{"id":240,"date":"2012-12-06T18:33:28","date_gmt":"2012-12-06T17:33:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=240"},"modified":"2012-12-06T18:33:28","modified_gmt":"2012-12-06T17:33:28","slug":"das-schlimme-aber-ist-dass-bucharin-nicht-an-bescheidenheit-leidet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=240","title":{"rendered":"\u201eDas Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Version 0.58 ist fertig und kann hier runtergeladen werden:<a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wp-content\/Myschkin_f58.pdf'>Myschkin_f58<\/a><\/p>\n<p><strong>\u201eDas Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>1928 vollzog Stalin einen radikalen Kurswechsel. Damals entstand der erste 5-Jahr-Plan, die Bauern wurden durch die sogenannte \u201eEntkulakisierung\u201c in Not und Elend gest\u00fcrzt. Und auf dem Land, in den \u201eKornkammern\u201c des Landes, vor allem in der Ukraine,  entwickelte sich in Folge dieser katastrophalen Politik eine der gr\u00f6\u00dften Hungersn\u00f6te des 20.Jahrhunderts.<br \/>\nDer Kurswechsel betraf auch die Kommunistische Internationale, hier vor allem die Kommunistische Partei Deutschlands, die damals gr\u00f6\u00dfte kommunistische Partei nach der KPdSU.<br \/>\nDas ZK der KPD hatte gerade Th\u00e4lmann abgesetzt, weil sein Skatbruder Wittlich Parteigelder unterschlagen hatte.<br \/>\nStalin sorgte daf\u00fcr, dass Th\u00e4lmann im Amt blieb und stattdessen die ausgeschlossen wurden, die die Unterschlagung aufgedeckt hatten.<br \/>\nViel schlimmer war aber, dass Stalin Th\u00e4lmann und Genossen auf einen abenteuerlichen Kurs einschwor: Die Sozialdemokraten sind der Hauptfeind und die linken Sozialdemokraten die Schlimmsten, weil sie verhindern, dass die Massen zu den Kommunisten str\u00f6men.<br \/>\nDeswegen m\u00fcssen die Kommunisten haupts\u00e4chlich die Sozialdemokraten, die nun Sozialfaschisten genannt wurden, bek\u00e4mpfen.<br \/>\nOhne diese Politik w\u00e4re Hitler vermutlich nie an die Macht gekommen.<br \/>\nDazu trug sowohl die Konzentration des Kampfes auf die Sozialdemokraten als auch die inflation\u00e4re Verwendung des Begriffs \u201eFaschismus\u201c bei, die entscheidend daf\u00fcr sorgte, dass die Nazis verharmlost wurden.<br \/>\nSo wurde Stalins Kurswechsel f\u00fcr zwei L\u00e4nder zum Verh\u00e4ngnis und f\u00fchrte schnurstracks in die gr\u00f6sste Katastrophe die Europa jemals erlebt hat.<br \/>\nBegr\u00fcndet wurde all dies mit seiner Theorie der \u201eKlassenverlagerungen\u201c. Ein ausgesprochen seltsames Wort, jedenfalls im Deutschen.<br \/>\nNach dieser Theorie f\u00fchrt der Erfolg des Sozialismus in der Sowjetunion (in Wirklichkeit eher ein Potemkinsches Dorf) automatisch zur Versch\u00e4rfung des Klassenkampfs zwischen Bourgeoisie und Proletariat.<br \/>\nIn diesem Kampf geht f\u00fcr \u201eaufrechte Kommunisten\u201c wie Stalin die gr\u00f6sste Gefahr von den anderen Linken aus. Sie werden zur letzten Bastion des Kapitalismus im Kampf gegen den siegreichen Sozialismus.<br \/>\nDeswegen kann und darf man auch mit Faschisten paktieren. Sie sind weniger gef\u00e4hrlich.<br \/>\nDiesen ganzen theoretischen Stuss breitete er u.a. auf einer ZK-Tagung 1929 aus:<br \/>\n\u201e\u00dcber die rechte Abweichung in der KpdSU(B) \u2013 Aus einer Rede auf dem Plenum des ZK der KPdSU (B) im April 1929\u201c<br \/>\n(J.Stalin, Fragen des Leninismus, Verlag f\u00fcr fremdsprachige Literatur, Moskau 1946, Seite 261 ff.)