{"id":48,"date":"2010-12-05T18:21:41","date_gmt":"2010-12-05T16:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=48"},"modified":"2011-01-02T12:14:10","modified_gmt":"2011-01-02T10:14:10","slug":"die-hoelle-sind-nicht-die-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=48","title":{"rendered":"Die H\u00f6lle sind nicht die anderen"},"content":{"rendered":"<p>Die hundert Seiten sind nun voll. Aber die Version 1.0 r\u00fcckt eher in die Ferne. Deswegen habe ich mich zu einer \u00c4nderung bei der Nummierung entschlossen: Die n\u00e4chste Version heisst nicht F0.5 sondern F0.41.<br \/>\nD.h. es dauert noch bis halb fertig bin.<\/p>\n<p>Hier kann man die neueste Version laden:<br \/>\n<a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wordpress\/wp-content\/Myschkin_f0.411.pdf'>Myschkin_f0.41<\/a><\/p>\n<p>Und hier eines der neuen Kapitel:<\/p>\n<p>Die H\u00f6lle sind nicht die anderen<\/p>\n<p>Blosses Existieren ist weniger als Leben. Das ist kein ontologisches Problem, sondern ein immens lebenspraktisches.<br \/>\nAls wir jung waren, waren wir neugierig und so wollten wir wissen, was uns unsere Lehrer und Erzieher verschwiegen hatten.<br \/>\nAuf diese Weise wurde ich zum Mitorganisator einer Veranstaltung mit einem ehemaligen kommunistischen Dachau-H\u00e4ftling. Dieser, ein auf sein K\u00f6nnen stolzer, selbstbewu\u00dfter Metallarbeiter, wie sie vor allem f\u00fcr Mannheim so typisch sind, erz\u00e4hlte sehr spr\u00f6de und sehr genau, ohne allzu viel Pathos, mehr so wie man ein Gewinde dreht. Aber gerade deswegen hat sich mir manches eingebrannt. Am meisten aber das folgende:<br \/>\nEin ehemaliger Reichtagsabgeordneter der DVP, ein f\u00fchrender Mann seiner Partei, der auch von seiner K\u00f6rpergr\u00f6sse gro\u00df und beindruckend war, war von der SA und ihrem Ludwigshafener Kommandanten Eicke in Dachau als Hund abgerichtet worden. Er wurde an eine Kette gelegt, bekam einen Fre\u00dfnapf und eine Hundeh\u00fctte und wenn die SA vorbei kam, musste er bellen.<br \/>\nJener Eicke war in den turbulenten 20iger Jahren in Ludwigshafen erst Bombenleger, dann Werksch\u00fctzer bei der IG und zuletzt innerparteilicher Konkurrent des Pf\u00e4lzer Gauleiters B\u00fcrckel gewesen. B\u00fcrckel schaffte es ihn nach N\u00fcrnberg in eine Irrenanstalt zu verfrachten und somit aus dem Weg zu r\u00e4umen. Aus dieser Irrenanstalt wurde Eicke von Himmler befreit. Danach wurde er der  Kommandant des Lagers Dachau und der eigentliche Erfinder des KZ-Systems. Es ist noch zu wenig bekannt und beachtet, dass dieses System wesentliche Anregungen aus den Irrenh\u00e4usern erhielt. Genauso wie sp\u00e4ter die Irrenh\u00e4user im Rahmen der Euthanasie dem Probelauf f\u00fcr Auschwitz dienten.<br \/>\nNun kann man in Bezug auf jenen Reichstagsabgeordneten, dessen Menschsein ausgel\u00f6scht wurde, w\u00e4hrend man ihm weiter das blo\u00dfe Existieren gestattete, sagen, dass dies in einem Ausnahmezustand geschah.<br \/>\nUnd man kann all den intellektuellen Bef\u00fcrwortern von Ausnahmezust\u00e4nden, wenn sie den Formalismus des Rechtsstaats beklagen, nur von Herzen w\u00fcnschen, dass sie ihre Einlassungen nicht eines Tages in einer Hundeh\u00fctte bedauern m\u00fcssen.