf abzulassen. Und alle Gruppenmitglieder wissen, was da vor sich<br \/>\ngeht: bei den ersten Anzeichen von Spannungen an der Spitze gehen die<br \/>\nUntergeordneten in Deckung.<br \/>\nDer Ausdruck \u201eS\u00fcnenbock\u201c geht auf das Alte Testament zur\u00fcck. Bei den<br \/>\nFeierlichkeiten am Vers\u00f6hnungstag wurde zun\u00e4chst ein Ziegenbock geopfert, ein<br \/>\nzweiter aber kam mit dem Leben davon. Auf ihn \u00fcbertrug man symbolisch alle<br \/>\nS\u00fcnden des Volkes, und dann schickte man ihn buchst\u00e4blich in die W\u00fcste. Auf<br \/>\ndiese Weise befreiten sich die Menschen von Schuld. \u00c4hnlich nennt das Neue<br \/>\nTestament Jesus \u201edas Lamm Gottes, das die S\u00fcnde der Welt hinweg nimmt\u201c<br \/>\n(Johannes 1:29).<br \/>\nModernen S\u00fcndenb\u00f6cken gibt man die Schuld f\u00fcr etwas, was sie gar nicht zu<br \/>\nverantworten haben; sie werden d\u00e4monisiert und verfolgt. Das gr\u00e4\u00dfchste<br \/>\nBeispiel der Menschheitsgeschichte daf\u00fcr lieferte der Holocaust, aber es gibt<br \/>\nnoch ein ganzes Spektrum weiterer M\u00f6glichkeiten, auf Kosten anderer Dampf<br \/>\nabzulassen, beispielsweise die Hexenverfolgungen im Mittelalter, Vandalismus<br \/>\ndurch Fans unterlegener Sportmannschaften und das Verpr\u00fcgeln von Ehefrauen<br \/>\nnach Konflikten am Arbeitsplatz. Und die Hauptmerkmale dieses Verhaltens &#8211; die<br \/>\nUnschuld des Opfers und das L\u00f6sen von Spannungen durch Gewalt &#8211; sind bei<br \/>\nMenschen und anderen Tieren verbl\u00fcffend \u00e4hnlich.\u201c<br \/>\nSoweit de Waals.<br \/>\nEs ist eine sehr grausame Welt, diese Welt der Hierarchien und der Hierarchen.<br \/>\nIn dieser Welt gibt es immer jemand und muss es mit Notwendigkeit immer<br \/>\njemand geben, der am unteren Ende der Leiter steht.<br \/>\nUnd dem oder der geht es schlecht, denn die \u201eSchwachen und Kranken m\u00fcssen<br \/>\nzugrunde gehen und man soll ihnen dazu helfen.\u201c(Nietzsche,Antichrist).<br \/>\nMan t\u00e4te den Affen unrecht, wenn man Nietzsche eine Affenmoral unterstellen<br \/>\nw\u00fcrde, denn immerhin rettet der Oberaffe in diesem Fall die Situation, in dem er<br \/>\nmit dem rangniedrigsten Weibchen schl\u00e4ft. Damit macht er die Letzte zur Frau<br \/>\ndes Ersten und rettet sie dadurch.<br \/>\n\u00dcberhaupt scheinen die Affengruppen ihre Methoden zu haben, diese m\u00f6rderische<br \/>\nKonsequenz von Hierarchien ab zu mildern. Die einfachste Methode daf\u00fcr<br \/>\nist, dass sich einer von den Ersten sch\u00fctzend vor die Letzten stellt.<br \/>\nDas meint auch der ber\u00fchmte Satz: \u201eWas ihr getan habt einem der Geringsten,<br \/>\ndas habt ihr mir getan !\u201c. Der Schullehrer und der Pfarrer, als die 2<br \/>\nDorfintellektuellen in der \u00f6rtlichen Hierarchie eher \u201eoben\u201c zu Hause, denken gar<br \/>\nnicht daran Maria zu sch\u00fctzen, sondern sie hetzen am Schlimmsten.<br \/>\nDeswegen gibt es f\u00fcr Maria keine Rettung:<br \/>\n\u201eSie fing schon damals an, Blut zu husten. Schlie\u00dflich waren ihre Lumpen schon<br \/>\nvollst\u00e4ndig zu Fetzen geworden, so da\u00df sie sich sch\u00e4mte, sich im Dorf blicken zu<br \/>\nlassen; barfu\u00df ging sie schon von ihrer Heimkehr an. Da begann die ganze<br \/>\nKinderschar (es waren \u00fcber vierzig Schulkinder) sie zu verh\u00f6hnen und sogar mit<br \/>\nSchmutz nach ihr zu werfen. Sie bat den Hirten, er m\u00f6chte ihr erlauben, die<br \/>\nK\u00fche zu h\u00fcten; aber der Hirt jagte sie weg. Da fing sie an, ohne seine Erlaubnis<br \/>\nmit der Herde auf den ganzen Tag auszuziehen. Da sie dem Hirten sehr viel<br \/>\nNutzen brachte und er dies bemerkte, so trieb er sie nun nicht mehr fort und<br \/>\ngab ihr sogar manchmal die \u00dcberreste seines Mittagessens, Brot und K\u00e4se. Er<br \/>\nhielt das f\u00fcr eine gro\u00dfe Gnade von seiner Seite. Als die Mutter gestorben war,<br \/>\nsch\u00e4mte sich der Pastor nicht, Marie in der Kirche vor allem Volk an den Pranger<br \/>\nzu stellen. Marie stand, so wie sie war, in ihren Lumpen, am Sarg. Es hatten sich<br \/>\neine Menge Leute eingefunden, um zu sehen, wie sie weinen und hinter dem<br \/>\nSarg hergehen werde; da wandte sich der Pastor (er war noch ein junger Mann,<br \/>\nund sein ganzer Ehrgeiz ging darauf, ein gro\u00dfer Prediger zu werden) an alle<br \/>\nAnwesenden und zeigte auf Marie. \u203aDie ist es, die an dem Tod dieser<br \/>\nachtenswerten Frau die Schuld tr\u00e4gt\u2039 (das war unwahr, da die Mutter schon seit<br \/>\nzwei Jahren krank gewesen war); \u203ada steht sie vor euch und wagt nicht<br \/>\naufzublicken, weil Gottes Finger sie gezeichnet hat; da ist sie nun, barfu\u00df und in<br \/>\nLumpen, ein abschreckendes Beispiel f\u00fcr diejenigen, die vom Pfad der Tugend<br \/>\nabirren m\u00f6chten! Und wer ist es? Es ist ihre eigene Tochter!\u2039, und in dieser Art<br \/>\nimmer weiter.<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19656 &#8211; 19657<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 109-110)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nWenn man sich diesen Prediger in all seiner Arroganz vor Augen f\u00fchrt, kann man<br \/>\nnur mit Matth\u00e4us antworten:<br \/>\n\u201e Wer aber \u00e4rgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem w\u00e4re es<br \/>\nbesser, da\u00df ein M\u00fchlstein an seinen Hals geh\u00e4ngt und er ers\u00e4uft werde im Meer,<br \/>\nda es am tiefsten ist.