<br \/>\nEs ist bemerkenswert, dass auch Stalin behauptet einen Kurs der Mitte zu fahren, warnt er doch vor \u201elinken\u201c und \u201erechten\u201c Abweichungen.<br \/>\nDabei macht er es wie andere Politiker auch und behauptet, wo er stehe sei die \u201eMitte\u201c.<br \/>\nEs ist \u00fcberhaupt etwas Merkw\u00fcrdiges an diesem Begriff der \u201eMitte\u201c.<br \/>\n\u201eLinks\u201c und \u201erechts\u201c bezeichnen normalerweise Positionen die Gleichheit fordern, wenn sie links sind oder die Ungleichheit f\u00fcr gottgegeben halten, wenn sie rechts sind.<br \/>\nTraditionell sind daher die Begriffe links und rechts auch mit den Begriffen \u201eprogressiv\u201c und \u201ekonservativ\u201c verkn\u00fcpft.<br \/>\nDie Vertreter der Ungleichheit w\u00fcnschen f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Welt so ungleich zu belassen, wie sie ist und gelten deswegen als konservativ.<br \/>\nAllerdings haben diese Status-Konservativen durch \u00d6kologiebewegung und gr\u00fcne Parteien mittlerweile Konkurrenz bekommen: Wer das \u00f6kologische Gleichgewicht wahren will, muss skeptisch sein gegen vieles was als \u201eFortschritt\u201c daher kommt, aber deswegen ist man noch lange nicht daf\u00fcr, dass der Herr Herr bleibt und der Knecht Knecht.<br \/>\nIm Gegenteil: Gerade weil der Anteil der Frauen an der Umweltbewegung eher \u00fcberdurchschnittlich ist, ist auch der Wille endlich die Gleichberechtigung der Geschlechter herzustellen, sehr gro\u00df.<br \/>\nD.h. es gibt jetzt auch einen linken Konservativismus.<br \/>\nWas bedeutet in diesem Zusammenhang nun \u201eMitte\u201c ?<br \/>\nEs ist der Wunsch des Spie\u00dfers man m\u00f6ge es in keiner Weise und in keine Richtung \u00fcbertreiben.<br \/>\nNicht zu viel Gleichheit, weil dann die eigenen Privilegien in Gefahr geraten, aber auch nicht zuviel Ungleichheit, weil man sich dann zu tief vor anderen b\u00fccken muss.<br \/>\nUnd der Fortschritt soll gem\u00e4\u00dfigt bzw. der Konservativismus trotzdem fortschrittlich sein.<br \/>\nDeswegen gelten Umweltsch\u00fctzer manchmal als \u201eextremistisch\u201c weil sie ein bestimmtes St\u00fcck Natur unbedingt erhalten wollen und nicht daf\u00fcr sind es blo\u00df ein bisschen zu zerst\u00f6ren.<br \/>\nDie K\u00e4mpfer um die \u201eMitte\u201c k\u00f6nnen dann im Zweifel sehr militant werden.<br \/>\nMan spricht deswegen auch vom \u201eExtremismus der Mitte\u201c.<br \/>\nStalin war ein solcher mittiger Extremist.<br \/>\nWobei seine Mitte er war und niemand sonst.<br \/>\nEr geh\u00f6rt zu jener gar nicht so seltenen Spezies Mann, die das erste Gebot am liebsten auf sich selbst beziehen:<br \/>\n\u201eIch, ich der ich hier stehe, bin der HERR Dein Gott und Du sollst keine anderen G\u00f6tter neben mir haben !\u201c.<br \/>\nIm Falle Stalins war es f\u00fcr jeden neben ihm gef\u00e4hrlich, ja lebensgef\u00e4hrlich, wenn ER auch nur den Eindruck gewinnen konnte, da k\u00f6nnte ihm einer \u00fcberlegen sein.<br \/>\nBucharin war ihm \u00fcberlegen, jedenfalls im Denken, keineswegs aber in der Beherrschung der b\u00fcrokratischen Machtmaschine.<br \/>\nNat\u00fcrlich wurden die \u201eRechten\u201c und ihre Politik von Stalin nicht bek\u00e4mpft weil sie irgendwelchen falschen Prinzipien folgten. Stalins St\u00e4rke beruhte ja gerade darauf, dass er keine Prinzipien kannte, nur Machtstreben und das Verlangen nach Unterwerfung.