<br \/>\nDie \u201eSouver\u00e4nit\u00e4t\u201c die einer gewinnt, der andere von Staats wegen qu\u00e4len darf, hat zur Kehrseite den Verlust jeder Souver\u00e4nit\u00e4t, ja am Ende gar des Menschseins f\u00fcr den oder die Gequ\u00e4lte.<br \/>\nNat\u00fcrlich hat \u201eSouver\u00e4nit\u00e4t\u201c auch eine andere Seite: Wie souver\u00e4n beherrsche ich mich und mein Handwerk, was kann ich n\u00fctzliches tun f\u00fcr mich und meine Mitmenschen. Aber das ist eine andere Art von Souver\u00e4nit\u00e4t. Eine die nicht \u00fcber den anderen steht, sondern mit ihnen auf der Reise ist.<br \/>\nUnd die deswegen auch keinen Ausnahmezustand braucht um bei sich zu sein.<br \/>\nBevor man behauptet, dass wir zur Freiheit verurteilt seien, muss man erst den Begriff der Freiheit n\u00e4her bestimmen. Das geht nur, wenn man auf den l\u00e4cherlichen Versuch verzichtet die Determiniertheit unseres Lebens zu verleugnen. Da aber das Leben und die Welt nicht aus Kausalketten sondern aus Wechselwirkungen bestehen, sind Welt und Leben gen\u00fcgend unbestimmt, um auch dem freien Willen Raum zu lassen.<br \/>\nAus dieser bestimmt-unbestimmten Welt folgt aber, dass unser Wissen und K\u00f6nnen den Grad unserer Freiheit wesentlich mitbestimmt.<br \/>\nDeswegen sind die Anderen, die N\u00e4chsten, nicht die Grenze oder gar Feinde unserer Freiheit, sondern eine wesentliche Bedingung.<br \/>\nWas wir gegen\u00fcber der Welt verm\u00f6gen, h\u00e4ngt nicht nur von uns ab. Es ist unser gemeinsames Verm\u00f6gen oder Unverm\u00f6gen. Dieses gemeinsame Verm\u00f6gen bestimmt den gesellschaftlich und historisch m\u00f6glichen Grad unserer Freiheit.<br \/>\nInsofern wird unsere Freiheit durch alle Anderen, unsere N\u00e4chsten, garantiert genauso wie wir die Garanten der Freiheit der Anderen sind bzw. sein m\u00fcssen.<br \/>\nWenn es so ist, dann ist unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen gegl\u00fcckt.<br \/>\nAber Leben gl\u00fcckt nicht nur.<br \/>\nWeil wir immer aus einem Kranz von M\u00f6glichkeiten w\u00e4hlen was dann wirklich wird, haben wir mit der M\u00f6glichkeit der Wahl die M\u00f6glichkeit der schlechten Wahl. Und damit auch die M\u00f6glichkeit zum Schlechten, zum B\u00f6sen.<br \/>\nInsofern sind wir die Sch\u00f6pfer unserer eigenen H\u00f6lle.<br \/>\nDas blasierte \u201edie H\u00f6lle, das sind die Anderen\u201c dr\u00fcckt sich mit seinem selbstgerechten Ekel vor der eigenen Verantwortung.<br \/>\nEiner Verantwortung, die um so gr\u00f6\u00dfer ist, als der, der sich da ekelt, ja nicht weit davon entfernt war dem Teufel die Hand zu geben.<br \/>\nF\u00fcr unseren ehemaligen Reichstagsabgeordneten sind es dagegen in der Tat die \u201eAnderen\u201c, die SA, die zu seiner H\u00f6lle werden.<br \/>\nAber das liegt nicht daran, dass sie \u201eAndere\u201c sind, sondern daran, dass sie die falsche Wahl getroffen haben. Die Freiheit, die sie hatten, haben sie mi\u00dfbraucht um nun die Freiheit mit den F\u00fc\u00dfen zu treten.<br \/>\nDie Freiheit, die ich habe, ist nicht zum mindesten die Freiheit kein Eicke, kein Menschenqu\u00e4ler, sein zu m\u00fcssen.<br \/>\nIch bin in meinem Sein nicht allein auf der Welt. Es ist im Gegenteil eine wesentliche Bestimmung von mir, mich in vielen anderen zu spiegeln.