{"id":204,"date":"2012-09-04T17:52:49","date_gmt":"2012-09-04T16:52:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=204"},"modified":"2012-09-04T17:52:49","modified_gmt":"2012-09-04T16:52:49","slug":"proletarier-und-edelinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=204","title":{"rendered":"\u201eProletarier und Edelinge"},"content":{"rendered":"<p>Die Version 0.55 ist nun verf\u00fcgbar. Gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung ist das unten aufgef\u00fchrte Kapitel \u00fcber &#8222;Proletarier und Edelinge&#8220; (so beginnt bekanntlich ein Ant-Myschkin-Pmaphlet im &#8222;Idiot&#8220;). Die neue Version kann unter <a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wp-content\/Myschkin_f0.55.pdf'>Myschkin_f0.55<\/a> geladen werden.<\/p>\n<p>\u201eProletarier und Edelinge\u201c<br \/>\nHerrmann Hesse empfand jene Szene im Haus Lebedew als besonders peinlich.<br \/>\nJene Szene, da einige \u201eRevolution\u00e4re\u201c zum inzwischen reichen Myschkin kommen um zu schnorren. Damit ihre Schnorrerei den rechten Drive bekommt, verfassen sie einen \u201ekritischen\u201c Artikel in einer \u201ekritischen\u201c Zeitung.<br \/>\n\u201eRevolution\u00e4re\u201c und \u201eEtablishment\u201c geraten aneinander und Myschkin sitzt am Schluss mit seinem Bed\u00fcrfnis alle zu vers\u00f6hnen zwischen allen St\u00fchlen.<br \/>\nWie schon Hesse bemerkte, sind sich \u201eEtablishment\u201c und \u201eRevolution\u00e4re\u201c erstaunlich \u00e4hnlich, bis auf einen Unterschied: Die einen haben schon die P\u00f6stschen auf die die anderen schielen. Beide sind aus dem selben Holz.<br \/>\nDas Bild vom \u201eReaktion\u00e4r\u201c Dostojewski speist sich nicht zuletzt aus seiner wenig schmeichelhaften Schilderung der \u201eRevolution\u00e4re\u201c.<br \/>\nDie Reaktion\u00e4re, die ihn deswegen gerne fest in ihre Arme schlie\u00dfen, vergessen allerdings gerne, dass auch sie nicht gut aussehen:<br \/>\n\u201eDa habt ihr!<br \/>\nVon hier aus ergie\u00dft sich schon bald in die Gassen<br \/>\nMensch f\u00fcr Mensch euer schwabbelndes Fett,<br \/>\ndoch ich, der Verschwender von Worten unfassbar,<br \/>\nhab aus Schatullen den Vers freigesetzt.<\/p>\n<p>Bei ihnen, mein Herr, h\u00e4ngt im Bart noch ein Fuder<br \/>\nungegessener Kohlreste, \u00f6lig und kraus;<br \/>\nund sie, meine Dame, sind dick eingepudert,<br \/>\nihre Austern, sie quelln aus der Schale heraus.<\/p>\n<p>Auf dreckigen Sohlen, mit und ohne Galoschen,<br \/>\ntrampelt ihr Schmetterlings Farbenpracht aus.<br \/>\nDie Menge vertiert, schon kommt sie gekrochen,<br \/>\ndie Beinchen gestr\u00e4ubt, hundertk\u00f6pfig, als Laus.<\/p>\n<p>Und wenn ich, ein Hunne, euch heute zur Last war,<br \/>\ngrobschl\u00e4chtig und bitter,<br \/>\ndann schert mich das nicht,<br \/>\ndenn ich, der Verschwender von Worten unfassbar,<br \/>\nspucke euch lachend ins Fratzengesicht.<\/p>\n<p>(Majakowski 1913 \u00fcbersetzt von Eric Boerner)<br \/>\nWir wollen nun das \u201erevolution\u00e4re Manifest\u201c in seiner ganzen L\u00e4nge und Verworrenheit genie\u00dfen und analysieren:<\/p>\n<p>\u00bbProletarier und Edelinge. Eine Episode aus dem t\u00e4glichen und allt\u00e4glichen R\u00e4uberwesen. Fortschritt! Reform! Gerechtigkeit!<br \/>\n\tSeltsame Dinge kommen in unserem sogenannten heiligen Ru\u00dfland vor, im Zeitalter der Reformen und der unternehmungslustigen Aktiengesellschaften, in dem Zeitalter des Nationalgef\u00fchls und der j\u00e4hrlichen Ausfuhr Hunderter von Millionen ins Ausland, in dem Zeitalter der Besch\u00fctzung des Handwerks und der L\u00e4hmung der arbeitenden H\u00e4nde und so weiter und so weiter; man kann nicht alles aufz\u00e4hlen, meine Herren, daher kommen wir sofort zur Sache. Es hat sich eine sonderbare Geschichte mit einem der edlen Spr\u00f6\u00dflinge unseres ehemaligen Gutsherrnstandes (de profundis!) zugetragen, mit einem jener Spr\u00f6\u00dflinge, deren Gro\u00dfv\u00e4ter ihr Verm\u00f6gen beim Roulette verspielten, und deren V\u00e4ter sich gen\u00f6tigt sahen, als