\u201c<br \/>\n[Luther-Bibel 1912: Das Matth\u00e4usevangelium. Die Luther-Bibel, S. 8514<br \/>\n(vgl. Mt 18, 1-6)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band29.htm ]<br \/>\n\u201eUnd denken Sie sich: diese Gemeinheit gefiel fast allen; aber &#8230; nun ereignete<br \/>\nsich etwas ganz Besonderes: die Kinder traten f\u00fcr Marie ein; denn zu dieser Zeit<br \/>\nwaren die Kinder alle schon auf meiner Seite und hatten Marie liebgewonnen.<br \/>\nDas war so zugegangen. Ich wollte gern etwas f\u00fcr Marie tun; es war dringend<br \/>\nn\u00f6tig, da\u00df ihr jemand Geld gab; aber Geld hatte ich dort nie auch nur eine<br \/>\nKopeke in meinem Besitz. Ich hatte eine kleine Brillantnadel; die verkaufte ich<br \/>\nan einen Tr\u00f6dler, der in den D\u00f6rfern herumzog und mit alten Kleidern handelte.<br \/>\nEr gab mir daf\u00fcr acht Franken, obwohl sie gut vierzig wert war. Lange Zeit<br \/>\nbem\u00fchte ich mich, Marie allein zu treffen; endlich begegneten wir einander<br \/>\nau\u00dferhalb des Dorfes, an einem Zaun, auf einem Seitenpfad, der in die Berge<br \/>\nf\u00fchrte, bei einem Baum. Dort gab ich ihr die acht Franken und sagte ihr, sie<br \/>\nm\u00f6chte damit sparsam umgehen, da ich nicht mehr h\u00e4tte; und dann k\u00fc\u00dfte ich<br \/>\nsie und sagte, sie solle nicht denken, da\u00df ich irgendwelche unlautere Absicht<br \/>\nh\u00e4tte; ich h\u00e4tte sie nicht etwa gek\u00fc\u00dft, weil ich in sie verliebt w\u00e4re, sondern weil<br \/>\nsie mir sehr leid t\u00e4te und ich sie gleich von Anfang an durchaus nicht f\u00fcr eine<br \/>\nSchuldbeladene, sondern nur f\u00fcr eine Ungl\u00fcckliche gehalten h\u00e4tte. Ich wollte sie<br \/>\ngern gleich bei dieser Begegnung tr\u00f6sten und ihr deutlich machen, da\u00df sie sich<br \/>\ngar nicht f\u00fcr soviel schlechter als alle zu halten brauche; aber sie schien das gar<br \/>\nnicht zu verstehen. Ich merkte das gleich, obwohl sie fast die ganze Zeit \u00fcber<br \/>\nschwieg und mit niedergeschlagenen Augen vor mir stand und sich furchtbar<br \/>\nsch\u00e4mte. Als ich zu Ende war, k\u00fc\u00dfte sie mir die Hand, und ich griff sofort nach<br \/>\nder ihrigen und wollte sie ihr k\u00fcssen; aber sie zog sie schnell weg. In diesem<br \/>\nAugenblick ersp\u00e4hten uns auf einmal die Kinder, ein ganzer Schwarm; ich erfuhr<br \/>\nsp\u00e4ter, da\u00df sie mir schon lange nachspioniert hatten. Sie fingen an zu pfeifen, in<br \/>\ndie H\u00e4nde zu klatschen und zu lachen; Marie aber lief eiligst davon. Ich wollte zu<br \/>\nden Kindern etwas sagen; aber sie warfen nach mir mit Steinen. Noch an<br \/>\ndemselben Tag erfuhren alle, was vorgefallen war, das ganze Dorf; alle fielen sie<br \/>\nwieder \u00fcber Marie her und wurden ihr noch mehr feind. Ich h\u00f6rte sogar, da\u00df<br \/>\nman vorhatte, sie zu einer Strafe zu verurteilen; indes ging das, Gott sei Dank,<br \/>\nnoch so vor\u00fcber. Aber daf\u00fcr lie\u00dfen ihr die Kinder gar keine Ruhe mehr; sie<br \/>\nverh\u00f6hnten sie noch \u00e4rger als vorher und bewarfen sie mit Schmutz; sie jagten<br \/>\nihr nach, und sie floh dann vor ihnen mit ihrer schwachen Brust, ganz au\u00dfer<br \/>\nAtem, und die Kinder schreiend und schimpfend hinter ihr her. Einmal begann<br \/>\nich sogar, mich mit ihnen herumzuschlagen. Dann versuchte ich mit ihnen zu<br \/>\nreden und redete zu ihnen jeden Tag, sooft ich nur dazu die M\u00f6glichkeit hatte.<br \/>\nManchmal blieben sie stehen und h\u00f6rten zu, obwohl sie immer noch schimpften.<br \/>\nIch erz\u00e4hlte ihnen, wie ungl\u00fccklich Marie sei; bald h\u00f6rten sie denn auch auf zu<br \/>\nschimpfen und gingen schweigend fort. Allm\u00e4hlich kam es dazu, da\u00df wir<br \/>\nmiteinander Gespr\u00e4che f\u00fchrten; ich verheimlichte ihnen nichts, sondern erz\u00e4hlte<br \/>\nihnen alles. Sie h\u00f6rten sehr neugierig zu und begannen bald, Marie zu<br \/>\nbemitleiden. Einzelne fingen an, wenn sie ihr begegneten, sie freundlich zu<br \/>\ngr\u00fc\u00dfen; es ist dort Sitte, wenn man einander begegnet, ob man sich nun kennt<br \/>\noder nicht, sich zu gr\u00fc\u00dfen und guten Tag zu sagen. Ich kann mir vorstellen, wie<br \/>\nerstaunt Marie dar\u00fcber war. Eines Tages verschafften sich zwei kleine M\u00e4dchen<br \/>\netwas Essen, trugen es ihr hin, gaben es ihr und kamen dann zu mir, um es mir<br \/>\nzu sagen. Sie erz\u00e4hlten mir, Marie habe geweint, und sie h\u00e4tten sie jetzt sehr<br \/>\nlieb. Bald fingen alle an, sie liebzuhaben, und gleichzeitig auf einmal auch mich.