Von Wölfen, Pavianen, Schimpansen, Bonobos und der Frage der Moral

Das jetzt dazu gekommene Kapitel versucht Fragen der Moral zu beantworten, wie sie sich u.a. aus dem Kapitel über Maria ergeben.
Den den derzeit letzten Stand von „Wir Myschkins“ kann man hier laden:
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Von Wölfen, Pavianen, Schimpansen, Bonobos und der Frage der Moral

Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, ist ein altehrwürdiger Spruch, der allerdings die Wölfe mit ihrem hochentwickelten Sozialleben beleidigt.
Überhaupt hat Hobbes unrecht, wenn er meint, erst der Staat habe den Krieg aller gegen alle durch sein Gewaltmonopol aufgehoben und unterdrückt.
Das Problem stellt sich schon viel früher und muss dementsprechend auch gelöst werden.
Wenn z.B. unter den Angehörigen einer Tierart der Kampf um Ressourcen grundsätzlich immer bis zum Letzten ginge, ginge diese Art schnell unter.
Schon im Tierreich ist es deswegen wichtig, dass solche Konflikte eingedämmt werden.
Ein Mittel dazu ist die Revierbildung. Die Kehrseite davon sind Revierkämpfe. Trotzdem garantiert die Revierabgrenzung einen gewissen Frieden, vor allem wenn die Kämpfe ritualisiert und damit gezähmt werden.
Möglicherweise setzt Gruppenbildung dann ein, wenn zu wenig abgrenzbare Reviere da sind. Die Jungtiere bleiben dann bei der Mutter.
Nun müssen die Konflikte innerhalb der Gruppe geregelt werden.
Dazu gibt es grundsätzlich zwei Wege: Aus Revierkämpfen werden Rangordnungskämpfe. Oder aber die Mutter behält ihre Autorität über das eigentliche Kindesalter hinaus. Genauso wie die Geschwisterliebe über das Kindesalter hinaus lebendig bleibt.
Beide Wege werden gegangen. Und es gibt jede Menge Mischungen und Abstufungen dazwischen.
So entwickelt sich Sozialleben zwischen den Polen Unterordnung unter den Stärkeren und/oder Weiterentwicklung der ursprünglichen Bindungen an die Mutter und die Geschwister.
Vom Vater ist hier zunächst nicht die Rede, denn Väter neigen oft dazu die Jungen zu fressen. Jeder Katzenbesitzer weiss, dass die Kätzin ihre Jungen nicht nur vor den Menschen versteckt.
Wenn die Männer aber ihr Leben lang Brüder bleiben, bevor sie zu Vätern werden, ändern sich die Verhältnisse und aus Vätern können mit der Zeit auch liebevolle Väter werden.
Ich würde mich überschätzen, würde ich hier ein komplettes Bild der Sozialentwicklung von Säugetieren versuchen, aber ich glaube und behaupte, dass diese 2 Grundtendenzen, die sich durchaus in den Haaren liegen, prägend sind.
Dass diese beiden Tendenzen zugleich auch mit der Geschlechterpolarität verknüpft sind, macht die Sache noch verwickelter.
Damit sind wir aber weder erst durch Kultur zu zähmende Totschläger des eigenen Vaters, wie Freud meinte, noch startet unser Menschsein in einer Gesellschaft Gleicher und Gleichberechtiger, wie man z.B. bei Engels lesen kann.
Das heisst nicht, dass Engels und Freud Unrecht haben. Ja, es kann den Vater-Tyrannen, den die Brüder ermorden, gegeben haben. Und zwar nicht erst bei den Menschen, schon bei den Schimpansen.
Und ja: Es gibt diese fröhliche und gleiche, der sexuellen Lust zugewandte „urkommunistische“ Gesellschaft schon bei den Affen, den Bonobos.
Welche Konsequenzen hat das für uns und unser soziales und politisches Leben ?
Zunächst diese, dass wir von Natur aus über ein sehr breites Spektrum von Möglichkeiten verfügen. Die tatsächliche Breite dieses Spektrums wird uns von unseren tierischen Verwandten aufgezeigt.
Gut und Böse ist gleichermassen Teil unserer Natur.
Die Frage, was das denn sein soll: „Gut“ und „Böse“ lässt sich am leichtesten Beantworten, wenn wir uns klar machen, dass wir (d.h. der lebendige Teil der Welt, die Biosphäre) in Bezug auf diese Erde nichts weiter sind, als die Schale eines Apfels. Und dieser Apfel selbst ist ziemlich einsam im All.
D.h. Leben ist etwa sehr seltenes und kostbares. „Gut“ in diesem Sinn ist daher alles, was das Leben stärkt. Nicht nur unser eigenes, sondern diese dünne Schale insgesamt. „Schlecht“ oder „Böse“ ist demnach alles was das Leben zerstört.
Nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik hat Bloch seine „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ verfasst. Sie ist auch eine Absage an die „Panlogiker“, d.h. an die Heilsgewissheit Hegels und vieler Marxisten. Die Ironie dabei ist, dass Bloch selbst einer der grössten und hartnäckigsten Panlogiker war. D.h. es ist auch eine Selbstkritik mit einem lauten „Dennoch“, denn wer so fest an das Gelingen glaubt, lässt sich durch die Möglichkeit des Scheiterns nicht schrecken.
