Die Macht der vereinigten Individuen

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Die Macht der vereinigten Individuen

„Der Kommunismus unterscheidet sich von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft. Seine Einrichtung ist daher wesentlich ökonomisch, die materielle Herstellung der Bedingungen dieser Vereinigung; sie macht die vorhandenen Bedingungen zu Bedingungen der Vereinigung. Das Bestehende, was der Kommunismus schafft, ist eben die wirkliche Basis zur Unmöglichmachung alles von den Individuen unabhängig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49102
(vgl. MEW Bd. 3, S. 70-71)
http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

So beginnt das Kapitel „Kommunismus. – Produktion der Verkehrsform selbst“ in der deutschen Ideologie.
Man kann nun gewiss nicht behaupten, dass das was da steht und erst recht das was noch folgt zu den leicht verständlichen Passagen der „Deutschen Ideologie“ gehört.
„Kommunismus“ soll demnach zu aller erst bedeuten, dass die Menschen, jedes Individuum, seine/ihre Geschichte selbst macht.
An die Stelle von „Schicksal“ tritt die freie Entscheidung und damit die „Unmöglichmachung alles von den Individuen unabhängig Bestehenden, sofern dies Bestehende dennoch nichts als ein Produkt des bisherigen Verkehrs der Individuen selbst ist“.
D.h. insoweit unser Schicksal von uns und unseren Mitmenschen bestimmt ist, bestimmen wir selbst. Umgekehrt: Vor eine Natur, die sich von Menschen nicht bestimmen lässt, endet diese unsere gemeinsame Macht.

„Die Kommunisten behandeln also praktisch die durch die bisherige Produktion und Verkehr erzeugten Bedingungen als unorganische, ohne indes sich einzubilden, es sei der Plan oder die Bestimmung der bisherigen Generationen gewesen, ihnen Material zu liefern, und ohne zu glauben, daß diese Bedingungen für die sie schaffenden Individuen unorganisch waren.
Der Unterschied zwischen persönlichem Individuum und zufälligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern ein historisches Faktum.
Diese Unterscheidung hat zu verschiedenen Zeiten einen verschiedenen Sinn, z.B. der Stand als etwas dem Individuum Zufälliges im 18. Jahrhundert, plus ou moins auch die Familie. Es ist eine Unterscheidung, die nicht wir für jede Zeit zu machen haben, sondern die jede Zeit unter den verschiedenen Elementen, die sie vorfindet, selbst macht, und zwar nicht nach dem Begriff, sondern durch materielle Lebenskollisionen gezwungen.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49102-49103 (vgl. MEW Bd. 3, S. 71) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
„Der Unterschied zwischen persönlichem Individuum und zufälligem Individuum ist keine Begriffsunterscheidung, sondern ein historisches Faktum.“
Mein „Ich“ ist zunächst bestimmt dadurch, wo und wann ich geboren bin, durch mein Geschlecht, meine DNA und durch die Frage, welchen gesellschaftlichen Rang meine Eltern hatten.
All dies ist mir zufällig.
Wobei diese Zufälle eine unterschiedliche Qualität haben, weil sie einerseits meiner Natur und andererseits meiner gesellschaftlichen Position geschuldet sind. Gleichzeitig wechselwirken Natur und Gesellschaft vielfältig.

Zum persönlichen Individuum werde ich durch das, was ich aus mir mache.
Das hängt aber eng mit der Frage zusammen, was ich überhaupt aus mir machen kann.

„Kommunismus“ hieße demnach, dass mich keine Gesellschaft daran hindert zu entfalten, was in mir steckt.
Das wäre demnach aber das genaue Gegenteil von „Kollektivismus“ im Sinne von: Du musst sein wie alle anderen.
Weil ich gleichviel wert bin, wie alle anderen, darf ich so sein, wie es mir gemäss ist.
Wie weit ich dabei komme, hängt davon ab, welche Möglichkeiten mir meine Zeit bietet.

