Rogoschin Kaufmannssohn

Seit der Version 0.3 sind einige neue Kapitel dazu gekommen u.a. über „mangelnden Respekt“. Vor allem aber ist das Kapitel „Rogoschin und Myschkin“ gewachsen. Einen Auszug daraus lesen Sie unten.
Die neue Version erhalten Sie unter: Myschkin_f0.4

Rogoschin Kaufmannssohn

Der Streit ob die Henne vor dem Ei oder das Ei vor der Henne da war, endet bekanntlich damit, das man begreift, dass es vor der Henne eine Art Proto-Henne gegeben hat und vor dem Ei ein Proto-Ei.
Dadurch endet der Prioritätsstreit in der Geschichte einer Entwicklung.
Max Weber hat in seiner „Protestantischen Ethik“ darauf insistiert, bewiesen zu haben, dass eine geistige Revolution der materiellen Revolution Industrialisierung und Kapitalismus voraus ging und diese vorbereitete. Er wollte dieses Konzept als Gegenkonzept zu Karl Marx verstanden wissen.
Dieser Wechsel von einer Gesellschaft, in der mann/frau arbeitete um zu leben und in der Krankheiten, Mißernten, Heuschrecken und Herrschaft manchmal das Leben und Überleben schwer, fast unmöglich machten, zu einer Gesellschaft, in der mann/frau nur ein Recht auf Leben haben soll um zu arbeiten, in der aber auch alle Reichtumsquellen so überreich fließen, dass der einzige Mangel, den diese Gesellschaft kennt, der Mangel an Arbeit ist, dieser Wechsel war mindestens so umwälzend, wie jener vom im Wasser abgelegten Schleim zum Ei mit fester Schale, das bebrütet wird.
Entsprechend müssen sich auch erste verschiedene Inseln des Proto-Kapitalismus bilden, bevor alle diese Inseln zum neuen, zum angeblichen „Promise-Land“ zusammen wachsen können.
Und bei der Bildung dieser Inseln sind die verschiedenen christlichen häretischen Strömungen, die seit dem Mittelalter spriessenden Sekten, so etwas wie die Hefe im Mehl.
Allerdings nährt der Geist alleine niemand, und so ist, wie Marx richtig festgestellt hat, eine neue Art seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die Grundvorraussetzung für alles übrige. Diese neue Art seinen Unterhalt zu bestreiten, wird zur neuen Lebensart. Und diese neue Lebensart steht im schroffen Gegensatz zur alten. Dieser Gegensatz muß notwendigerweise eine Ideologieproduktion in Gang setzen, die die Sehnsucht nach Erlösung aus dem irdischen Jammertal in eine Sehnsucht nach einem neuen Jerusalem, der Stadt auf den Bergen, übersetzt.
Und dieses neue „Jerusalem“ und das ist ihr unauflösliches Paradox, verkündet im Namen der Liebe das allumfassende Streben nach Besitz und Reichtum zum Ziel des Lebens überhaupt.
Wir leben um zu haben und wir arbeiten hart um noch mehr zu haben.
Und dadurch, dass wir haben und in dem was wir haben, nehmen wir teil am ewigen Leben. Unser Tod ist nichts, weil unser Werk uns überlebt.
Das ist der Kern des neuen Evangeliums.
Ihr alpha und omega und ihr wirkliches Vaterunser.
Rußland in den 60iger Jahren des 19.Jahrhunderts ist in der selben Situation wie Japan oder China zur selben Zeit:
Die Entwicklung, die da erst in England und dann in New England ins Rollen gekommen ist und danach dank Frankreich und Napoleon auch auf den europäischen Kontinent übergegriffen hat, droht diese alten Staaten zu untergraben und unter sich zu begraben. Deswegen versucht der Staat die zarten Pflänzchen einer eigenständigen Entwicklung durch politisches Handeln zu ergänzen und zu beschleunigen. Während dies in Japan gelingt, scheitert es in China und Rußland.
In Japan gelingt der Schulterschluss der herrschenden Samurei mit der Bürokratenkaste und gemeinsam mausern sie sich zu einer japanischen Bourgeoisie. In Rußland entdeckt die Adelskaste hauptsächlich Baden-Baden, Bad Ems und Paris, während die Bürokratenkaste zwischen sklavischer Unterwürfigkeit und revolutionärer Phrasendrescherei hin- und herschwankt. Lebedew ist dafür der Prototyp.
Und der Schmähartikel über Myschkin in einem Petersburger Skandalblättchen, den Keller verantwortet und Lebedew diktiert hat, beginnt mit: „Proletarier und Edelinge“
[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 20102
(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 4, S. 134)
http://www.digitale-bibliothek.de/band89.htm ]

In den 70iger Jahren unseres Jahrhunderts soll man auf studentischen Vollversammlungen der Uni Göttingen den Vorsitzenden des christ­demok­rati­schen Stundentenverbands RCDS mit den Worten: „Das Wort hat nun der Genosse RCDS-Vorsitzende“ ans Rednerpult gebeten haben.
„ Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten; sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts Besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.“
[Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 11625-11626
(vgl. MEW Bd. 8, S. 115) http://www.digitale-bibliothek.de/band11.htm ]

