Anlässlich der Amtseinführung von Trump

Micha Brumlik (ver)zweifelt in der Januar-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale“ an der männlichen Arbeiterklasse des „rust belt“, die offensichtlich „The Donald“ zur Präsidentschaft verholfen hat.
(Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt)
https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2017/januar/vom-proletariat-zum-poebel-das-neue-reaktionaere-subjekt

Er frägt sich angesichts dessen, was von Marxens Hoffnung auf die weltbefreiende Wirkung des Emanzipationskampfes des Proletariats noch zu halten ist.
Das war für mich Anlass einen Vortrag aus zu graben, den ich vermutlich 1993 vor einem nach eigenen Verständnis linken Publikum gehalten habe.
(Vortrag_Walter_1993_2)
Die Resonanz damals, war zurückhaltend formuliert, bescheiden und für mich ein Anlass mich wieder praktischer Politik im Rahmen der „GRÜNEN“ zu zu wenden (1994 trat ich dort ein).

Mein Eindruck, dass es sich bei dem, was man einmal emphatisch „Historische Mission der Arbeiterklasse“ genannt hatte, eher um ein religiöses Bekenntnis als um eine in irgendeiner Form soziologische Erkenntnis handelt, wurde an diesem Abend eindrücklich bestärkt.

Damit man mich nicht missversteht: Marx und Engels kritisieren in der „Deutschen Ideologie“ Feuerbach, weil er von der Menschheit ausgeht und dabei vergisst, dass diese Menschheit in unterschiedliche Klassen zerfällt. Sie postulieren dann, dass die schrittweise Überwindung der Klassengegensätze die Voraussetzung dafür ist, dass Menschheitsinteressen in den Mittelpunkt rücken können.

Damit kann ich nur einverstanden sein.

Womit ich nicht einverstanden bin, ist, dass Intellektuelle glauben, alle Klassen verfolgten nur ihre egoistischen Interessen, einzig das „großherzige“ Proletariat sei verpflichtet den Interessen der Menschheit zu dienen.

Das ist Religion und zwar im Marxschen Sinne.

Meinen Ausführungen von 1993 habe ich heute nur in dem Sinn etwas hin zu zu setzen, dass ich jetzt noch stärker akzentuieren würde, dass der Hegelsche Versuch aus der Dialektik eine „dialektische Logik“ ab zu leiten, krachend gescheitert ist.
Es ist mit Händen zu greifen, dass das Proletariat auch beim jungen Marx nichts weiter ist als die Anti-These zur Bourgeoisie.
Dieser Denkansatz überwindet aber nicht die Mängel identitären Denkens, er verstärkt sie.
Ich und Nicht-Ich bilden zusammen die ganze Welt. Wobei das Nicht-Ich sowohl die mir am nächsten stehenden Menschen als auch den eher fernen Andromeda-Nebel umfasst.

Deswegen befinde ich mich auch nicht in einem einzigen Widerspruch sondern in unendlich vielen. Manchmal bin ich mir selbst der größte Gegensatz.

Proletarier folgen wie alle anderen Menschen auch, ihren eigenen Interessen oder dem was sie dafür halten.
Das ist in Ohio nicht anders als in Rheinland-Pfalz.

Eine kluge und realistische Politik muss diese Interessen ernst nehmen und sie über Kompromisse mit anderen Interessen vermitteln.

Der Sieg von Hetzern und Demagogen in freien Wahlen basiert immer auf dem Versagen der Demokraten.

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Kommunalisierung als erster Schritt zur Entstaatlichung

Nach langer Pause nun die Version 0.64.

Myschkin_F64.pdf

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Das Problem mit der Gewalt

Die nächste Version 0.63 befasst sich weiter mit der „Deutschen Ideologie“
Es gibt jetzt immer verschiedene Versionen in PDF,EBUP (normaler Reader) und MOBI bzw. azw3 (Kindle)

Myschkin_F63

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Ein Teil des neuen Textes:

Das Problem mit der Gewalt

„Das erste Dekret der Kommune war daher die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk.“
Seit wir Menschen wurden, haben wir ein Problem mit der Gewalt.
Wir haben dies deswegen, weil das Menschwerdungsprogramm eben zuallererst bedeutet, dass an die Stelle von Instrinktsteuerung Kultur tritt.
Wir schaffen diese Kultur und der wesentlichste Bestandteil jeder Kultur ist die Frage, wie wir miteinander umgehen, wie wir Streit, den wir immer haben werden, unterschiedliche Interessen und Konflikte lösen.
Darauf haben wir im Laufe unserer bisherigen Geschichte nicht eine einzige Antwort gefunden, sondern ziemlich viele und nicht wenige davon beruhten auf dem Vorrecht des Stärkeren.
Es gab aber auch von Anfang an andere Antworten, Antworten die auf Liebe, Achtung und Zuneigung beruhen.
Gerade solche Gesellschaften haben große kulturelle Leistungen vollbracht, Tiere und Pflanzen gezähmt und damit frühe Wohlstandsgesellschaften geschaffen.
Die Gestalt der Frau Holle alias Freia alias Venus erinnert noch an dieses verlorene Paradies.
Doch dieses Paradies war nicht von Dauer, weil aus Jägergesellschaften Kriegergesellschaften wurden und weil dies der Anfang war, jene entscheidende Arbeitsteilung aus der letzlich die Klassengesellschaften entstanden.
Dass die Bourgeoisie alles durch bare Zahlung ersetzt hat, wie Marx und Engels im Kommunistischen Manifest erklären, war nicht immer ein Verlust für die Menschheit.
Dass in Florenz aus dem Krieger, dem Ritter, ein Condottiere wurde unterwarf die Herrschaft der Krieger der Herrschaft des Geldes.
Und so lernten die Schweizer Bauern, nach dem sie sich oft genug bei fremden Herren für Kriegsdienst verdingen mussten, schließllich auf eigene Rechnung kämpfen und eröffneten damit ein neues Zeitalter der Volksherrschaft.
Diesem Schweizer Vorbild verdankt sich auch die Idee der Milizen und der Abschaffung der stehenden Heere. Einer Idee, die nicht nur die Kommune hatte, sondern der auch Engels bis an sein Lebensende treu geblieben ist.
Letzten Endes muss es aber um die Abschaffung und nicht um die Demokratisierung des Krieges gehen. Dass jeder ein Gewehr im Schrank hat, macht die Welt nicht sicherer. Und die Unfähigkeit der Bundeswehr und der mit ihr verbandelten Rüstungsindustrie eine bezahlbare Drohne (bezahlbar gemessen am Staatsetat, nicht an unserem Geldbeutel!) zu bauen, ändert nichts daran, dass die Computerzeitschriften inzwischen voll sind mit Bauanleitungen für Drohnen zum selber bauen. Und natürlich lassen sich auch solche selbstgebastelte Drohnen als Waffen einsetzen.
Es geht somit mehr darum die Waffen ein zu sammeln als sie allgemein zugänglich zu machen. Dabei existiert das Problem des „dual use“ in jedem Drogerie-Markt, so dass wir politisch und gegebenenfalls mit Polizeigewalt verhindern müssen, dass jeder Idiot einen Privatkrieg mit selbstgebastelten Bomben beginnen kann.
Natürlich lassen sich Marx und Engels bei ihrer Forderung nach Abschaffung der stehenden Heere auch von der Erfahrung leiten, dass die bewaffnete Gewalt immer ein Instrument der Ausbeutung und der Unterdrückung war und ist.
Allerdings bedroht uns aktuell die privatisierte Gewalt von Verbrechern, vor allem von organisierten Verbrechen mindestens so sehr wie ein Mißbrauch staatlicher Gewalt.
Vor beidem müssen wir uns schützen.
Dabei kommt der Ächtung der Gewalt sowohl in innerstaatlichen als auch in zwischenstaatlichen Konflikten eine Schlüsselrolle zu.
Jedes, auch das repressivste, System braucht ein Minimum an Akzeptanz sowohl bei der eigenen Bevölkerung als auch beim Rest der Welt.
Auf solche Regimes wirtschaftlichen und moralischen Druck aus zu üben ist in aller Regel die bessere Strategie. Die Aussage, dass Sanktionen nichts bewirken, ist bisher durch mehrere Beispiele eindrucksvoll widerlegt. Man braucht halt Zeit und Geduld.
Für Gewaltverbrecher und gewisse Formen quasi-staatlichen Terrors braucht es dagegen einen effektiven, repressiven Gewaltapparat, der am besten überstaatlich organisiert und legitimiert wäre. Natürlich nicht in dem Sinn, dass man einen einheitlichen zentralisierten Apparat schafft, der dann selbst wieder eine Gefahr wäre, sondern in dem Sinn, dass man sich wirksam zur Kooperation verpflichtet.
In diesem Bereich hilft schon deshalb kein wirtschaftlicher und moralischer Druck, weil sich die Akteure, die sich selbst bewußt ausserhalb jeglicher zivilen Minimalstandards bewegen, auch durch die Berufung auf solche Standards nicht zu erreichen sind.
Zugleich muss uns immer klar sein, dass auch von den staatlichen Repressions-apparaten immer eine latente Gefahr ausgeht, die nur durch strikte demokratische Kontrolle wirksam eingedämmt werden kann.
Dabei wird sich Militär zu einer Art Sonderpolizei wandeln müssen, unterworfen dem Gewaltmonopol der UN.