„Was als zufällig der späteren Zeit im Gegensatz zur früheren erscheint, also auch unter den ihr von der früheren überkommenen Elementen, ist eine Verkehrsform, die einer bestimmten Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Das Verhältnis der Produktionskräfte zur Verkehrsform ist das Verhältnis der Verkehrsform zur Tätigkeit oder Betätigung der Individuen. (Die Grundform dieser Betätigung ist natürlich die materielle, von der alle andre geistige, politische, religiöse etc. abhängt. Die verschiedene Gestaltung des materiellen Lebens ist natürlich jedesmal abhängig von den schon entwickelten Bedürfnissen, und sowohl die Erzeugung wie die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist selbst ein historischer Prozeß, der sich bei keinem Schafe oder Hunde findet (widerhaariges Hauptargument Stirners adversus hominem), obwohl Schafe und Hunde in ihrer jetzigen Gestalt allerdings, aber malgré eux, Produkte eines historischen Prozesses sind.) Die Bedingungen, unter denen die Individuen, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichts Äußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmten Verhältnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenhängt produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbetätigung und werden von dieser Selbstbetätigung produziert.30 Die bestimmte Bedingung, unter der sie produzieren, entspricht also, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrer wirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Einseitigkeit sich erst durch den Eintritt des Widerspruchs zeigt und also für die Späteren existiert. Dann erscheint diese Bedingung als eine zufällige Fessel, und dann wird das Bewußtsein, daß sie eine Fessel sei, auch der früheren Zeit untergeschoben.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49103 – 49104 (vgl. MEW Bd. 3, S. 71-72) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
Es geht also um die Freiheit des Individuums, nicht als etwas bloß behauptetes sondern als wirklich gelebte Freiheit.
Diese Freiheit ist jeweils historisch bedingt und beschränkt und davon abhängig wie die Menschen ihren Stoffwechsel mit der Natur organisieren.
Dabei begrenzen uns unsere Fähigkeiten und Werkzeuge, aber auch die Beziehungen, die wir untereinander und miteinander eingehen.
Sie können gleichermaßen ein Moment der Freiheit oder der Unfreiheit sein.

Der Einzige und seine Einbildung
„Ich hab mein Sach auf nichts gestellt“ behauptet Max Stirner in seinem „Der Einzige und sein Eigentum“ und fährt fort:
„Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«
Sehen wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache wir arbeiten, uns hingeben und begeistern sollen.“
[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47277 (vgl. Stirner-Einzige, S. 22)
http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Vor allem nach Hitler und seinen ungeheuren Verbrechen war dies fast das Glaubensbekenntnis einer ganzen Generation von missbrauchten Hitlerjungen und um ihre Jugend betrogenen „deutschen Mädchen“.
Dass das Menschenopfer Gott nicht wohlgefällig ist, wissen wir seit Abrahams Tagen. Allerdings ist in unseren Tagen an die Stelle des Götzen der „Sachzwang“ getreten, was aber gegebenenfalls am Blutdurst nichts ändert.
Stirners Antwort auf diese Zumutung ist das Bekenntnis zum Egoismus.
Er stützt seine Argumentation darauf, dass er sagt: „Alle denken an sich, nur ich soll an andere denken.“
Dieses etwas simple Argument wird nun durchgekaut. Erst kommt der egoistische Gott, dann die ebenso egoistische Menschheit:

„Wie steht es mit Menschheit, deren Sache wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines andern und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienst sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache?“
[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47278 (vgl. Stirner-Einzige, S. 22-23) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Uns fällt sofort die „Heilige Familie“ ein, denn die Menschheit ist genauso ein Abstraktum wie Obst. Und so wenig man Obst als Obst essen kann, sondern immer nur Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Mirabellen etc.pp. so wenig wird man der „Menschheit“ jemals persönlich begegnen.

Entsprechend vernichtend fällt auch das Urtei von Marx und Engelsl über Stirner aus:

„Für die Philosophen ist es eine der schwierigsten Aufgaben, aus der Welt des Gedankens in die wirkliche Welt herabzusteigen. Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache. Wie die Philosophen das Denken verselbständigt haben, so mußten sie die Sprache zu einem eignen Reich verselbständigen. Dies ist das Geheimnis der philosophischen Sprache, worin die Gedanken als Worte einen eignen Inhalt haben. Das Problem, aus der Welt der Gedanken in die wirkliche Welt herabzusteigen, verwandelt sich in das Problem, aus der Sprache ins Leben herabzusteigen.
Wir haben gezeigt, daß die Verselbständigung der Gedanken und Ideen eine Folge der Verselbständigung der persönlichen Verhältnisse und Beziehungen der Individuen ist. Wir haben gezeigt, daß die ausschließliche systematische Beschäftigung mit diesen Gedanken von seiten der Ideologen und Philosophen und damit die Systematisierung dieser Gedanken eine Folge der Teilung der Arbeit ist, und namentlich die deutsche Philosophie eine Folge der deutschen kleinbürgerlichen Verhältnisse. Die Philosophen hätten ihre Sprache nur in die gewöhnliche Sprache, aus der sie abstrahiert ist, aufzulösen, um sie als die verdrehte Sprache der wirklichen Welt zu erkennen und einzusehen, daß weder die Gedanken noch die Sprache für sich ein eignes Reich bilden; daß sie nur Äußerungen des wirklichen Lebens sind.
Sancho, der den Philosophen durch Dick und Dünn folgt, muß notwendig nach dem Stein der Weisen, der Quadratur des Zirkels und dem Lebenselixier suchen, nach einem »Wort«, welches als Wort die Wunderkraft besitzt, aus dem Reich der Sprache und des Denkens ins wirkliche Leben hinauszuführen. Sancho ist so angesteckt von seinem langjährigen Umgang mit Don Quijote, daß er nicht merkt, daß diese seine »Aufgabe«, dieser sein »Beruf«, selbst nichts weiter als eine Folge des Glaubens an seine dickleibigen philosophischen Ritterbücher ist.