<br \/>\nDie \u201eRechten\u201c, aber mehr noch die Ergebnisse ihrer Politik: wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Wandel, wurden seiner Macht gef\u00e4hrlich.<br \/>\nBis 1928 wurde ja wirtschaftspolitisch eine Art staatliche Marktwirtschaft betrieben. Der Au\u00dfenhandel war monopolisiert, der Getreideaufkauf war staatlich, aber die Bauern waren selbstst\u00e4ndig, die meisten Handwerker auch, sofern sich nicht in Genossenschaften zusammen geschlossen hatten. Die Gro\u00dfindustrie war staatlich, allerdings operierten die einzelnen Betriebe auf eigene Rechnung und konnten bankrott gehen.<br \/>\nDas neue System \u00e4hnelte in vielerlei Hinsicht dem alten, nur dass die Herren gewechselt hatten.<br \/>\nDieses System, das \u00fcbrigens nicht ganz zuf\u00e4llig dem heutigen chinesischen System \u00e4hnelt, schlie\u00dflich war Deng tsia ping Bucharin-Sch\u00fcler in damaliger Zeit und auf der Moskauer Kommintern-Schule, wollte Bucharin weiter entwickeln.<br \/>\nInwiefern bei einer solchen Weiterentwicklung irgendwann auch mehr Demokratie und Selbstverwaltung auf der Tagesordnung gestanden h\u00e4tte, bleibt nat\u00fcrlich spekulativ.<br \/>\nUnbestritten sollte aber sein, dass Marktbeziehungen, wie staatlich geb\u00e4ndigt der Markt auch immer ist, die Macht b\u00fcrokratischer, hierarchischer Organisationen untersp\u00fclen. Marx und Engels beschreiben diesen Prozess ja am Anfang des \u201eKommunistischen Manifests\u201c sehr eindr\u00fccklich. Genau daraus leitet sich ja ihre These ab, dass in einer kapitalistischen Welt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter jede andere Form von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung weg gesp\u00fclt wird.<br \/>\nBucharin und hier konnten sie sich vollkomen zu Recht auf Lenin berufen, wollten aber den Kapitalismus entwickeln um zum Sozialismus zu kommen. Damit gef\u00e4hrdeten sie aber das ganz besonders vom \u201eGeneralssekret\u00e4r\u201c Stalin erfolgreich restaurierte b\u00fcrokratisch-despotische Regime in seinen Grundfesten. Das war das eigentliche Verbrechen.<br \/>\nWenn man nun schaut, wie Stalin in diesem ZK-Plenum argumentiert, stellt man erstaunt fest, er argumentiert gar nicht. Er stellt fest:<br \/>\n\u201eWorin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten, womit h\u00e4ngen sie zusammen ?<br \/>\nSie h\u00e4ngen vor allen Dingen mit der Frage der Klassenverlagerungen zusammen, die in letzter Zeit in unserem Lande und in den kapitalistischen L\u00e4ndern vor sich gehen. Manche Genossen glauben, da\u00df die Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei zuf\u00e4lligen Charakter tragen. Das ist unrichtig, Genossen. Das ist v\u00f6llig unrichtig. Die Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei sind entstanden auf der Grundlage der Klassenverlagerungen, auf der Grundlage der Versch\u00e4rfung des Klassenkampfs, die in letzter Zeit vor sich geht und die einen Umschwung in der Entwicklung hervorruft. Der Hauptfehler der Gruppe Bucharins besteht darin, da\u00df sie diese Verlagerungen und diesen Umschwung nicht sieht, sie nicht sieht und nicht bemerken will.\u201c<br \/>\n(a.a.O. Seite 261)<br \/>\nDa es das Wort \u201eKlassenverlagerungen\u201c im Deutschen definitiv nicht gibt, sich aber die \u201erechten\u201c Kommunisten des schweren Verbrechens schuldig gemacht haben sollen ein Wort, das sie vielleicht ebenfalls nicht kennen, nicht beachtet zu haben, erwartet man als gespannter Leser, dass Stalin erkl\u00e4rt was er meint.<br \/>\nNur diese Hoffnung ist vergeblich.