Die räumlich Nähe Heideggers bringt es wohl mit sich, dass es sehr Ontologisch zugeht, mit lauter Nicht, Nichts, Daß und Was, die wunderbarer Weise Arme und Beine haben und natürlich Münder:
„Auf diese Art erscheint bei Hegel allerdings Negativität durchaus als eine wie durch sich selbst dialektisch eingemeindete, ja als der wesentliche Sauerteig, der den Prozeß zum Aufgehen bringt. Die Negativität ersetzt so die Intensität und Dynamik, die dem reinen Äther der in sich weilenden Idee ja keineswegs zukommen; die dialektische Negation wird dergestalt in Hegels Philosophie zum Erregenden schlechthin, zum Gegengift nicht nur der Stockung. auch der faden Zufriedenheit. Das ist das Große an Hegel, daß er das Negative auch begrifflich nicht ausläßt: „Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes“ (Phänomenologie, Vorrede). Dergestalt daß Dialektisches als überall fruchtbare Entzweiung erscheint, daß es die Sphäre der zerstörenden Differenz überall produktiv bewohnt, als Vernichtung des Vergehenswerten im Schoß des Vergehenswerten selber.“ (Bloch, S.290)
Das Negative, die Zerstörung ist hier das gemahlene Korn, das erst zu Mehl zerstoßen wird um dann als Teig zu fermentieren und uns als Brot satt zu machen. Dieser Tod ist gleichzeitig der Garant des Lebens.
Wird das Samenkorn nicht zum Mehl, wird es zur neuen Pflanze, muss aber auch auf diesem Weg als Samenkorn sterben.
Der Tod, der hier beschrieben wird, ist die Nacht, die auf den Tag folgt und dem nächsten Tag voraus geht.
„Jedoch: es wird durch die so behauptete vollkommene Vermittlung des Negativum innerhalb des dialektischen Prozesses, dem Nichts zugleich seine Furchtbarkeit hinweggenommen, das ist jene wie immer schneidende Unvermitteltheit (Disparatheit), von der die älteren Denker des Nichts betroffen waren. Diese Unvermitteltheit beruht gewiß großenteils auf bloßen fixen Reflexionsbestimmungen des Verstands, wie von Hegel angegeben, ist jedoch dadurch nicht erschöpft. Sie lief und läuft in größerer Breite, als panlogistische Dialektik erfassen kann, noch unter und neben dem positiv funktionierenden Negativum her. Eben: es gibt durchaus Saatkorn, das stirbt und keine Fracht bringt. nämlich als zertretenes, ohne irgendeine positive Negation dieser Negation wirklich, gar notwendig danach.“ (Bloch, S.290).
Wenn eine Riesenwelle nach einem Erdbeben Tod und Zerstörung bringt, gibt es keinen wie immer gearteten „Sinn“ in solchem Tod.
Es ist gewissermassen die reine Nacht, der unversöhnte Tod, die pure Vernichtung.
„Hegel selber gibt derart „unaufgelösten Widerspruch“ zu: die ganze Natur er­scheint ihm als einer; und in der Geschichte rechnet auch er den Pelo­pon­nesi­schen Krieg, den Dreißigjährigen Krieg, die indische Witwenverbrennung und so fort keinesfalls unter die produktiven Mächte des Verderbens. Heute hätte er die Todeslager des Faschismus hinzugefügt, die Verbrennungsöfen von Maidanek. Moloch ist auch für Hegel ein Anderes als schaffende Differenz, ein Anderes als Karfreitag, der Ostern bringt. Besonders beachtbar ist eine auffallende Stelle in Hegels Asthetik über das „nur Negative“, das „Negative in sich“, im Zusam­men­hang mit ästhetischem Wert: „Wenn der innere Begriff und Zweck bereits in sich selber nichtig ist, so läßt die schon innere Häßlichkeit noch weniger in seiner äußeren Realität eine echte Schönheit zu … Denn das nur Negative ist über­haupt in sich matt und platt und läßt uns deshalb entweder leer oder stößt uns zurück … Das Grausame, Unglückliche, die Herbigkeit der Gewalt und Härte der Übermacht läßt sich noch in der Vorstellung zusammenschalten und ertragen, wenn es selber durch die gehaltvolle Größe des Charakters und Zwecks gehoben und getragen wird; das Böse als solches aber, Neid, Feigheit und Nieder­trächtig­keit sind nur widrig, der Teufel für sich ist deshalb eine schlechte, ästhetisch unbrauchbare Figur“ (Werke X‘, S. 285). Hegel spricht in diesem Zusammenhang auch vom Negativum an sich als einem „übertünchten Grab“, und nichts Lebendiges entspringt ihm aus dieser puren Nichtigkeit in sich selbst. Wonach hier also das Nichts in seiner alles fressenden Hohlgestalt doch nicht unerinnert bleibt, trotz aller total-dialektischen Vermittlung.„ (Bloch, S.290-S291)
Hegel gibt zu, was sich beim besten Willen nicht leugnen lässt. Zugleich versucht er die Nacht ohne Tag zu banalisieren, in dem er sie für ästhetisch uninteressant erklärt. Ein merkwürdiges Urteil. Macht ihm diese Art von Tod denn keine Angst ? Oder muss er die Augen fest verschliessen, weil sonst die Angst zu stark würde.
