{"id":31,"date":"2010-09-12T14:30:34","date_gmt":"2010-09-12T12:30:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=31"},"modified":"2011-02-11T07:48:25","modified_gmt":"2011-02-11T06:48:25","slug":"hesse-ueber-myschkin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=31","title":{"rendered":"Hesse \u00fcber Myschkin"},"content":{"rendered":"<p>Die Arbeit geht weiter. Das Kapitel Myschkin und Rogoschin ist angefangen, aber noch lange nicht fertig.<br \/>\nDaf\u00fcr gibt es einen Kommentar zu Hesses Kommentar zu Hesse.<br \/>\nDie neue Version kann man hier lesen:<a href=\"http:\/\/www.walter-altvater.de\/wordpress\/wp-content\/Myschkin_f0.3.pdf\"> Myschkin_f0.3<\/a><\/p>\n<p>Das Kapitel \u00fcber Hesse:<\/p>\n<p>Hermann Hesse \u00fcber Myschkin<\/p>\n<p>Von Hermann Hesse gibt es einen Aufsatz aus dem Jahr 1919 mit dem Titel \u201eGedanken zu Dostojewskis \u00abIdiot\u00bb\u201c. &#8230;.. Den ganzen Aufsatz findet man hier: <a href=\"http:\/\/www.gss.ucsb.edu\/projects\/hesse\/Idiot-mit-Dostobild.pdf\">http:\/\/www.gss.ucsb.edu\/projects\/hesse\/Idiot-mit-Dostobild.pdf<\/a><\/p>\n<p>Betrachten wir seine Ausf\u00fchrungen im einzelnen. Die zentrale Aussage Hesses scheint mir folgende zu sein:&#8220;Der Idiot ist, sagte ich, zeitweise jener Grenze nahe, wo von jedem Gedanken auch das Gegenteil als wahr empfunden wird. Das hei\u00dft, er hat ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, da\u00df kein Gedanke, kein Gesetz, keine Pr\u00e4gung und Formung existiert, welche anders wahr und richtig w\u00e4re als von einem Pole ? und zu jedem Pol gibt es einen Gegenpol.\u201c<br \/>\nMan kann es auch anders sagen: F\u00fcr den Idioten ist das Nicht-Identisch-Sein Teil seiner Identit\u00e4t.<br \/>\nUnd das erschreckt alle an ihm, auch Hesse.<br \/>\nDas Erschrecken resultiert dabei daraus, dass \u201eIdentit\u00e4t\u201c eben keineswegs ein so selbstverst\u00e4ndlicher Zustand ist, wie man sich gerne einredet. Aber je weniger selbstverst\u00e4ndlich Identit\u00e4t ist, um so gr\u00f6sser der Unwille, wenn das Identit\u00e4tsdenken in Frage gestellt wird.<\/p>\n<p>Woher kommt dieses Nicht-Identisch-Sein ?<\/p>\n<p>Hesse meint:<br \/>\n&#8222;Myschkin unterscheidet sich von den andern dadurch, da\u00df er als \u00abIdiot\u00bb und Epileptiker, der aber zugleich ein recht kluger Mensch ist, viel n\u00e4here und unmittelbarere Beziehungen zum Unbewu\u00dften hat als jene.\u2026<br \/>\nEr hat Magie, er hat mystische Weisheit nicht gelesen und anerkannt, nicht studiert und bewundert, sondern (wenn auch nur in ganz seltenen Augenblicken) tats\u00e4chlich erlebt.\u201c<\/p>\n<p>Es ist typisch f\u00fcr Nicht-Epileptiker, dass sie vom Anfallsgeschehen so verst\u00f6rt sind, dass sie hier eine \u201eh\u00f6here Macht\u201c walten sehen.<br \/>\nDabei wird \u00fcbersehen, dass man als Epileptiker w\u00e4hrend des Anfalls bewu\u00dftlos ist und in diesem Zustand schlecht das Unbewu\u00dfte sehen kann. So spektakul\u00e4r ein Anfall f\u00fcr den Zuschauer aussieht, so banal ist das Geschehen f\u00fcr den im Zentrum. Aber das ist ja nicht ungew\u00f6hnlich, denn im Auge des Hurrikans ist es auch still.<\/p>\n<p>Bleibt die Aura, jener kurze, noch bewu\u00dfte \u201eMoment des Gl\u00fccks\u201c von dem Dostojewski schreibt. Ich hatte nie eine Aura. Aber Menschen, die wie Dostojewski eine Aura erlebt haben, haben mir erz\u00e4hlt, dass sie diesen \u201ekurzen Moment\u201c haupts\u00e4chlich dazu nutzen sich in Sicherheit zu bringen. Ein Anfall ist f\u00fcr den Betroffenen zu allererst ein Sturz, bei dem man sich alle Knochen brechen kann. Es ist schon erstaunlich, wie heil ich die unm\u00f6glichsten St\u00fcrze \u00fcbrerstanden habe, aber ich habe mir auch schon aus einer \u201eharmlosen\u201c Situation heraus das Nasenbein gebrochen und die Z\u00e4hne eingeschlagen.