{"id":138,"date":"2011-11-28T07:57:32","date_gmt":"2011-11-28T06:57:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=138"},"modified":"2011-11-28T07:57:32","modified_gmt":"2011-11-28T06:57:32","slug":"die-suche-des-magens-nach-dem-letzten-grund-%e2%80%93-eine-auseinandersetzung-mit-rorty","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walter-altvater.de\/?p=138","title":{"rendered":"Die Suche des Magens nach dem letzten Grund \u2013 Eine Auseinandersetzung mit Rorty"},"content":{"rendered":"<p>Die n\u00e4chste Version steht zum Download als PDF bereit:<br \/>\n<a href='http:\/\/www.walter-altvater.de\/wp-content\/Myschkin_f0.49.pdf'>Myschkin_f0.49<\/a><br \/>\nDie Version enth\u00e4lt zahlreiche kleinere Ver\u00e4nderungen und ein Kapitel zur Philosophie Rortys.<br \/>\n<strong>Die Suche des Magens nach dem letzten Grund \u2013 Eine Auseinandersetzung mit Rorty <\/strong><br \/>\n\u201eForschung und Rechtfertigung haben zwar zahlreiche Einzelziele, aber kein \u00fcberw\u00e4ltigendes Ziel namens Wahrheit. Forschung und Rechtfertigung sind T\u00e4tigkeiten, denen wir uns als Sprecher einer Sprache gar nicht entziehen k\u00f6nnen. Ein Ziel namens \u201eWahrheit\u201c brauchen wir dazu ebensowenig, wie unsere Verdauungsorgane ein Ziel namens \u201eGesundheit\u201c brauchen, damit sie ihre Funktion erf\u00fcllen. Der Verzicht auf gegenseitige Rechtfertigung ihrer \u00dcberzeugungen und W\u00fcnsche ist den Sprechern einer Sprache genauso unm\u00f6glich wie dem Magen die Nichtverdauung der Nahrung.\u201c<br \/>\n(Richard Rorty, Hoffnung statt Erkenntnis. Eine Einf\u00fchrung in die pragmatische Philosophie, S.31)Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Herrn Rorty niemals schlecht war und dass er in seinem Leben kein einziges Mal gekotzt hat.<br \/>\nJedes Kotzen ist aber der nicht zu leugnende Beweis daf\u00fcr, dass unser Magen im Interesse unserer Gesundheit auch das Nichtverdauen von Nahrung veranlassen kann.<br \/>\nVerdauen ist f\u00fcr den Magen kein Selbstzweck.<br \/>\nDenn in der Tat ist es das Ziel jeden Lebewesens am Leben zu bleiben. Und dazu braucht dieses Lebewesen den Stoffwechsel mit der \u00fcbrigen Natur.<br \/>\nIm Rahmen dessen erh\u00e4lt auch der Magen seine Ziele. Und die bestehen keineswegs nur darin alles unbesehen zu verdauen. Dass es einem schlecht wird oder dass man Durchfall bekommt, dient h\u00e4ufig der Abwehr und Abfuhr der Gesundheit nicht zutr\u00e4glicher Mageninhalte.<br \/>\nEs ist somit keineswegs so l\u00e4cherlich und \u00fcberfl\u00fcssig wie Rorty meint, dem Magen ein Ziel Gesundheit zu unterstellen.<br \/>\n\u00dcberhaupt bedeutet \u201eGesundheit\u201c ja, dass wir in der Auseinandersetzung mit unserer Umgebung uns selbst, einschlie\u00dflich unserer diversen inneren Gleichgewichtszust\u00e4nde, erhalten. Was so einfach klingt: Ich, ist in Wirklichkeit ein komplexes System, das st\u00e4ndig in vielf\u00e4ltiger Wechselwirkung mit seinen Mitmenschen, der Natur und der von uns allen geschaffenen 2.Natur namens Kultur steht. Und in all diesen Zusammenh\u00e4ngen wollen wir uns als mit uns selbst identisches erhalten. Das gelingt nie ganz. Aber wenn es gar nicht mehr gelingt sterben wir. Jede einzelne unserer Zellen ist diesem Ziel verpflichtet. Und sobald sich eine gr\u00f6\u00dfere Zahl unserer Zellen diesem Ziel sich nicht mehr unterordnet, sind wir als Krebskranke todgeweiht.<br \/>\nAus dem selben Grund aus dem unser Magen dem Ziel Gesundheit verpflichtet ist, ben\u00f6tigen wir Wahrheit.<br \/>\nEtwas zu wissen oder nicht zu wissen, kann existenziell sein.  Etwas zu wissen oder nicht zu wissen, kann existenziell sein.