F\u00e4hnriche und Leutnants zu dienen, und gew\u00f6hnlich im Anklagezustand wegen irgendeines harmlosen Defizits bei den Staatsgeldern starben, und die dann selbst, wie der Held unserer Erz\u00e4hlung, entweder als Idioten aufwachsen oder sogar in Kriminalprozesse hineingeraten (bei denen sie \u00fcbrigens zum Zweck ihrer Besserung und zur Erbauung anderer von den Geschworenen freigesprochen zu werden pflegen) oder endlich zu guter Letzt eine jener Geschichten loslassen, die das Publikum in Erstaunen versetzen und unserem an sich schon hinreichend schm\u00e4hlichen Zeitalter zur Schande gereichen. Unser junger Edeling kehrte vor einem halben Jahr, mit ausl\u00e4ndischen Gamaschen angetan und in einem ungef\u00fctterten M\u00e4ntelchen vor K\u00e4lte zitternd, im Winter nach Ru\u00dfland aus der Schweiz zur\u00fcck, wo er eine Kur gegen seine Idiotie durchgemacht hatte (sic!). Man mu\u00df bekennen, da\u00df er Gl\u00fcck hatte; denn (wir reden noch gar nicht von seiner interessanten Krankheit, von der er sich in der Schweiz kurieren lie\u00df; aber ist denn Idiotie \u00fcberhaupt heilbar? Stellen Sie sich das nur einmal vor?!!) er konnte an seiner Person die Wahrheit des russischen Sprichworts beweisen: \u203aEine gewisse Sorte von Menschen hat immer Gl\u00fcck!\u2039 Urteilen Sie selbst: nach dem Tod seines Vaters, der, wie es hei\u00dft, als Leutnant in der Untersuchungshaft gestorben war, weil er im Kartenspiel die ganzen Kompaniegelder verloren oder vielleicht auch einem Untergebenen eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Portion Rutenhiebe hatte verabreichen lassen (vergessen Sie nicht, meine Herren, das war in der alten Zeit), wurde unser Baron, der als S\u00e4ugling zur\u00fcckgeblieben war, aus Barmherzigkeit von einem sehr reichen russischen Gutsbesitzer aufgezogen. Dieser russische Gutsbesitzer (nennen wir ihn P.!) besa\u00df in jener alten goldenen Zeit viertausend leibeigene Seelen (leibeigene Seelen! verstehen Sie diesen Ausdruck, meine Herren? Ich verstehe ihn nicht. Man mu\u00df erst das Konversationslexikon befragen; \u203anicht lang ist&#8217;s her, und doch ist&#8217;s kaum zu glauben\u2039 und war offenbar einer jener russischen Nichtstuer und Tagediebe, die ihr m\u00fc\u00dfiges Leben im Ausland verbrachten, im Sommer in den Badeorten und im Winter im Pariser Ch\u00e2teau des fleurs, wo sie seinerzeit enorme Summen zur\u00fccklie\u00dfen. Man kann mit Bestimmtheit sagen, da\u00df mindestens ein Drittel des gesamten in der fr\u00fcheren Zeit der Leibeigenschaft gezahlten Pachtzinses in die Tasche des Besitzers des Pariser Ch\u00e2teau des fleurs flo\u00df (war das ein gl\u00fccklicher Mensch!). Wie dem auch gewesen sein mag, jedenfalls lie\u00df der sorglose P. dem verwaisten jungen Herrn eine f\u00fcrstliche Erziehung zuteil werden und hielt ihm Erzieher und Gouvernanten (ohne Zweifel h\u00fcbsche), die er bei Gelegenheit selbst aus Paris mitbrachte. Aber der junge Edeling, der Letzte seines Geschlechtes, war ein Idiot. Die Gouvernanten aus dem Ch\u00e2teau des fleurs konnten ihm nicht helfen, und bis zum zwanzigsten Lebensjahr vermochte ihr Z\u00f6gling keine einzige Sprache zu sprechen, nicht einmal die russische. Letzteres ist \u00fcbrigens verzeihlich. Endlich bildete sich in P.s russischem Gutsherrnkopf die Vorstellung, man k\u00f6nne einem Idioten in der Schweiz Verstand beibringen lassen, \u00fcbrigens eine von seinem Standpunkt aus logische Vorstellung: so ein M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger und Propriet\u00e4r konnte sich sehr wohl denken, da\u00df man f\u00fcr Geld sogar Verstand auf dem Markt kaufen k\u00f6nne, ganz besonders in der Schweiz. F\u00fcnf Jahre lang befand sich nun der edle Spr\u00f6\u00dfling zur Kur bei einem bekannten Professor in der Schweiz; diese Kur kostete viele tausend Rubel: der Idiot wurde dadurch nat\u00fcrlich nicht klug, aber doch, wie man sagt, einem Menschen wenigstens so halbwegs \u00e4hnlich.\u201c<\/p>\n<p>[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 20102 \u2013 201??