<\/p>\n<p>So leid es mir f\u00fcr Hesse auch tut: Das mit der h\u00f6heren magischen Wahrheit ist ein Schmarren.<br \/>\nDamit stellt sich allerdings erst die Frage nach der Ursache von Myschkins Andersartigkeit, die laut Hesse ja darin besteht, dass sein Denken \u201ezum Chaos zur\u00fcck kehrt. \u201e<br \/>\n&#8222;Ein Denken, das zum Unbewu\u00dften, zum Chaos, zur\u00fcckkehrt, zerst\u00f6rt jede menschliche Ordnung.\u201c dekretiert er.<br \/>\nDie Frage ist allerdings ob seine Angst vor dem Chaos und der \u201eZerst\u00f6rung ..menschlicher Ordnung\u201c nicht typisch deutsch ist.<\/p>\n<p>So ordentlich wie Hesse sich das w\u00fcnscht, ist nur der Kristall und der ist tot. Das Leben beinhaltet immer neben Ordnung auch Chaos. Nur durch diesen Tanz auf der Grenze von Ordnung und Chaos ist \u00fcberhaupt das Lebendige definiert.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, wodurch Myschkin das Ordnungsemfinden Hesses, der Jepantschins und ihres Anhangs, aber auch Ippolits und seiner \u201eNihilisten\u201c so nachhaltig st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was definiert \u00fcberhaupt \u201eOrdnung\u201c ?<\/p>\n<p>Der Mensch ist ein soziales Tier. Und alle diese Tiere haben zu allererst eine Rangordnung. Mann und Frau sortieren sich in Hierarchien.<\/p>\n<p>In der menschlichen Gesellschaft ist es noch ein bi\u00dfchen komplizierter. Neben der gewisserma\u00dfen nat\u00fcrlichen Hierarchie, die sich aus der Person und ihren nachvollziehbaren F\u00e4higkeiten ergibt, existiert im Ru\u00dfland der 60iger Jahre des 19.Jahrhunderts noch eine Hierarchie kraft Geburt, die manche dazu berechtigt andere auch k\u00f6rperlich zu z\u00fcchtigen und daneben und darunter, aber in wachsender Konkurrenz auch eine Hierarchie, die sich auf Besitz gr\u00fcndet und die dem, der Geld hat, auch Geld geerbt hat,die M\u00f6glichkeit verschafft, dem der ihn schlagen darf, gegebenenfalls finanziell die Gurgel zu zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Weil diese unterschiedlichen Hierarchiesysteme in Konkurrenz und Konflikt geraden sind, deswegen sind die \u201eNihilisten\u201c und ihr merkw\u00fcrdiger Auftritt \u00fcberhaupt m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Myschkin aber sind all diese konkurrienden Hierarchiesystem fremd.<br \/>\nWobei das nicht heisst, dass sein Verstand sie nicht begreift, aber er lebt sie nicht und sie leben nicht in und mit ihm.<\/p>\n<p>Um das zu verstehen, k\u00f6nnen wir alle \u201evererbten\u201c, von fr\u00fcheren F\u00e4higkeiten und Verdiensten hergeleiteten Hierarchien, ob sie nun auf Geld (auch ererbtem Geld) oder ererbtem Rang beruhen, getrost vergessen.<br \/>\nSie definieren sowieso nur ein von den Vorfahren geschenktes Plus oder Minus, das einem am Bein h\u00e4ngt oder nach oben tr\u00e4gt, bei der Herausbildung dessen, was wir als nat\u00fcrliche oder F\u00e4higkeitshierarchie bezeichnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In einer Gesellschaft der Gleichheit w\u00e4re dieses Plus oder Minus Null. Und somit w\u00fcrden wir auch nur in einer solchen Gesellschaft tats\u00e4chlich von den F\u00e4higsten unter uns regiert.<\/p>\n<p>Aber auch in einer solchen Gesellschaft h\u00e4tte Myschkin Probleme mit der Rangordnung.<br \/>\nDas liegt daran, dass wir uns in den Gruppen, in denen wir zu Hause sind, gewisserma\u00dfen nach unseren F\u00e4higkeiten sortieren.<br \/>\nDa wir auf unterschiedlichen Gebieten unterschiedliche F\u00e4higkeiten haben, findet eine Mittelwertbildung statt. Daraus errechnet sich unser Rang. Nat\u00fcrlich bleiben bei ann\u00e4hernder Gleichheit Zweifel und man \u00fcbersch\u00e4tzt sich gerne. Dann finden Rangordnungsk\u00e4mpfe statt.<br \/>\nWir unterscheiden uns da weniger von Affen oder Raben, als wir in unserer Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung gerne wahr haben wollen.