Die Hölle sind nicht die anderen

Die hundert Seiten sind nun voll. Aber die Version 1.0 rückt eher in die Ferne. Deswegen habe ich mich zu einer Änderung bei der Nummierung entschlossen: Die nächste Version heisst nicht F0.5 sondern F0.41.
D.h. es dauert noch bis halb fertig bin.

Hier kann man die neueste Version laden:
Myschkin_f0.41

Und hier eines der neuen Kapitel:

Die Hölle sind nicht die anderen

Blosses Existieren ist weniger als Leben. Das ist kein ontologisches Problem, sondern ein immens lebenspraktisches.
Als wir jung waren, waren wir neugierig und so wollten wir wissen, was uns unsere Lehrer und Erzieher verschwiegen hatten.
Auf diese Weise wurde ich zum Mitorganisator einer Veranstaltung mit einem ehemaligen kommunistischen Dachau-Häftling. Dieser, ein auf sein Können stolzer, selbstbewußter Metallarbeiter, wie sie vor allem für Mannheim so typisch sind, erzählte sehr spröde und sehr genau, ohne allzu viel Pathos, mehr so wie man ein Gewinde dreht. Aber gerade deswegen hat sich mir manches eingebrannt. Am meisten aber das folgende:
Ein ehemaliger Reichtagsabgeordneter der DVP, ein führender Mann seiner Partei, der auch von seiner Körpergrösse groß und beindruckend war, war von der SA und ihrem Ludwigshafener Kommandanten Eicke in Dachau als Hund abgerichtet worden. Er wurde an eine Kette gelegt, bekam einen Freßnapf und eine Hundehütte und wenn die SA vorbei kam, musste er bellen.
Jener Eicke war in den turbulenten 20iger Jahren in Ludwigshafen erst Bombenleger, dann Werkschützer bei der IG und zuletzt innerparteilicher Konkurrent des Pfälzer Gauleiters Bürckel gewesen. Bürckel schaffte es ihn nach Nürnberg in eine Irrenanstalt zu verfrachten und somit aus dem Weg zu räumen. Aus dieser Irrenanstalt wurde Eicke von Himmler befreit. Danach wurde er der Kommandant des Lagers Dachau und der eigentliche Erfinder des KZ-Systems. Es ist noch zu wenig bekannt und beachtet, dass dieses System wesentliche Anregungen aus den Irrenhäusern erhielt. Genauso wie später die Irrenhäuser im Rahmen der Euthanasie dem Probelauf für Auschwitz dienten.
Nun kann man in Bezug auf jenen Reichstagsabgeordneten, dessen Menschsein ausgelöscht wurde, während man ihm weiter das bloße Existieren gestattete, sagen, dass dies in einem Ausnahmezustand geschah.
Und man kann all den intellektuellen Befürwortern von Ausnahmezuständen, wenn sie den Formalismus des Rechtsstaats beklagen, nur von Herzen wünschen, dass sie ihre Einlassungen nicht eines Tages in einer Hundehütte bedauern müssen.
Die „Souveränität“ die einer gewinnt, der andere von Staats wegen quälen darf, hat zur Kehrseite den Verlust jeder Souveränität, ja am Ende gar des Menschseins für den oder die Gequälte.
Natürlich hat „Souveränität“ auch eine andere Seite: Wie souverän beherrsche ich mich und mein Handwerk, was kann ich nützliches tun für mich und meine Mitmenschen. Aber das ist eine andere Art von Souveränität. Eine die nicht über den anderen steht, sondern mit ihnen auf der Reise ist.
Und die deswegen auch keinen Ausnahmezustand braucht um bei sich zu sein.
Bevor man behauptet, dass wir zur Freiheit verurteilt seien, muss man erst den Begriff der Freiheit näher bestimmen. Das geht nur, wenn man auf den lächerlichen Versuch verzichtet die Determiniertheit unseres Lebens zu verleugnen. Da aber das Leben und die Welt nicht aus Kausalketten sondern aus Wechselwirkungen bestehen, sind Welt und Leben genügend unbestimmt, um auch dem freien Willen Raum zu lassen.
Aus dieser bestimmt-unbestimmten Welt folgt aber, dass unser Wissen und Können den Grad unserer Freiheit wesentlich mitbestimmt.
Deswegen sind die Anderen, die Nächsten, nicht die Grenze oder gar Feinde unserer Freiheit, sondern eine wesentliche Bedingung.