Direkt nach dem denkwürdigen März 1848 verfasste Freiligrath sein „Trotz alledem“:
„Das war ne heisse Märzenzeit,
nun aber da es Blüten schneit
nun ist es kalt
Trotz alledem „
In diesem Lied heisst es auch: „Wir werden unsre Büchsen los, Soldatenwild trotzalledem.“
Das macht deutlich, dass die Forderung nach Abschaffung der stehenden Heere und ihrem Ersatz durch ein Milizsystem den klaren historischen Hintergrund hat, dass die stehenden Heere auch und vor allem Instrumente zur Unterdrückung des Volkswillens waren. Und wenn wir aktuell nach Thailand oder Ägypten schauen, dann ist es dort genauso. Das Volk wählt falsch und das Militär macht sich zum obersten Richter und „korrigiert“ den Volkswillen.
Dafür, dass dies nicht passieren kann, wollten Freiligrath, Marx und die Pariser Kommunarden ihre „Büchsen“.
Die Frage ist allerdings: Helfen die wirklich?
Wenn man über Länder diskutiert, in dieses Prinzip der allgemeinen Bewaffnung der männlichen Bevölkerung verwirklicht ist, dann fallen mir sofort 2 ein:
Die Schweiz und die USA.
Jeder männliche Schweizer hat sein Gewehr im Schrank und für den (weissen) Durchschnittsamerikaner (bzw. auch die -amerikanerin) ist das Recht eine Waffe zu tragen so was wie der Kern seiner/ihrer Identität.
Trotzdem könnten beide Länder in Bezug auf die Gewalt nicht unterschiedlicher sein. In der Schweiz, diesem gleichermassen merkwürdigen, wie interessanten Land finden alle paar Wochen eine oder mehrere Volksabstimmungen statt.
Das Volk, der Souverän, trifft fortwährend Entscheidungen. Wie es sich für das richtige Leben gehört, sind diese Entscheidungen nicht immer klug, aber auch nicht immer dumm. Und manchmal nimmt sich der Souverän auch das selbstverständliche Recht heraus, eine ihm vorgelegte Frage als unwichtig zu ignorieren.
Die Schweizer schätzen und lieben ihre Ordnung, an der sie gleichzeitig ständig Veränderungen vornehmen. Wer etwas ändern will, startet eine Kampagne und versucht Mehrheiten zu gewinnen. Das ist der Weg, auf dem in der Schweiz sogar Revolutionen möglich sind. Einen anderen Weg akzeptieren die Schweizer nicht.
Die amerikanische Ordnung beruht größtenteils auf dem Gun-man, der die Verbrecher erschiesst und Schwarze und Rothäute einschüchert oder gegebenfalls auch erschiesst.
Deswegen wurde diese Ordnung auch von niemand vorher und nachher so grundlegend in Frage gestellt, wie von Rosa Parks und Martin Luther King.
Die amerikanischen Bürgerrechtler haben sich dieser Gewaltkultur verweigert und stattdessen ihre selbstverständlichen demokratischen Bürgerrechte eingefordert.
Sie sind einfach sitzen geblieben im für sie verbotenen Bus.
Wie Wilhelm Tell sich geweigert hat einen Hut auf der Stange zu grüßen, haben sie sich geweigert „Gesetze“ zu befolgen, die den Geist der Ungerechtigkeit und des Rassismus atmen.
Eldrige Cleaver und seine Black Panther haben sich tragisch getäuscht, als sie meinten, dass auch Schwarze sich bewaffnen sollten. Sie haben sich damit einer Gewalt-Ordnung angepasst und ihre Prämissen akzeptiert, denen sich Martin Luther King und seine MitstreiterInnen konsequent verweigert haben.
Eine friedliche, menschliche Ordnung ist aber nur möglich und vorstellbar, wenn Gewalt kein legitimes Mittel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mehr ist.
Natürlich ist gewaltfreier Widerstand nicht die Antwort auf alle Fragen. Damit er greift und erfolgreich ist, ist ein Minimum an Zivilisiertheit nötig.
In einer Gesellschaft, in der ein Menschenleben nicht zählt, ist es sehr schwer mit einer Strategie Erfolg zu haben, die auf unsere menschliche Empathiefähigkeit setzt.
In diesem Fall sind wir wieder auf die ausserordentlich problematische Figur des „guten Kriegers“ angewiesen.
Damit aus diesem Kriegertum nicht immer wieder Ausbeutung und Unterdrückung entstehen, brauchen wir ein eindeutiges Gewaltmonopol, auch zwischenstaatlich in Form von internationalen Organisationen. Und wir brauchen eine sehr wache, sehr kritische öffentliche Kontrolle unserer „Krieger“. Ihre Mission ist strikt an die Unterdrückung von Gewalt gebunden. Sie darf keine Legitimation für die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung noch so hehrer sonstiger Ziele sein.
Ein bekannter Satz behauptet: „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Bevor dieser Satz gesagt werden konnte, war Gewalt schon lange zum bevorzugten Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen geworden.
Eine gewaltfreie Welt kann nur entstehen, wenn Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen von der Menschheit nicht mehr akzeptiert wird und Krieg als politisches Versagen verstanden wird.
So sympathisch mir die Forderung nach Abschaffung aller stehenden Heere auch ist, dass jeder stattdessen ein Gewehr im Schrank hat, scheint mir definitiv nicht der richtige Weg zu einer gewaltfreien Welt.