<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 4, S. 134-142)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ] <\/p>\n<p>Hier wird u.a. auf die sogenannte \u201eBauernbefreiung\u201c von 1861 angespielt, die auch gerne mit der preu\u00dfischen Stein-Hardenbergschen Reform verglichen wird.<br \/>\nAllerdings verstellen solche Analogien mehr als sie erkl\u00e4ren.<br \/>\nWobei der Text sowieso eine eigenartige Ambivalenz ausstrahlt. Man weiss nicht so recht was er will und was er beklagt. St\u00f6ren sich die Autoren daran, dass inzwischen das Geld regiert und sehnen sich nach den \u201eguten alten Zeiten\u201c als an Stelle des Geldes die Knute regierte oder freuen sie sich im Gegenteil dar\u00fcber, dass die Gutsbesitzerkaste ihre privilegierte Stellung verloren hat ?<br \/>\nGleichzeitig beklagen sie, dass die Abh\u00e4ngigkeit vom Staat zugenommen hat und dass die Zahl derer, die an die Futterkrippe dr\u00e4ngen soviel gr\u00f6\u00dfer ist, als die Futterstellen. Und nun kommt auch noch dieser Idiot und erbt einfach.<br \/>\nUm diese Verworrenheit zu verstehen, m\u00fcssen wir tiefer in die russische Geschichte eintauchen:<\/p>\n<p>Ru\u00dfland wird u.a. von Marx gerne als \u201ehalb-asiatische Despotie\u201c charakterisiert.<br \/>\nWas ist damit gemeint ?<br \/>\nAls sich nach der neolithischen Revolution der Ackerbau als vorherrschende Wirtschaftsform durchsetzte, geschah dies \u00fcberwiegend in der Form dass Bauern und B\u00e4uerinnen in ihren D\u00f6rfern miteinander kooperierten.<br \/>\nDabei bildete sich sowohl Gemeindeeigentum als auch privates, pers\u00f6nliches Eigentum.<br \/>\nVor allem die Schwierigkeiten bei der Bewirtschaftung von Bacht\u00e4lern und schlie\u00dflich sogar gro\u00dfer Flusst\u00e4ler erforderten gro\u00dfr\u00e4umigere Kooperationen.<br \/>\nDie Wirtschaftsforscherin und Nobelpreistr\u00e4gerin Ostrom hat eine solche Kooperation zur Flussregulierung und Bew\u00e4sserungssteuerung auf den Phillipinen untersucht.<br \/>\nBelegstelle<br \/>\nNat\u00fcrlich wurden diese Kooperationen umso gr\u00f6\u00dfer je gr\u00f6\u00dfer die Fl\u00fcsse wurden, weswegen am Beginn dieser Entwicklung auch erstmal kleinere und mittlere Fl\u00fcsse urbar gemacht wurden.<br \/>\nDie au\u00dferordentlich hohe Produktivit\u00e4t dieser Bew\u00e4sserungslandwirtschaft lohnte allerdings auch au\u00dfergew\u00f6hnliche M\u00fche und erlaubte einen Teil der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr diese kooperative T\u00e4tigkeit, vor allem f\u00fcr die Organisation dieser T\u00e4tigkeit, von normaler Arbeit frei zu stellen.<br \/>\nDiese gro\u00dfen Kooperationen waren der Ursprung dessen, was man sp\u00e4ter \u201eStaat\u201c nannte. Und so lange es um die Installation und Unterhaltung eines Bew\u00e4sserungssystems ging, das allen zu h\u00f6heren Ertr\u00e4gen verhalf, aber auch um gemeinsame Vorratswirtschaft, die \u00fcber Ernteausf\u00e4lle hinweghalf, war es \u00fcberhaupt keine Frage, dass die Bauerngemeinden einen Teil ihres Mehrproduktes freiwillig an den \u201ePalast\u201c weitergaben. Zumal durch die sehr hohe Produktivit\u00e4t fr\u00fche \u00dcberflussgesellschaften entstanden.<br \/>\nIm Zentrum dieses \u00dcberflusses stand aber der \u201ePalast\u201c. Und so wurde er zu einem Ziel von Begehrlichkeiten. Sowohl von innen als auch von au\u00dfen dr\u00e4ngten daher immer mehr Menschen zu diesem \u201ePalast\u201c, die sich gerne an gut gedeckte Tische setzen ohne etwas daf\u00fcr zu leisten, dass die Scheuern voll sind.<br \/>\nAm Ende wurden diese Gesellschaften zum Opfer fremder R\u00e4uber. Da aber die Basis des gro\u00dfen Wohlstands der Unterhalt des Allmendegutes, des Common, z.B. das empfindliche und st\u00e4ndig reparaturbed\u00fcrftige Bew\u00e4sserungssystem war, verfiel der Wohlstand in dem Ma\u00dfe, in dem der \u201ePalast\u201c verga\u00df, welchen Umst\u00e4nden er seinen Reichtum verdankte. Nun konnten neue R\u00e4uber zu \u201eBefreiern\u201c werden, in dem sie nicht nur den Palast von zu vielen Essern befreiten, sondern auch die alte Ordnung und vor allem aber die Bew\u00e4sserungs\u00adsysteme wieder instand setzten. Damit beginnt dann immer eine neue Dynastie, die am Ende an ihrer eigenen Verkommenheit zu Grunde geht.