{"id":249,"date":"2012-12-28T07:59:10","date_gmt":"2012-12-28T06:59:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=249"},"modified":"2012-12-28T08:01:05","modified_gmt":"2012-12-28T07:01:05","slug":"die-macht-der-vereinigten-individuen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=249","title":{"rendered":"Die Macht der vereinigten Individuen"},"content":{"rendered":"<p>Die Version F 0.59 steht als PDF zum Download bereit: <a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wp-content\/Myschkin_f59.pdf'>Myschkin_f59<\/a><br \/>\nEine EBUP-Version wird folgen. Im Moment k\u00e4mpfe ich noch mit dem Inhaltsverezichnis.<\/p>\n<p><strong>Die Macht der vereinigten Individuen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, da\u00df er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverh\u00e4ltnisse umw\u00e4lzt und alle naturw\u00fcchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewu\u00dftsein als Gesch\u00f6pfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturw\u00fcchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft. Seine Einrichtung ist daher wesentlich \u00f6konomisch, die materielle Herstellung der Bedingungen dieser Vereinigung; sie macht die vorhandenen Bedingungen zu Bedingungen der Vereinigung. Das Bestehende, was der Kommunismus schafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unm\u00f6glichmachung alles von den Individuen unabh\u00e4ngig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist.\u201c<br \/>\n[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49102<br \/>\n(vgl. MEW Bd. 3, S. 70-71)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ] <\/p>\n<p>So beginnt das Kapitel \u201eKommunismus. \u2013 Produktion der Verkehrsform selbst\u201c in der deutschen Ideologie.<br \/>\nMan kann nun gewiss nicht behaupten, dass das was da steht und erst recht das was noch folgt zu den leicht verst\u00e4ndlichen Passagen der \u201eDeutschen Ideologie\u201c geh\u00f6rt.<br \/>\n\u201eKommunismus\u201c soll demnach zu aller erst bedeuten, dass die Menschen, jedes Individuum, seine\/ihre Geschichte selbst macht.<br \/>\nAn die Stelle von \u201eSchicksal\u201c tritt die freie Entscheidung und damit die \u201eUnm\u00f6glichmachung alles von den Individuen unabh\u00e4ngig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist\u201c.<br \/>\nD.h. insoweit unser Schicksal von uns und unseren Mitmenschen bestimmt ist, bestimmen wir selbst. Umgekehrt: Vor eine Natur, die sich von Menschen nicht bestimmen l\u00e4sst, endet diese unsere gemeinsame Macht.<\/p>\n<p>\u201eDie Kommunisten behandeln also praktisch die durch die bisherige Produktion und Verkehr erzeugten Bedingungen als unorganische, ohne indes sich einzubilden, es sei der Plan oder die Bestimmung der bisherigen Generationen gewesen, ihnen Material zu liefern, und ohne zu glauben, da\u00df diese Bedingungen f\u00fcr die sie schaffenden Individuen unorganisch waren.<br \/>\nDer Unterschied zwischen pers\u00f6nlichem Individuum und zuf\u00e4lligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern ein historisches Faktum.<br \/>\n Diese Unterscheidung hat zu verschiedenen Zeiten einen verschiedenen Sinn, z.B. der Stand als etwas dem Individuum Zuf\u00e4lliges im 18. Jahrhundert, plus ou moins auch die Familie. Es ist eine Unterscheidung, die nicht wir f\u00fcr jede Zeit zu machen haben, sondern die jede Zeit unter den verschiedenen Elementen, die sie vorfindet, selbst macht, und zwar nicht nach dem Begriff, sondern durch materielle Lebenskollisionen gezwungen.\u201c<br \/>\n[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49102-49103 (vgl. MEW Bd. 3, S. 71) http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ]<br \/>\n\u201eDer Unterschied zwischen pers\u00f6nlichem Individuum und zuf\u00e4lligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern ein historisches Faktum.