Was wir gegenüber der Welt vermögen, hängt nicht nur von uns ab. Es ist unser gemeinsames Vermögen oder Unvermögen. Dieses gemeinsame Vermögen bestimmt den gesellschaftlich und historisch möglichen Grad unserer Freiheit.
Insofern wird unsere Freiheit durch alle Anderen, unsere Nächsten, garantiert genauso wie wir die Garanten der Freiheit der Anderen sind bzw. sein müssen.
Wenn es so ist, dann ist unser Leben und das Leben unserer Mitmenschen geglückt.
Aber Leben glückt nicht nur.
Weil wir immer aus einem Kranz von Möglichkeiten wählen was dann wirklich wird, haben wir mit der Möglichkeit der Wahl die Möglichkeit der schlechten Wahl. Und damit auch die Möglichkeit zum Schlechten, zum Bösen.
Insofern sind wir die Schöpfer unserer eigenen Hölle.
Das blasierte „die Hölle, das sind die Anderen“ drückt sich mit seinem selbstgerechten Ekel vor der eigenen Verantwortung.
Einer Verantwortung, die um so größer ist, als der, der sich da ekelt, ja nicht weit davon entfernt war dem Teufel die Hand zu geben.
Für unseren ehemaligen Reichstagsabgeordneten sind es dagegen in der Tat die „Anderen“, die SA, die zu seiner Hölle werden.
Aber das liegt nicht daran, dass sie „Andere“ sind, sondern daran, dass sie die falsche Wahl getroffen haben. Die Freiheit, die sie hatten, haben sie mißbraucht um nun die Freiheit mit den Füßen zu treten.
Die Freiheit, die ich habe, ist nicht zum mindesten die Freiheit kein Eicke, kein Menschenquäler, sein zu müssen.
Ich bin in meinem Sein nicht allein auf der Welt. Es ist im Gegenteil eine wesentliche Bestimmung von mir, mich in vielen anderen zu spiegeln.
Erst das macht mich zum Menschen. Erst in der Beziehung zu anderen, einer Beziehung, die immer eine Wechselbeziehung ist, bin ich überhaupt. Ohne dieses Universum an Beziehungen kann ich möglicherweise gerade so nur existieren, wobei sogar dies fraglich ist.
Deswegen sind die Anderen auch nicht die Hölle für mich, sondern ohne sie gibt es keinen Himmel, kein Paradies, kein gelobtes Land.
Das Land, in dem Milch und Honig fliessen, ist vor allem ein Land in dem ich mit meinen Problemen nicht allein bin.
Im Paradies oder in der Blochschen Heimat kann ich nur dann sein, wenn ich die Sicherheit habe, dass mich jemand fängt, wenn ich falle.
Dies ist auch das Geheimnis manchen religiösen Bekenntnisses.
Wir erinnern uns an Bonnhöfers Gebet:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ein wunderbares Gebet, das wie alle Gebete nur einen Fehler hat: Es vertraut auf eine fremde Macht außer uns, wo wir doch auf niemand außer uns selbst vertrauen dürfen.
Marxens Diktum vom „Opium“ meint genau dies. Was allerdings meistens bei diesem Diktum vergessen wird: Marx kritisiert nicht die Sehnsucht, Marx kritisiert die Zustände in denen dieses Verlangen nach Geborgenheit nur ein jenseitiger Traum ist.
Wenn die Hölle aber nicht die Anderen sind, was ist dann die Hölle ?
Die Hölle ist das Getrenntsein von den Anderen.
Bei alten Völkern war die härteste Strafe der Ausschluss aus der Gemeinschaft des Stammes. Eine härtere Strafe konnte es nicht geben.
Deswegen gibt es keine Hölle, wenn ich von den Anderen, von meinen Mitmenschen, erkannt und anerkannt werde.
Das Problem aller Seinsphilosophen besteht darin, dass sie wie weiland St.Max schon vom „Einzigen und seinem Eigentum“ ausgehen, d.h. sie versetzen den Menschen von Anfang an in die Hölle und bekommen ihn da nicht mehr heraus. Sie ignorieren, dass jeder von uns vor allem ein tausendfacher Spiegel seiner Mitmenschen ist.
Sie hängen an ihren Abstraktionen in denen sich das leere Sein in all seiner Ödnis über die Welt ergiesst.
Trotzdem ist ihre Philosophie nicht ohne Realitätsbezug. Denn in der Tat ist das Alleinsein, das auf sich gestellt sein eine moderne Krankheit.
Allein zu sein mit der Welt und ihren Problemen ist aber bereits die Hölle.

„Alleinsein“ heisst hier zurück geworfen sein nur auf sich.