„Diese total-dialektische Ver­mittlung ist in Wahrheit nicht nur Triumph der Konkretion über abstrakt fixierte und so voneinander abgehaltene Verstandsbestimmungen; sie ist ebenso ein letzter Triumph säkularisierter Vorsehung, aus dem Geist des Panlogismus. Wobei trotzdem Hegel, in seiner gewaltigen Sachlichkeit nicht umhin kann, das Negativum nicht schlechthin als Gottes Mühle zu feiern. Und nicht schlechthin auch als Positivum, in Hinsicht der Aufhebung und neuen Setzung, die der Widerspruch angeblich an sich bereits bedeutet. Ja, Hegel nimmt am Ende, mit einer verblüffenden, fast manichäischen Wendung, sogar die gesamte Negativum-Schicht aus seinem sonst allvermittelten Pan-Logos heraus; in einer Weise, die dem Nichts gerade keine Heilsökonomie an und durch sich selber zubilligt. Denn nach Hegel können in jeder Sphäre der Weltidee nur affirmative Bestimmungen, also die Thesis und Synthesis, als „Definitionen Gottes“ gelten, nicht aber die negativen Bestimmung der Antithesis, die in der Differenz sind. Die Andersheit und die Endlichkeit, worin das Negativum vorzüglich ausbricht, sind hier der „Unterschied von Gott“ (Enzyklopadie § 83) und ebenso groß wie selbst das fruchtbare Negativum ist zu allerletzt für Hegel „die Unan­ge­messenheit“ des Endlichen, Unvollkommenen zum Vollkommenen, welche das Negativum zum positiven Umschlag bringt, hin zur – wahren für sich seienden Identität. Item, wie angegeben: so wenig ein Idiot, der sich dauernd in Widersprüche verwickelt, deshalb schon ein Dialektiker ist, so wenig kann das „nur Negative“ sich von sich selber in den dialektischen Prozeß hereinziehen. So wenig auch kann es darin, als Heilsdynamik wider Willen und doch gleichsam aus eigenem Willen, ganz schon eingemeindet sein.“ (Bloch, S.290-S291)
Ich erlaube mir als Idiot auch und gerade dem Dialektiker zu mißtrauen. Vor allem wenn die Reise in Richtung einer dialektischen Logik geht.
Wer das Endliche für „Unangemessen“ hält, landet nur wieder im lebens­feind­lichen Felsenmeer ewiger Ideen und „unsterblicher“ Götter.
Leben existiert nur in der Endlichkeit.
Wenn wir dieses Leben wieder in seiner Fülle schätzen wollen, dürfen wir uns nicht länger vom toten griechischen Marmor blenden lassen.
Ich erachte es für mich persönlich als Segen, dass meine Heimat im Reich des gar nicht so unvergänglichen weissen oder roten Sandsteins liegt.
So bleibt mir das Streben nach ewiger Vollkommenheit fremd, das sich im übrigen mit keiner Art von Tod verträgt, weder mit jenem der unser Freund ist, noch mit der Nacht ohne Tag.
Da aber der Tod so oder so Realität ist, führt das Streben nach Vollkommenheit zur Realtätsverleugnung und kann dann in Gestalt von „vollkommen“ sicheren technischen Wunderwerken, wie AKWs, sich mit dem Tod verbünden.
„Vielmehr, wie hier nun spruchreif wird: der Gegenzug ist notwendig, eben nicht wie das Nichts aus der Sucht in der Sehnsucht stammt, aus diesem eigentlichen terminus a quo des Nichtshaften, sondern aus der wirklichen Bewegung der Intention, in das Nichts hinein, durch das Nichts hindurch, hin auf ihr Was. Und erst dieser Gegenzug macht in der völlig ausgebrochenen und so deutlich werdenden Menschen­geschichte das Nichts dialektisch, dadurch daß er es zur Negation seiner selbst gebraucht, dadurch daß er es gerade zur Forttreibung der eigentlichen Was-Bestimmung, Was-Gewinnung zwingt. Die Forttreibung selber, diese Aktivität im da seienden Widerspruch kommt nicht aus dem sich selbst überlassenen Nichts, als welches vielmehr nur zum Abgrund giert. Sie kommt aus der Intensität des Daß-Faktors, der auf dem Weg zu seinem Was wirklich begriffen ist und der im Menschen, sofern er sich als historischer Erzeuger bewußt wird, diesen Weg auch nun wahrhaft-wirklich begreift. Mit der Hoffnung begreift, die als eine Spes militans, Spes docta der leeren Mächtigkeit des Nichts so fern wie nur möglich und so überlegen wie nur immer möglich ist.“ (Bloch, S.290-S291)
Der Tod hört dann auf bloßer Tod zu sein, wenn er Bestandteil des Lebens­pro­zesses ist. Wir Menschen sind nun jener Teil der lebendigen Welt, der über dieses sein Lebendigsein und auch das Eingebettetsein des Todes im Leben reflektieren und philosophieren kann.
Die „Was“ und „Daß“ die hier ganz eigenständig unterwegs sind, verdunkeln allerdings den Fakt, dass es nicht um abstrakte Ideen sondern um endliches und verletzliches Leben geht.
Und dass dieses verletzliche Leben nur in der Endlichkeit existiert und dass deswegen die Versöhnung mit jenem Tod der Teil des Lebens ist, nur relativ sein kann. Zwar erhält sich das Leben im und mit dem Tod.
Aber unsere ganz persönliche Existenz endet.