\u201c<br \/>\nMein \u201eIch\u201c ist zun\u00e4chst bestimmt dadurch, wo und wann ich geboren bin, durch mein Geschlecht, meine DNA und durch die Frage, welchen gesellschaftlichen Rang meine Eltern hatten.<br \/>\nAll dies ist mir zuf\u00e4llig.<br \/>\nWobei diese Zuf\u00e4lle eine unterschiedliche Qualit\u00e4t haben, weil sie einerseits meiner Natur und andererseits meiner gesellschaftlichen Position geschuldet sind. Gleichzeitig wechselwirken Natur und Gesellschaft vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>Zum pers\u00f6nlichen Individuum werde ich durch das, was ich aus mir mache.<br \/>\nDas h\u00e4ngt aber eng mit der Frage zusammen, was ich \u00fcberhaupt aus mir machen kann.<\/p>\n<p>\u201eKommunismus\u201c hie\u00dfe demnach, dass mich keine Gesellschaft daran hindert zu entfalten, was in mir steckt.<br \/>\nDas w\u00e4re demnach aber das genaue Gegenteil von \u201eKollektivismus\u201c im Sinne von: Du musst sein wie alle anderen.<br \/>\nWeil ich gleichviel wert bin, wie alle anderen, darf ich so sein, wie es mir gem\u00e4ss ist.<br \/>\nWie weit ich dabei komme, h\u00e4ngt davon ab, welche M\u00f6glichkeiten mir meine Zeit bietet. <\/p>\n<p>\u201eWas als zuf\u00e4llig der sp\u00e4teren Zeit im Gegensatz zur fr\u00fcheren erscheint, also auch unter den ihr von der fr\u00fcheren \u00fcberkommenen Elementen, ist eine Verkehrsform, die einer bestimmten Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte entsprach. Das Verh\u00e4ltnis der Produktionskr\u00e4fte zur Verkehrsform ist das Verh\u00e4ltnis der Verkehrsform zur T\u00e4tigkeit oder Bet\u00e4tigung der Individuen. (Die Grundform dieser Bet\u00e4tigung ist nat\u00fcrlich die materielle, von der alle andre geistige, politische, religi\u00f6se etc. abh\u00e4ngt. Die verschiedene Gestaltung des materiellen Lebens ist nat\u00fcrlich jedesmal abh\u00e4ngig von den schon entwickelten Bed\u00fcrfnissen, und sowohl die Erzeugung wie die Befriedigung dieser Bed\u00fcrfnisse ist selbst ein historischer Proze\u00df, der sich bei keinem Schafe oder Hunde findet (widerhaariges Hauptargument Stirners adversus hominem), obwohl Schafe und Hunde in ihrer jetzigen Gestalt allerdings, aber malgr\u00e9 eux, Produkte eines historischen Prozesses sind.) Die Bedingungen, unter denen die Individuen, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualit\u00e4t geh\u00f6rige Bedingungen, nichts \u00c4u\u00dferliches f\u00fcr sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmten Verh\u00e4ltnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenh\u00e4ngt produzieren k\u00f6nnen, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbet\u00e4tigung und werden von dieser Selbstbet\u00e4tigung produziert.30 Die bestimmte Bedingung, unter der sie produzieren, entspricht also, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrer wirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Einseitigkeit sich erst durch den Eintritt des Widerspruchs zeigt und also f\u00fcr die Sp\u00e4teren existiert. Dann erscheint diese Bedingung als eine zuf\u00e4llige Fessel, und dann wird das Bewu\u00dftsein, da\u00df sie eine Fessel sei, auch der fr\u00fcheren Zeit untergeschoben.\u201c<br \/>\n[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49103 \u2013 49104 (vgl. MEW Bd. 3, S. 71-72) http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ]<br \/>\nEs geht also um die Freiheit des Individuums, nicht als etwas blo\u00df behauptetes sondern als wirklich gelebte Freiheit.