<\/p>\n<p>Das Problem f\u00fcr Myschkin besteht nun darin, dass eine Mittelwertbildung bei Extremwerten nicht funktioniert. Aus einem \u201eklugen Menschen\u201c und komletten Idioten ergibt sich nun mal kein halber Idiot oder nicht ganz so kluger Mensch. Beides Klugheit und Idiotie bleiben in ihrer Gleichzeitigkeit Myschkinsche Attribute.<br \/>\nDamit ist aber sein nat\u00fcrlicher Platz in einer nat\u00fcrlichen Hierarchie das Nirgends oder auch das \u00dcberall und damit die Ortlosigkeit.<br \/>\nEr ist allen anderen gleichzeitig \u00fcberlegen und unterlegen und damit ist seine Identit\u00e4t das Nicht-Identisch-Sein.<\/p>\n<p>Wenn wir uns nun fragen, warum es bei sozialen Tieren eine solche Rangordnung geben muss, dann ist die Antwort darauf: Weil damit der Krieg jeder gegen jeden, den nach Hobbes angeblich erst der Staat befriedet, verhindert wird. D.h. nat\u00fcrliche Rangordnungen (nicht der ererbte Rang oder das ererbte Geld) sind f\u00fcr soziales Zusammenleben unverzichtbar.<\/p>\n<p>Gleichzeitig verschlingen Rangordnungsk\u00e4mpfe aber auch viel Energie, denn das Nicht-Identisch-Sein ist bei den Myschkins ja nur extrem, insofern wir es hier mit Gleichzeitigkeit zu tun haben. Aber auch die anderen Mitglieder einer sozialen Gruppe bleiben heute nicht wie gestern. Der eine ist zwar ein Silberr\u00fccken, aber an der Spitze zu stehen ist anstrengend und irgendwann schwinden die Kr\u00e4fte, dem anderen wachsen sie und so greift er an und erobert sich einen neuen Platz in der Hierarchie usw. ad infinitum.<\/p>\n<p>Weibchen sind in der Regel schw\u00e4cher und zumal mit einem Kind auf dem R\u00fccken verletzlicher und deswegen bleiben sie h\u00e4ufig untergeordnet. Aber mit zunehmender Entwicklung des Sozialen bilden sich neue Verh\u00e4ltnisse. An Stelle roher Kraft tritt die F\u00e4higkeit zu kooperieren, sich zu verb\u00fcnden.<\/p>\n<p>Hier erweisen sich die Frauen mit ihrer F\u00e4higkeit zu Liebe und Zuneigung aber als das st\u00e4rkere Geschlecht. Das heisst nicht dass Rangordnungen verschwinden, aber sie werden modifiziert durch Verstehen, Verzeihen und Gernhaben, kurz durch Liebe.<\/p>\n<p>In solchen frauengepr\u00e4gten Gesellschaften mit ihrer anderen Art von Ordnung h\u00e4tte es unser Myschkin leichter. Aber leider ist das Matriarchat mit der Herausbildung des Kriegertums vermutlich untergegangen. Zwar erinnert uns der Mythos der Amazonen daran, dass am Anfang dieser Zeit neben Kriegern auch Kriegerinnen existierten, aber vollkommen zu Recht erz\u00e4hlt uns dieser Mythos auch davon, dass am Ende die Kriegerinnen den Krieg verloren haben.<\/p>\n<p>Und so sind wir heute wieder in mancher Hinsicht in der Welt der Paviane gelandet.<\/p>\n<p>\u201eH\u00f6chste Wirklichkeit f\u00fcr Myschkin aber ist das magische Erlebnis von der Umkehrbarkeit aller Satzungen, vom gleichberechtigten Vorhandensein der Gegenpole. Der \u00abIdiot\u00bb, zu Ende gedacht, f\u00fchrt das Mutterrecht des Unbewu\u00dften ein, hebt die Kultur auf. Er zerbricht die Gesetzestafeln nicht, er dreht sie nur um und zeigt, da\u00df auf der R\u00fcckseite das Gegenteil geschrieben steht.<br \/>\nDa\u00df dieser Feind der Ordnung, dieser furchtbare Zerst\u00f6rer nicht als Verbrecher auftritt, sondern als lieber, sch\u00fcchterner Mensch voll Kindlichkeit und Anmut, voll guter Treuherzigkeit und selbstloser Gutm\u00fctigkeit, das ist das Geheimnis dieses erschreckenden Buches.\u201c<\/p>\n<p>Dass der Idiot das \u201eMutterrecht des Unbewu\u00dften\u201c einf\u00fchrt, hebt mit nichten die Kultur auf.<\/p>\n<p>Es durchl\u00f6chert aber die strengen Satzungen des Vaters setzt die prinzipielle Unordnung des Lebens neu auf unsere Tagesordnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeit geht weiter. Das Kapitel Myschkin und Rogoschin ist angefangen, aber noch lange nicht fertig. Daf\u00fcr gibt es einen Kommentar zu Hesses Kommentar zu Hesse. 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