„Es gibt keine garantierte Umschlagstelle, keinen automatischen Übergang aus dem Nichts der Ent­menschung zum hocherhobenen Haupt. Konträr: das sich selbst überlassene Negativum leitet einzig in das ihm Angestammte: in totalen Un-Sinn, Gegen-Sinn, Wider-Sinn, ins Chaos. Daher wäre mit Leiden allein, ohne Leidenschaft, nie etwas Großes vollbracht worden; daher müßten, um eben ein Exempel aus der aktuell-geschichtlichen Dialektik zu wiederholen, Proletariat und Bourgeoisie zusammen in der kapitalistischen Widerspruchskrise zugrunde gehen, wenn nicht der aktive, der revolutionäre „Widerspruch“ sich dieser Krise annähme. Macht der Gegenzug in der Welt überall erst aus dem Negativum ein Instrument des Umschlags, des Geschehens, der Geschichte, so ist die revolutionäre Selbst­er­grei­fung des Widerspruchs zum erstenmal auch bewußt geschichtsbildend. Und das Ziel, das diesen Gegenzug letzthin hinanzieht, woran er auf dem Weg seinen terminus ad quem hat, ist das utopische Totum das Was. Sein mögliches Alles hat in jedem Sprengpulver gegen das Morbide seinen Vorausgruß, in jeder Freisetzung des besseren Neuen aus der verrottet, er­stik­kend gewordenen Hülle seine Statthalterschaft. Dialektik bezeichnet so den Ostpunkt im Untergangspunkt oder allemal: die Verschlingung des Tods mit dem Sieg. Aber der Ostpunkt im Untergangspunkt wird einzig von der Intention auf ihn hin in dieser seiner Morgenröte erhalten. Nur im Maß, mit dem das utopisch-positive Gewissen wächst und handelt, sich erhellt und der objektiven Mög­lich­keit sich verbindet: nur im gleichen Maß verringern sich die Felder, wo das Negativum nichts als Krisis zum Tod ist. „
Es gibt keinen Grund für Siegesfanfaren. Keine noch so triumphale Dialektik wird den Tod je überwinden. Aber da Tod nicht gleich Tod ist, wäre schon viel gewonnen, wenn wir es schaffen könnten, dass alle am Ende ihrer Zeit lebenssatt den nächsten Generationen Platz machen könnten, statt in der Blüte ihrer Jahre geknickt, gebrochen, ja vernichtet zu werden.
Dabei bedeutet schon die Annäherung an dieses Ziel harte Arbeit.
Das Leben nimmt dem Tod den Stachel.
Aber eben nur jener Tod, der dem Leben dient.
Wenn Goethe im Mephisto den „Teil einer Kraft“ geschaffen hat, die stets das Böse will und doch das Gute schafft, dann hat Goethe statt dem Teufel ein Teufelchen auf die Bühne gebracht.
Er hat geleugnet, dass es das Böse auch als alles zerstörende und vernichtende Kraft gibt, mit der keine Versöhnung möglich ist, weil dieses Böse eben nicht Teil sondern Feind des Lebens ist.
Es gibt einen Tod ohne jedes und gegen jedes Leben, aber es gibt kein Leben ohne Tod.
Und nur dieser Tod ist mit dem Leben verbündet.
Leben heisst auch essen. Essen bedeutet aber immer auch gegessen werden. Tiere aber leben immer von anderem Leben, sie sind nicht in der Lage Leben neu aus anorganischem oder zerfallendem alten Leben zu produzieren.
D.h. ohne zu töten, können Tiere nicht existieren.
Auch wir sind solche Tiere.
Tiere, die in dem Widerspruch leben, dass sie Leben töten um zu leben. Als solche Tiere haben wir nach und nach gelernt, so etwas wie Verstand und Vernunft zu entwickeln und nun müssen wir lernen unserer Fähigkeit zum Töten im Interesse des Lebens strikte Grenzen zu setzen.
Damit gibt es den Tod als notwendigen Teil des Lebens, ohne den es kein Leben gibt, das zu Mehl zermahlene Samenkorn der Mume Mählen und es gibt den Tod als reine Zerstörung, das „zertretene Samenkorn“.
Im Zentrum jeglicher Moral steht daher die Erhaltung und Stärkung des Lebens und der Respekt vor dem Leben.
Ohne diesen Respekt gibt es keine Moral.
Ein zentrales Moment dieses Respekts ist das Gebot „Du sollst nicht töten!“. Dieses Gebot bezieht sich zunächst auf meine Brüder und Schwestern und weitet sich dann aus, bis es die ganze Menschheit einschließt.
Und es wird sicher demnächst auch unsere Brüder und Schwestern Menschenaffen einschliessen müssen.
Vor diesem Hintergrund muss man das „Moralproblem“ bewerten, dass Singer in de Waals „Affen und Philosophen„ zitiert und bei dem es um folgendes gehen soll:
„Obwohl uns die Fähigkeit zum Vernunftgebrauch hilft, zu überleben und uns fortzupflanzen, konnte sie uns, sobald wir sie einmal entwickelt haben, an Orte führen, die uns evolutionär gesehen keine direkten Vorteile bieten. Die Vernunft ist wie eine Rolltreppe – haben wir sie einmal betreten, können wir nicht von ihr herunter, bis wir dort angekommen sind, wo sie uns hinführt. Die Fähigkeit zu zählen kann nützlich sein, aber sie führt über einen logischen Prozess bis zu den Abstraktionen der höheren Mathematik, die evolutionär gesehen keinen direkten Nutzen abwerfen. Das gilt vielleicht auch für die Fähigkeit, die Perspektive von Smiths unparteiischem Beobachter einzunehmen.