<br \/>\nErst das macht mich zum Menschen. Erst in der Beziehung zu anderen, einer Beziehung, die immer eine Wechselbeziehung ist, bin ich \u00fcberhaupt. Ohne dieses Universum an Beziehungen kann ich m\u00f6glicherweise gerade so nur existieren, wobei sogar dies fraglich ist.<br \/>\nDeswegen sind die Anderen auch nicht die H\u00f6lle f\u00fcr mich, sondern ohne sie gibt es keinen Himmel, kein Paradies, kein gelobtes Land.<br \/>\nDas Land, in dem Milch und Honig fliessen, ist vor allem ein Land in dem ich mit meinen Problemen nicht allein bin.<br \/>\nIm Paradies oder in der Blochschen Heimat kann ich nur dann sein, wenn ich die Sicherheit habe, dass mich jemand f\u00e4ngt, wenn ich falle.<br \/>\nDies ist auch das Geheimnis manchen religi\u00f6sen Bekenntnisses.<br \/>\nWir erinnern uns an Bonnh\u00f6fers Gebet:<\/p>\n<p>\u201eVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen,<br \/>\nerwarten wir getrost, was kommen mag.<br \/>\nGott ist bei uns am Abend und am Morgen<br \/>\nund ganz gewiss an jedem neuen Tag.\u201c<\/p>\n<p>Ein wunderbares Gebet, das wie alle Gebete nur einen Fehler hat: Es vertraut auf eine fremde Macht au\u00dfer uns, wo wir doch auf niemand au\u00dfer uns selbst vertrauen d\u00fcrfen.<br \/>\nMarxens Diktum vom \u201eOpium\u201c meint genau dies. Was allerdings meistens bei diesem Diktum vergessen wird: Marx kritisiert nicht die Sehnsucht, Marx kritisiert die Zust\u00e4nde in denen dieses Verlangen nach Geborgenheit nur ein jenseitiger Traum ist.<br \/>\nWenn die H\u00f6lle aber nicht die Anderen sind, was ist dann die H\u00f6lle ?<br \/>\nDie H\u00f6lle ist das Getrenntsein von den Anderen.<br \/>\nBei alten V\u00f6lkern war die h\u00e4rteste Strafe der Ausschluss aus der Gemeinschaft des Stammes. Eine h\u00e4rtere Strafe konnte es nicht geben.<br \/>\nDeswegen gibt es keine H\u00f6lle, wenn ich von den Anderen, von meinen Mitmenschen, erkannt und anerkannt werde.<br \/>\nDas Problem aller Seinsphilosophen besteht darin, dass sie wie weiland St.Max schon vom \u201eEinzigen und seinem Eigentum\u201c ausgehen, d.h. sie versetzen den Menschen von Anfang an in die H\u00f6lle und bekommen ihn da nicht mehr heraus. Sie ignorieren, dass jeder von uns vor allem ein tausendfacher Spiegel seiner Mitmenschen ist.<br \/>\nSie h\u00e4ngen an ihren Abstraktionen in denen sich das leere Sein in all seiner \u00d6dnis \u00fcber die Welt ergiesst.<br \/>\nTrotzdem ist ihre Philosophie nicht ohne Realit\u00e4tsbezug. Denn in der Tat ist das Alleinsein, das auf sich gestellt sein eine moderne Krankheit.<br \/>\nAllein zu sein mit der Welt und ihren Problemen ist aber bereits die H\u00f6lle.<\/p>\n<p>\u201eAlleinsein\u201c heisst hier zur\u00fcck geworfen sein nur auf sich.<br \/>\nBonhoeffer hat das durchaus auch so gesehen:<br \/>\n\u201eSo habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gef\u00fchlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Sch\u00fcler im Feld, Ihr seid immer ganz gegenw\u00e4rtig.\u00a0[\u2026] Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln hei\u00dft: zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare M\u00e4chte etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als die Kinder.