<br \/>\nIn diesem Sinn dient auch unser Forschen der Wahrheit. Pilze z.B. gelten als essbar, giftig oder berauschend. Und wenn ich in Begr\u00fcndungs- und Rechtfertigungs\u00adzusammenh\u00e4nge geraten sollte, in denen man den gr\u00fcnen Knollenbl\u00e4tterpilz f\u00fcr geniessbar h\u00e4lt und br\u00e4t, riskiere ich mein Leben, wenn ich davon esse.<br \/>\nDas hei\u00dft: Vollkommen unabh\u00e4ngig von und vor jeder Philosophie gibt es so etwas wie Wahrheit. Einige dieser Wahrheiten sind so elementar, dass ihr Ignorieren mit dem sicheren Tod bestraft wird.<br \/>\nWobei ich mir fast sicher bin, dass Rorty meinen Einlassungen nicht widersprechen w\u00fcrde.<br \/>\nEr w\u00fcrde sagen, dass ich das Zusammenprallen mit der Wirklichkeit mit ihrer Bew\u00e4ltigung verwechsle (\u201eDer Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie\u201c S.406).<br \/>\nEr will keine Wahrheit finden, sondern das Gespr\u00e4ch in Gang halten.<br \/>\nDas man glaubt die Wahrheit zu haben und dann Diskussionen f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig h\u00e4lt, ist was eine \u201ebildende Philosphie\u201c seiner Meinung nach bek\u00e4mpfen muss.<br \/>\nDa wollen wir nicht widersprechen.<br \/>\nAber hat er auch recht, wenn er statt Wahrheit nur noch Diskursergebnisse kennt ?<br \/>\nZwei Einw\u00e4nde sind hier wichtig:<br \/>\nErstens werden unsere Gespr\u00e4che schon deswegen in Gang bleiben, weil auch Wahrheiten ein Haltbarkeitsdatum haben. Wie alles in der Welt entstehen und vergehen sie.<br \/>\nWir spiegeln die Welt, wir spiegeln uns in Anderen und Andere in uns, wir spiegeln uns in Spiegeln, in Gesichtern, Gesten tausendfach.<br \/>\nJedes dieser Bilder zeigt uns in einer anderen Facette.<br \/>\nUnd so vielf\u00e4ltig, facettenreich wie die Spiegel, in denen wir uns betrachten sind die Wahrheiten \u00fcber uns. Zweitens haben wir keinen Grund die Ergebnisse eines Diskurses per se f\u00fcr wahr zu halten. Es gibt auch ein \u201eHier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen\u201c. D.h. Wahrheit kann einsam machen. Trotzdem muss sie gewagt werden. Unbeirrt. Unbeirrbar.<br \/>\nPlatoniker werden wir deswegen noch lange nicht.<br \/>\nDer zentrale Irrtum dieser Philosophenschule ist der Glaube an die Ewigkeit und Unzerst\u00f6rbarkeit gewisser Ideen, die hinter den Dingen deren Wesen bilden sollen. Dass es dieses ewige \u201eEigentliche\u201c nicht gibt, macht Begriffe wie \u201eWahrheit\u201c oder \u201eWesen\u201c weder \u00fcberfl\u00fcssig noch unbrauchbar.<br \/>\nDer Spiegel ist in einer nicht-platonischen Welt nur ein Spiegel, und die Idee ein ideeller Spiegel.<br \/>\nSie vergeht mit dem, was sie spiegeln soll. Und solange es existiert, kann sie niemals mehr zeigen, als das, worauf sie zeigt.<br \/>\nIm Gegenteil: Jedes Ding, das existiert, bildet f\u00fcr sich bereits ein Universum. Ein Universum an Komplexit\u00e4t, an Vielfalt, an Ideen.<br \/>\n\u00dcber jedes Schr\u00e4ubchen im Getriebe lassen sich B\u00fccher schreiben und manchmal sind diese B\u00fccher spannender als manches philosophisch konstruierte \u201eGestell\u201c.<br \/>\n\u201eWahrheit\u201c ist in diesem Sinn zwar ein inh\u00e4rentes, aber kein \u00fcberw\u00f6lbendes Ziel. Es gibt die Wahrheit der Schraube, des Zahnrads, des Getriebes, einer Blume, dieses oder jenes Menschen, aber es gibt keine Wahrheit an sich. Wahrheit existiert am allerwenigsten ewig und jenseits unserer Erfahrungen.<br \/>\nIn diesem Sinn sind wir mit Rorty einverstanden, wenn er die Metaphysik f\u00fcr immer verabschiedet.<br \/>\nAber im Gegensatz zu ihm halten wir an Wahrheit und Wesen, als identit\u00e4rer Kern einer Sache, weiter fest.<br \/>\nGerade wer nicht in der platonischen H\u00f6hle festgebunden ist, sondern sich frei in freier Luft bewegt, versucht immer wieder neu seine innere Welt mit der \u00e4u\u00dferen zur Deckung zu bringen und ist somit auf der Suche nach der Wahrheit.