Indem ich an dieser Sicht auf die Bedeutung des Vernunftgebrauchs in der Moral festhalte, unterscheide ich mich von de Waals Auffassung von den Lehren, die wir aus J. D. Greenes bahnbrechendem Werk ziehen sollten, das uns mit bildgebenden neurologischen Verfahren Aufschluss darüber geben soll, was bei moralischen Urteilen passiert. De Waal schreibt:
„Während die Fassadentheorie mit ihrer Betonung der menschlichen Einzig­artig­keit moralisches Problemlösen evolutionsgeschichtlich jungen Ergänzungen unseres Gehirns zuschreiben würde – etwa dem präfrontalen Kortex -, zeigen bildgebende neurologische Verfahren, dass de facto eine Vielzahl von Hirn­a­rea­len daran beteiligt ist, von denen einige extrem alt sind (Greene und Haidt 2002). Kurz gesagt: Die Neurowissenschaften scheinen die Vorstellung zu bestätigen, dass die menschliche Moralität evolutional im Sozialverhalten von Säugetieren verwurzelt ist.“
Um zu verstehen, warum wir nicht diesen Schluss ziehen sollten, brauchen wir ein wenig mehr Informationen darüber, was Greene und seine Kollegen gemacht haben. Mittels bildgebender Verfahren untersuchten sie die Gehirnaktivität, wenn Menschen auf Situationen reagieren, die in der philosophischen Literatur als „Trolley-Probleme“ bezeichnet werden. Beim Standardproblem dieser Art stehen Sie an einem Gleis und bemerken, dass eine unbemannte Güterlore die Schienen entlanggerollt kommt und auf eine Gruppe von fünf Menschen zufährt. Alle werden sterben, wenn das Gefährt seinen Weg fortsetzt. Das Einzige, was Sie tun können, um diese fünf Leben zu retten, besteht darin, einen Weichenhebel umzustellen, wodurch der Trolley auf eine Nebenlinie umgeleitet wird, auf der er nur einen Menschen tötet. Wenn gefragt wird, was man unter diesen Umständen tun sollte, sagen die meisten, dass man den Trolley auf die Nebenstrecke umlei-
ten sollte und daher in der Bilanz vier Menschenleben retten würde.
In einer anderen Version des Problems droht der Trolley wie zuvor fünf Men­schen zu töten. Dieses Mai jedoch stehen Sie nicht am Schienenstrang, sondern auf einer Fußgängerbrücke über der Bahnstrecke. Sie können den Trolley nicht umleiten. Sie überlegen, von der Brücke zu springen, sich vor den Trolley zu werfen und sich selbst zu opfern, um die bedrohten Menschen zu retten, aber Sie erkennen, dass Sie viel zu leicht sind, um den Trolley zu stoppen. Neben Ihnen jedoch steht ein sehr beleibter Fremder. Die einzige Möglichkeit, den Trolley daran zu hindern, fünf Menschen zu töten, besteht darin, diesen beleibten Fremden von der Fußgängerbrücke vor den Trolley zu stoßen. Wenn
Sie den Fremden hinunterstoßen, stirbt er, aber Sie retten die anderen
fünf. Gefragt, was man in dieser Situation tun sollte, sagen die meisten, dass man den Fremden nicht von der Brücke stoßen sollte.
Greene und seine Kollegen sind der Auffassung, dass diese Situationen sich insofern unterscheiden, als sie entweder ein „unpersönliches“ Moment enthalten – wie das Stellen einer Weiche – oder aber eine „persönlich“ zugefügte Verletzung, das Stoßen eines Fremden von einer Brücke. Sie stellten fest, wenn die Probanden in einem der „persönlichen“ Falle entscheiden mussten, waren die Areale des Gehirns. die mit emotionaler Aktivität verknüpft sind, stärker aktiv als in den Fällen, in denen die Probanden aufgefordert waren, ihre Entscheidungen in „unpersönlichen“ Fällen zu treffen. Bedeutsamer noch war, dass die Minder­heit der Probanden, die zu dem Schluss gelangten, dass es richtig wäre, auf eine Weise zu handeln, weiche eine persönliche Verletzung mit einschließt, aber den Gesamtschaden minimiert – beispielsweise jene, die sagten, dass es richtig wäre, den Fremden von der Fußgängerbrücke zu stoßen, mehr Aktivität in den Teilen des Gehirns aufwiesen, die mit kognitiver Aktivität verknüpft sind, und länger brauchten, um zu ihrer Entscheidung zu gelangen, als jene, die zu einem solchen Vorgehen „Nein“ sagten. Mit anderen Worten, wenn wir mit der Notwendigkeit konfrontiert sind, einen anderen Menschen physisch anzugreifen, sind unsere Emotionen mächtig aufgepeitscht, und für manche ist die Tatsache, dass dies die einzige Möglichkeit ist, mehrere Leben zu retten, nicht hinreichend, um diese
Emotionen zu überwinden. Aber jene, die bereit sind, so viele Leben wie möglich zu retten, selbst wenn dies erfordert, einen anderen Menschen zu Tode zu stoßen, scheinen ihre Vernunft zu gebrauchen, um ihren emotionalen Widerstand gegen die persönliche Verletzung zu überwinden, die das Stoßen eines anderen Menschen mit sich bringt.