<br \/>\nSie kamen nun oft zu mir und baten immer, ich m\u00f6chte ihnen etwas erz\u00e4hlen;<br \/>\nich mu\u00df wohl gut erz\u00e4hlt haben, weil sie mir sehr gern zuh\u00f6rten. In der Folgezeit<br \/>\nlernte und las ich immer nur in der Absicht, es ihnen nachher zu erz\u00e4hlen, und<br \/>\nso habe ich ihnen in den ganzen n\u00e4chsten drei Jahren immer etwas erz\u00e4hlt. Als<br \/>\nmir dann alle, auch Schneider, Vorw\u00fcrfe dar\u00fcber machten, da\u00df ich mit den<br \/>\nKindern wie mit Erwachsenen spr\u00e4che und ihnen nichts verheimlichte,<br \/>\nantwortete ich ihnen, man m\u00fcsse sich sch\u00e4men, den Kindern etwas vorzul\u00fcgen;<br \/>\nsie erf\u00fchren ja doch alles, wie sehr man es ihnen auch zu verbergen suche, und<br \/>\nerf\u00fchren es vielleicht auf eine h\u00e4\u00dfliche Weise; wenn sie es aber von mir h\u00f6rten,<br \/>\nso sei das nicht der Fall. Ein jeder brauche sich nur an seine eigene Kindheit zu<br \/>\nerinnern. Aber sie stimmten mir nicht bei &#8230;\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19658 &#8211; 19661<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 110-112)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nHierarchie produziert Gewinner und Verlierer. Und es ist ein grausames Schicksal<br \/>\nbei den Verlierern zu sein. Das ist bei Menschen nicht anders als bei Affen. Aber<br \/>\nes gibt ein Gegenmittel gegen diese Grausamkeit. Dieses Gegenmittel heisst<br \/>\nLiebe, Zuneigung, Vertrauen. Das ist es, was er die Kinder lehrt. Und sie<br \/>\nverstehen es. Zwei kleine M\u00e4dchen als erste. Das ist wenig \u00fcberraschend, denn<br \/>\nHierarchiebildung ist schon bei Schimpansen ein sehr m\u00e4nnliches Gesch\u00e4ft.<br \/>\nIm \u00fcbrigen auch ein teures Gesch\u00e4ft, den Schimpansenhorden haben in der<br \/>\nRegel einen Frauen\u00fcberschuss.<br \/>\nSchimpansenm\u00e4nner bringen sich gegenseitig um. Ausserdem m\u00fcssen sie, je<br \/>\nh\u00f6her sie steigen, je mehr bef\u00fcrchten tief zu fallen. Das strengt an, das<br \/>\nproduziert jede Menge Stress und deswegen werden Schimpansenm\u00e4nner nicht<br \/>\nso alt wie Schimpansenfrauen.<br \/>\nDie Gegenwelt dazu finden wir bei den Bonobos mit ihrem Matriarchat und ihrem<br \/>\nGrundsatz sich im Zweifel lieber einmal mehr zu lieben als zu erschlagen.<br \/>\nAber h\u00f6ren wir dazu wieder Franz de Waals:<br \/>\n\u201eBei denen, die mit Bonobos arbeiten, haben sich das Schockiertsein und die<br \/>\nUngl\u00e4ubigkeit der Anfangsjahre abgenutzt. Wir haben uns an die auf dem Kopf<br \/>\nstehende Geschlechterordnung so sehr gew\u00f6hnt, da\u00df wir uns noch nicht einmal<br \/>\nvorstellen w\u00fcrden, es k\u00f6nnte sich anders verhalten. Es kommt uns ganz<br \/>\nnat\u00fcrlich vor.<br \/>\nDie Skeptiker schaffen es offensichtlich nicht, sich davon freizumachen, wie es<br \/>\nbei unserer eigenen Spezies zugeht. W\u00e4hrend der Lesereise f\u00fcr mein Buch<br \/>\nBonobos: Die z\u00e4rtlichen Menschenaffen war der H\u00f6hepunkt &#8211; oder vielleicht der<br \/>\nTiefpunkt &#8211; eine Frage, die ein h\u00f6chst angesehener deutscher Biologieprofessor<br \/>\nstellte. Nach meinem Vortrag stand er auf und bellte in fast anklagendem Ton:<br \/>\n\u201eWas ist mit diesen M\u00e4nnchen nicht in Ordnung?!\u201c Das weibliche Dominanzverhalten<br \/>\nschockierte ihn. Ich bin umgekehrt schon immer der Ansicht, da\u00df sich<br \/>\nBonobom\u00e4nner angesichts der reichlichen sexuellen Aktivitat der Bonobos und<br \/>\ndes niedrigen Aggressionsniveaus eigentlich nicht viel beklagen k\u00f6nnen. Man<br \/>\nsollte meinen, da\u00df sie weniger Stre\u00df haben als ihre Menschen- und Schimpansenvettern.<br \/>\nMeine Antwort an den Professor &#8211; da\u00df es den Bonobom\u00e4nnern<br \/>\nanscheinend ganz gut gehe &#8211; schien ihn jedoch nicht zu befriedigen. Dieser<br \/>\nMenschenaffe ersch\u00fcttert unsere \u00dcberzeugungen hinsichtlich unserer Herkunft<br \/>\nund unseres Verhaltens in den Grundfesten.<br \/>\nWas ist also so gut daran, ein Bonobomann zu sein? Zum einen ist das Verh\u00e4ltnis<br \/>\nzwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Individuen bei wildlebenden<br \/>\nBonobos fast eins zu eins. Ihre Gesellschaft setzt sich aus gleich vielen<br \/>\nAngeh\u00f6rigen beider Geschlechter zusammen, wohingegen Schimpansengesellschaften<br \/>\noftmals doppelt so viele Frauen wie M\u00e4nner aufweisen. Da beide<br \/>\nArten bei der Geburt ein Geschlechterverh\u00e4ltnis von eins zu eins haben und da<br \/>\nes au\u00dferhalb der Gruppen keine umherziehenden m\u00e4nnlichen Einzelg\u00e4nger gibt,<br \/>\nmu\u00df die Sterblichkeit unter Schimpansenm\u00e4nner au\u00dferordentlich hoch sein. Das<br \/>\n\u00fcberrascht kaum, wenn man bedenkt, wieviel Krieg zwischen konkurrierenden<br \/>\nGemeinschaften dieser Spezies gef\u00fchrt wird und wieviel Verletzungen und Stre\u00df<br \/>\naus den st\u00e4ndigen Machtk\u00e4mpfen resultieren. Unter dem Strich kommt heraus,<br \/>\nda\u00df Bonobom\u00e4nner l\u00e4nger und ges\u00fcnder leben als ihre Macho-Vettern.<br \/>\nEine Weile hatte man angenommen, Bonobos h\u00e4tten eine Familienstruktur wie<br \/>\nwir: Erwachsene M\u00e4nner, so fand man, unterhielten stabile Bindungen zu<br \/>\nbestimmten Bonobofrauen. Endlich ein Menschenaffe, der uns die Urspr\u00fcnge der<br \/>\nMonogamie erhellt, glaubten wir. Doch dann erfuhren wir dank der gr\u00fcndlichen<br \/>\nFeldforschung von Kano und anderen, da\u00df dies in Wirklichkeit Bindungen zwischen<br \/>\nM\u00fcttern und S\u00f6hnen waren. Ein erwachsener Bonobomann folgt seiner<br \/>\nMutter durch den Wald und profitiert von ihrer Zuwendung und ihrem Schutz &#8211;<br \/>\nvor allem wenn sie einen hohen Status hat. Faktisch ist die Hierarchie der<br \/>\nBonobom\u00e4nner eine matriarchalische. Statt unter ihresgleichen st\u00e4ndig<br \/>\nwechselnde Koalitionen zu bilden. wetteifern sie an den Sch\u00fcrzenzipfeln ihrer<br \/>\nM\u00fctter um Positionen.