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Von der Identität

Diesmal geht es, im Zusammenhang mit der „Deutschen Ideologie“ um das Problem der Identität.
Erstmals veröffentliche ich neben PDF und EBUP auch eine MOBI Version.
Myschkin_F62.PDF
Myschkin_F62.epub
Myschkins_F62.mobi

Von der Identität

„Identität bedeutet vielerlei.“
[Aristoteles: Metaphysik. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 4443 (vgl. Arist.-Metaph., S. 191) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]
Der Affe, der in den Spiegel schaut, den roten Fleck am Kopf entdeckt und bemerkt „das bin ja ich !“ auch wenn er es nicht sagen kann, hat bereits ein Grundverständnis seiner eigenen Identität.
Aber nicht nur das: Sofern er Orange von Bananen und Ananas unterscheiden kann, – er wäre lebensuntauglich wenn er das nicht könnte, – bildet er Identitäten.
D.h. Identität bedeutet nicht nur vielerlei, sondern die Fähigkeit etwas als identisch zu erfassen und ist elementarer Bestandteil jeder Erkenntnis.
Wir erkennen indem wir identifizieren.
Um so wichtiger, dass wir dieses Vielerlei etwas sortieren.

Über die Voraussetzungen der Logik
„Das zweite Problem
Eine weitere Streitfrage ist die über die Prinzipien des Beweisens. Gehören sie einer Wissenschaft oder mehreren an? Unter den Prinzipien des Beweisens verstehe ich die gemeinsamen Grundsätze, auf Grund deren man überall einen Beweis führt, z.B. den Grundsatz, daß man notwendig jegliches entweder bejahen oder verneinen muß, und daß es unmöglich ist, daß eines und dasselbe zugleich sei und nicht sei, und was es etwa sonst an derlei obersten Sätzen geben möchte. Die Frage ist, ob alles dies einer und derselben Wissenschaft wie der Wissenschaft von der reinen Wesenheit angehört, oder einer anderen, und wenn nicht einer und derselben, welche von beiden man als die Wissenschaft, die wir im Auge haben, anzusprechen hat.“
[Aristoteles: Metaphysik. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 4160-4161 (vgl. Arist.-Metaph., S. 40-41) http://www.digitale-bibliothek.de/band2.htm ]