<br \/>\nEs w\u00e4re dann auch zu schnell aufgefallen, dass das ganze Geheimnis dieser \u201eTheorie\u201c darin besteht Menschen aus anderen Arbeiterparteien, aber auch die eigenen GenossInnen zu \u201eKlassenfeinden\u201c zu erkl\u00e4ren und damit aus soziologischen Begriffen wie \u201eKleinb\u00fcrger\u201c, \u201eArbeiter\u201c oder \u201eBourgeois\u201c blo\u00dfe Etiketten zu machen, die man seinen politischen Gegnern oder Freunden anheftet.<br \/>\nWobei diese Begriffsverwirrung ihre tiefere Ursache zweifellos darin hat, dass der B\u00fcrokrat Stalin durch substanzlose Polemik davon ablenken musste, dass er und seine Parteig\u00e4nger es eigentlich waren, die mit dem Auf- und Ausbau ihrer Herrschaft ihre angeblichen Ideale schon lange verraten hatten.<br \/>\nAuch in diesem Fall blamiert sich die Idee vor dem Interesse.<br \/>\nStalins Vorw\u00fcrfe an Bucharin gipfeln dann darin, dass er ihm vorwirft eine eigene, von Lenin abweichende Meinung vertreten zu haben:<br \/>\n\u201eDas Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet. Das Schlimme ist, dass er nicht nur nicht an Bescheidenheit leidet, sondern sich sogar unterf\u00e4ngt, unseren Lehrer Lenin in einer ganzen Reihe Fragen zu belehren, und zwar vor allen Dingen in der Frage des Staates. Das ist das Schlimme, Genossen.\u201c<br \/>\n(a.a.O. Seite 302)<br \/>\nDer Seminarist Dschugaschwili hat hier einen Mitsch\u00fcler ertappt, der sich tats\u00e4chlich traut eigenst\u00e4ndig \u00fcber Fragen des Glaubens nach zu denken.<br \/>\nDabei geh\u00f6rt es sich doch f\u00fcr einen Rechtgl\u00e4ubigen, dass er die gro\u00dfen Lehrer fleissig zitieren kann und es dabei bel\u00e4sst. Denn im eigenen Denken lauert die H\u00e4resie. Allerdings besteht die gro\u00dfe Kunst des Zitierens auch darin, dass das wirkliche Leben oft weit von den Lehren entfernt ist und dass man dann so zitiert als h\u00e4tten die gro\u00dfe Lehrer schon immer die gegenw\u00e4rtige Praxis legitimiert.<br \/>\nIm weiteren Verlauf zitiert er dann fleissig die \u201eKirchenlehrer\u201c Lenin und Engels zur Rolle des Staates im Sozialismus. Wobei ihm Engels erkennbar Pobleme macht, denn Engels geht ganz selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass in einer sozialistischen Gesellschaft vom Beginn an Schritt f\u00fcr Schritt staatliche Funktionen durch genossenschaftliche Selbstverwaltung abgel\u00f6st und ersetzt werden.<br \/>\n\u201eIndem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die gro\u00dfe Mehrzahl der Bev\u00f6lkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese Umw\u00e4lzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn gen\u00f6tigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung der gro\u00dfen, vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum dr\u00e4ngt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser Umw\u00e4lzung. Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zun\u00e4chst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegens\u00e4tze auf, und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegens\u00e4tzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat n\u00f6tig, das hei\u00dft eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer \u00e4u\u00dfern Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdr\u00fcckung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder H\u00f6rigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle Repr\u00e4sentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren K\u00f6rperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst f\u00fcr ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsb\u00fcrger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tats\u00e4chlich Repr\u00e4sentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst \u00fcberfl\u00fcssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdr\u00fcckung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begr\u00fcndeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat, n\u00f6tig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repr\u00e4sentant der ganzen Gesellschaft auftritt \u2013 die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft \u2013 ist zugleich sein letzter selbst\u00e4ndiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern \u00fcberfl\u00fcssig und schl\u00e4ft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung \u00fcber Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht \u00bbabgeschafft\u00ab, er stirbt ab. Hieran ist die Phrase vom \u00bbfreien Volksstaat\u00ab zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie nach ihrer endg\u00fcltigen wissenschaftlichen Unzul\u00e4nglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen abgeschafft werden.\u201c<br \/>\n[Engels: Herrn Eugen D\u00fchrings Umw\u00e4lzung der Wissenschaft. Marx\/Engels: Ausgew\u00e4hlte Werke, S. 8145-8147<br \/>\n(vgl. MEW Bd. 20, S. 261-262)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band11.htm ] <\/p>\n<p>Was wirklich gewesen war zu wissen und zu begreifen, ist nicht einfach. Zu verstehen was ist, was hier und jetzt mit uns geschieht, ist noch viel, viel  schwerer.<br \/>\nAber die Zukunft zu wissen ist unm\u00f6glich.<br \/>\nWer wei\u00df schon wohin die Schmetterlinge fliegen werden, schlie\u00dflich wissen sie es selbst noch nicht.<br \/>\nDeshalb ist das Nachdenken \u00fcber die Zukunft auch der Ort der Hoffnung und des  Glaubens. \u201eGlaube, Liebe, Hoffnung diese drei, aber die Liebe ist das H\u00f6chste\u201c wie es Paulus formuliert hat.<br \/>\nNicht nur religi\u00f6se Menschen glauben. Niemand kann \u00fcber die Zukunft sprechen, ohne dass Glauben eine Rolle spielt. Und der paulinische Dreiklang beschreibt den Kompass, den wir brauchen, wenn wir uns ins Morgen auf den Weg machen.<br \/>\nAuch wenn Engels von der Zukunft spricht, wei\u00df er nicht, sondern er glaubt. Er glaubt, dass das Proletariat die Staatsmacht erobern und die Produktionsmittel verstaatlichen wird. Und dass es gewisserma\u00dfen schon am Tag danach damit beginnt, staatliche Macht in Selbstverwaltung zu \u00fcberf\u00fchren.<br \/>\nEr wei\u00df nicht, oder besser er sieht es nicht und will es vielleicht gar nicht sehen, dass am Anfang aller Ausbeutergesellschaften eine Gesellschaft steht, in der der Staat tats\u00e4chlich die Kontrolle \u00fcber alle Produktionsmittel hat.<br \/>\nDiese Gesellschaft nennt Marx aber \u201eorientalische Despotie\u201c.<br \/>\nWobei der Begriff \u201eorientalisch\u201c irref\u00fchrend ist, denn diese Gesellschafts- und Staatsform findet sich auf (fast) allen Kontinenten.<br \/>\nJa mehr noch: Als der junge Marx durch seine Geburtsstadt Trier spazierte, konnte er auf Schritt und Tritt den baulichen Resten des untergegangenen r\u00f6mischen Reiches begegnen. Dieses war aber sp\u00e4testens seit den Tagen des Augustus eine \u201eorientalische Despotie\u201c.<br \/>\nWas ist typisch f\u00fcr eine solche Staats- und Gesellschaftsform ?