<br \/>\nEin typisches Beispiel daf\u00fcr ist Kame, ein wildes Alphaweibchen, die nicht weniger<br \/>\nals drei erwachsene S\u00f6hne hatte, von denen der \u00e4lteste das Alpham\u00e4nnchen<br \/>\nwar. Als Kame im Alter schw\u00e4cher wurde, z\u00f6gerte sie, ihre Kinder zu verteidigen.<br \/>\nDer Sohn des Betaweibchens mu\u00df das gemerkt haben, denn er begann<br \/>\nKarnes S\u00f6hne herauszufordern. Seine eigene Mutter unterst\u00fctzte ihn dabei und<br \/>\nschreckte nicht davor zur\u00fcck, in diesem Rahmen auch das Alpham\u00e4nnchen zu<br \/>\nattackieren. Die Reibereien eskalierten, bis die beiden M\u00fctter sich schlugen und<br \/>\nauf dem Boden herumw\u00e4lzten, wobei das Betaweibchen Kame niederrang. Von<br \/>\ndieser Erniedrigung erholte sich Kame nie wieder, und bald fielen ihre S\u00f6hne auf<br \/>\nmittlere R\u00e4nge zur\u00fcck. Nach Karnes Tod wurden sie ganz an den Rand verdr\u00e4ngt,<br \/>\nund die S\u00f6hne des neuen Alphaweibchens nahmen die Spitzenpositionen<br \/>\nein.<br \/>\nH\u00e4tte es sich um Schimpansen gehandelt, h\u00e4tten Karnes S\u00f6hne sich zusammen<br \/>\ngeschlossen, um ihre Positionen zu verteidigen.Bei Bonobos jedoch sind<br \/>\nm\u00e4nnliche Allianzen nur schwach ausgebildet, und genau das erlaubt es den<br \/>\nBonobofrauen, sich so stark durchzusetzen. Auch wenn sie selten sind, straft die<br \/>\nBeobachtung solcher Machtk\u00e4mpfe die Vorstellung L\u00fcgen, da\u00df die Bonobogesellschaft<br \/>\ndurch und durch egalit\u00e4r sei. Spannungen gibt es durchaus, die<br \/>\nM\u00e4nner konkurrieren stark miteinander, und auch bei den Frauen kommt das<br \/>\nvor. Ein hoher Rang scheint sich in erheblichem Ma\u00df auszuzahlen. Weil die<br \/>\nBonobofrauen ihnen gegen\u00fcber toleranter sind, finden M\u00e4nner an der Spitze<br \/>\nleichter Zugang zu Nahrungsmitteln, und sie haben auch mehr Sexualpartnerinnen.<br \/>\nDas hei\u00dft, wenn es einer Mutter gelingt, einen Sohn in die h\u00f6heren<br \/>\nR\u00e4nge zu bringen, dann f\u00f6rdert sie ihre Nachkommenschaft mittels der Enkel,<br \/>\ndie er zeugt. Die Bonobos verstehen diesen Zusammenhang nat\u00fcrlich nicht, aber<br \/>\ndie nat\u00fcrliche Auslese mu\u00df M\u00fctter gef\u00f6rdert haben, die das Statusstreben ihrer<br \/>\nS\u00f6hne aktiv unterst\u00fctzten.<br \/>\nBedeutet das, da\u00df die Bonobogesellschaft im Grunde eine umgekehrte Schimpansengesellschaft<br \/>\nist? Kaum. Meiner Ansicht nach ist der Schimpanse weit eher<br \/>\nein zoon politikon (politisches Tier).<br \/>\nDas hat mit der Art und Weise zu tun, wie Koalitionen gebildet werden, und auch<br \/>\nmit der Andersartigkeit der weiblichen Hierarchie. Sowohl bei den beiden<br \/>\nMenschenaffenarten als auch bei Menschen wird die weibliche Hierarchie weniger<br \/>\nangefochten und mu\u00df daher auch nicht so stark durchgesetzt werden. Frauen<br \/>\ndenken, wenn es um sie selbst geht, weniger in Hierarchien, und ihre Beziehungen<br \/>\nsind nie so f\u00f6rmlich wie die zwischen M\u00e4nnern.<br \/>\nZweifellos aber gibt es Frauen, die mehr Respekt erheischen als andere. Es<br \/>\nKommt weit h\u00e4ufiger vor, da\u00df \u00e4ltere Frauen j\u00fcngere dominieren als umgekehrt.<br \/>\nInnerhalb derselben sozialen Schicht scheinen \u00e4ltere Frauen das Sagen zu<br \/>\nhaben. Traditionellerweise \u00fcben Frauen ihren gr\u00f6\u00dften Einflu\u00df im Rahmen der<br \/>\nFamilie aus, wo sie sich nicht an die Spitze k\u00e4mpfen, bluffen oder renommieren<br \/>\nm\u00fcssen. Dorthin gelangen sie einfach mit dem \u00c4lterwerden. Pers\u00f6nlichkeit,<br \/>\nBildung und Familiengr\u00f6\u00dfe sind sicherlich wichtige Faktoren, und es gibt viele<br \/>\nsubtile Formen, wie Frauen miteinander konkurrieren k\u00f6nnen, aber wenn sonst<br \/>\ns\u00e4mtliche Bedingungen gleich sind, ist das Alter schon die halbe Miete, wenn es<br \/>\num die Position einer Frau unter anderen Frauen geht.<br \/>\nAuf Menschenaffen trifft dasselbe zu. In freier Wildbahn halten die \u00e4lteren Frauen<br \/>\ndie j\u00fcngeren, die frisch von au\u00dfen zur Gruppe sto\u00dfen, unter der Knute. Mit<br \/>\nder Pubert\u00e4t verlassen die weiblichen Individuen ihre Gemeinschaft und<br \/>\nschlieBen sich einer anderen an. Schimpansinnen m\u00fcssen sich auf dem<br \/>\nTerritorium ihrer neuen Gruppe selbst einen Platz erobern, und das oft in<br \/>\nKonkurrenz zu den schon dazugeh\u00f6rigen Schimpansinnen. Junge Bonobofrauen<br \/>\nmit ihren engeren weiblichen Bindungen suchen sich eine \u201eSponsorin\u201c unter den<br \/>\ndazugeh\u00f6rigen, groomen sie und haben Sex mit ihr, woraufhin die \u00e4ltere die<br \/>\nj\u00fcngere unter ihre Fittiche nimmt und sie besch\u00fctzt. Im Lauf der Zeit wird die<br \/>\njunge Bonobofrau selbst zur Sponsorin neuer Zuwandererinnen, und so schlie\u00dft<br \/>\nsich der Kreis. Auch dieses System tendiert zum Senioritatsprinzip. Selbst<br \/>\nwenn weibliche Hierarchien nicht perfekt nach dem Alter gestaffelt sind, erkl\u00e4rt<br \/>\nsich daraus doch ein gutes St\u00fcck weit ihre Sozialordnung.