Aristoteles spricht hier von 2 Dingen: Einmal geht es darum, ob Beweismethoden Gegenstand einer speziellen Wissenschaft sind oder nicht, das interessiert uns hier nicht weiter, zum anderen liefert er aber auch ein Beispiel für die „Prinzipien des Beweisens“:
„ den Grundsatz, daß man notwendig jegliches entweder bejahen oder verneinen muß, und daß es unmöglich ist, daß eines und dasselbe zugleich sei und nicht sei, und was es etwa sonst an derlei obersten Sätzen geben möchte.“
Dieser Grundsatz ist sehr bekannt und zwar unter dem Namen „Satz von der Identität“. Jegliches logisch-rationale Denke leidet sich von diesem Grundsatz ab.
Etwas tautologisch leitet man aus dem gleichen Grundsatz den „Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch“ her.
Beides bedeutet eigentlich dasselbe: A=A und A#nicht-A.
Für Aristoteles ist dieser Satz die Voraussetzung jeglicher Beweisbarkeit.
Man muss die Gültigkeit dieses Satzes unbedingt unterstellen, wenn man irgendwas aus irgendwas herleiten will.
Heutzutage benutzen wir Logik nicht nur zum Beweisen, z.B. in der Mathematik, der Juristerei oder beim Krimi, heutzutage ist die Logik in elektronischen Schaltkreisen viel wichtiger als jedes logisch-rationale Beweisen-Wollen.
In der Schaltalgebra gibt es immer nur 2 klar definierte Zustand: Ein/Aus, Null/Eins oder positive/negative Spannung. Diese Zustände müssen klar definiert sein und das kontrollierte Erreichen dieser Zustände muss garantiert sein. Natürlich ergeben sich während des Schaltens viele, verschiedene Zwischenzustände. Deswegen ist so ein Baustein getaktet, d.h. er hat eine Uhr, die die Zeit in Quanten zählt. Jeder Zeittakt muss dabei so lange dauern, dass der Schaltvorgang abgeschlossen ist und damit alle Zwischenstände aufgegeben wurden.
Verharrt ein solcher Schalter zwischen 0 und 1 oder zwischen 1 und 0 produziert die Schaltung einen Fehler.
D.h. es gilt unbedingt der „Grundsatz, daß man notwendig jegliches entweder bejahen oder verneinen muß“.
Wir kennen genau 2 identitäre Zustände, die durch bestimmte physikalische Parameter repräsentiert werden (z.B. -5 Volt und + 5 Volt). Dabei kommt es nicht auf die genaue technische Realisierung an, sondern darauf, dass diese Zustände unter definierten Bedingungen sicher erreicht werden. Unsere 2 „Identitäten“ müssen klar unterschieden sein und wir müssen sicher sein können, dass alle anderen möglichen Zustände immer dann, wenn wir z.B. den Wert einer NAND- oder NOR-Schaltung ablesen, sicher verlassen wurden. Ohne dass die Schalter in einem „identischen“ Zustand gebracht werden, funktioniert keine Logik. Ein Schalter, der „hängt“, d.h. nicht richtig schaltet, produziert unvorhergesehene Ergebnisse.
Umgekehrt: Nur dadurch, dass 0 und 1 als Identitäten garantiert sind, kann man sich darauf verlassen, dass z.B. ein Addierwerk, wenn es 2 Zahlen addiert am Ende bei gleichen Zahlen auch das gleiche Ergebnis produziert.
Daraus darf man nun nicht den falschen Schluss ziehen, als sei Identität nichts weiter als eine Konvention, die genauso gut gelten als auch nicht gelten kann.
Wir müssen von 2 Gegebenheiten ausgehen:
1. Erkennen ist kein Selbstzweck. Wir versuchen unsere Umwelt so gut als möglich zu verstehen, ihre Wahrheit zu erkennen, weil wir von und mit ihr leben.
2. Erkennen, Informationsverarbeitung, ist ein hochkomplexer Prozess, der seine Eigengesetzlichkeiten hat. Deswegen müssen wir nicht nur unsere Umwelt verstehen, wir müssen auch uns selbst verstehen und wie wir denken.
Und vor allem müssen wir verstehen, dass beides in einer Wechselwirkung miteinander verschränkt ist:
„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus – den Feuerbachschen mit eingerechnet – ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher geschah es, daß die tätige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde – aber nur abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt. Feuerbach will sinnliche, von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte; aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im »Wesen des Christenthums« nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der »revolutionären«, der »praktisch-kritischen« Tätigkeit.“
[Marx: Thesen über Feuerbach. Marx/Engels: Ausgewählte Werke, S. 829 (vgl. MEW Bd. 3, S. 533) http://www.digitale-bibliothek.de/band11.htm ]
