Alles ist Geschichte

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Alles ist Geschichte

In der Deutschen Ideologie finden wir unter den gestrichenen Stellen folgende Passage (im Kapitel 1. Die Ideologie überhaupt, speziell die deutsche Philosophie):
„Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig. Die Geschichte der Natur, die sogenannte Naturwissenschaft, geht uns hier nicht an; auf die Geschichte der Menschen werden wir indes einzugehen haben, da fast die ganze Ideologie sich entweder auf eine verdrehte Auffassung dieser Geschichte oder auf eine gänzliche Abstraktion von ihr reduziert. Die Ideologie selbst ist nur eine der Seiten dieser Geschichte.“
Die These, dass es in der menschlichen Gesellschaft und in der physikalischen und biologischen Welt immer nur um Geschichte geht, d.h. darum wie etwas geworden ist und wie und warum es wieder vergeht, war reichlich kühn.
Zumal in einer Zeit, in der nicht nur die Philosophie vor allem von „ewigen“ Wahrheiten handelte und nichts anderes bedeutet schließlich Metaphysik. In der Biologie stand Darwin noch bevor und die Physik war erst recht ein Hort ewig gültiger Newtonscher Gesetze.
Deswegen ist die Streichung verständlich.
Wenn wir die Streichung zurück nehmen, brauchen wir angesichts der Tatsache, dass Physiker heute über die Entstehung der Atome forschen, keinen wirklichen Mut mehr.
Die Erkenntnis, dass alles was ist, geworden ist und daher eine Geschichte hat, setzt sich mehr und mehr durch.
Andererseits bedeutet die Streichung eines vielleicht allzu kühnen Satzes noch lange nicht, dass dieser Satz nicht prägend war für beider Wissenschafts­ver­ständ­nis.
Deswegen ist der entscheidende Verrat an ihrem Vermächtnis immer der Versuch, daraus ewige Wahrheiten zu destillieren.
Marx Satz von 1852 im Brief an Wedemeyer war geprägt von den französischen Erfahrungen zwischen 1848, als zum erstenmal auf der Welt überhaupt zumindest ein Vertreter der Arbeiterschaft einer Regierung angehörte und dem Untergang der Demokratie 1852 im 2.Kaiserreich.
Für ihn war damals klar, dass die organiserte Arbeiterschaft in einer künftigen Revolution die Dominanz, die Hegemonie anstreben mußte um die ganze Gesellschaft über einen längeren Zeitraum im eigenen Interesse um zu bauen.
Die Idee einer despotischen Herrschaft im Namen des Proletariats war für ihn unvorstellbar und lag vollständig außerhalb seines Denkhorizonts.
Weil alles Geschichte ist und weil alle Erkenntnis nur aus der Untersuchung der tatsächlichen Entwicklung kommen kann, deswegen hat er die Ökonomie immer am Beispiel Englands erforscht, als Philosoph war er deutsch, aber einer der dem aufkeimenden und später so verhängnisvollen deutschen Nationaldünkel kritisch und äußerst reserviert gegenüber stand und als politischer Denker, als Revolutionär, war er von Kopf bis Fuß und mit Haut und Haaren Franzose.
Dass es heute nicht reicht nur Franzose zu sein und wir ebenso sehr Chinesen, Vietnamesen, Tunesier, Lybier, Ägypther und Syrer sein müssen, macht sicher vieles schwieriger, aber auch spannender und interessanter.
Was wir ihm an geschichtlicher Erkenntnis voraus haben ist vor allem dies:
1. Vergesellschaftung darf niemals mit Verstaatlichung gleich gesetzt werden, weil man sich sonst mit älteren Ausbeuterklassen gegen die Bourgeoisie verbündet und damit nur einen Form der Unterdrückung gegen eine andere tauscht. Die Skepsis von Marx und Engels gegen die Lasseallaner und ihre Bereitschaft sich gegen die Bourgeois mit Bismarck und dem preußischen Staat zu verbünden, war voll gerechtfertigt.
2. Der mögliche gemeinsame Untergang aller Klassen, der ganzen Menschheit ist heute das entscheidende Problem, das gelöst werden muss.
Die Menschheit kann sich selbst umbringen.
Vor diesem Hintergrund kann uns niemand das eigene Denken abnehmen. Dieses eigene Denken kann aber von zwei sehr originellen Denkern des 19.Jahrhunderts entscheidende Anstöße erhalten.
Mehr jedenfalls als von den so geschätzten Schopenhauers und Nietzschens.

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