<br \/>\nDiese Freiheit ist jeweils historisch bedingt und beschr\u00e4nkt und davon abh\u00e4ngig wie die Menschen ihren Stoffwechsel mit der Natur organisieren.<br \/>\nDabei begrenzen uns unsere F\u00e4higkeiten und Werkzeuge, aber auch die Beziehungen, die wir untereinander und miteinander eingehen.<br \/>\nSie k\u00f6nnen gleicherma\u00dfen ein Moment der Freiheit oder der Unfreiheit sein. <\/p>\n<p><strong>Der Einzige und seine Einbildung<\/strong><br \/>\n\u201eIch hab mein Sach auf nichts gestellt\u201c behauptet Max Stirner in seinem \u201eDer Einzige und sein Eigentum\u201c und f\u00e4hrt fort:<br \/>\n\u201eWas soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanit\u00e4t, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines F\u00fcrsten, meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein. \u00bbPfui \u00fcber den Egoisten, der nur an sich denkt!\u00ab<br \/>\nSehen wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, f\u00fcr deren Sache wir arbeiten, uns hingeben und begeistern sollen.\u201c<br \/>\n[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47277 (vgl. Stirner-Einzige, S. 22)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ] <\/p>\n<p>Vor allem nach Hitler und seinen ungeheuren Verbrechen war dies fast das Glaubensbekenntnis einer ganzen Generation von missbrauchten Hitlerjungen und um ihre Jugend betrogenen \u201edeutschen M\u00e4dchen\u201c.<br \/>\nDass das Menschenopfer Gott nicht wohlgef\u00e4llig ist, wissen wir seit Abrahams Tagen. Allerdings ist in unseren Tagen an die Stelle des G\u00f6tzen der \u201eSachzwang\u201c getreten, was aber gegebenenfalls am Blutdurst nichts \u00e4ndert.<br \/>\nStirners Antwort auf diese Zumutung ist das Bekenntnis zum Egoismus.<br \/>\nEr st\u00fctzt seine Argumentation darauf, dass er sagt: \u201eAlle denken an sich, nur ich soll an andere denken.\u201c<br \/>\nDieses etwas simple Argument wird nun durchgekaut. Erst kommt der egoistische Gott, dann die ebenso egoistische Menschheit:<\/p>\n<p>\u201eWie steht es mit Menschheit, deren Sache wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines andern und dient die Menschheit einer h\u00f6heren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit f\u00f6rdern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, l\u00e4\u00dft sie V\u00f6lker und Individuen in ihrem Dienst sich abqu\u00e4len, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine \u2013 rein egoistische Sache?\u201c<br \/>\n[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47278 (vgl. Stirner-Einzige, S. 22-23) http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ] <\/p>\n<p>Uns f\u00e4llt sofort die \u201eHeilige Familie\u201c ein, denn die Menschheit ist genauso ein Abstraktum wie Obst. Und so wenig man Obst als Obst essen kann, sondern immer nur \u00c4pfel, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen etc.pp. so wenig wird man der \u201eMenschheit\u201c jemals pers\u00f6nlich begegnen.<\/p>\n<p>Entsprechend vernichtend f\u00e4llt auch das Urtei von Marx und Engelsl \u00fcber Stirner aus:<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr die Philosophen ist es eine der schwierigsten Aufgaben, aus der Welt des Gedankens in die wirkliche Welt herabzusteigen. Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache. Wie die Philosophen das Denken verselbst\u00e4ndigt haben, so mu\u00dften sie die Sprache zu einem eignen Reich verselbst\u00e4ndigen. Dies ist das Geheimnis der philosophischen Sprache, worin die Gedanken als Worte einen eignen Inhalt haben. Das Problem, aus der Welt der Gedanken in die wirkliche Welt herabzusteigen, verwandelt sich in das Problem, aus der Sprache ins Leben herabzusteigen.