„Wahrheit“ ist kein abtraktes Prinzip. Es geht bei unserem Erkennen immer um die Wirklichkeit als von uns als Einzelne, als Gruppe oder als Menschheit insgesamt gestalt- und veränderbare Umwelt.
Diesem Ziel dient letztlich jedes Erkennen. Natürlich spielen wir auch. Dann verlassen wir die Zweckbindung und probieren einfach nur, was passiert. Dann werden wir wieder Kinder. Und wieder Kind sein zu dürfen ist für uns großes Glück.
Aber am Ende jedes Spiels weiß jedes Kind, wissen wir, ein bisschen mehr über diese Welt und werden damit freier der Welt von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.
Die Wahrheit jeglicher Erkenntnis erweist sich in ihrer praktischen Anwendung. Diese Anwendung kann spielerisch erfolgen, d.h. so, dass wir bestimmte Grenzen, jenseits derer wir oder andere Schaden nehmen könnten, respektieren oder sie kann Ernst sein und gefährlich wird es, wenn sie zum blutigen Ernst wird.
Aber ohne praktische Erprobung existiert keine Wahrheit.
Logik erlaubt uns nun in einem begrenzten Rahmen auf Praxis zu verzichten, in dem wir aus unserer bisherigen Praxis heraus Modelle entwickeln, Maschinen konstruieren, die Vorhersagen über die Zukunft erlauben.
„Wenn Du das tust, wird jenes passieren !“
Logik hat aber Grenzen. Logisches Denken benötigt die Identität.
Ich bin aus der Pfalz und somit Deutscher. Wenn Napoleon nicht an der Beresina und bei Leipzig Schlachten verloren hätte, wäre ich genauso selbstverständlich Franzose.
Eine der ältesten Pfälzer Städte ist Weissenburg (Wissembourg).
Sie blieb auch nach 1814 französisch und somit sind alle Weissenburger Franzosen.
Ob ich Deutscher oder Franzose bin ist einerseits Zufall, hat aber andererseits viele praktische Konsequenzen, bei der Sprache angefangen.
Obwohl mir immer jene damals 80jährige Elsässerin in Erinnerung bleiben wird, die sich Ende der Siebziger unserer Demonstration gegen Berufsverbote anschloss, mir dabei ihre sehr kritische Sicht über den „Schwoab“ Filbinger und die Nazis vermittelte, um mir am Ende zu erklären, als die Redner französische sprachen, dass sie, die Elsässerin und französische Staatsbürgerin, kein Französisch verstand. Sie war schließlich zur „Kaiserzeit“ in die Schule gegangen und damals war es verboten in der Schule französisch zu sprechen.
Es ist manchmal so eine Sache mit der Identität.
Aber wie sollte jene Frau überhaupt Staatsbürgerin sein, wählen dürfen, wenn sie nicht klar und eindeutig die französische Staatsbürgerschaft besitzt.
Nationalistische Forscher beider Seiten nach der „wahren Identität“ hätten die ihr sicher abgesprochen.
Darauf kann man nur antworten: Die wahre staatsbürgerlich Identität ist immer die, die im Pass steht.
Die Behauptung hinter der eh‘ schon auf allen Ebenen schwierigen, aber notwendigen Identitätsbestimmung, gäbe es noch ein „Eigentliches“ mystifiziert das Problem nur, statt zu seiner Lösung bei zu tragen.
Wir müssen etwas als identisch setzen, damit wir aus A=B und B=C A=C schließen können.
Es leuchtet unmittelbar ein, dass wenn A in seinem A-Sein zweifelhaft ist, aus A überhaupt nichts folgen kann.
Wer „staatenlos“ ist, dem wurde amtlich jegliche staatsbürgerliche Identität abgesprochen und deswegen darf er auch nirgends wählen.
Er ist nirgends „daheim“, auch wenn er, wie einer meiner früheren Bekannten das breiteste „Mannermerisch“ spricht und zeit seines Lebens nie aus Mannheim heraus gekommen ist.
Dass man heute 2 Staatsbürgerschaften haben kann, bedeutet nur, dass man manchmal z.B. Franzose und manchmal Deutscher ist, es bedeutet nie, dass man beides gleichzeitig ist.
Wir brauchen also die Logik um nicht jede Erfahrung täglich von neuem machen zu müssen und die Logik benötigt Gewissheit über die zu Grunde liegenden Identitäten, weil anders gar keine Schlüsse gezogen werden können.
Aus der Notwendigkeit Identitäten zu bilden folgt aber keineswegs, dass es irgendwas auf dieser Welt gäbe, das nur unter eine Identität subsummiert werden kann und dessen „eigentliches“ Wesen durch eine solche Identität bestimmt wäre.
Im Gegenteil: Wir sind nur, wir leben nur, insofern wir identisch und nicht-identisch zu gleicher Zeit sind.

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