Untermauert dies den Gedanken, dass die „menschliche Moralität evolutionär in der Sozialität der Säugetiergesellschaft verankert“ ist ? Ja, bis zu einem gewissen Punkt. Die emotionalen Reaktionen, welche die meisten Menschen veranlassen zu sagen, dass es falsch wäre, einen Fremden von einer Fuß­gän­ger­brücke zu stoßen, können in genau jenen evolutionären Begriffen erklärt werden, die de Waal in seinen Vorlesungen entwickelt und mit Material aus seinen Beobachtungen von Primatenverhalten untermauert. Desgleichen ist einfach nachzuvollziehen, dass wir keine ähnlichen Reaktionen auf jemand entwickeln konnten, der einen Weichenhebel umwirft, was ebenfalls zu Tod oder
Verletzung führen kann, jedoch in einiger Entfernung von uns. Während unserer gesamten Evolutionsgeschichte waren wir in der Lage, andere zu verletzen, indem wir sie gewaltsam stießen, aber erst seit ein paar Jahrhunderten – einer viel zu kurzen Zeit, um für unsere evoluierte Natur einen Unterschied zu machen – sind wir in der Lage, andere mittels Handlungen wie dem Umlegen eines Hebels zu schädigen.
Ehe wir dies als Bestätigung von de Waals Argument betrachten, müssen wir jedoch erneut über die Probanden in Greenes Experimenten nachdenken. Sie kamen nach einiger Überlegung zu dem Schluss, dass es richtig sei, einen Weichenhebel zu betätigen, um einen Zug umzuleiten, wodurch zwar eine Person getötet, aber fünf gerettet werden, und dass es genauso richtig sei, eine Person von einer Fußgängerbrücke zu werfen, um eine zu töten. aber fünf zu retten. Dies ist ein Urteil, zu dem andere soziale Säugetiere offenbar nicht fähig sind.
Doch auch dies ist ein moralisches Urteil. Es scheint nicht aus dem evolutionären Erbe hervorzugehen, das wir mit anderen sozialen Säugetieren teilen, sondern aus unserer Fähigkeit zum abwägenden Vernunftgebrauch. Wie die anderen sozialen Säugetiere haben wir automatische, emotionale Reaktionen auf gewisse Arten von Verhalten, und diese Reaktionen bilden einen großen Teil unserer Moralität. Im Gegensatz zu den anderen sozialen Säugetieren können wir über unsere emotionalen Reaktionen nachdenken und uns entscheiden, sie zu verwerfen. Erinnern wir uns an Humphrey Bogarts Bemerkung gegen Ende von Casablanca, wo er, als Rick Blaine, der Frau, die er liebt (Ilsa Lund, gespielt von Ingrid Bergman), sagt, sie solle das Flugzeug neh­men und sich ihrem Mann anschließen: „Edelmut ist nicht meine Stärke, aber man braucht nicht viel, um zu sehen, dass die Probleme von drei kleinen Leutchen in dieser verrückten Welt nur Kleinkram sind.“ Vielleicht braucht es nicht viel, aber es braucht Fähigkeiten, die kein anderes soziales Säugetier besitzt.
Obwohl ich de Waals Bewunderung für David Hume teile, stelle ich fest, dass ich in dieser Sache widerstrebenden Respekt für einen Philosophen entwickle, der oft als Humes großer Gegenspieler betrachtet wird, lmmanuel Kant. Kant war der Auffassung, dass Moral auf Vernunft gegründet sein müsse. nicht auf unsere Wünsche und Emotionen. Zweifellos irrte er in dem Glauben, dass Moral auf Vernunft alleine gegründet werden könne, aber es ist gleichermaßen falsch. Moral nur als eine Frage der emotionalen oder instinktiven Reaktionen zu betrachten, ohne Rückgriff auf unsere Fähigkeit zum kritischen Vernunftgebrauch. Wir müssen die emotionalen Reaktionen, die durch Millionen von Jahren des Lebens in kleinen Stammesgruppen in unsere biologische Natur ein­ge­prägt sind, nicht als unumstößlich hinnehmen. Wir sind fähig zum Ver­nunft­gebrauch und können Entscheidungen treffen, und wir können diese emotionalen Reaktionen ablehnen. Vielleicht tun wir dies nur auf Basis anderer emotionaler Reaktionen, aber an diesem Prozess sind Vernunft und Abstraktionsvermögen beteiligt, und er kann uns, wie de Waal zugesteht, zu einer Moral führen, die unparteischer ist, als es unsere Evolutionsgeschichte als soziale Säugetiere – ohne diesen Vorgang des Vernunftgebrauchs – erlauben würde.“

Das Problem beider Beispiele ist, dass es in diesen Fällen gar kein moralisches Handeln gibt. Die Behauptung, dass man einen töte um fünf zu retten, gehört zum Standardrepertoire der „Entschuldigungen“ eines jeden Mörders.
Und dass Menschen, wenn sie nur einen Hebel umlegen müssen, eher zur Unmoral fähig sind, ist keine neue Erkenntnis.
Einen anderen Menschen zu töten ist und bleibt aber eine unmoralische Handlung, ein Verbrechen, unabhängig davon, welche Rechtfertigung man vor bringen kann.
Im Gegenteil: Es ist ein eigenständiges Verbrechen und zwar ein intellektuelles, wenn man anfängt „Gründe“ auf zu sammeln, um Töten zu rechtfertigen.