<br \/>\nSo wurde aus der urspr\u00fcnglichen Kooperation ein Staat und aus der freiwilligen Abgabe im eigenen Interesse ein Zwang.<br \/>\nD.h. die erste Ausbeutergesellschaft \u00fcberhaupt beruht auf der Unterwerfung und Ausbeutung einer urspr\u00fcnglichen Allmende-Institution, eines \u201eCommon\u201c. In einer solchen Gesellschaft gibt es kein Privateigentum. Allerdings hat sich eine Gruppe von R\u00e4ubern die Kontrolle, das Monopol, \u00fcber die Gemeindeg\u00fcter gesichert.<br \/>\nDadurch verwandelt sich aber das Verh\u00e4ltnis von Palast und Bauerngemeinden von einem Verh\u00e4ltnis der Gleichheit und Gleichberechtigung bei unterschiedlicher Funktion in der Gemeinschaft, in ein Verh\u00e4ltnis der Ausbeutung und Unter\u00addr\u00fcckung.<br \/>\nEine solche Gesellschaft hei\u00dft bei Marx \u201easiatisch\u201c. Sie k\u00f6nnte genauso gut \u201eafrikanisch\u201c hei\u00dfen, denn \u00c4gypten ist eines der ersten L\u00e4nder der Erde, in dem sich diese Entwicklung vollzieht.<br \/>\nMit dem Begriff der \u201easiatischen Despotie\u201c ist demnach eine Gesellschaft gemeint, in der weitgehend autonome Bauerngemeinden eigenst\u00e4ndig wirtschaften und \u00fcber wesentliches Produktionseigentum, vor allem den Boden, zum Teil gemeinschaftlich zum Teil privat, aufgeteilt in kleine und kleinste Parzellen, verf\u00fcgen.<br \/>\nDiese Bauerngemeinden sind einer Oberschicht tributpflichtig, die zum kleineren Teil auch eine produktive Rolle spielen kann, in dem sie z.B. Bew\u00e4sserungs\u00adsysteme, Strassen und andere gemeinsame Infrastruktur erhalten, zum gr\u00f6\u00dferen Teil schmarotzen sie aber und pl\u00fcndern die L\u00e4nder aus, \u00fcber die sie herrschen. Da ihre einzige wirkliche Legitimation die nackte Gewalt ist, ist auch die Despotie die ihnen gem\u00e4\u00dfe Staatsform.<br \/>\nEs versteht sich von selbst, dass solche Staaten immer von dem Konflikt gepr\u00e4gt sind, wem denn nun geh\u00f6rt, was nach seiner Bestimmung allen geh\u00f6ren soll.<br \/>\n\u201eDer Staat sind wir\u201c ist in so fern eine alte Losung.<br \/>\nDiese Staatsmaschine, sobald sie einmal oder auch mehrmals erfunden wurde, breitet sich auch weiter aus. Auch in Gebiete, in denen z.B. gar keine Bew\u00e4sserungs\u00adlandwirtschaft m\u00f6glich ist.<br \/>\nNomadenv\u00f6lker unterwerfen die Flusstalbewohner und Ackerbauern. Ihre F\u00fchrer usurpieren den bestehenden Staat und weiten seine Herrschaft auch auf andere Gebiete aus. Kennzeichen aller dieser Ordnungen ist fast immer, dass das Eigentum an den wesentlichen Produktionsmitteln staatlich ist.<\/p>\n<p>In anderen Gebieten der Welt vollziehen sich andere Entwicklungen. So entstehen z.B. aus Stammesgefolgschaften, Stammeshierarchien schlie\u00dflich feudale Ordnungen. Im Gegensatz zur orientalischen Despotie bleibt aber in solchen Gebilden die zentrale staatliche Instanz meist schwach.<br \/>\nDaf\u00fcr verankert sich dort privates Eigentum viel st\u00e4rker.<br \/>\nAuf dem Boden dieser Feudalordnung entstehen dann auch Kapitalismus und B\u00fcrgertum.<\/p>\n<p>Am Ende einer langen Entwicklung stehen sich dann zwei gegens\u00e4tzlich strukturierte Klassengesellschaften gegen\u00fcber:<br \/>\nIn der einen herrscht jene B\u00fcrokratenkaste, die den Staat eigentlich nur verwalten soll, \u00fcber die ganze Gesellschaft.<br \/>\nIn der anderen f\u00fchrt wirtschaftliches Eigentum zur gesellschaftlichen und staatlichen Macht.<br \/>\nBeide Gesellschaften k\u00f6nnen nur dann ihren wirklichen Eigent\u00fcmern, n\u00e4mlich dem Volk, zur\u00fcck gegeben werden, nachdem dieses in einem langen, opferreichen Kampf Demokratie in Wirtschaft und Staat erk\u00e4mpft hat.