<br \/>\nWir haben gezeigt, da\u00df die Verselbst\u00e4ndigung der Gedanken und Ideen eine Folge der Verselbst\u00e4ndigung der pers\u00f6nlichen Verh\u00e4ltnisse und Beziehungen der Individuen ist. Wir haben gezeigt, da\u00df die ausschlie\u00dfliche systematische Besch\u00e4ftigung mit diesen Gedanken von seiten der Ideologen und Philosophen und damit die Systematisierung dieser Gedanken eine Folge der Teilung der Arbeit ist, und namentlich die deutsche Philosophie eine Folge der deutschen kleinb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnisse. Die Philosophen h\u00e4tten ihre Sprache nur in die gew\u00f6hnliche Sprache, aus der sie abstrahiert ist, aufzul\u00f6sen, um sie als die verdrehte Sprache der wirklichen Welt zu erkennen und einzusehen, da\u00df weder die Gedanken noch die Sprache f\u00fcr sich ein eignes Reich bilden; da\u00df sie nur \u00c4u\u00dferungen des wirklichen Lebens sind.<br \/>\nSancho, der den Philosophen durch Dick und D\u00fcnn folgt, mu\u00df notwendig nach dem Stein der Weisen, der Quadratur des Zirkels und dem Lebenselixier suchen, nach einem \u00bbWort\u00ab, welches als Wort die Wunderkraft besitzt, aus dem Reich der Sprache und des Denkens ins wirkliche Leben hinauszuf\u00fchren. Sancho ist so angesteckt von seinem langj\u00e4hrigen Umgang mit Don Quijote, da\u00df er nicht merkt, da\u00df diese seine \u00bbAufgabe\u00ab, dieser sein \u00bbBeruf\u00ab, selbst nichts weiter als eine Folge des Glaubens an seine dickleibigen philosophischen Ritterb\u00fccher ist.<\/p>\n<p>Sancho beginnt damit, die Herrschaft des Heiligen und der Ideen in der Welt abermals, und zwar in der neuen Form der Herrschaft der Sprache oder der Phrase, uns vorzuf\u00fchren. Die Sprache wird nat\u00fcrlich zur Phrase, sobald sie verselbst\u00e4ndigt wird.\u201c<br \/>\n[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49831 -49833 (vgl. MEW Bd. 3, S. 432-433)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ] <\/p>\n<p>\u201eFeuerbach sagte, \u00bbPhilosophie der Zukunft\u00ab, p. 49:<br \/>\n\u00bbDas Sein, gegr\u00fcndet auf lauter Unsagbarkeiten,<br \/>\nist darum selbst etwas Unsagbares. Jawohl, das Unsagbare. Wo die Worte aufh\u00f6ren, da f\u00e4ngt erst das Leben an, erschlie\u00dft sich erst das Geheimnis des Seins.\u00ab<br \/>\nSancho hat den \u00dcbergang aus dem Sagbaren in das Unsagbare, er hat das Wort gefunden, welches zu gleicher Zeit mehr und weniger ist als ein Wort.<br \/>\nWir haben gesehen, da\u00df das ganze Problem, vom Denken zur Wirklichkeit und daher von der Sprache zum Leben zu kommen, nur in der philosophischen Illusion existiert, d.h. nur berechtigt ist f\u00fcr das philosophische Bewu\u00dftsein, das \u00fcber die Beschaffenheit und den Ursprung seiner scheinbaren Trennung vom Leben unm\u00f6glich klar sein kann. Dies gro\u00dfe Problem, sobald es \u00fcberhaupt in den K\u00f6pfen unsrer Ideologen spukte, mu\u00dfte nat\u00fcrlich den Verlauf nehmen, da\u00df zuletzt einer dieser fahrenden Ritter ein Wort zu suchen ausging, das als Wort den fraglichen \u00dcbergang bildete, als Wort aufh\u00f6rte, blo\u00dfes Wort zu sein, als Wort in mysteri\u00f6ser, \u00fcbersprachlicher Weise aus der Sprache heraus auf das wirkliche Objekt, das es bezeichnet, hinweist, kurz, unter den Worten dieselbe Rolle spielt wie der erl\u00f6sende Gottmensch unter den Menschen in der christlichen Phantasie. Der hohlste und d\u00fcrftigste Sch\u00e4del unter den Philosophen mu\u00dfte die Philosophie damit \u00bbverenden \u00ab lassen, da\u00df er seine Gedankenlosigkeit als das Ende der Philosophie und damit als den triumphierenden Eingang in das \u00bbleibhaftige\u00ab Leben proklamierte. Seine philosophierende Gedankenlosigkeit war ja schon von selbst das Ende der Philosophie, wie seine unaussprechliche Sprache das Ende aller Sprache. Sanchos Triumph war noch dadurch bedingt, da\u00df er unter allen Philosophen am Allerwenigsten von den wirklichen Verh\u00e4ltnissen wu\u00dfte, daher bei ihm die philosophischen Kategorien den letzten Rest von Beziehung auf die Wirklichkeit und damit den letzten Rest von Sinn verloren.