Sancho beginnt damit, die Herrschaft des Heiligen und der Ideen in der Welt abermals, und zwar in der neuen Form der Herrschaft der Sprache oder der Phrase, uns vorzuführen. Die Sprache wird natürlich zur Phrase, sobald sie verselbständigt wird.“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49831 -49833 (vgl. MEW Bd. 3, S. 432-433)
http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

„Feuerbach sagte, »Philosophie der Zukunft«, p. 49:
»Das Sein, gegründet auf lauter Unsagbarkeiten,
ist darum selbst etwas Unsagbares. Jawohl, das Unsagbare. Wo die Worte aufhören, da fängt erst das Leben an, erschließt sich erst das Geheimnis des Seins.«
Sancho hat den Übergang aus dem Sagbaren in das Unsagbare, er hat das Wort gefunden, welches zu gleicher Zeit mehr und weniger ist als ein Wort.
Wir haben gesehen, daß das ganze Problem, vom Denken zur Wirklichkeit und daher von der Sprache zum Leben zu kommen, nur in der philosophischen Illusion existiert, d.h. nur berechtigt ist für das philosophische Bewußtsein, das über die Beschaffenheit und den Ursprung seiner scheinbaren Trennung vom Leben unmöglich klar sein kann. Dies große Problem, sobald es überhaupt in den Köpfen unsrer Ideologen spukte, mußte natürlich den Verlauf nehmen, daß zuletzt einer dieser fahrenden Ritter ein Wort zu suchen ausging, das als Wort den fraglichen Übergang bildete, als Wort aufhörte, bloßes Wort zu sein, als Wort in mysteriöser, übersprachlicher Weise aus der Sprache heraus auf das wirkliche Objekt, das es bezeichnet, hinweist, kurz, unter den Worten dieselbe Rolle spielt wie der erlösende Gottmensch unter den Menschen in der christlichen Phantasie. Der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen mußte die Philosophie damit »verenden « lassen, daß er seine Gedankenlosigkeit als das Ende der Philosophie und damit als den triumphierenden Eingang in das »leibhaftige« Leben proklamierte. Seine philosophierende Gedankenlosigkeit war ja schon von selbst das Ende der Philosophie, wie seine unaussprechliche Sprache das Ende aller Sprache. Sanchos Triumph war noch dadurch bedingt, daß er unter allen Philosophen am Allerwenigsten von den wirklichen Verhältnissen wußte, daher bei ihm die philosophischen Kategorien den letzten Rest von Beziehung auf die Wirklichkeit und damit den letzten Rest von Sinn verloren.
Und nun gehe ein. Du frommer und getreuer Knecht Sancho, gehe oder vielmehr reite auf Deinem Grauen ein zu Deines Einzigen Selbstgenuß, »verbrauche« Deinen »Einzigen« bis auf den letzten Buchstaben,…“
[Marx: Die deutsche Ideologie. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 49836 -49838 (vgl. MEW Bd. 3, S. 435-436) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
Während Stirner mit Abstraktionen kämpft begegnen mir jeden Tag Menschen. Und ihnen gegenüber habe ich das ganz praktische Problem, dass ich nicht ihre Sache, ihr Eigentum, ihr Sklave sein will, sie aber das gleiche von mir erwarten.
Der scheinbar so illusionslose Egoismus Stirners steckt voller Illusionen.

„Fort denn mit jener Sache, die nicht ganz und gar meine Sache ist! Ihr meint, meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber meine Sache, und ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn.
Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie ich einzig bin.
Mir geht nichts über mich! „
[Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 47280-47281 (vgl. Stirner-Einzige, S. 24) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Es liegt mir völlig fern jedem meiner Mitmenschen (und natürlich ganz besonders mir) das Recht auf ein gutes, sattes, sinnerfülltes Leben ab zu sprechen.
Das Problem bei diesem „Mir geht nichts über mich!“ ist, das es das genaue Gegenteil von dem ist, was Brecht als „klugen Egoismus“ bezeichnete.
Es geht nicht darum, wie Stirner meint, irgendeine Sache heilig zu sprechen, es geht nur darum, meinen Mitmenschen das gleiche Recht auf Vertreten und Verteidigen ihrer Interessen zu zu sprechen als mir selbst.
Das ist kluger Egoismus. Und sobald ich an diesem Punkt bin, weiß ich, dass Stirners Konzepte etwas zu simpel und zu einfach sind für diese komplizierte Welt.