<br \/>\nDie V\u00f6lker der Welt sind heute auf diesem Weg und sie sind in verschiedenen Staaten unterschiedlich weit gekommen. Sie werden sicher noch eine Weile brauchen um endg\u00fcltig ans Ziel zu kommen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung in Ru\u00dfland war und ist nun deswegen ganz besonders kompliziert und auch entsprechend schwer zu verstehen, weil sich hier die gegens\u00e4tzlichen Ordnungen mischen.<br \/>\nDie Kiewer Ru\u00df war, nach allem was wir wissen, ein fr\u00fch-feudaler Staat. Dieser Staat geriet nun im 13.Jahrhundert unter die Mongolenherrschaft. Der Tatarenstaat war aber eine orientalische Despotie. Und die neuen Herren taten ihr m\u00f6glichstes ihren neuen Besitz nach ihrem Bild und Willen zu formen.<br \/>\nDabei bedienten sie sich auch russischer Herren, z.B. der bis dato ziemlich unbedeutenden F\u00fcrsten von Moskau.<br \/>\nAls tatarische Steuereintreiber wurden sie bedeutend.<br \/>\nSchlie\u00dflich befreiten sie sich sogar von der Herrschaft der Khane. Aber nur um deren Ordnung nun auf eigene Rechnung zu fortzusetzen.<\/p>\n<p>Und so entsteht ein eigenartiger Zwitter. In diesem Zwitter nehmen wir Gutsherren und Leibeigene wahr, wie in anderen Teilen Europas.<br \/>\nUnd wir vermuten eine Bauernbefreiung \u00e4hnlich der preu\u00dfischen. Und analog zur preu\u00dfischen vermuten wir auch hier, dass die Bauern mehr enteignet als befreit wurden.<br \/>\nWas wir aber \u00fcbersehen: Letztlich geh\u00f6rt in diesem Land alles dem Zaren. Die zentrale B\u00fcrokratie kann jederzeit jegliches Eigentum mit wenigen Federstrichen konfiszieren.<br \/>\nSo kommt es, dass weder die Bauern noch die Herren allzuviel Selbstbewu\u00dftsein entwickeln (k\u00f6nnen) gegen\u00fcber einer B\u00fcrokratie, die am Ende immer siegt.<\/p>\n<p>Aber h\u00f6ren wir, was unsere \u201eRevolution\u00e4re\u201c noch zu sagen haben:<br \/>\n\u201eDa stirbt P. unerwartet fr\u00fch. Ein Testament war nat\u00fcrlich nicht vorhanden; die Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse befanden sich, wie das gew\u00f6hnlich der Fall ist, in arger Unordnung; es stellte sich ein Haufe gieriger Erben ein, die sich nat\u00fcrlich nicht im geringsten mehr um diesen letzten Spr\u00f6\u00dfling seines Geschlechtes k\u00fcmmerten, den der Verstorbene aus Barmherzigkeit in der Schweiz hatte von der Idiotie kurieren lassen wollen. Der junge Edeling, Idiot wie er war, versuchte doch, seinen Professor zu betr\u00fcgen, und lie\u00df sich, wie man erz\u00e4hlt, von ihm zwei Jahre lang gratis behandeln, indem er ihm den Tod seines Wohlt\u00e4ters verheimlichte. Aber der Professor war selbst ein schlauer Patron; das Ausbleiben der Zahlungen und ganz besonders der starke Appetit seines f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen faulenzenden Patienten machten ihn doch schlie\u00dflich stutzig; er gab ihm ein Paar alte Gamaschen von sich zum Anziehen, schenkte ihm einen abgetragenen Mantel von sich und spedierte ihn aus Barmherzigkeit dritter Klasse nach Ru\u00dfland; so war die Schweiz ihn losgeworden. Es k\u00f6nnte nun scheinen, als habe Fortuna unserem Helden den R\u00fccken gewendet. Das war jedoch nicht der Fall: Fortuna, die ganze Gouvernements Hungers sterben l\u00e4\u00dft, sch\u00fcttete auf einmal alle ihre Gaben \u00fcber diesen Aristokraten aus, wie in der Krylowschen Fabel die Wolke \u00fcber das ausgetrocknete Feld hinwegzieht und ihr Wasser in den Ozean hinabsch\u00fcttet. Fast in demselben Augenblick, als er aus der Schweiz in Petersburg eintraf, starb in Moskau ein Verwandter seiner Mutter (die nat\u00fcrlich aus dem Kaufmannsstand stammte), ein alter, kinderloser, allein dastehender, langb\u00e4rtiger Kaufmann und Sektierer, und hinterlie\u00df eine Erbschaft von mehreren Millionen in barem Geld, die (ja, das w\u00e4re etwas f\u00fcr uns beide, mich und Sie, lieber Leser!) in ihrem ganzen Betrag unanfechtbar unserem jungen Edeling zufiel, der sich in der Schweiz hatte von der Idiotie kurieren lassen! Na, nun klang die Musik nat\u00fcrlich anders. Um unseren Baron in Gamaschen, der schon angefangen hatte, einer bekannten Sch\u00f6nheit der Halbwelt den Hof zu machen, sammelte sich auf einmal ein ganzer Schwarm von Freunden; es fanden sich auch Verwandte ein und vor allem ganze Scharen vornehmer M\u00e4dchen, die danach schmachteten, mit ihm in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Und was konnte man sich auch Besseres denken: ein Aristokrat, ein Million\u00e4r, ein Idiot, also alle Vorz\u00fcge vereint; einen solchen Mann kann man nicht einmal mit der Laterne finden oder auf Bestellung geliefert bekommen &#8230;!