Bonhoeffer hat das durchaus auch so gesehen:
„So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid immer ganz gegenwärtig. […] Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“
So sehr dieses Alleinsein aber eine moderne Krankheit ist, so wenig ist es Schicksal. Der Spruch, wonach es kein richtiges Leben im falschen geben soll, ist nichts als die faule und bequeme Ausrede von Intellektuellen, die die Stammtischparole des „da kann man eh‘ nichts dran machen“ nur auf ein höheres Niveau gehoben haben.
Das richtige Leben wird nicht eines schönen Tages vom Himmel fallen, sondern kann nur aus dem Boden des jetzigen, falschen Lebens emporwachsen.
Umso nötiger ist es, dass wir die zarten, frostgefährdeten Keime neuen Lebens schützen und hegen.
Wenn allerdings Menschen, wie Bonnhöfer, in der Geborgenheit zu Hause sind, dann oft nicht wegen der Gesellschaft in der sie leben, sondern trotz dieser Gesellschaft.
Nicht nur der Nazistaat war, unsere Gesellschaft heute ist oft so organisiert, dass sie das Alleinsein schon fast erzwingt.
Damit Gesellschaft dagegen Geborgenheit ermöglicht, muss sie ein Sozialstaat sein. D.h. sie muss ihre Mitglieder vor den grossen Risiken des Lebens schützen.
Allerdings sind Gesellschaft und Staat immer bürokratische Gebilde und damit sachlich organisiert.
Wenn wir also sagen: Die Hölle ist dort, wo wir allein sind und zu bloßen Sachen werden, dann können Staat und Gesellschaft dieses Problem immer nur zur Hälfte lösen. Dass wir mehr sind als eine Sache und die menschliche Wertschätzung erhalten, die wir zum Leben brauchen, kann uns kein Staat garantieren.
Dazu brauchen wir die Anderen und ihre Liebe und Zuneigung. Wobei man Liebe und Zuneigung tötet, wenn man sie, wie Plato das tut, in ein bloßes Gespenst, in eine „reine“ Idee verwandelt. Liebe und Zuneigung müssen, damit sie überhaupt sind, auch „unrein“, nämlich körperlich, existieren.
Lieben können wir uns aber nur, wenn wir uns als Gleiche, d.h. auf Augenhöhe begegnen.
Wir bedürfen daher auch der Gleichheit.
Nun sind für manchen ja gerade die SA-Männer in ihren gleichen Uniformen das Muster an Gleichheit oder besser gesagt Gleichmacherei.
Das ist aber falsch.
In der SA oder vergleichbaren Orten findet man nicht den Anderen. An solchen Orten werden viele Einzelne zu einer Art Masse verbacken, die man zu jeder Art von Pogrom gebrauchen kann.
Obwohl sich die Individuen einer solchen Masse gleichen wie ein Klon dem anderen, ist doch jeder Einzelne von seiner Exklusivität überzeugt.
Irgendeine Form von Herrenmenschen-Ideologie ist normalerweise das Bindemittel, das aus den isolierten Sandkörnern den Stein werden lässt, der den Rest der Menschheit erschlägt.
Und obwohl sie in Rudeln auftreten, sind doch die Individuen in dieser Masse einsam und meist zu wirklicher Beziehung unfähig.
Es muss übrigens nicht die SA sein.
Von Franz-Josef Degenhardt gibt es ein Lied: „Du bist anders als die andern“ der dies z.B. für die Beschäftigten in Frankfurt/Main Niederrad oder irgendeiner anderen Bürostadt auf der Welt treffend beschreibt.
In diesen Massen steckt keine Kraft, nur Gewalt.
Die Kraft, die dagegen Bonhöffer beschwört, ist die Kraft die ihm andere geben.
Diese Kraft nennt er auch Gott. Diese Kraft verliert aber überhaupt nichts von ihrem Zauber, wenn wir sie aus dem Jenseits ins Diesseits versetzen. Es ist die Kraft, die wir erzeugen, weil und indem wir zusammen sind und uns lieben.
Fehlt diese Kraft, dann sind wir allein.
Dieses Alleinsein hat überhaupt nichts zu tun mit der Einsamkeit, die wir manchmal brauchen um bei uns selbst zu sein oder zu uns selbst zu kommen.
Diese Art von Einsamkeit, die wir z.B. in der Medidation erfahren schärft im Gegenteil gerade unser Bewußtsein dafür, dass wir ein Teil von einem grösseren Ganzen sind.