<br \/>\nDominanzk\u00e4mpfe zwischen weiblichen Menschenaffen sind weit seltener als<br \/>\nzwischen m\u00e4nnlichen. Und wenn es dazu kommt, spielen sie sich immer unter<br \/>\nweiblichen Individuen derselben Altersstufe ab. In einer Gruppe, der \u00fcber drei\u00dfig<br \/>\nJahre alte Frauen angeh\u00f6ren, wird man niemals eine zwanzigj\u00e4hrige an der<br \/>\nSpitze finden. Das hat nichts mit physischer St\u00e4rke zu tun &#8211; die ist bei einer<br \/>\nZwanzigj\u00e4hrigen am gr\u00f6\u00dften -, vielmehr scheint es j\u00fcngeren Frauen v\u00f6llig an der<br \/>\nWillenskraft zu fehlen, eine der erfahrenen, abgebr\u00fchten \u00e4lteren Damen<br \/>\nherauszufordern. Ich kenne Alphaweibchen, deren Position \u00fcber Jahrzehnte nicht<br \/>\nangetastet wurde. Nat\u00fcrlich gibt es eine Obergrenze, wie lange sich eine Menschenaffenfrau<br \/>\nan der Macht halten kann, die sowohl von ihrer k\u00f6rperlichen als<br \/>\nauch von ihrer geistigen Gesundheit abh\u00e4ngt, aber Frauen erreichen diesen<br \/>\nPunkt erst Jahrzehnte nach den M\u00e4nnern.<br \/>\nWie altere Frauen die j\u00fcngeren in ihre Schranken verweisen, ist faszinierend,<br \/>\ndenn die meiste Zeit geschieht das ohne offene Aggression. Da die J\u00fcngeren,<br \/>\nderen eigene Mutter nicht mehr zugegen sind, die \u00c4lteren als Mutterfiguren<br \/>\nbetrachten, m\u00fcssen letztere, um ein Signal zu setzen, nichts weiter tun, als ein<br \/>\nVorspiel abzulehnen, nichts von ihrem Fressen abzugeben oder bei einem<br \/>\nGroomversuch sich umzudrehen und wegzugehen. Die \u00e4ltere Frau zieht die<br \/>\nemotionalen Daumenschrauben an. Vielleicht kriegt die j\u00fcngere dann einen<br \/>\nWutanfall, aber die \u00e4ltere betrachtet das Schauspiel unger\u00fchrt: So etwas hat sie<br \/>\nschon \u00f6fter gesehen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Abfuhr sind oft minimal. Auch Stunden<br \/>\nnachdem die J\u00fcngere einen Nachkommen der \u00c4lteren gezwickt, sich ein St\u00fcck<br \/>\nNahrung genommen hat, das die \u00c4ltere haben wollte, oder nicht vom Alpham\u00e4nnchen<br \/>\ngewichen ist, als die \u00c4ltere ihn groomen wollte, wird die J\u00fcngere<br \/>\nm\u00f6glicherweise noch zur\u00fcckgewiesen. F\u00fcr menschliche Beobachter jedenfalls<br \/>\nsind die weiblichen Interaktionen ganz eindeutig schwerer mitzuverfolgen als die<br \/>\ndirekten Konfrontationen unter den M\u00e4nnern.<br \/>\nDa m\u00e4nnliche Dominanz auf Kampfkraft und Unterst\u00fctzung durch Freunde<br \/>\nbasiert, wirkt sich das Alter ganz anders auf m\u00e4nnliche Hierarchien aus. \u00c4lter zu<br \/>\nwerden ist f\u00fcr m\u00e4nnliche Wesen niemals von Vorteil. \u201e<br \/>\n(Franz de Waals \u201eDer Affe in uns\u201c (S.93-97))<br \/>\nSoweit de Waals.<br \/>\nWenn Liebe und Hierarchiebildung die beiden haupts\u00e4chlich Verfahren sind, um<br \/>\nbei sozialen Tieren einen selbstm\u00f6rderischen Kampf aller gegen alle zu<br \/>\nverhindern, dann zeigen die Bonobos, dass Liebe durchaus das \u00fcberlegene<br \/>\nPrinzip sein kann. Dass dadurch das weibliche Geschlecht auch dominant wird,<br \/>\nist f\u00fcr die M\u00e4nner nicht von Nachteil. Sie f\u00fchren ein besseres Leben als<br \/>\nSchimpansenm\u00e4nner.<br \/>\nZugleich ist es ziemlich merkw\u00fcrdig, dass nach den Moralmasst\u00e4ben des 19. und<br \/>\ndes 20. Jahrhunderts das Verhalten der Bonobos als h\u00f6chst unmoralisch zu<br \/>\ngelten h\u00e4tte, w\u00e4hrend kriegsf\u00fchrende Schimpansen sehr gut zu den<br \/>\nkriegf\u00fchrenden Staaten und den Krieg verherrlichenden Philosophen jener Zeit<br \/>\npassen.<br \/>\nSelbst de Waals spricht noch von \u201eSchockiertsein\u201c in Bezug auf die Bonobos, so<br \/>\nals w\u00e4re die Existenz von Heimt\u00fccke, Mord und Totschlag bei den Schimpansen<br \/>\nnicht wesentlich schockierender als das fr\u00f6hliche Ducheinanderv\u00f6geln der<br \/>\nBonobos.<br \/>\nMyschkin scheint auch deswegen Irritationen bei der Dorfobrigkeit und selbst bei<br \/>\nSchneider aus zu l\u00f6sen, weil er mit den Kindern \u201e wie mit Erwachsenen spr\u00e4che<br \/>\nund ihnen nichts verheimlichte\u201c. Es ist ein seltsames Moralempfinden, das sich<br \/>\nregt, wenn ein Idiot, wie Myschkin, den Kindern erkl\u00e4rt, dass Liebe auch eine<br \/>\nk\u00f6rperliche Seite hat, &#8211; er, der doch mit seinem eigenen K\u00f6rper gen\u00fcgend<br \/>\nProbleme hat &#8211; , w\u00e4hrend es stumm bleibt, wenn eine Frau zu Tode gehetzt<br \/>\nwird. Ja es ist sogar noch schlimmer: Der gewissermassen amtliche Vertreter<br \/>\nvon Gewissen und Moral, der Pastor hetzt noch in absolut demagogischer Weise.<br \/>\nUnd Myschkin gelingt es dagegen eine Art Kinderaufstand zu organisieren.<br \/>\nSo wie in New York manche Samenbomben in Brachgr\u00fcndst\u00fccke werfen, damit<br \/>\ndort Parks entstehen, verbreitet er die Botschaft, dass Liebe, Zuneigung und<br \/>\nVerst\u00e4ndnis die richtigen Gegenmittel sind gegen diese Gewinner\/Verlierer-Welt.<br \/>\nEs ist eine sanfte Revolution, die er anzettelt. Es ist eine Revolution der Liebe,<br \/>\nund das, wo er sich doch andererseits vor der Liebe f\u00fcrchtet.