\u201c<br \/>\nSo sehr dieses Alleinsein aber eine moderne Krankheit ist, so wenig ist es Schicksal. Der Spruch, wonach es kein richtiges Leben im falschen geben soll, ist nichts als die faule und bequeme Ausrede von Intellektuellen, die die Stammtischparole des \u201eda kann man eh&#8216; nichts dran machen\u201c nur auf ein h\u00f6heres Niveau gehoben haben.<br \/>\nDas richtige Leben wird nicht eines sch\u00f6nen Tages vom Himmel fallen, sondern kann nur aus dem Boden des jetzigen, falschen Lebens emporwachsen.<br \/>\nUmso n\u00f6tiger ist es, dass wir die zarten, frostgef\u00e4hrdeten Keime neuen Lebens sch\u00fctzen und hegen.<br \/>\nWenn allerdings Menschen, wie Bonnh\u00f6fer, in der Geborgenheit zu Hause sind, dann oft nicht wegen der Gesellschaft in der sie leben, sondern trotz dieser Gesellschaft.<br \/>\nNicht nur der Nazistaat war, unsere Gesellschaft heute ist oft so organisiert, dass sie das Alleinsein schon fast erzwingt.<br \/>\nDamit Gesellschaft dagegen Geborgenheit erm\u00f6glicht, muss sie ein Sozialstaat sein. D.h. sie muss ihre Mitglieder vor den grossen Risiken des Lebens sch\u00fctzen.<br \/>\nAllerdings sind Gesellschaft und Staat immer b\u00fcrokratische Gebilde und damit sachlich organisiert.<br \/>\nWenn wir also sagen: Die H\u00f6lle ist dort, wo wir allein sind und zu blo\u00dfen Sachen werden, dann k\u00f6nnen Staat und Gesellschaft dieses Problem immer nur zur H\u00e4lfte l\u00f6sen. Dass wir mehr sind als eine Sache und die menschliche Wertsch\u00e4tzung erhalten, die wir zum Leben brauchen, kann uns kein Staat garantieren.<br \/>\nDazu brauchen wir die Anderen und ihre Liebe und Zuneigung. Wobei man Liebe und Zuneigung t\u00f6tet, wenn man sie, wie Plato das tut, in ein blo\u00dfes Gespenst, in eine \u201ereine\u201c Idee verwandelt. Liebe und Zuneigung m\u00fcssen, damit sie \u00fcberhaupt sind, auch \u201eunrein\u201c, n\u00e4mlich k\u00f6rperlich, existieren.<br \/>\nLieben k\u00f6nnen wir uns aber nur, wenn wir uns als Gleiche, d.h. auf Augenh\u00f6he begegnen.<br \/>\nWir bed\u00fcrfen daher auch der Gleichheit.<br \/>\nNun sind f\u00fcr manchen ja gerade die SA-M\u00e4nner in ihren gleichen Uniformen das Muster an Gleichheit oder besser gesagt Gleichmacherei.<br \/>\nDas ist aber falsch.<br \/>\nIn der SA oder vergleichbaren Orten findet man nicht den Anderen. An solchen Orten werden viele Einzelne zu einer Art Masse verbacken, die man zu jeder Art von Pogrom gebrauchen kann.<br \/>\nObwohl sich die Individuen einer solchen Masse gleichen wie ein Klon dem anderen, ist doch jeder Einzelne von seiner Exklusivit\u00e4t \u00fcberzeugt.<br \/>\nIrgendeine Form von Herrenmenschen-Ideologie ist normalerweise das Bindemittel, das aus den isolierten Sandk\u00f6rnern den Stein werden l\u00e4sst, der den Rest der Menschheit erschl\u00e4gt.<br \/>\nUnd obwohl sie in Rudeln auftreten, sind doch die Individuen in dieser Masse einsam und meist zu wirklicher Beziehung unf\u00e4hig.<br \/>\nEs muss \u00fcbrigens nicht die SA sein.<br \/>\nVon Franz-Josef Degenhardt gibt es ein Lied: \u201eDu bist anders als die andern\u201c der dies z.B. f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten in Frankfurt\/Main Niederrad oder irgendeiner anderen B\u00fcrostadt auf der Welt treffend beschreibt.