{"id":44,"date":"2010-10-04T07:53:57","date_gmt":"2010-10-04T05:53:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=44"},"modified":"2011-02-05T17:51:40","modified_gmt":"2011-02-05T16:51:40","slug":"rogoschin-kaufmannssohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=44","title":{"rendered":"Rogoschin Kaufmannssohn"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Version 0.3 sind einige neue Kapitel dazu gekommen u.a. \u00fcber &#8222;mangelnden Respekt&#8220;. Vor allem aber ist das Kapitel &#8222;Rogoschin und Myschkin&#8220; gewachsen. Einen Auszug daraus lesen Sie unten.<br \/>\nDie neue Version erhalten Sie unter: <a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wordpress\/wp-content\/Myschkin_f0.4.pdf'>Myschkin_f0.4<\/a><\/p>\n<p>Rogoschin Kaufmannssohn<\/p>\n<p>Der Streit ob die Henne vor dem Ei oder das Ei vor der Henne da war, endet bekanntlich damit, das man begreift, dass es vor der Henne eine Art Proto-Henne gegeben hat und vor dem Ei ein Proto-Ei.<br \/>\nDadurch endet der Priorit\u00e4tsstreit in der Geschichte einer Entwicklung.<br \/>\nMax Weber hat in seiner \u201eProtestantischen Ethik\u201c darauf insistiert, bewiesen zu haben, dass eine geistige Revolution der materiellen Revolution Industrialisierung und Kapitalismus voraus ging und diese vorbereitete. Er wollte dieses Konzept als Gegenkonzept zu Karl Marx verstanden wissen.<br \/>\nDieser Wechsel von einer Gesellschaft, in der mann\/frau arbeitete um zu leben und in der Krankheiten, Mi\u00dfernten, Heuschrecken und Herrschaft manchmal das Leben und \u00dcberleben schwer, fast unm\u00f6glich machten, zu einer Gesellschaft, in der mann\/frau nur ein Recht auf Leben haben soll um zu arbeiten, in der aber auch alle Reichtumsquellen so \u00fcberreich flie\u00dfen, dass der einzige Mangel, den diese Gesellschaft kennt, der Mangel an Arbeit ist, dieser Wechsel war mindestens so umw\u00e4lzend, wie jener vom im Wasser abgelegten Schleim zum Ei mit fester Schale, das bebr\u00fctet wird.<br \/>\nEntsprechend m\u00fcssen sich auch erste verschiedene Inseln des Proto-Kapitalismus bilden, bevor alle diese Inseln zum neuen, zum angeblichen \u201ePromise-Land\u201c zusammen wachsen k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd bei der Bildung dieser Inseln sind die verschiedenen christlichen h\u00e4retischen Str\u00f6mungen, die seit dem Mittelalter spriessenden Sekten, so etwas wie die Hefe im Mehl.<br \/>\nAllerdings n\u00e4hrt der Geist alleine niemand, und so ist, wie Marx richtig festgestellt hat, eine neue Art seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die Grundvorraussetzung f\u00fcr alles \u00fcbrige. Diese neue Art seinen Unterhalt zu bestreiten, wird zur neuen Lebensart. Und diese neue Lebensart steht im schroffen Gegensatz zur alten. Dieser Gegensatz mu\u00df notwendigerweise eine Ideologieproduktion in Gang setzen, die die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung aus dem irdischen Jammertal in eine Sehnsucht nach einem neuen Jerusalem, der Stadt auf den Bergen, \u00fcbersetzt.<br \/>\nUnd dieses neue \u201eJerusalem\u201c und das ist ihr unaufl\u00f6sliches Paradox, verk\u00fcndet im Namen der Liebe das allumfassende Streben nach Besitz und Reichtum zum Ziel des Lebens \u00fcberhaupt.<br \/>\nWir leben um zu haben und wir arbeiten hart um noch mehr zu haben.<br \/>\nUnd dadurch, dass wir haben und in dem was wir haben, nehmen wir teil am ewigen Leben. Unser Tod ist nichts, weil unser Werk uns \u00fcberlebt.<br \/>\nDas ist der Kern des neuen Evangeliums.<br \/>\nIhr alpha und omega und ihr wirkliches Vaterunser.