\u00ab<br \/>\n\t\u00bbDas &#8230; das \u00fcbersteigt ja alles!\u00ab rief Iwan Fjodorowitsch in h\u00f6chster Entr\u00fcstung.<br \/>\n\t\u00bbH\u00f6ren Sie auf, Kolja!\u00ab rief der F\u00fcrst in flehendem Ton. Von allen Seiten erschollen verschiedenartige Ausrufe.<br \/>\n\t\u00bbWeiterlesen! Unter allen Umst\u00e4nden weiterlesen!\u00ab verlangte Lisaweta Prokofjewna auf das allerbestimmteste; sie beherrschte sich augenscheinlich nur mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung. \u00bbF\u00fcrst, wenn du ihm das Weiterlesen verbietest, bekommst du es mit mir zu tun!\u00ab<br \/>\n\tEs war nichts zu machen: mit hei\u00dfem Gesicht, ger\u00f6teten Wangen und mit einer Stimme, die vor Aufregung zitterte, las Kolja weiter vor: \u00bbAber w\u00e4hrend unser neugebackener Million\u00e4r sozusagen im Scho\u00df des Gl\u00fcckes sa\u00df, geschah etwas von einer Seite her, von der es niemand erwartet hatte. Eines sch\u00f6nen Morgens erscheint bei ihm ein Besucher, mit ruhigem, ernstem Gesicht, mit h\u00f6flicher, aber w\u00fcrdiger und rechtlicher Redeweise, bescheiden und anst\u00e4ndig gekleidet, in seiner Denkart offenbar der fortschrittlichen Richtung angeh\u00f6rig, und erkl\u00e4rt ihm in wenigen Worten den Grund seines Kommens: er ist ein bekannter Advokat; er ist von einem jungen Mann mit der Vertretung seiner Interessen beauftragt worden und kommt in dessen Namen. Dieser junge Mann ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sohn des verstorbenen P., obgleich er einen andern Namen tr\u00e4gt. Der L\u00fcstling P. hatte in seiner Jugend ein anst\u00e4ndiges, armes M\u00e4dchen verf\u00fchrt, das zu seinem Hofgesinde geh\u00f6rte, aber eine westeurop\u00e4ische Erziehung genossen hatte (wobei selbstverst\u00e4ndlich die Herrenrechte der damaligen Zeit der Leibeigenschaft mit ins Spiel kamen), und als die unausbleiblichen, nahe bevorstehenden Folgen dieses Verh\u00e4ltnisses sichtbar wurden, sie m\u00f6glichst schnell an einen erwerbst\u00e4tigen, sogar in dienstlicher Stellung befindlichen Mann von edlem Charakter verheiratet, der dieses M\u00e4dchen schon lange geliebt hatte. Anfangs unterst\u00fctzte er das junge Ehepaar; aber die edle Gesinnung des Ehemannes veranla\u00dfte diesen bald, die weitere Annahme solcher Unterst\u00fctzung abzulehnen. Es verging nun einige Zeit, und P. verga\u00df allm\u00e4hlich das M\u00e4dchen und seinen mit ihr erzeugten Sohn und starb dann bekanntlich, ohne testamentarische Anordnungen zu hinterlassen. Sein Sohn, der zu einer Zeit geboren wurde, als seine Mutter bereits in legitimer Ehe lebte, wuchs unterdessen unter einem andern Familiennamen heran und wurde von dem edeldenkenden Gatten seiner Mutter v\u00f6llig als Sohn behandelt; aber als er bei dessen Tod mit der kr\u00e4nklichen, leidenden, an den F\u00fc\u00dfen gel\u00e4hmten Mutter in einem abgelegenen Gouvernement zur\u00fcckblieb, sah er sich vollst\u00e4ndig auf seine eigenen Mittel angewiesen. Er selbst ging nach der Hauptstadt und verdiente sich Geld durch t\u00e4gliche anst\u00e4ndige Arbeit, indem er in Kaufmannsfamilien Privatstunden gab und sich dadurch zuerst als Gymnasiast, dann als H\u00f6rer der f\u00fcr ihn zweckm\u00e4\u00dfigen Universit\u00e4tsvorlesungen erhielt, wobei er ein h\u00f6heres Ziel im Auge hatte. Aber kann man etwa viel erwerben, wenn einem der russische Kaufmann f\u00fcr die Stunde zehn Kopeken gibt und man obendrein eine kranke, gel\u00e4hmte Mutter hat? Auch als diese schlie\u00dflich in