<br \/>\n\u201e Da\u00df ich Marie gek\u00fc\u00dft hatte, war zwei Wochen vor dem Tod ihrer Mutter<br \/>\ngewesen, und als der Pastor jene Leichenrede hielt, waren schon alle Kinder auf<br \/>\nmeiner Seite. Ich erz\u00e4hlte ihnen sofort wieder, wie sich der Pastor benommen<br \/>\nhatte, und sagte ihnen, wie ich dar\u00fcber urteilte; alle waren sie \u00fcber ihn emp\u00f6rt,<br \/>\neinige so sehr, da\u00df sie ihm die Fenster einwarfen. Dies verbot ich ihnen, weil das<br \/>\nnicht mehr recht war; aber im Dorf hatten alle sofort alles erfahren und<br \/>\nbeschuldigten mich nun, ich verd\u00fcrbe die Kinder. Dann erfuhren alle auch, da\u00df<br \/>\ndie Kinder Marie lieb hatten, und bekamen dar\u00fcber einen gewaltigen Schreck;<br \/>\nMarie jedoch f\u00fchlte sich schon ganz gl\u00fccklich. Man verbot den Kindern, mit ihr<br \/>\nzusammenzukommen; aber sie liefen heimlich zu ihr, nach dem ziemlich weit<br \/>\n(fast eine halbe Werst) vom Dorf entfernten Weideplatz der Herde; sie brachten<br \/>\nihr dies und das zum Essen mit, manche aber liefen auch einfach hin, um sie zu<br \/>\numarmen, zu k\u00fcssen und ihr zu sagen: \u203aJe vous aime, Marie!\u2039, und dann Hals<br \/>\n\u00fcber Kopf wieder zur\u00fcckzurennen. Marie verlor infolge dieses unerwarteten<br \/>\nGl\u00fccks fast ihren Verstand; so etwas h\u00e4tte sie sich nie tr\u00e4umen lassen; sie<br \/>\nsch\u00e4mte sich und freute sich zugleich. Besondere Freude machte es den zu ihr<br \/>\nhinlaufenden Kindern und namentlich den kleinen M\u00e4dchen, ihr mitzuteilen, da\u00df<br \/>\nich sie, Marie, liebte und sehr viel mit ihnen von ihr spr\u00e4che. Sie berichteten ihr,<br \/>\nda\u00df ich ihnen alles erz\u00e4hlt h\u00e4tte und da\u00df sie sie jetzt sehr lieb h\u00e4tten und<br \/>\nbemitleideten und ihr immer treu bleiben w\u00fcrden. Dann kamen sie zu mir<br \/>\ngelaufen und erz\u00e4hlten mir mit Gesichtchen, die von freudigem Eifer strahlten,<br \/>\nsie h\u00e4tten soeben mit Marie gesprochen, und sie lasse mich gr\u00fc\u00dfen. Abends ging<br \/>\nich oft nach dem Wasserfall; dort befand sich ein nach dem Dorf zu ganz<br \/>\nverdeckter Platz, um den herum Pappeln standen; da versammelten sich die<br \/>\nKinder abends um mich; manche liefen sogar heimlich aus dem Dorf weg. Ich<br \/>\nglaube, ihr ganz besonderes Entz\u00fccken war meine Liebe zu Marie, und dies war<br \/>\nw\u00e4hrend meines ganzen dortigen Aufenthalts der einzige Punkt, in dem ich sie<br \/>\nt\u00e4uschte. Ich lie\u00df ihnen ihren Glauben, da\u00df ich Marie liebte, das hei\u00dft, in sie<br \/>\nverliebt sei, und sagte ihnen nicht, da\u00df ich sie in Wirklichkeit nur sehr<br \/>\nbemitleidete; ich sah an allem, da\u00df es ihnen besser so gefiel, wie sie sich das<br \/>\nselbst ausgedacht und unter sich zurechtgelegt hatten, und darum schwieg ich<br \/>\nund tat, als h\u00e4tten sie es erraten. Und wie feinf\u00fchlig und z\u00e4rtlich waren diese<br \/>\nkleinen Herzen: unter anderm meinten sie, das d\u00fcrfe doch nicht sein, da\u00df ihr<br \/>\nguter L\u00e9on Marie so liebe und diese Marie so schlecht gekleidet sei und keine<br \/>\nSchuhe habe. Denken Sie sich, sie beschafften ihr Schuhe und Str\u00fcmpfe und<br \/>\nW\u00e4sche und sogar einige Kleidungsst\u00fccke; auf welche kluge Weise sie das<br \/>\nzustande brachten, ist mir unbegreiflich; der ganze Schwarm wirkte dabei<br \/>\nzusammen. Wenn ich sie dar\u00fcber befragte, lachten sie nur lustig, und die kleinen<br \/>\nM\u00e4dchen klatschten in die H\u00e4nde und k\u00fc\u00dften mich. Manchmal ging auch ich<br \/>\nheimlich zu Marie hin. Sie war schon sehr krank und konnte kaum noch gehen;<br \/>\nschlie\u00dflich war es ihr gar nicht mehr m\u00f6glich, dem Hirten irgendwelche Dienste<br \/>\nzu leisten; aber sie zog doch jeden Morgen mit der Herde aus. Sie setzte sich<br \/>\nabseits hin; es war da an einem absch\u00fcssigen, beinah senkrechten Felsen ein<br \/>\nVorsprung; dort setzte sie sich im innersten Winkel, wo niemand sie sehen<br \/>\nkonnte, auf einen Stein und sa\u00df da fast regungslos den ganzen Tag, vom fr\u00fchen<br \/>\nMorgen bis zu der Stunde, wo die Herde heimging. Sie war infolge der<br \/>\nSchwindsucht schon so schwach, da\u00df sie meist mit geschlossenen Augen, den<br \/>\nKopf gegen den Felsen gelehnt, dasa\u00df und, m\u00fchsam atmend, halb schlummerte;<br \/>\nihr Gesicht war so mager geworden wie bei einem Skelett, und an Stirn und<br \/>\nSchl\u00e4fen trat ihr der Schwei\u00df heraus. In diesem Zustand fand ich sie immer vor.<br \/>\nIch kam stets nur auf einen Augenblick und w\u00fcnschte auch nicht, von den<br \/>\nLeuten gesehen zu werden. Sobald ich mich zeigte, fuhr Marie sofort zusammen,<br \/>\n\u00f6ffnete die Augen und st\u00fcrzte auf mich zu, um mir die H\u00e4nde zu k\u00fcssen. Ich<br \/>\nentzog sie ihr nicht mehr, weil ihr dies eine Wonne war; die ganze Zeit \u00fcber,<br \/>\nw\u00e4hrend ich bei ihr sa\u00df, zitterte und weinte sie; einige Male versuchte sie<br \/>\nallerdings auch zu reden; aber es war schwer, sie zu verstehen. Vor Aufregung<br \/>\nund Entz\u00fccken war sie wie von Sinnen. Mitunter kamen auch die Kinder mit mir;<br \/>\nsie stellten sich dann gew\u00f6hnlich in der N\u00e4he auf und bewachten uns vor irgend<br \/>\netwas und vor irgend jemand; das war f\u00fcr sie ein ganz besonderes Vergn\u00fcgen.