Mit Anderen zu sein garantiert uns nicht das Paradies, aber es ist der einzige Weg, der dorthin führt.
Mit Anderen sind wir aber bloß dann wirklich zusammen, wenn die Anderen für uns nicht nur Mittel sind. Nur das Zusammensein als Selbstzweck, die Begegnung mit Anderen als Wert an sich kann Gelingen ermöglichen.
Daraus erwächst aber ein Problem:
Unsere Fähigkeiten Anderen wirklich als Anderen zu begegnen sind gewissermassen limitiert. Wir können nicht mit Hundertausenden oder gar Millionen gut Freund sein. Auf der anderen Seite ist die westliche Beschränkung auf den kleinsten Familienkreis nicht das Maß aller Dinge und mit Sicherheit nicht der Modell aus dem sich eine wirklich menschliche Gesellschaft entwickeln kann.
Dass sich die Nachbarschaft um alte Menschen, die krank und allein sind oder um Kinder, die sich im Spielen vergessen, kümmert, scheint woanders normaler zu sein als bei uns. Auf jeden Fall hat mir kürzlich eine Vietnamesin den Unterschied zwischen Deutschland und ihrer Heimatstadt Hanoi auf diese Weise erklärt.
Weil wir nicht mit allen gut Freund sein können, werden wir mit vielen von diesen Anderen eine rein sachliche Beziehung haben und nur mit einigen von diesen Anderen eine wirklich menschliche Beziehung.
Wobei wir allerdings in unsere Wohlstandsberechnungen statt des Bruttosozialprodukts mehr die Vielfalt und der Reichtum unserer mitmenschlichen Beziehungen einfliessen lassen sollten. Vielleicht ist dann das arme Vietnam reicher als die reiche Bundesrepublik.
Dass unsere Beziehungen sachlich werden, schließt ein, dass andere Menschen für uns zur Sache werden.
Und am Ende dieses Wegs dienen wir nur noch irgendeiner Sache und werden von Sachen regiert.
Wobei die Befreiung der Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung auch zu einer „heiligen Sache“ werden kann, die dann unsere Entfremdung von uns selbst erst recht ins Unerträgliche steigert.
So sind nicht die Anderen die Hölle für uns, sondern wir und alle Anderen begeben uns auf den Weg in die Hölle, in dem wir uns und alle Anderen zu Sachen, zu Dingen machen, die anderen Sachen unterworfen sind.
Andererseits kann auch eine solche sachliche und bürokratische Konstruktion, wie sie unser Sozialstaat darstellt, eine wesentliche Voraussetzung dafür sein, dass menschliche Beziehungen erblühen können.
Das Problem, das wir zu lösen haben, besteht demnach darin, wie wir unseren Reichtum an persönlichen Beziehungen entwickeln können, wie wir unsere monadische Existenzweise überwinden, ohne in den falschen Ehrgeiz zu verfallen mit einigen Milliarden Menschen befreundet sein zu wollen.
Dazu müssen unsere sachlichen Beziehungen so geordnet sein, dass sie unser Menschsein ermöglichen, erleichtern und nicht verhindern.
Das geht aber nur, wenn wir uns auch auf der sachlichen Ebene als Gleiche begegnen.
Wobei Gleichheit eben heisst, dass wir alle gleich viel wert sind und nicht, dass wir als Klone durch das Leben laufen.
Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag auf der Basis von Freiheit, Gleichheit und Mitmenschlichkeit, bei der wir uns auf der sachlichen Ebene gegenseitig soweit den Rücken frei halten, dass wir unseren Mitmenschen als Menschen begegnen können.
Damit lassen wir dann das bloße Existieren hinter uns und begründen unser Menschsein „von starken Händen wunderbar geborgen“.
Von Händen, die auch unsere eigenen Hände sind.

Das Problem der Nähe und der Ferne hat noch einen anderen Aspekt. In der Nähe ist die wichtigste Form in der wir uns begegnen das Schenken.
Wir schenken uns Liebe und Aufmerksamkeit und bekommen sie wieder, wir beschenken uns wechselseitig mit unserem Wissen und werden dadurch und zwar beim Geben und beim Nehmen klüger.
Aber wir schenken uns nicht nur immaterielle Dinge.
Gehen wir einen Moment zurück in eine Zeit, in der die Märkte noch viel ferner waren als heute. So gelangen wir schließlich in ein Dorf, ein gutes Stück entfernt von der nächsten Stadt.
Dort steht ein Kirschbaum, gross und schon etwas älter. Der Kirschbaum gehört jemand. Die Kirschen sind reif und der Baum hängt voll.