Die russischen „Revolutionäre“ zogen sich den Blaumann an und traten als Arbeiterführer auf. Aber darunter verbargen sie nur ihre Ärmelschoner und ihre sonstige Beamtenuniform.
Und so war ihre „Revolution“ auch eher eine Konterrevolution. Sie bekämpfte den Kapitalismus bis aufs Messer. Nicht um ihn zu überwinden, sondern um das geschundene Land weiter als Beute zu behalten.
Die Bürokratie wurde mit „Sowjetöl“ gesalbt (Lenin!), die Türschilder gewechselt, während die Futterkrippen blieben. Inzwischen wurden die Türschilder ein weiteres Mal gewechselt und angeblich ist Rußland jetzt ein kapitalistisches Land. Aber gibt es dort auch Kapitalisten ? Haben die Neureichs in St.Moritz wirklich etwas mit Akkumulation, mit Reichtumsproduktion als Selbstzweck, am Hut ?
Kapitalismus bedeutet nicht einfach nur Reichtum, es bedeutet mit dem, was man hat, nicht zufrieden zu sein.
Es bedeutet eine Maschine anzuschieben und in Gang zu halten, die heute bessere Zahlen produzieren soll als gestern und die morgen noch mehr davon liefert. Alle Leidenschaft gehört diesem schneller, weiter und höher. Weswegen auch die Leidenschaft für eine Frau ein entscheidender Störfaktor ist. Fast so schlimm wie Trunksucht.
Der „Yankee aus Conneticut“ verkörpert diesen Geist.
Der Vater Rogoschins verkörpert diesen Geist und deswegen muss er auch seinen Sohn verprügeln als er tausende Rubel vergeudet für eine Frau. Deswegen ist er sich nicht zu schade zu der Dame zu gehen und um die Herausgabe des Schmucks zu betteln. Und deswegen stirbt er vor Kummer über seinen verkommenen, mißratenen Sohn.
Während der Vater stirbt, liegt der Junge besoffen in Pskow im Dreck, so besoffen, dass schon die streunenden Hunde an ihm zu nagen beginnen und er sich in der Kälte fast selbst den Tod holt.
Unser Kaufmannssohn wird damit zum besoffenen Gutsbesitzer. Eine der typischen nutzlosen Existenzen, wie sie in Gestalt von „Leutnants“ die damalige Welt Rußlands, Preußen oder Österreichs heimsuchen.
In jener gespenstischen Szene, als Myschkin Rogoschin zu Hause besucht und sie Brüder sein sollen und ihre Anhänger tauschen, wenn Rogoschin schon das Messer richtet, mit dem er später Natassja tötet und zuvor Myschkin bedroht, in dieser Szene entdeckt Myschkin ein Bild an der Wand und frägt:
„»Das ist wohl dein Vater?« fragte der Fürst.
»Ja, das ist er«, antwortete Rogoschin mit einem unangenehmen Lächeln, als ob er vorhätte, im nächsten Augenblick irgendeinen ungenierten Scherz über seinen verstorbenen Vater zu machen.
»War er ein Altgläubiger?«
»Nein, er ging in die Kirche; aber er sagte allerdings, der alte Glaube sei richtiger. Auch vor den Skopzen hat er Achtung gehabt. Dies hier war sein Arbeitszimmer. Warum fragst du danach, ob er altgläubig war?« „
[Dostoevskij: Der Idiot. Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 19973
(vgl. Dostojevskij-Idiot Bd. 4, S. 49) http://www.digitale-bibliothek.de/band89.htm ]

Die „Altgläubigen“ erkannten nicht den Zaren als Herrn über die Kirche an und die Skopzen ließen sich als Männer die Hoden und wenn sie besonders fromm waren den Penis abschneiden, während sich die Frauen Brüste und Klitoris entfernen liessen. Sie wollen sich damit vor der Sünde der sexuellen Wollust schützen, in dem sie die „Werkzeuge“ dazu, die sie als Werkzeuge des Satans sehen, abschnitten.

Sie töten die Wollust und stempeln sie zur Todsünde, während sie der wirklichen Todsünde der Habsucht und des Haben-wollens rettungslos verfallen.

Insofern hat Rogoschins Rebellion gegen den Vater zwei Seiten: Er wendet sich gegen eine Welt, die wirkliche, körperliche Liebe zur „Sünde“ erklärt und die Liebe zum Besitz zur Tugend, aber bleibt einer, der dem Haben-wollen verfallen ist.
Seine Rebellion will nicht das Besitzen- und Beherrschen-wollen hinter sich lassen. Er will statt abstrakter Rubelscheine die schönste Frau Petersburgs besitzen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Epilepsie, Philosophie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Rogoschin Kaufmannssohn

  1. Jatman sagt:

    Vielen Dank für den profunden und interessant geschriebenen Text. Vielleicht möchten Sie noch etwas mehr über Dostojewski erfahren. Ich glaube, die hier ist eine gute Möglichkeit
    http://dostojewski.npage.de/

  2. Jatman sagt:

    Gerade habe ich Ihre pdf-Abhandlung gefunden. Hoho. Da freue ich mich aber auf`s Lesen. Eine Riesenüberraschung! Thematisch angrenzend, finden Sie sicherlich hier einiges:
    http://dostojewski.npage.de/d_&_epilepsie_dostojewski_dostojewskij_dostojevskij_71496220.html

  3. KT sagt:

    Werter Herr Altvater,

    vielen Dank nochmals für das Anführen meiner Page als Link.
    Um meine Seite werbefrei zu gestalten, habe ich den Provider gewechselt und die Seite auch etwas umgestaltet. Zum Ende des Jahres werde ich die jetzige npage aus dem Netz nehmen.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Arbeit für sinnvoll erachten würden, den Link auf Ihrer Seite zu aktualisieren . . . . und eben auch einmal vorbeizuschauen ;-):

    http://www.dostojewski.eu

    Vielen Dank nochmals für Ihre Unterstützung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.