<br \/>\nWenn wir fortgingen, blieb Marie wieder allein, regungslos wie vorher, mit<br \/>\ngeschlossenen Augen, den Kopf an den Felsen gelehnt; vielleicht tr\u00e4umte sie von<br \/>\nirgend etwas. Eines Tages war sie am Morgen nicht mehr imstande, zu der<br \/>\nHerde hinauszugehen, und blieb in ihrem \u00f6den Haus. Die Kinder erfuhren es<br \/>\nsogleich und kamen an diesem Tag fast alle zu ihr gelaufen, um sie zu<br \/>\nbesuchen; sie lag mutterseelenallein auf ihrem Bett. Zwei Tage lang waren es<br \/>\nnur die Kinder, die sie pflegten, indem sie abwechselnd hinkamen; aber als dann<br \/>\nim Dorf bekannt wurde, da\u00df Marie wirklich schon im Sterben liege, stellten sich<br \/>\nauch die alten Frauen aus dem Dorf bei ihr ein, sa\u00dfen an ihrem Lager und<br \/>\nversorgten sie. Es schien, da\u00df man im Dorf mit Marie Mitleid zu f\u00fchlen begann;<br \/>\nwenigstens hielt man die Kinder nicht mehr zur\u00fcck und schalt sie nicht mehr wie<br \/>\nfr\u00fcher. Marie lag die ganze Zeit im Halbschlummer, der aber infolge des<br \/>\nfurchtbaren Hustens sehr unruhig war. Die Kinder wurden von den alten Frauen<br \/>\nfortgejagt, kamen aber doch ans Fenster gelaufen, manchmal nur auf einen<br \/>\nAugenblick, nur um zu sagen: \u203aBonjour, notre bonne Marie!\u2039 Sowie diese sie<br \/>\naber sah oder h\u00f6rte, kehrte ihr die Lebenskraft zur\u00fcck, und sie versuchte mit<br \/>\nAnstrengung, ohne auf die alten Frauen zu h\u00f6ren, sich aufzurichten und auf den<br \/>\nEllbogen zu st\u00fctzen, nickte den Kindern zu und dankte ihnen. Sie brachten ihr<br \/>\nwie fr\u00fcher mitunter ein paar gute Bissen mit; aber sie a\u00df fast gar nichts mehr.<br \/>\nIch versichere Ihnen, dank den Kindern ist sie beinah gl\u00fccklich gestorben. Die<br \/>\nKinder machten, da\u00df sie ihr schweres Leid verga\u00df; sie hatte das Gef\u00fchl, da\u00df sie<br \/>\nvon ihnen Vergebung empfangen habe; denn sie hielt sich bis zu ihrem<br \/>\nLebensende f\u00fcr eine gro\u00dfe S\u00fcnderin. Die Kinder schlugen gleichsam wie kleine<br \/>\nV\u00f6gel mit den Fl\u00fcgelchen an das Fenster der Kranken und riefen ihr jeden<br \/>\nMorgen zu: \u203aNous t&#8217;aimons, Marie.\u2039 Sie starb sehr bald. Ich hatte geglaubt, sie<br \/>\nw\u00fcrde weit l\u00e4nger leben. Am Tag vor ihrem Tod kam ich vor Sonnenuntergang<br \/>\nzu ihr; sie schien mich zu erkennen, und ich dr\u00fcckte ihr zum letzten Mal die<br \/>\nHand; ach, wie ausgetrocknet war diese Hand! Und am folgenden Morgen kam<br \/>\nunerwartet jemand zu mir und sagte mir, da\u00df Marie gestorben sei.<br \/>\nNun lie\u00dfen sich die Kinder nicht zur\u00fcckhalten: sie schm\u00fcckten ihren Sarg reich<br \/>\nmit Blumen und setzten ihr einen Kranz auf den Kopf. Der Pastor schm\u00e4hte in<br \/>\nder Kirche die Tote nicht mehr; die wenigen Menschen, die sich zur Beerdigung<br \/>\neingefunden hatten, waren nur aus Neugier gekommen; aber als der Sarg<br \/>\nweggetragen werden sollte, da st\u00fcrzten die Kinder alle mit einemmal herbei, um<br \/>\nihn selbst zu tragen. Da dazu ihre Kraft nicht ausreichte, so halfen einige von<br \/>\nihnen wenigstens nach M\u00f6glichkeit, und die \u00fcbrigen liefen hinter dem Sarg her,<br \/>\nund alle weinten. Maries Grab ist seitdem von den Kindern best\u00e4ndig sch\u00f6n in<br \/>\nOrdnung gehalten worden: sie schm\u00fccken es jedes Jahr mit Blumen und haben<br \/>\nringsherum Rosenstr\u00e4ucher gepflanzt.\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19661 &#8211; 19665<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 112 &#8211; 115)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nNach dem Tod Marias endet die vor\u00fcbergehende Schonzeit f\u00fcr Myschkin und die<br \/>\nKinder. Die Dorfobrigkeit f\u00fchlt sich herausgefordert:<br \/>\n\u201eAber von dieser Beerdigung an begann mich das ganze Dorf um der Kinder<br \/>\nwillen zu befehden. Die Hauptanstifter waren der Pastor und der Schullehrer.<br \/>\nDen Kindern wurde jeder Verkehr mit mir streng verboten, und Schneider<br \/>\nverpflichtete sich sogar, dar\u00fcber zu wachen. Wir kamen aber doch zusammen<br \/>\nund verst\u00e4ndigten uns von weitem durch Zeichen; auch schickten sie mir kleine<br \/>\nBriefchen. In der folgenden Zeit schob sich das alles wieder zurecht; aber<br \/>\ndamals f\u00fchlten wir uns ganz wohl dabei, und ich war den Kindern durch diese<br \/>\nVerfolgung sogar noch n\u00e4herger\u00fcckt.\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19666<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 115-116)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\n\u201eSchneider aber disputierte mit mir viel \u00fcber meine verderbliche \u203aMethode\u2039, mit<br \/>\nden Kindern umzugehen. Aber von einer wirklichen \u203aMethode\u2039 war bei mir ja gar<br \/>\nnicht die Rede! Zuletzt (es war schon kurz vor meiner Abreise) sprach Schneider<br \/>\nmir gegen\u00fcber einen recht seltsamen Gedanken aus: er sagte zu mir, er habe<br \/>\njetzt die sichere \u00dcberzeugung gewonnen, da\u00df ich selbst ein vollst\u00e4ndiges Kind<br \/>\nsei; ich h\u00e4tte nur an Wuchs und Gesicht \u00c4hnlichkeit mit einem Erwachsenen;<br \/>\naber was die Entwicklung der Seele, des Charakters und vielleicht auch des<br \/>\nVerstandes anlange, sei ich kein Erwachsener, und ich w\u00fcrde so bleiben, auch<br \/>\nwenn ich sechzig Jahre alt w\u00fcrde. Ich lachte dar\u00fcber herzlich; er hat nat\u00fcrlich<br \/>\nunrecht; denn ich bin ja doch kein kleines Kind! Eines ist allerdings daran wahr,<br \/>\nnur eines: ich bin wirklich nicht gern mit Erwachsenen, mit Gro\u00dfen zusammen<br \/>\n(ich habe das schon l\u00e4ngst an mir beobachtet); ich bin nicht gern mit ihnen<br \/>\nzusammen, weil ich sie nicht verstehe. Was sie auch mit mir sprechen und wie<br \/>\ngut sie auch gegen mich sein m\u00f6gen, ich f\u00fchle mich doch stets in ihrer<br \/>\nGesellschaft bedr\u00fcckt und bin heilfroh, wenn ich so bald wie m\u00f6glich zu meinen<br \/>\nKameraden gehen kann, und meine Kameraden waren immer die Kinder, aber<br \/>\nnicht, weil ich selbst ein Kind war, sondern weil es mich einfach zu den Kindern<br \/>\nhinzog. \u201e<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19667<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 3, S. 116-117)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<br \/>\nDen \u201eseltsamen\u201c Gedanken von Schneider hat sich sp\u00e4ter Tellenbach zu eigen<br \/>\ngemacht.