Um so mehr erstaunt, dass sich Deuschlands Geschichte in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts fast wie eine Paraphrase auf Stirner auffassen lässt:
Der „Egoismus“ der Nationalidee hat Deutschland und die Welt in Trümmer gelegt, der Ich-Egoismus der Kriegskinder war darauf die angemessene Antwort.
Überhaupt unterstellt das von Hans G.Helms verfasste Nachwort meiner Hanser-Ausgabe aus dem Jahre 1968 des „Einzigen“ Stirner eine große Wirkungsgeschichte.
„In den ersten drei Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts befanden sich unter den Anhängern Stirners staats- und herrschaftsfeindliche Anarchisten wie Mackay, Rudolf Rocker, Gustav Landauer und Erich Mühsam und totalitäre Herrschaft anstrebende Faschisten wie Mussolini und Hitlers Mentor und erster Chef des „Völkischen Beobachters“, Dietrich Eckart.“
( Max Stirner Der Einzige und sein Eigentum und andere Schriften, Herausgegeben von Hans G.Helms, Hanser München 1968, S.273-274)
„Als noch wirkungsvoller denn die direkt auf Stirner bezogene Publizistik erwiesen sich die indirekten Bezüge und Verherrlichungen in künstlerischer Gestaltung. Nach den Russen Turgenev und Dostoevksij un den deutschen Literaten und Musikern des Vormärz ließen sich von Stirmer – zumeist positiv – beeinflussen: Bruno Wille, der Begründer der Volksbühnenbewegung, die literatische Brüder Heinrich und Julius Hart und ihre Freunde Carl Henckell, Ola Hansson und Stanislaw Przybyszewski; Carl Sternhei ebenso wie Frank Wedekind und Paul Scheerbarth; Ludwig Rubiner, Raoul Hausmann, Theodor Plievier und der anonyme Erfolgsautor B.Traven, Georg Brandes, Georg Bernhard Shaw, Andre Gide, Andre Breton, Francis Picabia und Alfred Kubin sind zu nennen.“ (a.a.O S.274).
Das Namedropping geht dann noch weiter und auch Heiddeger, Carl Schmitt, Rudolf Steiner, Albert Camus und Satre bleiben nicht unerwähnt.
Selbst wenn man an der behaupteten Bedeutung Stirners hier und da Fragezeichen setzt, bleibt doch eine erstaunliche geistige Nachwirkung für jemand von dem Marx und Engels urteilen:
„Der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen mußte die Philosophie damit »verenden « lassen, daß er seine Gedankenlosigkeit als das Ende der Philosophie und damit als den triumphierenden Eingang in das »leibhaftige« Leben proklamierte.“

Es kann unmöglich die Grösse seines Denkens gewesen sein, die ihm diese Nachwirkung bescherte.
Andererseits: Egoismus, Egoismus ohne das geringste schlechte Gewissen, ist heute eine so selbstverständliche Haltung, dass die Inszenierung als Tabubrecher, in der sich Stirner und seine Nachfolger so gerne gefallen, unbeschreiblich lächerlich ist.
Aber auch die angebliche Gegenpartei, für die „Hedonismus“ das schlimmste Schimpfwort überhaupt ist, ist mindestens genauso abgeschmackt.
Es ist ein Schein-Gegensatz um den ein aufwendiger Schein-Kampf geführt wird.

Warum soll ein Staat überhaupt die Unterstützung seiner Bürger geniessen, wenn sein Zweck nicht darin besteht, seinen Bürgern Wohlstand und Wohlergehen zu sichern?
Institution sind niemals Selbstzweck und sie müssen verschwinden, wenn ihre Kosten ihren Nutzen für die BürgerInnen übersteigen.

Was die Egoisten angeht: Jede Gesellschaft geht unter, wenn sich ihre BürgerInnen nur für das eigene Wohl interessieren und engagieren. Und kein Individuum ist lebensfähig ohne ein gesellschaftliches Umfeld.
Wie gut es mir geht, wie gut ich lebe, hängt ganz wesentlich vom guten funktionieren der Gesellschaft und ihrer Institutionen ab.

In der verdrehten Welt Stirners stand der „Egoismus des Staates“ gegen den „Egoismus des Einzelnen“.
In der wirklichen Welt verlangen die Repräsentanten, vor allem die eigentlich überlebter Institutionen, Unterwerfung und Gehorsam, während sich die Stirnerschen Egoisten durch nichts, auch nicht von altehrwürdigen Institutionen, von der eigenen Bereicherung abbringen lassen wollen. Der Kompromiss, den oft beide finden, ist, solche Institutionen in ebenso viele Quellen privater Bereicherung zu verwandeln.
Diese Misere spiegelt sich in der Stirnerschen Ideologie.

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