dem abgelegenen Gouvernement starb, wurde der Sohn dadurch nicht sonderlich entlastet. Nun werfen wir die Frage auf: wie mu\u00dfte unser junger Edeling gerechterweise denken? Gewi\u00df meinen Sie, verehrter Leser, da\u00df er zu sich folgenderma\u00dfen gesprochen hat: \u203aIch habe mein ganzes Leben lang von P. alle erdenklichen Wohltaten genossen; f\u00fcr meinen Unterhalt und meine Erziehung, f\u00fcr Gouvernanten und dann in der Schweiz f\u00fcr die Heilung von der Idiotie sind viele, viele Tausende draufgegangen; und da besitze ich nun jetzt Millionen, w\u00e4hrend P.s edeldenkender Sohn, der an den Fehltritten seines leichtsinnigen, verge\u00dflichen Vaters keinerlei Schuld tr\u00e4gt, sich mit Privatstunden zu Tode qu\u00e4lt. Alles, was f\u00fcr mich aufgewandt wurde, h\u00e4tte gerechterweise f\u00fcr ihn aufgewandt werden sollen. Die f\u00fcr mich ausgegebenen gewaltigen Summen kamen mir in Wirklichkeit nicht zu. Es war dies nur ein Irrtum der blinden Fortuna; sie geh\u00f6rten eigentlich dem Sohn P.s. F\u00fcr ihn h\u00e4tten sie verbraucht werden sollen, nicht f\u00fcr mich; letzteres war nur die Ausgeburt einer phantastischen Laune des leichtsinnigen, verge\u00dflichen P. Wenn ich im vollen Sinn ein edler, feinf\u00fchliger, gerechter Mensch w\u00e4re, so m\u00fc\u00dfte ich seinem Sohn die H\u00e4lfte meiner ganzen Erbschaft abgeben; aber da ich vor allen Dingen ein kluger Mensch bin und recht gut wei\u00df, da\u00df die Sache nicht einklagbar ist, so werde ich ihm nicht die H\u00e4lfte meiner Millionen geben. Aber allerdings w\u00fcrde es von meiner Seite gar zu gemein und schamlos sein\u2039 (der Edeling verga\u00df, da\u00df es auch nicht klug sein w\u00fcrde), \u203awenn ich dem Sohn P.s jetzt nicht wenigstens die Tausende zur\u00fcckerstattete, die P. f\u00fcr die Heilung meiner Idiotie ausgegeben hat. Das ist lediglich eine Forderung des Gewissens und der Gerechtigkeit! Denn was w\u00e4re aus mir geworden, wenn P. mich nicht aufgezogen, sondern statt dessen sich um seinen Sohn bek\u00fcmmert h\u00e4tte?\u2039<br \/>\n\tAber nein, meine Herren! Unsere jungen Edelinge denken nicht so. Was f\u00fcr Vorstellungen ihm auch der Advokat machte, der die m\u00fchevolle Vertretung der Sache des jungen Mannes einzig und allein aus Freundschaft zu diesem und fast wider dessen Willen, beinah gewaltsam \u00fcbernommen hatte, wie sehr er ihn auch auf die Pflichten der Ehre, des Anstandes und der Gerechtigkeit, ja sogar auf die Gebote der gew\u00f6hnlichen Klugheit hinwies, der Schweizer Z\u00f6gling blieb unerbittlich, und was tat er? Alles Bisherige w\u00e4re noch nichts; aber nun kommt etwas, was wirklich unverzeihlich und durch keine interessante Krankheit zu entschuldigen ist: dieser Million\u00e4r, der kaum die Gamaschen seines Professors ausgezogen hatte, konnte nicht einmal so viel kapieren, da\u00df der edeldenkende junge Mann, der sich mit Privatstunden qu\u00e4lte, ihn nicht um ein Almosen und eine Unterst\u00fctzung bat, sondern sein Recht forderte, dasjenige verlangte, was ihm zustand, wenn auch nicht im gerichtlichen Sinne; und ebensowenig wu\u00dfte der Million\u00e4r es zu w\u00fcrdigen, da\u00df der junge Mann seine Anspr\u00fcche nicht pers\u00f6nlich erhob, sondern nur seine Freunde f\u00fcr ihn eintraten. Mit majest\u00e4tischer Miene, berauscht von der durch seine Millionen ihm zugefallenen Macht, andere Menschen ungestraft niederzutreten, zieht unser Edeling einen F\u00fcnfzigrubelschein heraus und ist frech genug, ihn dem edeldenkenden jungen Mann als Almosen zu schicken. Sie glauben es nicht, meine Herren? Sie sind emp\u00f6rt, beleidigt und sto\u00dfen einen Schrei der Entr\u00fcstung aus: aber trotz alledem hat er es getan! Selbstverst\u00e4ndlich wurde ihm das Geld sogleich zur\u00fcckgeschickt, sozusagen ihm ins Gesicht zur\u00fcckgeschleudert. Wie soll nun die Sache erledigt werden? Gerichtlich verfolgen l\u00e4\u00dft sie sich nicht; es bleibt nur der Weg der \u00d6ffentlichkeit \u00fcbrig! Wir \u00fcbergeben daher dieses Geschichtchen dem Publikum, indem wir uns f\u00fcr seine Richtigkeit verb\u00fcrgen. Man sagt, einer unserer bekanntesten Humoristen habe dar\u00fcber ein reizendes Epigramm verfa\u00dft, das nicht nur in den provinziellen, sondern auch in den hauptst\u00e4dtischen Sittenschilderungen eine Stelle zu finden verdient:<\/p>\n<p>\tIn &#8217;nem M\u00e4ntelchen von Schneider<br \/>\n\tSpielte Ljow f\u00fcnf Jahr herum;<br \/>\n\tUnterdessen wurde leider<br \/>\n\tNichts aus seinem Studium.