<br \/>\nUnd nun gehe ein. Du frommer und getreuer Knecht Sancho, gehe oder vielmehr reite auf Deinem Grauen ein zu Deines Einzigen Selbstgenu\u00df, \u00bbverbrauche\u00ab Deinen \u00bbEinzigen\u00ab bis auf den letzten Buchstaben,&#8230;\u201c<br \/>\n[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49836 -49838 (vgl. MEW Bd. 3, S. 435-436) http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ]<br \/>\nW\u00e4hrend Stirner mit Abstraktionen k\u00e4mpft begegnen mir jeden Tag Menschen. Und ihnen gegen\u00fcber habe ich das ganz praktische Problem, dass ich nicht ihre Sache, ihr Eigentum, ihr Sklave sein will, sie aber das gleiche von mir erwarten.<br \/>\nDer scheinbar so illusionslose Egoismus Stirners steckt voller Illusionen. <\/p>\n<p>\u201eFort denn mit jener Sache, die nicht ganz und gar meine Sache ist! Ihr meint, meine Sache m\u00fcsse wenigstens die \u00bbgute Sache\u00ab sein? Was gut, was b\u00f6se! Ich bin ja selber meine Sache, und ich bin weder gut noch b\u00f6se. Beides hat f\u00fcr mich keinen Sinn.<br \/>\nDas G\u00f6ttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache \u00bbdes Menschen\u00ab. Meine Sache ist weder das G\u00f6ttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist \u2013 einzig, wie ich einzig bin.<br \/>\nMir geht nichts \u00fcber mich! \u201e<br \/>\n[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47280-47281 (vgl. Stirner-Einzige, S. 24) http:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band2.htm ] <\/p>\n<p>Es liegt mir v\u00f6llig fern jedem meiner Mitmenschen (und nat\u00fcrlich ganz besonders mir) das Recht auf ein gutes, sattes, sinnerf\u00fclltes Leben ab zu sprechen.<br \/>\nDas Problem bei diesem \u201eMir geht nichts \u00fcber mich!\u201c ist, das es das genaue Gegenteil von dem ist, was Brecht als \u201eklugen Egoismus\u201c bezeichnete.<br \/>\nEs geht nicht darum, wie Stirner meint, irgendeine Sache heilig zu sprechen, es geht nur darum, meinen Mitmenschen das gleiche Recht auf Vertreten und Verteidigen ihrer Interessen zu zu sprechen als mir selbst.<br \/>\nDas ist kluger Egoismus. Und sobald ich an diesem Punkt bin, wei\u00df ich, dass Stirners Konzepte etwas zu simpel und zu einfach sind f\u00fcr diese komplizierte Welt.<\/p>\n<p>Um so mehr erstaunt, dass sich Deuschlands Geschichte in der ersten H\u00e4lfte des 20.Jahrhunderts fast wie eine Paraphrase auf Stirner auffassen l\u00e4sst:<br \/>\nDer \u201eEgoismus\u201c der Nationalidee hat Deutschland und die Welt in Tr\u00fcmmer gelegt, der Ich-Egoismus der Kriegskinder war darauf die angemessene Antwort.<br \/>\n\u00dcberhaupt unterstellt das von Hans G.Helms verfasste Nachwort meiner Hanser-Ausgabe aus dem Jahre 1968 des \u201eEinzigen\u201c Stirner eine gro\u00dfe Wirkungsgeschichte.<br \/>\n\u201eIn den ersten drei Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts befanden sich unter den Anh\u00e4ngern Stirners staats- und herrschaftsfeindliche Anarchisten wie Mackay, Rudolf Rocker, Gustav Landauer und Erich M\u00fchsam und totalit\u00e4re Herrschaft anstrebende Faschisten wie Mussolini und Hitlers Mentor und erster Chef des \u201eV\u00f6lkischen Beobachters\u201c, Dietrich Eckart.