<br \/>\nIn der Tat fehlt auch Kindern oft der Respekt vor Hierarchien und Hierarchen und<br \/>\nvieles was uns unter dem Motto \u201eKindermund tut Wahrheit kund\u201c am\u00fcsiert, ist<br \/>\noft ein aus Unwissenheit geschehener Regelverstoss, der allerdings meist eher<br \/>\ndie Regeln als die Kinder der L\u00e4cherlichkeit preisgibt.<br \/>\nMyschkin dagegen hat ein prinzipielles Problem mit der erwachsenen Ordnung.<br \/>\nNicht weil er ein Kind geblieben ist, sondern weil sie gegen seine Natur ist.<br \/>\nDie \u201eepileptische Kanaille\u201c l\u00e4sst gr\u00fcssen !<br \/>\nNat\u00fcrlich ist Schneiders Theorie auch ein Versuch seinen Patienten zu sch\u00fctzen.<br \/>\nGerade weil Myschkin das Bewu\u00dftsein f\u00fcr die Bedeutung einer hierarchischen<br \/>\nOrdnung fehlt, fehlt ihm auch jedes Bewu\u00dftsein f\u00fcr die Gefahr, in die er sich<br \/>\nbegibt, wenn er diese Ordnung in Frage stellt. Hier \u00e4hnelt er tats\u00e4chlich einem<br \/>\nKind.<br \/>\nEs ist auch nicht so, dass er jede Art von Hierarchie ablehnt. Wenn<br \/>\nFeuerwehrleute Br\u00e4nde l\u00f6schen, dann ben\u00f6tigen sie eine klare Kommandostruktur,<br \/>\nbei der in jedem Moment klar ist, wer die Verantwortung tr\u00e4gt und wer<br \/>\ndie Entscheidung trifft. Das schliesst selbstverst\u00e4ndlich auch die Eigenverantwortlichkeit<br \/>\njedes Feuerwehrmanns mit ein. Denn, wenn ein Balken vom<br \/>\nDach zu st\u00fcrzen droht, muss man rennen und kommt mit Spr\u00fcchen, wie \u201eauf<br \/>\njedem Schiff das dampft und segelt, gibt\u2019s einen, der die Sache regelt und der<br \/>\nbin ich.\u201c (Westerwelle) nicht weiter.<br \/>\nVor allem da auf dem Grund des Meeres viele Schiffe liegen, die von solchen<br \/>\nKapit\u00e4nen gesteuert wurden.<br \/>\nAndererseits kann man gegen ein Feuer nicht erfolgreich koordiniert vorgehen,<br \/>\nwenn niemand da ist, der koordiniert und wenn der nicht das letzte Wort hat.<br \/>\nUnser Myschkin wird sich am besten von jedem Feuer und jeder Feuerwehr fern<br \/>\nhalten und zwar einfach deswegen, weil er im Falle eines Falles zu lange<br \/>\nbraucht, bis er begreift, dass er rennen muss. Er w\u00e4re deswegen eine Gefahr f\u00fcr<br \/>\nsich und andere.<br \/>\nWenn wir uns nun vorstellen, dass der Brand gel\u00f6scht ist, dann kommt vielleicht<br \/>\nder B\u00fcrgermeister mit seinen Beigeordneten vorbei, um sich ein \u201eBild von der<br \/>\nLage\u201c zu machen. Die bringen auch eine Hierarchie mit, die in der Regel auch<br \/>\nmehrere st\u00e4dtische Beamte und einen grossen oder kleinen Tross<br \/>\nPressevertreter einschliessen.<br \/>\nDiese Hierarchie ist aber im Gegensatz zu der Hierarchie der Feuerwehrleute<br \/>\nw\u00e4hrend des Einsatzes in diesem Moment und in dieser Situation vollkommen<br \/>\n\u00fcberfl\u00fcssig. Im Gegenteil: Es spart Zeit und Informationsverluste, wenn die<br \/>\nFeuerwehrleitung diese Leute gleichzeitig und gleichberechtigt informiert.<br \/>\nAllerdings wird in der Mehrzahl der F\u00e4lle ein B\u00fcrgermeister beleidigt sein, wenn<br \/>\ner nicht die ersten Fragen stellt und beantwortet bekommt und ein st\u00e4dtischer<br \/>\nBeamter wird klug genug sein, mit seinen Fragen zu warten, bis der<br \/>\nB\u00fcrgermeister fertig ist. Pressevertreter werden sich vordr\u00e4ngen.<br \/>\nBei Myschkins und aller Idioten Problem mit Hierarchien muss demnach<br \/>\nunterschieden werden, zwischen der aus der Sache heraus notwendigen<br \/>\nHierarchie, z.B. um schnell und koordiniert zu reagieren. Hier braucht er zu<br \/>\nlange, bis sein Verstand begriffen hat, was ihm eigentlich sein Instinkt sagen<br \/>\nm\u00fcsste. Aber sein Verstand wird die Notwendigkeit einer hierarchischen Ordnung<br \/>\nin diesem Zusammenhang nie in Frage stellen. Nur kann er sich trotzdem nicht<br \/>\nrichtig einf\u00fcgen, weil er gar nicht so schnell mitkommt.<br \/>\nIm \u201eB\u00fcrgermeister-Fall\u201c fehlt ihm jeglicher Instinkt f\u00fcr die tats\u00e4chlich<br \/>\nvorhandene hierarchische Ordnung und sein Verstand sagt ihm, dass eine<br \/>\nHierarchie \u00fcberfl\u00fcssig ist.<br \/>\nDadurch wird er zum \u201egeborenen Feind\u201c solcher Ordnungen.<br \/>\nDas aber kann gef\u00e4hrlich sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das n\u00e4chste Kapitel ist fertig. Der ganze Text kann unter Myschkin_f0.43 geladen werden. Myschkin erz\u00e4hlt den Jepantschinschen Frauen bei seinem Antrittsbesuch von seinem fr\u00fcheren Leben und davon, wie gl\u00fccklich er war, in der Schweiz, in der Heilanstalt. 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