Der oder die, dem oder der dieser Kirschbaum gehört, wird nun die nähere und weitere Verwandschaft mobilisieren um die Kirschen zu pflücken. Die Frauen werden eine Einkoch-Orgie starten und trotzdem bleibt in einem guten Jahr noch genug übrig um auch die Nachbarschaft, vor allem die Kinder, zu beschenken.
Kirschen halten sich nicht sehr lange und deswegen wird der Eigentümer sich nehmen, was er braucht und her schenken, was er entbehren kann.
Als ich ein Kind war, schlachteten meine Eltern einmal im Jahr 1 bzw. 2 Schweine. Und wenn dann Schlachtfest war, bekamen Verwandte, Bekannte und Nachbarn von der Wurstsuppe und vom Kesselfleisch reichlich ab. Es war schließlich der Teil, den man nicht konservieren konnte.
Und das Schlachtfest war auch deswegen ein Fest, weil wir von der Fülle, die wir für einen Moment hatten, andere beschenken konnten.
Nun gibt es Leute, die diese Kultur des Schenkens als eine Vorform des Äquivalententauschs ansehen, als eine Art frühen Tauschhandel.
Das trifft aber nicht zu. Das leitende Prinzip ist nicht die Äquivalenz von Geschenken und Wiedergeschenken. Das leitende Prinzip ist: Ich gebe von dem, von dem ich mehr als genug habe, dem der es brauchen kann.
Ich werde natürlich jemand, der auch schon genug hatte und dann die Fülle lieber verrotten ließ, als zu teilen, nichts geben. Insofern herrscht schon Äquivalenz. Aber nur insofern.
Typisch für eine solche Kultur des Schenkens ist im Gegenteil gerade normalerweise die Nicht-Äquivalenz. Es wird nicht in Gramm gemessen. Wer, wenn ihm jemand zulächelt, sein Zurücklächeln nach Freundlichkeitsgrad dosiert, dem wird eines Tages zur Strafe jede Art von Freundlichkeit und wirklicher Freude aus dem Gesicht gewichen sein und stattdessen einer Freundlichkeitsmaske Platz gemacht haben.
Da wir uns aber nah sind, kann ich darauf vertrauen, dass ich von dem, den ich heute beschenke, morgen auch beschenkt werde. Dabei geht es nicht darum, dass die Geschenke gleichwertig sind, denn in diesen Beziehungen herrscht das Prinzip: Jeder nach seinen Möglichkeiten. Es geht darum, dass ich nicht nur schenke, sondern auch beschenkt werde.
Sobald wir aber die Nähe verlassen, versagt dieses Prinzip.
An die Stelle von Schenken tritt Raub oder Handel.
Wobei Raub auch dann vorliegt, wenn irgendein Herr seinen Teil von den Kirschen erpresst z.B. durch den Verweis auf „althergebrachte“ Rechte.
Handel, das heisst Äquivalententausch, ist dagegen ein Fortschritt. Wobei Raub und Handel durchaus lange Zeit neben- und miteinander existieren können. Der „gnädige Herr“ raubt mir meine Kirschen um sie an einen Händler für den Markt zu verkaufen.
Das weckt in mir das Verlangen, meine Kirschen selbst und ohne Umweg verkaufen zu können. Sobald ich das erreicht habe, findet die Kultur des Schenkens in Bezug auf die Kirschen ihr Ende. Im Extremfall gönne ich mir und meinen Nächsten keine Kirschen mehr, weil ich sie lieber zum Markte trage.
Trotzdem geht die Kultur des Schenkens nicht unter. Schließlich ist es eines unserer elementarsten Bedürfnisse uns im Anderen zu spiegeln und von dort ein freundliches Bild zurückgeworfen zu bekommen.
Und gerade Güter, wie Freundlichkeit oder Wissen haben die unschätzbare, fantastische Eigenschaft sich durch teilen zu vermehren, so wie weiland auf der Hochzeit zu Kanaan Brot und Wein.
Wenn wir also auf dem Weg in die Wissensgesellschaft sind, dann sollten wir uns an die Arbeit machen und eine neue Kultur des Schenkens etablieren.
Zuvor wollen wir aber noch ein wenig bei den Deformationen verweilen, die uns zugefügt werden, wenn wir diese Kultur des Schenkens, der Liebe und der Zuneigung schon als Kinder nicht erfahren.
Kurz gesagt: Wir wollen und müssen Rogoschin auf seinem Weg in die Hölle folgen.

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