<br \/>\nEine schmale Herrenschicht, die vermittels des Staates und einer ausgekl\u00fcgelten B\u00fcrokratie die ganze Gesellschaft, einschlie\u00dflich der Wirtschaft, im Griff hat.<br \/>\nKarl-August Wittfogel, Ende der 20iger Jahre noch Mitrbeiter der KOMINTERN und Bucharins, sp\u00e4ter amerikanischer Professor, hat dar\u00fcber 1957 ein Buch ver\u00f6ffentlicht. Er weist dort darauf hin, dass bei Marx und Engels zwei gegens\u00e4tzliche Staatsvorstellungen nebeneinander existieren.<br \/>\nEinmal die \u201eeurop\u00e4ische\u201c: Der Staat als \u201eideeller Gesamtkapitalist\u201c vertritt die \u00fcbergreifenden Interessen der herrschenden Klasse, ist aber von dieser abh\u00e4ngig. Im \u201e18.Brumaire\u201c analysiert Marx und man merkt, diese Analyse bereitet ihm Unbehagen, wie dieser Apparat sich mittels eines gewissenlosen Spielers namens Louis Bonaparte verselbst\u00e4ndigt.<br \/>\nDeswegen sein lauter Jubel \u00fcber die Pariser Kommune. Direkte Demokratie und kommunale Selbstverwaltung schienen die richtigen Gegenmittel gegen diese Verselbst\u00e4ndigung des Staatsapparats zu sein (und vermutlich sind sie es auch).<br \/>\nDie \u201eorientalische Despotie\u201c ist nun genau nichts anderes als dieser verselbst\u00e4ndigte Staatsapparat, der alle gesellschaftlichen Bereiche, einschlie\u00dflich der Wirtschaft, kontrolliert.<br \/>\nInsofern ist die Forderung nach Verstaatlichung aller Produktionsmittel potentiell gef\u00e4hrlich, weil sie zur Allmacht des Staatsapparats beitragen kann, auch dann wenn sie im Namen des Proletariats vollzogen wird.<br \/>\nDiese Gefahr war Engels nicht bewusst.<br \/>\nRu\u00dfland war schon unter dem Zar eine Despotie und blieb es auch unter den Bolschewiki. Die schon f\u00fcr Europa problematische Losung der Verstaatlichung erhielt hier eine andere Bedeutung und wurde zur Losung f\u00fcr die Erneuerung, die Modernisierung der alten despotischen Ordnung.<br \/>\nDie bei der P\u00f6stchenvergabe zu kurz gekommenen Lebedews waren die sozialen Tr\u00e4ger dieses durch und durch reaktion\u00e4ren und restaurativen Prozesses. Und Stalin war ihr Mann bei den Bolschewiki.<br \/>\nSeine \u201eS\u00e4uberungen\u201c sollten jeden Rest anderer Ideen und Interessen in der herrschenden Elite tilgen.<br \/>\nWie sehr der \u201eRevolution\u00e4r\u201c Stalin dabei dem von Dostjewskij erfundenen \u201eRevolution\u00e4r\u201c Lebedew gleicht, kann vielleicht folgendes Zitat aus der oben erw\u00e4hnten Rede Stalins verdeutlichen:<br \/>\n\u201eHier hat man ein Beispiel hypertropischer Anma\u00dfungen eines Theoretikers, der noch zu lernen hat.\u201c<br \/>\n(a.a.O. Seite 307)<br \/>\nDazu muss man wissen, dass sich russische Parteif\u00fchrer auch durch theoretische Ausf\u00fchrungen als F\u00fchrer legitimieren mussten. Stalin hatte in seiner fr\u00fcheren Zeit \u00fcber die Nationalit\u00e4tenfrage re\u00fcssiert, besser gesagt, der hilfsbereite Bucharin hatte ihm dazu die wesentlichen Ideen geliefert, m\u00f6glicherweise sogar den kompletten Text.<br \/>\n\u00c4hnelt er damit nicht in verbl\u00fcffender Weise Lebedew, der dankbar sein muss, dass sich Myschkin in sein Haus einmietet, weil er und seine Familie davon lebt und der sich trotzden oder vielleicht sogar deswegen nicht entbl\u00f6det, einen Hetzartikel gegen Myschkin in die Zeitung zu setzen ?<br \/>\nWoher nimmt eine theoretische Null namens Stalin eigentlich die Unverfrorenheit einem Bucharin Noten zu geben ?