Die Botschaft de Waals lautet nun, dass dieses Gebot des „Du sollst nicht töten“ in unserer Instinktstruktur verankert sein soll, was auch erklärt, warum die Hemmung einen Mann von der Brücke zu schmeissen grösser ist, als einen Hebel um zu legen. Denn von dieser Hebel-Problematik konnte unser Instinkt noch nichts wissen, als wir von den Bäumen stiegen.
Wenn aber das „Liebe deinen Nächsten, wie Dich selbst“ ebenso Teil unserer Instinktstruktur ist wie der Drang andere zu beherrschen, dann hat das tiefgehende Konsequenzen, nicht nur für alle möglichen Theorien in Philosophie, Psychologie, Geschichte, Soziologie und Politik, es hat auch tiefgehende Konsequenzen für die Frage welcher Weg uns letzten Endes zur Freiheit führt.
Weil der Drang zum Herrschen und zur Dominanz, einschliesslich Mord und Totschlag und „Krieg“ zwischen benachbarten Horden äffisches Erbe ist, das wir mit den Schimpansen teilen, darum musste nicht erst die „Eigentumsfrage“ relevant werden, um solches Verhalten in menschlichen Gesellschaften auf die Tagesordnung zu setzen.
D.h. Tyrannen und Tyrannei, Raub und Mord sind älter als jedes private Eigentum an Produktionsmitteln.
Als aber die Eigentumsfrage auf die Tagesordnung trat, da stand das ganze Repertoire negativen Verhaltens von Mobbing bis Krieg, schon bereit.
Und die Aussicht auf grosse Gewinne und ein bequemes Leben hat jede Menge zerstörerische Energien frei gesetzt.
Aber auch die Bonobos sind Affen und sie zeigen uns, dass unser äffisches Erbe auch die Fähigkeit zu Liebe und Zuneigung und zur konsequenten Konfliktvermeidung einschliesst. Und es zeigt, daß Freuds Behauptung die Unterdrückung der Sexualität, des Es, sei gewissermaßen der Preis den wir für unsere Kultur zu zahlen haben, Unsinn ist.
Im Gegenteil: Wir benötigen und missbrauchen unsere Vernunft um uns und anderen ein zu reden, es wäre eine gute und moralische Tat, wenn wir morden.
Singer und andere werden uns sogar ein zu reden versuchen, dass wir ohne einen Mord am Tod von fünf Menschen schuld seien. Aber das ist falsch. Es ist die Lore, die tötet und verantwortlich dafür, dass sie das tut, ist der, der vergessen hat die Bremse zu zu drehen. Und auch der, der die Gleise so gelegt hat, dass man nicht seitlich aus dem Gleisbett springen kann.
Das Gebot keine anderen Menschen, keinen Artgenossen um zu bringen ist auch deswegen tief in uns verankert, weil seine Aufkündigung, mit welchen wohl überlegten Gründen auch immer, einen Krieg Aller gegen Alle auslöst, denn „gute Gründe“ finden sich immer. Ein solcher Krieg bedroht aber den sozialen Zusammenhalt und kann sehr leicht zum Tod jeder Gemeinschaft führen. Dieses Problem haben aber auch schon Wölfe und Affen. Und deswegen kennen sie dieses Gebot.
Deswegen gibt es auch keine „gerechten Kriege“, auch wenn es manchmal eine Frage der Gerechtigkeit sein kann, dass man Mörder und Tyrannen mit militärischen Mitteln bekämpft. Man muss immer wissen, dass diese militärischen Mittel, selbst wenn sie für gute Zwecke eingesetzt werden, per se böse sind. Und dass sie die fatale Konsequenz haben auch auf die allerbesten und edelsten Ziele pervertierend zurück zu wirken. Der Krieger bringt den Tod und zwar den Tod als Feind des Lebens, auch wenn er ein guter Krieger ist.
Das Gebot nicht zu töten ist zunächst einmal fest in unseren Instinkten verankert.
Dass sich dann bei Bonobos und Schimpansen und erst recht beim Menschen der Verstand und die Vernunft langsam vom Instinkt lösen, schafft neue Möglichkeiten und Probleme.
U.a. das, dass man trotz seiner Instinkte morden kann. Die „Tiefe der Intentionalität“ trennt uns sicher von jedem Affen. Allerdings verrät sie nichts über unsere Moralität.
Wenn Singer über jene Probanden, die keine Probleme haben einen Mann von einer Brücke zu schmeissen, falls die Begründung stimmt, schreibt: „Dies ist ein Urteil, zu dem andere soziale Säugetiere offenbar nicht fähig sind. Doch auch dies ist ein moralisches Urteil.“ dann ist dies falsch. Es ist die vernunftgeleitete Unmoral zu der wir hier unsere Fähigkeit beweisen.

Andernfalls wäre nämlich selbst Himmlers „Krakauer Rede“ noch ein Dokument moralischen Ringens. Sie steckt übrigens voller Referenzen an Kant.
Singers Ansatz den Verstand über unsere Instinkte zu stellen, steht zwar in einer altehrwürdigen Tradition, aber diese Tradition ist sehr blutig und voller Gewalt, Krieg und Unterdrückung. Jede Knechtschaft beginnt mit der Vergewaltigung unserer Bedürfnisse. Und immer vernehmen wir die Botschaft von der höheren Vernunft, von der göttlichen Idee, die ihre Opfer fordert.