\u201c<br \/>\n( Max Stirner Der Einzige und sein Eigentum und andere Schriften, Herausgegeben von Hans G.Helms, Hanser M\u00fcnchen 1968, S.273-274)<br \/>\n\u201eAls noch wirkungsvoller denn die direkt auf Stirner bezogene Publizistik erwiesen sich die indirekten Bez\u00fcge und Verherrlichungen in k\u00fcnstlerischer Gestaltung. Nach den Russen Turgenev und Dostoevksij un den deutschen Literaten und Musikern des Vorm\u00e4rz lie\u00dfen sich von Stirmer \u2013 zumeist positiv \u2013 beeinflussen: Bruno Wille, der Begr\u00fcnder der Volksb\u00fchnenbewegung, die literatische Br\u00fcder Heinrich und Julius Hart und ihre Freunde Carl Henckell, Ola Hansson und Stanislaw Przybyszewski; Carl Sternhei ebenso wie Frank Wedekind und Paul Scheerbarth; Ludwig Rubiner, Raoul Hausmann, Theodor Plievier und der anonyme Erfolgsautor B.Traven, Georg Brandes, Georg Bernhard Shaw, Andre Gide, Andre Breton, Francis Picabia und Alfred Kubin sind zu nennen.\u201c (a.a.O S.274).<br \/>\nDas Namedropping geht dann noch weiter und auch Heiddeger, Carl Schmitt, Rudolf Steiner, Albert Camus und Satre bleiben nicht unerw\u00e4hnt.<br \/>\nSelbst wenn man an der behaupteten Bedeutung Stirners hier und da Fragezeichen setzt, bleibt doch eine erstaunliche geistige Nachwirkung f\u00fcr jemand von dem Marx und Engels urteilen:<br \/>\n\u201eDer hohlste und d\u00fcrftigste Sch\u00e4del unter den Philosophen mu\u00dfte die Philosophie damit \u00bbverenden \u00ab lassen, da\u00df er seine Gedankenlosigkeit als das Ende der Philosophie und damit als den triumphierenden Eingang in das \u00bbleibhaftige\u00ab Leben proklamierte.\u201c<\/p>\n<p>Es kann unm\u00f6glich die Gr\u00f6sse seines Denkens gewesen sein, die ihm diese Nachwirkung bescherte.<br \/>\nAndererseits: Egoismus, Egoismus ohne das geringste schlechte Gewissen, ist heute eine so selbstverst\u00e4ndliche Haltung, dass die Inszenierung als Tabubrecher, in der sich Stirner und seine Nachfolger so gerne gefallen, unbeschreiblich l\u00e4cherlich ist.<br \/>\nAber auch die angebliche Gegenpartei, f\u00fcr die \u201eHedonismus\u201c das schlimmste Schimpfwort \u00fcberhaupt ist, ist mindestens genauso abgeschmackt.<br \/>\nEs ist ein Schein-Gegensatz um den ein aufwendiger Schein-Kampf gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Warum soll ein Staat \u00fcberhaupt die Unterst\u00fctzung seiner B\u00fcrger geniessen, wenn sein Zweck nicht darin besteht, seinen B\u00fcrgern Wohlstand und Wohlergehen zu sichern?<br \/>\nInstitution sind niemals Selbstzweck und sie m\u00fcssen verschwinden, wenn ihre Kosten ihren Nutzen f\u00fcr die B\u00fcrgerInnen \u00fcbersteigen.<\/p>\n<p>Was die Egoisten angeht: Jede Gesellschaft geht unter, wenn sich ihre B\u00fcrgerInnen nur f\u00fcr das eigene Wohl interessieren und engagieren. Und kein Individuum ist lebensf\u00e4hig ohne ein gesellschaftliches Umfeld.<br \/>\nWie gut es mir geht, wie gut ich lebe, h\u00e4ngt ganz wesentlich vom guten funktionieren der Gesellschaft und ihrer Institutionen ab.<\/p>\n<p>In der verdrehten Welt Stirners stand der \u201eEgoismus des Staates\u201c gegen den \u201eEgoismus des Einzelnen\u201c.<br \/>\nIn der wirklichen Welt verlangen die Repr\u00e4sentanten, vor allem die eigentlich \u00fcberlebter Institutionen, Unterwerfung und Gehorsam, w\u00e4hrend sich die Stirnerschen Egoisten durch nichts, auch nicht von altehrw\u00fcrdigen Institutionen, von der eigenen Bereicherung abbringen lassen wollen. Der Kompromiss, den oft beide finden, ist, solche Institutionen in ebenso viele Quellen privater Bereicherung zu verwandeln.<br \/>\nDiese Misere spiegelt sich in der Stirnerschen Ideologie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Version F 0.59 steht als PDF zum Download bereit: Myschkin_f59 Eine EBUP-Version wird folgen. Im Moment k\u00e4mpfe ich noch mit dem Inhaltsverezichnis. 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