<br \/>\nWas f\u00fcr eine Anma\u00dfung ist das denn ?<br \/>\nEs geht bei Stalin so weiter:<br \/>\n\u201eEs ist durchaus m\u00f6glich, dass Nadesda Kostantinowa (d.h. die Frau Lenins W.A.) tats\u00e4chlich mit Bucharin \u00fcber die Dinge gesprochen hat, \u00fcber die Bucharin hier schreibt (d.h. dass die Krupskaja Bucharin gesagt hat, dass Lenin seine, Bucharins Staatstheorie f\u00fcr richtiger erkl\u00e4rt hat als seine eigene W.A.).<br \/>\nWas folgt aber daraus ?\u201c<br \/>\n(a.a.O. Seite 307).<br \/>\nF\u00fcr jeden normal denkenden Menschen folgt daraus, dass sich der todkranke Lenin bei Bucharin f\u00fcr eine fr\u00fchere Polemik entschuldigt hat, bei der er Bucharin sehr hart angegangen ist.<br \/>\nAllerdings gelten f\u00fcr Stalin, der vorher besserwisserisch die Leninsche Polemik aus dem Jahre 1916 in epischer Breite zitiert hat um den Bucharin des Jahres 1929 damit zu widerlegen, offensichtlich andere Regeln als die Regeln der Logik.<br \/>\nEr f\u00e4hrt fort:<br \/>\n\u201eDaraus folgt nur das eine, dass Lenin eine gewisse Veranlassung hatte zu glauben, dass Bucharin hab sich von fr\u00fcheren Fehlern losgesagt oder sei bereit es zu tun. Das ist alles. Aber Bucharin kalkuliert anders. Er fand, dass von nun an nicht mehr Lenin, sondern er, d.h. Bucharin, als der eigentliche Sch\u00f6pfer oder zumindest Inspirator der marxistischen Staatstheorie an zu sehen sei.\u201c<br \/>\n(a.a.O. Seite 307).<br \/>\nDer denunziatorische Tonfall w\u00e4re des Gespanns Lebedew\/Keller durchaus w\u00fcrdig.  Dass auch das, was inhaltlich gesagt wird, mit der Wahrheit nichts zu tun hat, entspricht genauso v\u00f6llig den Dostojewkischen \u201eVorbildern\u201c.<br \/>\nLenin schreibt in \u201eStaat und Revolution\u201c seitenlang Marx und Engels ab und versucht vor allem zu beweisen, dass er der wahre, der authentische Exeget der von Marx und Engels niedergelegten ewigen Wahrheiten ist.<br \/>\nBucharin liefert eine von Lenin abweichende Exegese und wird deswegen vom Herren verbellt.<br \/>\nAber beide sind blo\u00dfe Exegeten.<br \/>\nUnd Marx und Engels, die tats\u00e4chlichen Sch\u00f6pfer dieser Theorien haben sich immer und mit der gebotenen Deutlichkeit dagegen verwahrt, dass man Ideen \u00fcberhaupt einen Ewigkeitscharakter zu spricht.<br \/>\nDie Exegese wahr niemals ihr Gesch\u00e4ft.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Version 0.58 ist fertig und kann hier runtergeladen werden:Myschkin_f58 \u201eDas Schlimme aber ist, dass Bucharin nicht an Bescheidenheit leidet.\u201c 1928 vollzog Stalin einen radikalen Kurswechsel. Damals entstand der erste 5-Jahr-Plan, die Bauern wurden durch die sogenannte \u201eEntkulakisierung\u201c in Not &hellip; <a href=\"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=240\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,8],"tags":[10,9,5,19],"class_list":["post-240","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie","category-politik","tag-engels","tag-marx","tag-philosophie","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/240","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=240"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":247,"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/240\/revisions\/247"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=240"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=240"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=240"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}