<br \/>\nIn diesen Massen steckt keine Kraft, nur Gewalt.<br \/>\nDie Kraft, die dagegen Bonh\u00f6ffer beschw\u00f6rt, ist die Kraft die ihm andere geben.<br \/>\nDiese Kraft nennt er auch Gott. Diese Kraft verliert aber \u00fcberhaupt nichts von ihrem Zauber, wenn wir sie aus dem Jenseits ins Diesseits versetzen. Es ist die Kraft, die wir erzeugen, weil und indem wir zusammen sind und uns lieben.<br \/>\nFehlt diese Kraft, dann sind wir allein.<br \/>\nDieses Alleinsein hat \u00fcberhaupt nichts zu tun mit der Einsamkeit, die wir manchmal brauchen um bei uns selbst zu sein oder zu uns selbst zu kommen.<br \/>\nDiese Art von Einsamkeit, die wir z.B. in der Medidation erfahren sch\u00e4rft im Gegenteil gerade unser Bewu\u00dftsein daf\u00fcr, dass wir ein Teil von einem gr\u00f6sseren Ganzen sind.<br \/>\nMit Anderen zu sein garantiert uns nicht das Paradies, aber es ist der einzige Weg, der dorthin f\u00fchrt.<br \/>\nMit Anderen sind wir aber blo\u00df dann wirklich zusammen, wenn die Anderen f\u00fcr uns nicht nur Mittel sind. Nur das Zusammensein als Selbstzweck, die Begegnung mit Anderen als Wert an sich kann Gelingen erm\u00f6glichen.<br \/>\nDaraus erw\u00e4chst aber ein Problem:<br \/>\nUnsere F\u00e4higkeiten Anderen wirklich als Anderen zu begegnen sind gewissermassen limitiert. Wir k\u00f6nnen nicht mit Hundertausenden oder gar Millionen gut Freund sein. Auf der anderen Seite ist die westliche Beschr\u00e4nkung auf den kleinsten Familienkreis nicht das Ma\u00df aller Dinge und mit Sicherheit nicht der Modell aus dem sich eine wirklich menschliche Gesellschaft entwickeln kann.<br \/>\nDass sich die Nachbarschaft um alte Menschen, die krank und allein sind oder um Kinder, die sich im Spielen vergessen, k\u00fcmmert, scheint woanders normaler zu sein als bei uns. Auf jeden Fall hat mir k\u00fcrzlich eine Vietnamesin den Unterschied zwischen Deutschland und ihrer Heimatstadt Hanoi auf diese Weise erkl\u00e4rt.<br \/>\nWeil wir nicht mit allen gut Freund sein k\u00f6nnen, werden wir mit vielen von diesen Anderen eine rein sachliche Beziehung haben und nur mit einigen von diesen Anderen eine wirklich menschliche Beziehung.<br \/>\nWobei wir allerdings in unsere Wohlstandsberechnungen statt des Bruttosozialprodukts mehr die Vielfalt und der Reichtum unserer mitmenschlichen Beziehungen einfliessen lassen sollten. Vielleicht ist dann das arme Vietnam reicher als die reiche Bundesrepublik.<br \/>\nDass unsere Beziehungen sachlich werden, schlie\u00dft ein, dass andere Menschen f\u00fcr uns zur Sache werden.<br \/>\nUnd am Ende dieses Wegs dienen wir nur noch irgendeiner Sache und werden von Sachen regiert.<br \/>\nWobei die Befreiung der Menschen von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung auch zu einer \u201eheiligen Sache\u201c werden kann, die dann unsere Entfremdung von uns selbst erst recht ins Unertr\u00e4gliche steigert.<br \/>\nSo sind nicht die Anderen die H\u00f6lle f\u00fcr uns, sondern wir und alle Anderen begeben uns auf den Weg in die H\u00f6lle, in dem wir uns und alle Anderen zu Sachen, zu Dingen machen, die anderen Sachen unterworfen sind.