<br \/>\n\tHeimgekehrt drauf in Gamaschen,<br \/>\n\tErbt&#8216; er gl\u00fccklich &#8217;ne Million<br \/>\n\tUnd bestahl trotz voller Taschen<br \/>\n\tEinen armen Musensohn.\u00ab<\/p>\n<p>Als Kolja geendet hatte, reichte er die Zeitschrift so schnell wie m\u00f6glich dem F\u00fcrsten hin, st\u00fcrzte, ohne ein Wort zu sagen, in eine Ecke, dr\u00fcckte sich dicht hinein und verbarg das Gesicht in den H\u00e4nden. Er sch\u00e4mte sich in einem unertr\u00e4glichen Grade, und sein kindliches, an Schmutz noch nicht gew\u00f6hntes Empfinden war ma\u00dflos verletzt.\u201c<br \/>\n[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 20102 &#8211; 20112<br \/>\n(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 4, S. 134-142)<br \/>\nhttp:\/\/www.digitale-bibliothek.de\/band89.htm ] <\/p>\n<p>Der \u201erevolution\u00e4re Gestus\u201c reduziert sich somit auf nichts weiter als blanken Neid und Schnorrertum.<br \/>\nMan kann zwar mit Lafarge dar\u00fcber streiten, ob es nicht auch ein Menschenrecht auf Faulheit gibt, zumal Faulheit vornehm auch \u201eMuse\u201c hei\u00dft und zurecht als Grundbedingung jedweden kreativen Schaffens angesehen wird. Der Gehirnforscher Spitzer kann \u00fcberzeugend nach weisen, das Belohnungen (\u201eIncentives\u201c in neudeutsch) eher zu geistiger Minderleistung f\u00fchren, d.h. wer geistig viel leisten will, muss vor allem Druck und Stress vermeiden.<br \/>\nAber eine solche entspannte Atmosph\u00e4re hat nichts, aber auch gar nichts mit jener neiderf\u00fcllten \u201eKultur\u201c des Nichtstuns und der Nichtsnutzigkeit zu tun, f\u00fcr die diese \u201eHelden\u201c stehen.<br \/>\nDas Privileg zu genie\u00dfen, jeden Tag spazieren zu gehen und die Gedanken wandern zu lassen, darf nicht mit jener Bequemlichkeit verwechselt werden, bei der man keinen Fu\u00df vor den anderen setzt.<br \/>\nGesunde Kinder spielen gerne, Kinder, die nur noch antriebslos herum h\u00e4ngen, sind krank, entweder seelisch oder k\u00f6rperlich.<br \/>\nUnd die russische Gesellschaft jener Zeit wird durch nichts besser charakterisiert als durch Gontscharows \u201eOblomov\u201c.<br \/>\nDas \u201ehalbasiatische\u201c der russischen Gesellschaft besteht nicht darin, dass sie zur anderen H\u00e4lfte europ\u00e4isch ist, sondern darin, dass in Agypten, Indien oder China die Despotie eine reale Funktion hatte (die Urbarmachung der Fl\u00fcsse), w\u00e4hrend die russische Herrenkaste im Grunde durch und durch nutzlos ist.<br \/>\nNachdem die Sowjetunion sp\u00e4testens ab 1921 die R\u00e4te, die Sowjets, als basisdemokratische Einrichtungen beseitigt hatte, sammelte sich die alte B\u00fcrokratie unter neuen Fahnen. Die \u201eRevolution\u00e4re\u201c die uns Dostojewskij hier schildert, tragen diese konterrevolution\u00e4re Tendenz bereits in sich. <\/p>\n<p>Wenn wir uns dagegen nach wahrer Freiheit sehnen, sehnen wir uns nach einer Gesellschaft, die es uns erlaubt jede Arbeit zum Spiel werden zu lassen.<br \/>\nArbeit wird zur k\u00fcnstlerischen \u00c4usserung und damit zum kreativen Bed\u00fcrfnis.<br \/>\nDas ist der gro\u00dfartige Kern jener Utopie, die uns aus der \u201eDeutschen Ideologie\u201c entgegen strahlt.<br \/>\nUnd dass ist auch der entscheinde Unterschied zu Epikur:<br \/>\nDas Leben soll nicht nur lustvoll genossen, sondern aktiv gestaltet werden.<br \/>\nWir sitzen nicht nur im Garten, wir freuen uns an der Gartenarbeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Version 0.55 ist nun verf\u00fcgbar. 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