<br \/>\nRu\u00dfland in den 60iger Jahren des 19.Jahrhunderts ist in der selben Situation wie Japan oder China zur selben Zeit:<br \/>\nDie Entwicklung, die da erst in England und dann in New England ins Rollen gekommen ist und danach dank Frankreich und Napoleon auch auf den europ\u00e4ischen Kontinent \u00fcbergegriffen hat, droht diese alten Staaten zu untergraben und unter sich zu begraben. Deswegen versucht der Staat die zarten Pfl\u00e4nzchen einer eigenst\u00e4ndigen Entwicklung durch politisches Handeln zu erg\u00e4nzen und zu beschleunigen. W\u00e4hrend dies in Japan gelingt, scheitert es in China und Ru\u00dfland.<br \/>\nIn Japan gelingt der Schulterschluss der herrschenden Samurei mit der B\u00fcrokratenkaste und gemeinsam mausern sie sich zu einer japanischen Bourgeoisie. In Ru\u00dfland entdeckt die Adelskaste haupts\u00e4chlich Baden-Baden, Bad Ems und Paris, w\u00e4hrend die B\u00fcrokratenkaste zwischen sklavischer Unterw\u00fcrfigkeit und revolution\u00e4rer Phrasendrescherei hin- und herschwankt. Lebedew ist daf\u00fcr der Prototyp.<br \/>\nUnd der Schm\u00e4hartikel \u00fcber Myschkin in einem Petersburger Skandalbl\u00e4ttchen, den Keller verantwortet und Lebedew diktiert hat, beginnt mit:  \u201eProletarier und Edelinge\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 20102<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 4, S. 134)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ] <\/p>\n<p>In den 70iger Jahren unseres Jahrhunderts soll man auf studentischen Vollversammlungen der Uni G\u00f6ttingen den Vorsitzenden des christ\u00addemok\u00adrati\u00adschen Stundentenverbands RCDS mit den Worten: \u201eDas Wort hat nun der Genosse RCDS-Vorsitzende\u201c ans Rednerpult gebeten haben.<br \/>\n   \u201e Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien St\u00fccken, nicht unter selbstgew\u00e4hlten; sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit besch\u00e4ftigt scheinen, sich und die Dinge umzuw\u00e4lzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolution\u00e4rer Krise beschw\u00f6ren sie \u00e4ngstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kost\u00fcm, um in dieser altehrw\u00fcrdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuf\u00fchren. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als r\u00f6mische Republik und als r\u00f6misches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wu\u00dfte nichts Besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolution\u00e4re \u00dcberlieferung von 1793-1795 zu parodieren. So \u00fcbersetzt der Anf\u00e4nger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zur\u00fcck in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne R\u00fcckerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergi\u00dft.\u201c<br \/>\n[Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Marx\/Engels: Ausgew\u00e4hlte Werke, S. 11625-11626<br \/>\n(vgl. MEW Bd. 8, S. 115) http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band11.htm ] <\/p>\n<p>Die russischen \u201eRevolution\u00e4re\u201c zogen sich den Blaumann an und traten als Arbeiterf\u00fchrer auf. Aber darunter verbargen sie nur ihre \u00c4rmelschoner und ihre sonstige Beamtenuniform.<br \/>\nUnd so war ihre \u201eRevolution\u201c auch eher eine Konterrevolution. Sie bek\u00e4mpfte den Kapitalismus bis aufs Messer. Nicht um ihn zu \u00fcberwinden, sondern um das geschundene Land weiter als Beute zu behalten.<br \/>\nDie B\u00fcrokratie wurde mit \u201eSowjet\u00f6l\u201c gesalbt (Lenin!), die T\u00fcrschilder gewechselt, w\u00e4hrend die Futterkrippen blieben. Inzwischen wurden die T\u00fcrschilder ein weiteres Mal gewechselt und angeblich ist Ru\u00dfland jetzt ein kapitalistisches Land. Aber gibt es dort auch Kapitalisten ? Haben die Neureichs in St.Moritz wirklich etwas mit Akkumulation, mit Reichtumsproduktion als Selbstzweck, am Hut ?