<br \/>\nDabei geht es um mehr als blo\u00dfe \u201eRechtfertigung\u201c gegen andere. Auch wenn die Anderen mit ihrer Meinung mir gleichg\u00fcltig sind, die hei\u00dfe Herdplatte, Hunger oder Durst, das Verlangen nach Liebe und Anerkennung, werden mir immer gen\u00fcgend Antrieb verleihen, um dem auf der Spur zu bleiben, was Wahrheit hei\u00dft.<br \/>\nDass die Sch\u00f6pfung sich selbst sch\u00f6pft und dass wir ein untrennbarer Bestandteil dieses Prozesses sind, ist das, was Rorty interessiert.<br \/>\nDeshalb m\u00f6chte er Hoffnung, die Suche nach dem Noch-Nicht erreichen an die Stelle einer r\u00fcckw\u00e4rts gewandten Suche nach ewigen Wahrheiten setzen.<br \/>\nWir sind da ganz bei ihm. <\/p>\n<p>Vor allem wenn er sagt:<br \/>\n\u201eDa niemand die Zukunft kennt, weiss auch niemand, welche \u00dcber\u00adzeu\u00adgun\u00adgen ihre Berechtigung behalten und welche nicht; und daher gibt es auch nichts Ahistorisches, was sich \u00fcber die Erkenntnis oder die Wahrheit sagen lie\u00dfe. Da\u00df man nichts weiter sagt, hat den Effekt, da\u00df das was Europa der Meta\u00adphy\u00adsik und der Erkenntnistheorie anvertraut hat an die Hoffnung \u00fcbergeht. Es hat den Effekt, dass man Platons Versuch der Zeit zu entrinnen, durch die Hoffnung ersetzt, wir k\u00f6nnten eine bessere Zukunft gewinnen\u201c<br \/>\n(Rorty,Hoffnung statt Erkenntnis. Eine Einf\u00fchrung in die pragmatische Philosophie, S.34)<br \/>\nWir k\u00f6nnen und wollen ihm aber nicht folgen, wenn er mit der ewigen Wahrheit die Wahrheit \u00fcberhaupt verabschiedet. So wenig wir ihm folgen k\u00f6nnen, wenn er darauf verzichten will, etwas, unabh\u00e4ngig vom Urteil anderer, f\u00fcr wesentlich zu halten.<br \/>\nDass es keinen Felsen in welcher Brandung auch immer gibt, der dieser ewig trotzt, ist noch lange kein Grund an der Existenz dieses Felsens zu zweifeln.<br \/>\nWir k\u00f6nnen und m\u00fcssen in Bezug auf die Zukunft mehr haben als blo\u00dfe Hoffnungen oder umgekehrt Bef\u00fcrchtungen.<br \/>\nWas wir z.B. \u00fcber den zu erwartenden Klimawandel wissen, hat nicht den Charakter einer ewigen, metaphysischen Wahrheit. Trotzdem ist es nichts, was man mal so oder so sehen kann, je nach Diskussionsstand in der Gesellschaft. Die Atmosph\u00e4renphysik ist unabh\u00e4ngig von menschlichen Diskussions- und Rechtfertigungsprozessen. Und auch wenn es keine ewigen Wahrheiten sind, sind es doch Wahrheiten.<br \/>\nUnd wir wissen auch und das sogar gewiss, dass es f\u00fcr uns wesentlich ist, den Eintrag von Klimagasen in die Atmosph\u00e4re zu stoppen.<br \/>\nBegriffe wie Wahrheit, Wesen k\u00f6nnen nicht einfach den Platonikern \u00fcberlassen werden, nur weil diese den Geltungsbereich dieser Begriffe f\u00e4lschlich in die Ewigkeit verl\u00e4ngert haben.<br \/>\nDas Alltagsbewusstsein wusste immer, dass sich jemand in seinem Wesen ver\u00e4ndern kann. Und das Alltagsbewusstsein wei\u00df auch, dass dies ein au\u00dfer\u00adge\u00adw\u00f6hnlicher Vorgang ist.<br \/>\nD.h. der Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung existiert unabh\u00e4ngig von der Existenz irgendwelcher ewiger Ideen.<br \/>\nUnd zu behaupten, dass \u201eEuropa\u201c der Metaphysik huldigt, bedeutet eine wesentliche philosophische europ\u00e4ische Richtung, die von Demokrit \u00fcber Epikur bis zu Marx reicht, komplett zu unterschlagen.<br \/>\nEs w\u00e4re viel gewonnen f\u00fcr den Pragmatismus, wenn man in der Neuen Welt zur Kenntnis nehmen w\u00fcrde, dass Platon und Kant nicht die einzigen europ\u00e4ischen Philosophen sind. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die n\u00e4chste Version steht zum Download als PDF bereit: Myschkin_f0.49 Die Version enth\u00e4lt zahlreiche kleinere Ver\u00e4nderungen und ein Kapitel zur Philosophie Rortys. 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