Meistens ist die höhere Idee eine Lüge.
Es gibt nur eine wirklich hohe und verehrungswürdige Idee: Der Respekt vor und die Liebe zum Leben.
Und nur wenn Verstand und Instinkt in dieser Liebe zusammen klingen, entsteht jene Sphärenmusik, die den Tod besiegt oder zumindest seine Härte mildert und uns versöhnt sterben lässt.
Unsere Fähigkeit zum Bösen, d.h. die Fähigkeit uns zum Werkzeug von Tod und Vernichtung zu machen ist kein Resultat tierischer Instinkte.
Seit wir aus dem Paradies vertrieben wurde, wissen wir dank der Schlange was Gut und Böse ist. Tiere fühlen das nur.
Wir können es auch wissen. Wir können aber auch tausend Gründe finden und erfinden, warum unser Gefühl unrecht hat und damit zu Propagandisten höchster Unmoral werden.
Diese Freiheit haben wir.
Gerade unser tierisches Erbe lässt uns diese Freiheit.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Bonobos die direkten Nachfahren jener Waldaffen sind, von denen wir uns vor 5 Millionen Jahren abgesondert haben, dann haben diese uns eine bemerkenswerte Erfindung mit auf den Menschwerdungsweg gegeben:
Sie haben das eher männliche Hierarchie- und Dominanzverhalten im Hegelschen Sinne „aufgehoben“ (nämlich bewahrt und überwunden), in dem sie die Frauen dominieren lassen. Damit wird die Liebe und nicht die Hierarchie zum „dominanten“ Prinzip der Konfliktregulierung.
Das ist neu.
Und dieses Neue ist sofort in Gefahr, sobald die Reviergrösse wächst, weil das Nahrungsangebot schrumpft und damit die notwendige Solidarität der „schwachen“ Frauen gegen die „starken“ Männer nicht mehr garantiert ist.
Aber auch die Nachsicht der „starken“ Männer gegen die „schwachen“ Frauen, die immer zuerst die besten Früchte wollen, übersteht den Hunger und die Not nicht.
So fallen die Schimpansen auf Pavian-Niveau zurück. Da sie aber intelligenter sind als jene, fallen ihnen dabei auch Gemeinheiten ein, auf die ein Pavian nie kommen würde.
So ähnlich kann es auch unseren Vorfahren gegangen sein, bis sie an die südafrikanische Küste kamen und dort, mit dem überreichen Nahrungsangebot aus dem Meer, ein neues Paradies fanden (das alte liegt im Sumpfregenwald der Bonobos).
In den nun wieder kleineren Revieren konnte die Dominanz der Frauen und damit die Dominanz der Liebe über männliche Macht neu entstehen bzw. wieder entdeckt werden.
Und unter anderen, widrigeren Umständen auch wieder verloren gehen.
Und wieder neu entdeckt z.B. mit der Erfindung des Gartens und des Gartenbaus.
Und wieder verloren gehen….
So kann es gewesen sein. Ob es so war, werden andere herausfinden.
Das alles bedeutet aber, dass Liebe und Solidarität mindestens genauso alt und genauso tief in uns verankert sind, wie Hass und Herrschsucht.
Es heisst, dass wir für eine Gesellschaft, in der Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe dominieren, keinen „neuen Menschen“ brauchen. Der alte genügt vollkommen.
Es wird darauf ankommen, welche Seite des „alten Menschen“ zur Geltung kommt.
Der „Oberschimpanse“ oder „Oberpavian“, dem alle Weibchen gehören, weil er die Gruppe beherrscht und der sich deswegen nur wenige Jahre halten kann, bevor ihn einer seiner Rivalen tötet oder auch nur, wenn er Glück hat, von der Spitze vertreibt.
Oder die, bei der wir alle Kinder der einen grossen Mutter sind und uns lieben.
Natürlich wäre die letztere Gesellschaft sehr stark weiblich geprägt.
Aber auch auf die Gefahr hin, dass „Männerrechtler“ mich erneut zum „lila Pudel“ wählen: Ich ziehe es vor, der holden Weiblichkeit Orangen und Ananas zu schenken, statt mich vom Oberaffen beißen oder gar totschlagen zu lassen.
Eine Gesellschaft, die von oben nach unten hierarchisch durch strukturiert ist, pflegt die, die ganz unten sind, die Letzten, immer wieder aus zu spucken. Und als Idiot weiss ich, dass ich manchmal zu diesen Letzten gehöre.
Die Geschichte von Maria und ihrem frühen Tod, erzählt uns davon, welche Art von Gesellschaft wir bekommen (bzw.haben), wenn noch der oder die Vorletzte sich über den oder die Letzte erheben darf und die Schwachen schutzlos sind.
Sie erzählt aber auch davon, wie „kinderleicht“ es ist, dieser Idiotie etwas Besseres entgegen zu setzen. Und wir wünschen uns, dass den Kindern, vor allem aber den kleinen Mädchen, genügend Energien aus der Geschichte mit Myschkin und Maria zu geflossen sind, um auch als Erwachsene solchen Treibjagden zu widerstehen.
Solche grünen Inseln der Liebe und Zuneigung zu schaffen inmitten einer Betonwelt der widerstreitenden Interessen, ist der wesentlichste Baustein eines „richtigen Lebens im falschen“.

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