<br \/>\nAndererseits kann auch eine solche sachliche und b\u00fcrokratische Konstruktion, wie sie unser Sozialstaat darstellt, eine wesentliche Voraussetzung daf\u00fcr sein, dass menschliche Beziehungen erbl\u00fchen k\u00f6nnen.<br \/>\nDas Problem, das wir zu l\u00f6sen haben, besteht demnach darin, wie wir unseren Reichtum an pers\u00f6nlichen Beziehungen entwickeln k\u00f6nnen, wie wir unsere monadische Existenzweise \u00fcberwinden, ohne in den falschen Ehrgeiz zu verfallen mit einigen Milliarden Menschen befreundet sein zu wollen.<br \/>\nDazu m\u00fcssen unsere sachlichen Beziehungen so geordnet sein, dass sie unser Menschsein erm\u00f6glichen, erleichtern und nicht verhindern.<br \/>\nDas geht aber nur, wenn wir uns auch auf der sachlichen Ebene als Gleiche begegnen.<br \/>\nWobei Gleichheit eben heisst, dass wir alle gleich viel wert sind und nicht, dass wir als Klone durch das Leben laufen.<br \/>\nWir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag auf der Basis von Freiheit, Gleichheit und Mitmenschlichkeit, bei der wir uns auf der sachlichen Ebene gegenseitig soweit den R\u00fccken frei halten, dass wir unseren Mitmenschen als Menschen begegnen k\u00f6nnen.<br \/>\nDamit lassen wir dann das blo\u00dfe Existieren hinter uns und begr\u00fcnden unser Menschsein \u201evon starken H\u00e4nden wunderbar geborgen\u201c.<br \/>\nVon H\u00e4nden, die auch unsere eigenen H\u00e4nde sind. <\/p>\n<p>Das Problem der N\u00e4he und der Ferne hat noch einen anderen Aspekt. In der N\u00e4he ist die wichtigste Form in der wir uns begegnen das Schenken.<br \/>\nWir schenken uns Liebe und Aufmerksamkeit und bekommen sie wieder, wir beschenken uns wechselseitig mit unserem Wissen und werden dadurch und zwar beim Geben und beim Nehmen kl\u00fcger.<br \/>\nAber wir schenken uns nicht nur immaterielle Dinge.<br \/>\nGehen wir einen Moment zur\u00fcck in eine Zeit, in der die M\u00e4rkte noch viel ferner waren als heute. So gelangen wir schlie\u00dflich in ein Dorf, ein gutes St\u00fcck entfernt von der n\u00e4chsten Stadt.<br \/>\nDort steht ein Kirschbaum, gross und schon etwas \u00e4lter. Der Kirschbaum geh\u00f6rt jemand. Die Kirschen sind reif und der Baum h\u00e4ngt voll.<br \/>\nDer oder die, dem oder der dieser Kirschbaum geh\u00f6rt, wird nun die n\u00e4here und weitere Verwandschaft mobilisieren um die Kirschen zu pfl\u00fccken. Die Frauen werden eine Einkoch-Orgie starten und trotzdem bleibt in einem guten Jahr noch genug \u00fcbrig um auch die Nachbarschaft, vor allem die Kinder, zu beschenken.<br \/>\nKirschen halten sich nicht sehr lange und deswegen wird der Eigent\u00fcmer sich nehmen, was er braucht und her schenken, was er entbehren kann.<br \/>\nAls ich ein Kind war, schlachteten meine Eltern einmal im Jahr 1 bzw. 2 Schweine. Und wenn dann Schlachtfest war, bekamen Verwandte, Bekannte und Nachbarn von der Wurstsuppe und vom Kesselfleisch reichlich ab. Es war schlie\u00dflich der Teil, den man nicht konservieren konnte.<br \/>\nUnd das Schlachtfest war auch deswegen ein Fest, weil wir von der F\u00fclle, die wir f\u00fcr einen Moment hatten, andere beschenken konnten.<br \/>\nNun gibt es Leute, die diese Kultur des Schenkens als eine Vorform des \u00c4quivalententauschs ansehen, als eine Art fr\u00fchen Tauschhandel.