<br \/>\nKapitalismus bedeutet nicht einfach nur Reichtum, es bedeutet mit dem, was man hat, nicht zufrieden zu sein.<br \/>\nEs bedeutet eine Maschine anzuschieben und in Gang zu halten, die heute bessere Zahlen produzieren soll als gestern und die morgen noch mehr davon liefert. Alle Leidenschaft geh\u00f6rt diesem schneller, weiter und h\u00f6her. Weswegen auch die Leidenschaft f\u00fcr eine Frau ein entscheidender St\u00f6rfaktor ist. Fast so schlimm wie Trunksucht.<br \/>\nDer \u201eYankee aus Conneticut\u201c verk\u00f6rpert diesen Geist.<br \/>\nDer Vater Rogoschins verk\u00f6rpert diesen Geist und deswegen muss er auch seinen Sohn verpr\u00fcgeln als er tausende Rubel vergeudet f\u00fcr eine Frau. Deswegen ist er sich nicht zu schade zu der Dame zu gehen und um die Herausgabe des Schmucks zu betteln. Und deswegen stirbt er vor Kummer \u00fcber seinen verkommenen, mi\u00dfratenen Sohn.<br \/>\nW\u00e4hrend der Vater stirbt, liegt der Junge besoffen in Pskow im Dreck, so besoffen, dass schon die streunenden Hunde an ihm zu nagen beginnen und er sich in der K\u00e4lte fast selbst den Tod holt.<br \/>\nUnser Kaufmannssohn wird damit zum besoffenen Gutsbesitzer. Eine der typischen nutzlosen Existenzen, wie sie in Gestalt von \u201eLeutnants\u201c die damalige Welt Ru\u00dflands, Preu\u00dfen oder \u00d6sterreichs heimsuchen.<br \/>\nIn jener gespenstischen Szene, als Myschkin Rogoschin zu Hause besucht und sie Br\u00fcder sein sollen und ihre Anh\u00e4nger tauschen, wenn Rogoschin schon das Messer richtet, mit dem er sp\u00e4ter Natassja t\u00f6tet und zuvor Myschkin bedroht, in dieser Szene entdeckt Myschkin ein Bild an der Wand und fr\u00e4gt:<br \/>\n\u201e\u00bbDas ist wohl dein Vater?\u00ab fragte der F\u00fcrst.<br \/>\n    \u00bbJa, das ist er\u00ab, antwortete Rogoschin mit einem unangenehmen L\u00e4cheln, als ob er vorh\u00e4tte, im n\u00e4chsten Augenblick irgendeinen ungenierten Scherz \u00fcber seinen verstorbenen Vater zu machen.<br \/>\n    \u00bbWar er ein Altgl\u00e4ubiger?\u00ab<br \/>\n    \u00bbNein, er ging in die Kirche; aber er sagte allerdings, der alte Glaube sei richtiger. Auch vor den Skopzen hat er Achtung gehabt. Dies hier war sein Arbeitszimmer. Warum fragst du danach, ob er altgl\u00e4ubig war?\u00ab \u201e<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19973<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 4, S. 49)  http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ]<\/p>\n<p>Die \u201eAltgl\u00e4ubigen\u201c erkannten nicht den Zaren als Herrn \u00fcber die Kirche an und die Skopzen lie\u00dfen sich als M\u00e4nner die Hoden und wenn sie besonders fromm waren den Penis abschneiden, w\u00e4hrend sich die Frauen Br\u00fcste und Klitoris entfernen liessen. Sie wollen sich damit vor der S\u00fcnde der sexuellen Wollust sch\u00fctzen, in dem sie die \u201eWerkzeuge\u201c dazu, die sie als Werkzeuge des Satans sehen, abschnitten.<\/p>\n<p>Sie t\u00f6ten die Wollust und stempeln sie zur Tods\u00fcnde, w\u00e4hrend sie der wirklichen Tods\u00fcnde der Habsucht und des Haben-wollens rettungslos verfallen.<\/p>\n<p>Insofern hat Rogoschins Rebellion gegen den Vater zwei Seiten: Er wendet sich gegen eine Welt, die wirkliche, k\u00f6rperliche Liebe zur \u201eS\u00fcnde\u201c erkl\u00e4rt und die Liebe zum Besitz zur Tugend, aber bleibt einer, der dem Haben-wollen verfallen ist.<br \/>\nSeine Rebellion will nicht das Besitzen- und Beherrschen-wollen hinter sich lassen. Er will statt abstrakter Rubelscheine die sch\u00f6nste Frau Petersburgs besitzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Version 0.3 sind einige neue Kapitel dazu gekommen u.a. \u00fcber &#8222;mangelnden Respekt&#8220;. 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