<br \/>\nDas trifft aber nicht zu. Das leitende Prinzip ist nicht die \u00c4quivalenz von Geschenken und Wiedergeschenken. Das leitende Prinzip ist: Ich gebe von dem, von dem ich mehr als genug habe, dem der es brauchen kann.<br \/>\nIch werde nat\u00fcrlich jemand, der auch schon genug hatte und dann die F\u00fclle lieber verrotten lie\u00df, als zu teilen, nichts geben. Insofern herrscht schon \u00c4quivalenz. Aber nur insofern.<br \/>\nTypisch f\u00fcr eine solche Kultur des Schenkens ist im Gegenteil gerade normalerweise die Nicht-\u00c4quivalenz. Es wird nicht in Gramm gemessen. Wer, wenn ihm jemand zul\u00e4chelt, sein Zur\u00fcckl\u00e4cheln nach Freundlichkeitsgrad dosiert, dem wird eines Tages zur Strafe jede Art von Freundlichkeit und wirklicher Freude aus dem Gesicht gewichen sein und stattdessen einer Freundlichkeitsmaske Platz gemacht haben.<br \/>\nDa wir uns aber nah sind, kann ich darauf vertrauen, dass ich von dem, den ich heute beschenke, morgen auch beschenkt werde. Dabei geht es nicht darum, dass die Geschenke gleichwertig sind, denn in diesen Beziehungen herrscht das Prinzip: Jeder nach seinen M\u00f6glichkeiten. Es geht darum, dass ich nicht nur schenke, sondern auch beschenkt werde.<br \/>\nSobald wir aber die N\u00e4he verlassen, versagt dieses Prinzip.<br \/>\nAn die Stelle von Schenken tritt Raub oder Handel.<br \/>\nWobei Raub auch dann vorliegt, wenn irgendein Herr seinen Teil von den Kirschen erpresst z.B. durch den Verweis auf \u201ealthergebrachte\u201c Rechte.<br \/>\nHandel, das heisst \u00c4quivalententausch, ist dagegen ein Fortschritt. Wobei Raub und Handel durchaus lange Zeit neben- und miteinander existieren k\u00f6nnen. Der \u201egn\u00e4dige Herr\u201c raubt mir meine Kirschen um sie an einen H\u00e4ndler f\u00fcr den Markt zu verkaufen.<br \/>\nDas weckt in mir das Verlangen, meine Kirschen selbst und ohne Umweg verkaufen zu k\u00f6nnen. Sobald ich das erreicht habe, findet die Kultur des Schenkens in Bezug auf die Kirschen ihr Ende. Im Extremfall g\u00f6nne ich mir und meinen N\u00e4chsten keine Kirschen mehr, weil ich sie lieber zum Markte trage.<br \/>\nTrotzdem geht die Kultur des Schenkens nicht unter. Schlie\u00dflich ist es eines unserer elementarsten Bed\u00fcrfnisse uns im Anderen zu spiegeln und von dort ein freundliches Bild zur\u00fcckgeworfen zu bekommen.<br \/>\nUnd gerade G\u00fcter, wie Freundlichkeit oder Wissen haben die unsch\u00e4tzbare, fantastische Eigenschaft sich durch teilen zu vermehren, so wie weiland auf der Hochzeit zu Kanaan Brot und Wein.<br \/>\nWenn wir also auf dem Weg in die Wissensgesellschaft sind, dann sollten wir uns an die Arbeit machen und eine neue Kultur des Schenkens etablieren.<br \/>\nZuvor wollen wir aber noch ein wenig bei den Deformationen verweilen, die uns zugef\u00fcgt werden, wenn wir diese Kultur des Schenkens, der Liebe und der Zuneigung schon als Kinder nicht erfahren.<br \/>\nKurz gesagt: Wir wollen und m\u00fcssen Rogoschin auf seinem Weg in die H\u00f6lle folgen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die hundert Seiten sind nun voll. Aber die Version 1.0 r\u00fcckt eher in die Ferne. 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